How To Dress Well hat mich überfahren wie ein Betonmischer auf einer schockgefrosteten Autobahn ohne Leitplanken in Russland. Bisher fand ich das lo-fi Geplänkel nur annehmlich und bezeichnete Tom Krell’s kleine Abenteuer der Geräuscheproduktion als typischen White Noise, den ich mir beim arbeiten anhöre. Leider – oder glücklicherweise – musste ich feststellen, dass mir so ziemlich alles entgangen ist, was How To Dress Well richtig gut gemacht hat. Und dass es wesentlich mehr ist als Einschlafgedusel mit einem kriminellen R&B-Twist.

Auf seinem Live-Konzert im Bii Nuu hat der amerikanische Sänger und Producer, der derzeit seine Disseration in Philosophie in Berlin schreibt, meine Antipathie gegenüber zart besaiteten Knabensängern und mein Gehirn weggeblasen. Der perfektionierte Falsett-Gesang, die unmissverständlichen R&B/Pop-Einflüsse, aber auch seine Aura auf der Bühne haben für eine ungehörige Portion sexuelle Gänsehaut gesorgt. Seine lyrische Verbundenheit zur Musik lässt schnell die Motivlage erkennen: das hier ist eine persönliche, ganz intime Geschichte, die Krell erzählt. So viel Intimität in einem kleinen Club kann für den Zuhörer oft in eine unangenehme Awkwardness umschlagen – wenn die Atmosphäre nicht funktioniert, wenn der Künstler sein Inneres nicht transportieren kann, wird es ein ganz furchtbares Erlebnis der ungewollten Sensibilität. Die Sphären des Künstlers bleiben dann versperrt, zurück bleibt ein mehliges Gefühl von Befremdlichkeit. How To Dress Well hat aber alles richtig gemacht und die Intimität nicht zur Bloßstellung seines Publikums genutzt, sondern mit vielen Gesten, Mimiken und Tönen sich als Protagonisten immer wieder in den Mittelpunkt des Geschehens zurück geholt.

Die Stimmung im Publikum war voller Ehrfurcht vor den Gesangsküsten. Was sich wie ein viel zu hoher Pitch anhört, ist die surreale Stimme des Künstlers. Das kommt auf MP3 nicht rüber und unterschlägt damit die Besonderheit. Als er zwischendurch zum a Capella anstimmte, lag ein unglaublich angespanntes Schweigen über den ersten Reihen im Publikum. Das Raunen aus den hinteren Reihen wurde schnell mit meinen universal-bösen Blicken getötet. How To Dress Well war insgesamt lauter, bewegender und einnehmender als gedacht. Und das von mir – ich gehe normalerweise nicht auf Konzerte, bei denen ich nicht mitsingen kann. Ich bin quasi der Prototyp eines U2-Fans. Wenn ich nicht gegen den Takt mitklatschen, laut rumgröhlen oder mit zwanzig Freunden einreiten kann, dann ist das eher nichts für mich.

Glücklicherweise hatte ich an diesem Abend weder etwas vor noch musste ich die Tickets selber zahlen. Die habe ich nämlich bei den großartigen Kollegen von überlin gewonnen. Danke guys! Und weil ich die Nacht zuvor erst – in einer autodidaktischen Superleistung – gelernt hatte, wie man durch die Finger pfeift, war das eben die perfekte Gelegenheit für eine willkürliche Abendgestaltung mit musikalischer Untermalung.

Nur, falls das bisher noch nicht so richtig durchgedrungen ist: How To Dress Well, auf der Bühne, war eine innere Revolution. Darüber waren sich alle anderen Anwesenden auch einig, denn seit meinem ersten Konzert im Jahre 2004 bei eine Evanescene Gig in Darmstadt (…) war das auch der erste Gig, bei dem nicht eine Art Sichtschutzsperre oder Parallelblickgesellschaft in Form von Handyscreens vor dem Mustache-Gesicht des Künstlers drapiert wurde. Zu sehr waren alle konzentriert auf dieses vor Energie und Leidenschaft berstende Spektakel. Die Töne, die dieser Sänger treffen kann, sind nicht von dieser Welt. Und so windet sich seine Show – visuell mit Videos im Hintergrund unterlegt – innerhalb von wenigen Songs von Intensität zu Sanftheit. Da war alles dabei: der Montage-Song für den aufbrechenden Helden im Wandel, der herzzerreissende Tod des Geliebten, das Dahingeplätscher des Lebens. Ja, das ist Superheldenmusik für all diejenigen, die ihre Superhelden als Normalsterbliche sehen.

Wie bei einer Andacht hat mich HTDW mit aller emotionaler Gewalt weggekracht. Ich hatte durchweg die Augen zu wie der letzte Spast und konnte am Ende vor Aufregung und Klatscheifer nicht mal durch die Finger pfeifen. How To Dress Well war für mich die Überraschung des Jahres. Man darf hoffen, dass er bald mit seiner akademischen Karriere durch ist, um sich wieder voll und ganz der Musik zu widmen.

Sein neues Album “Total Loss” ist eine sehr wichtige Empfehlung für alle, die von mir weiterhin respektiert werden möchten. Trotz meiner Begeisterung ist aber zu sagen: sein Album klingt, im Vergleich zum Auftritt, als hätte man einen Sound-Channel weg gelassen. War man in der Konzertumgebung noch erfüllt von Sound, wirkt das Album insgesamt eher ein bisschen blechern, mit Fokus auf den Höhen – aber einem Mangel an Dichte. Das soll nicht bedeuten, dass es nicht gut ist. Es bedeutet lediglich, dass Krell eine Erfahrung auf der Bühne bietet, die von ganz anderer Natur geprägt ist als das, was er schließlich für die ewige Wiederholung veröffentlicht.

Dieser extreme Minimalismus erinnert mich auch an The XX, die Live viel mehr auf einen ganzheitlich funktionierenden, auch tanzbaren Sound setzen – in etwa so, wie es James Blake machen würde, ohne direkt dem Tempo zu verfallen. Tempo hat “Total Loss”, nur eben keinen Bums. Die Hi-Hats und klatschenden Snares deuten hier vielleicht ein Momentum an, dem er ganz selbstverständlich aus dem Weg gehen wollte: nicht dem Pop verfallen, sondern exzentrisch sein und bleiben. Sich nicht den Einflüssen vollständig hingeben, sondern in der Nische einen Markt aufbauen, der immer ein bisschen darauf wartet, von ihm bedient zu werden, und doch – vielleicht genau so wie Krell mit den gefühlten Inhalten seines Albums – nie ganz zufrieden gestellt zu sein.