Wer in Berlin ankommt hat nach einer Weile das Gefühl, den ästhetischen Ansprüchen der Stadt nicht gerecht zu werden. Mit dem Mietvertrag unterschreibt man nämlich auch den Verlust seiner trashigen, unbelasteten Seele, die sich gerne auch auf IKEA-Möbeln ausruht. Wer in dieser Stadt mit Rang und Namen überleben möchte, der muss sich auch an ihre Statussymbole gewöhnen: Fixie statt BMW, Air Max statt Luis Vuitton, Reichtum statt reich tun. Das man für all das fast mehr Geld braucht als für die erste Eigentumswohnung vergisst man als studentischer Langzeitpraktikant spätestens wenn man die erste geschenkte Line auf dem Klo eines Clubs zieht, in den man auch problemlos mit Jogginghose rein kommt. Ich esse lieber Haferflocken als auf einem OTTO-Katalog-Futonbett zu schlafen, nur dass das klar ist. Klischee hin Klischee her, alle kennen die Wahrheit: Praxis kennt keine Gnade – hier geht es um Funktionalität im minimalistischen, moralverträglichen Berlindesign. Wer braucht ein Auto in der Großstadt, wenn man seine zwei Quotenkinder in seiner Allwetter-Fahrrad-Kapsel transportieren kann? Eben.

Von Bar über Boutique bis Hansaviertel ist alles so straight und schlicht und innovativ und kreativ und augenweidig wie es sein kann. Wer sich an diese schlichte Benimmregel der Inneneinrichtung nicht halten kann, der wird von den biestigen umgebauten Türsteherinnen ausgelacht, zurück zu Mama geschickt, von oben bis unten mit den Augen verurteilt und als uninteressante Dorfkuh abgetan. Deine Jack Wolfskin Jacke ist so peinlich wie dein 9-5 Job, Bitch.

FreundevonFreunde sei Dank gibt es ja so eine Art Ästhetik-Standard, den man vor seinem Umzug schon mal üben kann. Die Verzweiflung in den Augen des Berliner Frischbluts, wenn es in die von Provisionen bestochene Wohnung zieht: scheisse, die Bude ist saniert. Der Horror. Schnell, reiß den Putz von der Wand, die Dielen aus den Boden und mal dir deinen eigenen Stuck an die Decke!

Lasst es euch von mir sagen: es ist nicht einfach, “arm aber sexy” zu sein. Inneneinrichtung: karg und schlicht, bloß nicht belastend, “Vintage” mit Seele, Fundstücke auf dem Flohmarkt für unschlagbare Preise, und alle bewundern wie schön du es hast, mit den Büchern und der Matratze auf dem Boden, dem Bauhaus-Fotoband, dem iMac auf dem Sekretär, der antiken Lampe, das ironisch gemeinte Poster, der leere Bilderrahmen der an der Wand hängt, die wuchernde Pflanze in der Ecke, die dreckigen Fenster ohne Gardinen. Der Heroin Chic der Inneneinrichtung.

Wohin aber mit solchen Dingen wie: Druckerpapier, Bettwäsche, Werkzeug, Medikamenten, lose herumfliegende Kabel, Elektronik-Verpackung, Tacker & Tesafilm, Reisekoffer (selbstverständlich auch Vintage). Ach so, stimmt, es wohnen ja alle in 300 Quadratmeter Altbauten, da gibt es bestimmt einen kleinen Raum in der Wohnung in dem dann der Ausnahmezustand von “praktischen, aber nicht gut aussehenden” Dingen herrscht. Das Bügeleisen zum Beispiel. Außer es wurde von Dieter Rams designed, dann ist es auf einem dänischen Holzregal drapiert worden.

Mir wurde mal – subtil herablassend – gesagt, dass ich “schön pragmatisch” wohne. Damit war gemeint: ich habe einen IKEA Schreibtisch, eine IKEA Kommode, eine IKEA Matratze, ein IKEA Regal, zwei uninteressante und ziemlich gebändigte Pflanze, einen Bürostuhl den ich mir bei Amazon bestellt habe und Laminat, OH MEIN GOTT, Laminat auf dem Boden. Anders ausgedrückt: mein Zimmer wird nie Geschlechtsverkehr miterleben. Auf der Skala von 1 bis iGNANT bin ich irgendwo bei minus Fünf, also da, wo sich indischer Bollywood mit skandinavischen Massenproduktionen trifft, kurz vor minus 6, also Fliesentischen, Lavalampen und Bravo-Poster.

