Schlamm, Regen, Kotzlachen, Schweißflecken, Sonnenbrände, Bierpfützen, Blutspuren: kein Wunder, dass unser Gastgeber AXE sich mal ein Herz fasste und auf dem Festivalgelände des Hurricane 2011, irgendwo im Nirgendwo situiert, einige Luxusduschen installieren ließ. Dort konnten die halbtoten Konzertbesucher sich mal so richtig schön warm duschen, um dann fit für die nächste Runde “Zeltplatz Krieg” zu sein.

Das Gute an dieser netten Dusche: nun stanken nur noch 98% Prozent der unterhaltsamen Menschen auf dem Hurricane nach Gottes schlimmsten Gerüchen dieser Erde. Das schlechte: es ist schon bedauerlich, wenn eine mobile Duschkabine mehr Komfort und Luxus vermittelt als die eigene zu Hause. Da wird man ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen gezogen..

Und so verbrachte ich also ein Wochenende mit meinen Blogkollegen Thang, Isa, Alex und Flo, Wenke und Marcel und Christoph und Thomas (die ich alle in mein Herz geschlossen habe und alle auch mal nachts im Dunkeln an feuchten Stellen anfassen würde) auf einem Festival. Übrigens mein erstes Festival dieser Größenordnung. Für ein Prinzesschen wie mich keine einfache Aufgabe. Orientierungslosigkeit, Platzangst und Überforderung. Ich hielt meinen Schlagring für Überfallartige Sexangebote bereit und versuchte auch die verängstigten älteren Menschen unter uns vor den zombieartigen Massen zu schützen. Überall surren kleine, stark angetrunkene Menschen um einen herum, die “Helga” schreien und der Bewusstlosigkeit erschreckend nahe kommen. Der Gestank der Dixie-Klos, der wahrscheinlich die Gesamtfläche Niedersachsens für die nächsten 3-4 Monate einnehmen wird. Die überteuerten Essensstände, für die man sich drei Tage lang die Beine in den Bauch stehen muss. Der Platzregen, der sowohl Künstler als auch Fans gerne mal in den Wahnsinn treibt.

All das sind – das musste ich als Festivaljungfrau eigenhändig herausfinden – Dinge, die aber fürstlich entlohnt werden, wenn man erst mal vor der großen Hauptbühne steht und in Hochachtung den wunderbaren, epischen Klängen von Arcade Fire lauscht. Oder im Zelt von Lykke Li die kleinen, entzückenden Mädchen beobachtet, die die anspruchsvolle Popmusik unserer Zeit auch mit 16 oder 17 Jahren schon wertschätzen können. Sicherlich war auch das Ballermannzelt bis zum Erbrechen gefüllt, aber wenigstens gab es hier für jeden was zu holen – so stellt man sich ein Festival auch vor.

Arcade Fire waren für mich soetwas wie ein emotionaler Schlaganfall, während Incubus mich in ein Land vor deiner Zeit versetzte. Das lief in etwa so ab:

“Boah, Arcade Fire. Die habe ich 2009 rauf und runter gehört. Aber irgendwie tun sie mir gerade nicht viel an. Ach, naja. Arcade Fire halt.”

– Keep The Car Running wird gespielt -

“OH MEIN GOTT ICH MUSS GLEICH WEINEN ICH LIEBE DIESEN SONG OH MEIN GOTT”

(Und, kein Spaß: wie kann man diesen Song, der nur so nach Bewegung und Roadtrip und Autofahren und neue Welten und fantastischen Abenteuern schreit, auch nicht lieben? Wer verbindet damit nicht einen immens dramatischen Teil seines Lebens, einen Neuanfang, viel Emotion und Liebe? ES IST VIELLEICHT EINER DER BESTEN SONGS ALLER ZEITEN, neben den anderen unzähligen besten Songs aller Zeiten.)

Incubus hingegen habe ich eher nebensächlich verarbeitet. Nostalgie machte sich gedanklich breit. Pardon Me, beispielsweise, Begleiterscheinung meiner unverstandenen Jugend. Nur Brandon Boyd wusste, was in mir passiert, dass ich die Menschheit hasste, und so weiter. Audiovisuelle Zeitreisen im verregneten Hochsommer auf einer patschnassen Wiese, zugedeckt mit AXE-Merchandise und umgeben von feiernden/frierenden Menschen, die alle die selbe Liebe teilen, nämlich Incubus und das Erinnern an vergangene Tage (so vergangen ist diese Band nämlich leider auch schon).

Mein persönlicher Höhepunkt für die beste Show auf dem Hurricane und für eine der besten Shows seit langem waren meine liebsten Querköpfe von Hercules & Love Affair. Ich will mich mal so ausdrücken: wenn Musik ein Körper wäre, dann wären Hercules & Love Affair der in Öl eingeschmierte, gut durchtrainierte Torso eines wunderschönen Mannes mit ausgeprägtem Sixpack, der gerade von zärtlichen Frauenhänden mit Glitzer eingeschmiert wird. So viel Boogie und Tanzlust und fantastischen Stimmen und Lust auf Liebe wie bei Hercules sind mir selten bei einem Konzert entgegen geschmettert worden, und ich bin nur allzu dankbar für diese Erfahrung. Skurril, exzentrisch und musikalisch trotzdem on point. Genauso, wie ich es mir vorstelle. Das ganze jetzt noch mal im Berghain erleben steht auf der To Do Liste für die kommenden Jahre.

