In der Kleinstadtbäckerei

Als ich das erste Mal nach längerer Zeit aus Berlin zurück in die Heimat fuhr um die Eltern mal wieder zu beglücken, war das ein heftiger Kulturschock. Es äußerte sich nur in subtilen, kurzen Momenten; die Banken sind eigentlich immer dann geschlossen, wenn man sie braucht, die Bürgersteige werden um 7 Uhr abends hochgeklappt und zu 90 Prozent der Zeit beobachtete mich die alte, herrische Nachbarin von nebenan die hoffentlich einen Mord dabei sah und an einem Herzinfarkt verreckt ist (wirklich, sie hat mich mit ihren teuflischen Augen jeden Tag meines Lebens verunsichert).

Ein ganz besonderer Moment, geradezu der symbolische Ausschlag auf meiner Zufriedenheitsskala, fand in der örtlichen Bäckerei statt. Hier der wortwörtliche Dialog:

“Hallo. Habt ihr noch frische Brötchen?”
“Nee und für dich heisst das immer noch SIE, junge Dame.”

Und damit hat sich auch schon erklärt, wieso ich jetzt wieder in Berlin und nirgendswo anders bin. Und, wer hätte es gedacht, es ist trotz Hundescheisse, Minusgraden und Schlaucherei (weil currently Arbeitslos) gut.

  • ich hoffe, du hast darauf mit “ach so, also: habt ihr noch frische sie?” geantwortet.

  • welcome back! es wäre falsch zu sagen, dass es nur ein berlin gibt, aber fakt ist, es gibt nur ein berlin!

  • “Hallo. Habt ihr noch frische Brötchen?”
    “Nee und für dich heisst das immer noch SIE, junge Dame.”

    Ich liebe Berlin. Vor allem das alte Berlin von vor ein paar Jahren. Wo man sich noch nicht quälend zwischen 30 Kaffesorten “to-go” entscheiden musste.
    Das, in dem die göttliche Botschaft der Berliner “Schrippenpredigt” noch jedem Touristen kraftvoll in die Knochen fuhr. So, dass er es zeitlebens nie wieder vergisst.

    Ich empfing meine im Oktober 1987 in einer kleinen, alten und leider längst geschlossenen Bäckerei. Von einer vierschrötigen, pommerschen Verkäuferin. Wie es sich gehört: laut und deutlich vor allen Wartenden!
    Sie hatte die liebreizende Stimme eines Staff-Sergeant und und kam druckvoller in mein Ohr als eine große Kirchturmglocke.

    Wie ich mich damals schämte, öffentlich als Touri entlarvt worden zu sein!!
    Und wie ich es nie, nie wieder vergessen werde! Und wie oft wir uns dafür später jedesmal verschwörerisch zuzwinkerten, wenn es einen anderen erwischte!
    Das ist Berlin! Darum liebe ich diese Stadt und bleibe hier alle Zeit als Familienknecht!
    Danke Frau Schabulski!

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