Nach fünf Jahren in dieser Stadt kann man vieles über mich behaupten, aber leider nicht, dass mein Sinn für Einrichtung irgendwie dazu gewonnen hätte. Mein Lebensraum ist so etwas wie die Anti-Heterotopie der ästhetischen Gesellschaft. Für den Selby-Typen wäre mein Zimmer so etwas wie die persönliche Hölle, das kann ich garantieren. Das Ausmaß der Katastrophe – erst kürzlich um kitschige Masken aus dem Urlaub erweitert – ist bei “Berliner Großflughafen” angekommen. Bei allen anderen sieht die Bude so aus wie aus einem ästhetischen Hochglanzmagazin, bei mir kann nicht mal mehr RTL2 was retten. Whatever.

Ich bin kein ganzer Mensch und ich weiß das. Für Berliner Verhältnisse bin ich gar nichts. Das ist mein dunkles Geheimnis: ich hab kein Style und ich hab mit Sicherheit auch kein Geld und wenn ich das Geld hätte wäre ich eher wie diese russischen Neureichen, über die sich die mit dem Adeltitel beim Apres Ski immer lustig machen. Immer öfter denke ich darüber nach, dass der Ruhrpott womöglich die Heimat ist, die ich suche.

Fehlt mir der sechste Sinn der Inneneinrichtung?
Wo verstauen andere Menschen ihre unschönen Dinge?
Wie viel Zeit sollte ein normaler Mensch in seinen Lebensraum investieren?
Gelte ich in Kopenhagen als vollwertiger Mensch?

This article has 16 comments

  1. elv

    Ganz groß!

    Ich habe mein Zimmer schon mindestens 11 Mal umgeräumt und weisst du, was dich noch unstylischer fühlen lässt? Fucking Pinterest (siehe http://www.yummygeeks.de/pinterest-toetet-meine-kreativitaet.html). Schon allein durch den IKEA Katalog denkt man ja, man müsste seine Einrichtung so oft wechseln wie den Kleiderschrank. Das H&M der Inneneinrichtung!

    Ich frage die Leute auch immer “Wo ist denn bitte all euer Scheiss? Ich habe so viel davon, hebe alles auf und habe vor allen Dingen Unmengen an Zettel, Notizen, Zeitschriften und Stiften. Lass dich nicht irre machen, als geborene Berlinerin kann ich nur sagen, dass mein Berlin schick -überlebensfähig- , heisst und diese FreundevonFreunde nur reiche Freunde haben, die dich durch dein Konsumverhalten zum Zweifeln bringen sollen und selten Berliner sind.
    Ob die jemals irgendwo einen Wäscheständer aufstellen?

    Die Selbstoptimierung macht nichtmal im Wohnzimmer halt und wenigstens da sollte man mal wenigstens 5 Minuten nicht darüber nachdenken, was man nicht hat und sein wer man ist.

    Die, die sich auch in 5 Jahren noch kein Fischgrätenpakett leisten kann.

  2. yeahs

    Alle meine Freunde so “hahaha Sara richtig witziger Artikel, stimmt, immer diese dummen Berliner mit ihrem Vintage-Wahn”. Nur dass wir uns hier verstehen: IHR SEID ALLE DAMIT GEMEINT GEWESEN ALSO FICKT EUCH. <3

  3. rosch3000

    :D priceless! großartiger artikel! wunderbare balance auf dem schmalen grat zwischen »sie hat sooo recht« und sich ertappt fühlen.

    weiter so!

  4. Nina

    Mein Zimmer entspricht auf einer Skala von 1 bis amerikanische Teenagerhölle in weiß ungefähr einer 9 (Punktabzug für zu wenig Kissen und Flokatiteppich). Das habe ich nicht nur einem wunderbaren weißen IKEA Schminktisch zu verdanken, den ich seit Monaten für eine Freundin hüte, sondern vermutlich auch meiner rosa Patchwork Tagesdecke aus Kindertagen die gekonnt verhüllt, dass meine Matratze schmaler ist als mein weißes IKEA Bett breit.

    Ich schiebe es auf die 6 Jahre Wohnhaft Ruhrgebiet.

  5. Pingback: Conscious Consumption | BETTER ____ THAN ____

  6. Natascha

    Bei Mutti. Die ganzen hässlichen Sachen, die Kinderbücher, die Brettspiele, die Shisha aus der Zeit, in der man im Heimatdorf noch keine Shishabar hatte, der Elektrokram, die Unterlagen: alles bei Mutti.
    Nur gilt das vor allem für die Wahl-Berliner. Die Berliner, die ich kenne (mich eingeschlossen), die scheißen sich da nix. Ich habe 35m², da steht alles drin, so what.

  7. N

    Bei mir ist alles in den Kuechenschranken und im Schreitisch :D Ausserdem hilft so ne Kiste unterm Bett (doof wenn man nur ne Matratze hat).. Achja, und bei genuegender Hoehe des Raumes koennte man auch alles so hoch auf Regale drauflegen das keiner hochguckt..Nur rankommen ist da doof ;)
    Ey aber sonst – ikea hat echt voll die super Aufbewahrungsdings. Scheiss doch drauf was andere denken :) Mach Dir Deine Welt wie sie DIR gefaellt :)

  8. die Smileykiste

    Kein Mensch braucht Druckerpapier, wenn man so wohnt, schreibt man alles noch handschriftlich in antike Tagebücher. Oder so. Die kann man dann auch dekorativ rumliegen lassen.