Runner Up für den Award der besten Leistung auf einer Bühne sind auch Darwin Deez, die New Yorker Super-Trendsetter, die mit einer kitschigen Choreografie und hübschen, netten Jungs auf der Bühne für viel Spaß sorgten und noch einige schmierge R&B-Interludes dazwischen jagten. Einer der größten Pluspunkte für Musiker, die einen Liveauftritt hinlegen, ist ja meiner erfahrenen Meinung nach das Lustprogramm auf der Bühne. Sowohl bei Hercules als auch bei den Deez konnte man regelrecht spüren, wie viel Spaß und Laune die Akteure on Stage haben – und das ist schon so viel Ausstrahlung, dass das Publikum sich automatisch in einem energetischen Gefühlswirbelsturm der Freude anstecken lässt. Und das widerrum macht in meinen Augen einen souveränen Auftritt.

Mein persönliches Fazit als Festival-Entjungferte ist nach diesem Ausflug in die Parallelwelt Hurricane: ich bin zu alt dafür. Mich auf einem Zeltplatz angröhlen zu lassen und mich mit tausendmillionen Konzerten auf einmal zu überfordern, dafür fehlt mir definitiv die Geduld und die Muse. Man muss ja auch mal eingestehen, dass Hygiene und Manieren irgendwann im Leben einen nicht unerheblichen Teil darstellen. Meine Dreadlock-Skatepark-Faxebier Phase ist seit einigen Jahren schon vorbei und ich komme mit sehr, sehr müden Knochen nach Hause, verdreckt und halbkaputt. Aber die 27.000 Besucher, die ich dort alle persönlich treffen durfte, haben immerhin Lebensgefühl und die Besondersheit dessen bewiesen, auf einem exorbitanten Festivalgelände zu stehen und drei Tage lang nicht nur berühmte Bands zu feiern, sondern sich selbst, seine Jugend, seine Freunde, buntes Auftreten und Kreativität und vor allem: den guten, alten Alkohol. Und das sind Tugenden, die ich ausschließlich unterstützen möchte.

 

 

 

 

This article has 15 comments

  1. Sven E.

    Überlege auch jedes Jahr wieder, ob ich mir nochmal vier Nächte Partyzelten gebe und entscheide mich immer wieder dagegen. Mein letztes Hurricane war 2008 und ich bin immer noch in dieses Festival verliebt. Da mittlerweile oft schon eine einzige Nacht ausreicht, um mich völlig zu ficken, kann ich diese Liebe nicht mehr ausleben. Damals war Radiohead da und spielte ein unvorstellbares Konzert, während am Himmel ein aufziehendes Gewitter sich mit dem Sonnenuntergang vermischte. Diese zufällige Lichtshow war in ihrer Zufälligkeit so groß, dass eh nicht mehr viel kommen kann.

  2. Meltem

    Deine Bilder sind der Wahnsinn!! Bin zwar kein Festival-Mensch, doch aufgrund dieser Bilder sehr begeistert davon!

  3. Anna

    Schöner Artikel! Und wenn eine große Macht ( die Arbeit und die Bank) das will, dann bin ich dort nächstes Jahr auch aufzufinden. Ich finde das erste Foto ja super ;)

  4. stiller

    Hat Marcel wirklich schon so viele graue Haare oder täuscht das? Sind das teilweise die gleichen AXE-Duschen wie beim Highfield 2003? Übrigens habe ich seit ungefähr 2005 das Gefühl, ich werd zu alt für den Scheiß und würde trotzdem immer wieder hinfahren, auch wenn es jetzt das dritte Jahr in Folge aus diversen Gründen nicht mit nem großen, sondern nur mit kleinen Festivals geklappt hat. :D

  5. ina

    die fotos mag ich, sieht besser aus als es in wirklichkeit war und vor allem: so sommerlich! eigentlich würde noch ein foto fehlen vom arctic monkeys konzert, als sich plötzlich genau über der bühne der himmel auftat, während es überall anders immer noch heftigst geregnet hat!

  6. Pingback: We Like That auf dem Hurricane Festival 2011 | We like that

  7. fp

    WOW. Sehr hübsche Fotos. Die AXE-Duschen und den Basketballkäfig hätte ich auf dem Southside auch gern gesehen!

  8. Pingback: Hurricane Festival 2011 : Blog | aufgemischt!

  9. fritz brause

    witzig, bin am freitag jmd übern weg gelaufen, die dir ziemlich ähnlich sah und dachte:”wenns bald keinen blogeintrag gibt…” naja, seit 10 jahren schimpfe ich auf die preisentwicklung und fahre dennoch fast jedes jahr hin. und mit jedem jahr merke ich, dass ich langsam zu alt werde. traurig? nööö. geht halt weiter. was is das eigentlich für ne analoge kamera auf bild 15?und es sind glaub ich 70 000 besucher gewesen. so viel klugscheißen muss sein.

  10. Pingback: Melt! Festival 2011 | dragstripgirl

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