    By the way, Stifte können doch sehr dekorativ sein?!

    Und wenn ALLE so wohnen, heißt das ja eigentlich nur, dass viele sich ein wenig verbiegen.

    Was ich eigentlich sagen wollte: toller Artikel. =)

  9. Hackfleisch Harry

    “…da, wo sich indischer Bollywood mit skandinavischen Massenproduktionen trifft, kurz vor minus 6, also Fliesentischen, Lavalampen und Bravo-Poster.”
    Scheiße Mann, wie HIP ist das denn!

  10. Milli

    Der absolute Wahnsinn. Ich bin jetzt wirklich durch Zufall auf diesen Artikel gestossen und wie konntest Du wissen dass mich dieses Thema jetzt seit 2 Wochen Tag und NAcht beschäftigt? Ja ich lese gerne die Berliner Modeblogs (mit deren MacherInnen Du ja auch befreundet bist), die Janes, Jessie, Ari etc…
    Und ich schaue mir seit einigen Tagen meine MÜNCHNER Wohnung (die mir finanziell eigentlich seit Jahren das Genick bricht und trotzdem mit wunderschönen hellbraunen 90er Jahre Türen inkl. runden Aluminiumgriff- die Segmüller-hölle lässt grüssen, mehr “sog ich net”-aufwartet ) an und habe alle paar Stunden den spannten Impuls einfach alles anzuzünden, alles zu verbrennen, so sehr quälen mich die Impressionen der Berliner Altbauwohnträume…

    …die hohen weissen Türen, durch die man in die anderen Räume SCHREITEN kann, das Fischgrätenparkett (an dieser Stelle fällt mein Blick auf meinen doch recht aberanzten Parkettboden und ich mache mir Sorgen um die von den Eltern geliehene Kaution), die liebevoll verschnörkelten Fenstergriffe, auf die makellos weissen, alternativ auch die wundervoll stylishen Vintage-shabby-chic unverputzen cremefarben-grauen Wände.. und mir wird klar dass man bei mir wirklich an 15 nicht so gut verputzen Stellen sieht, dass da wohl mal Bilderhaken gewesen sein müssen.

    Ich durchforste wie wild Seiten wie fashionformhome, maisondumonde und wie sie alle heissen, rechne ewig herum ob nicht der Kauf einer echten NACHHALTIG hergestellten shipwood-Kommode für doch eher mal schlapp 1000€ etwas Glanz in meine Hütte bringt und das aussagen wird, was ich doch tief drinnen bin (gerne wäre): ein extrem ästhetischer, dem Purismus verfallener Mensch, der nur einfach nicht RAUSKommt angesichts der blauen vom Vermieter eingebauten ekligen Ikea-Küche meiner Küchenzeile.. und ich lasse mich auf mein Ikeabett fallen, welches schon beängstigend ächzt und sinniere fieberhaft über den Kauf eines neuen Kingsizebettes mit gaaanz viel STauraum unterm Bett, wo dann mein praktischer aber wirklich absolut nicht schöner KNALLroter nylonkoffer verschwinden könnte.. und mein blauer Werkzeugkasten.. und meine Schuhputzutensilien.. mein Staubsauger, mein Bügelbrett, mein Bügeleisen, die Kartons mit all dem Kleinkram. Luftig und stylish will ich es haben, doch auf 52qm?

    Im Bad dann der Tiefpunkt, der Vormieter, ein Junggeselle der vermutlich eine tiefe Angst vor Putzmitteln jeder Art hatte hinterließ Spuren, gegen die auch das geballten Sortiment eines DMs nicht aufwarten konnte. höhnisch lächeln mich Kalkspuren meiner winzigkleinen fensterlosen blaugrauen nasszellenhölle an, eingfressener Schimmel grüsst freundlich aus den Ecken. Nein, hier hat nichts eine Chance, egal wie edel und schön es auch sein mag.

    Ich danke Dir jedenfalls für deinen Bericht, es ist schön zu sehen dass man nicht alleine ist ;) Auch wenn meine Wohnung nicht dem entspricht, was ich gerne hätte so muss man sich doch ab an zusammenreissen, was das angeht. Spart man doch auch eine Menge Geld, die eben nicht für teure exklusive Wohnungseinrichtung draufgeht. Denn was nützen die schönsten Möbel, wenn sie doch nicht zur Geltung kommen.

    Und: eine perfekte Wohnung macht auch nicht glücklich.
    Das schönste im Leben: Sonne, Freiheit, Freunde, Humor kann man sich zum GLück nicht kaufen…

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