Ich kann den (gefühlsmäßigen) Drang zur Professionalisierung derzeit in meinem Umfeld nicht nachvollziehen. Gerade in ewas kreativen Gefilden – so wie etwa dem Bloggen/Schreiben, Webdesign/Mediengestaltung, Fotografieren, und vielen anderen Dingen. Selbstverständlich ist es schön, sich sein Geld und damit seine Sicherheit im Leben mit etwas zu verdienen, dass einem Spaß macht und vielleicht sogar auch liegt. Aber für mich kommt das fast nicht in Frage.

Gerade heute, wo wir viele Freiheiten haben, uns mit neuen (und auch alten) Technologien eigenständig umzuschauen und Horizonte zu versetzen, macht es natürlich auch Sinn, in vielen Gewässern mal abzutesten ob man auch darin schwimmen kann und nicht erfroren untergeht. Ich habe das an einigen meiner mittlerweile erfolgreichen Freunden beobachten können, die sich ausprobierten um festzustellen: hey, das ist was für mich. Das will ich machen. Nichts anderes: nur das.

Ich schreibe für mein Leben gerne, aber ich habe überhaupt kein Bedürfnis, das zu meinem Standbein im Leben zu machen. Ich freue mich darüber, wenn es in seltenen Augenblicken auch etwas abwirft… aber nicht unbedingt, weil es notwendig ist, sondern weil es zufällig ist. Viele Blogger allerdings haben diesen seltsamen Business-Aspekt im Blick, aber die Wahrheit ist: nein, ein Blog hat nicht die Konsequenz, durch Erfolg auch zu einem vielgelesenen Magazin zu werden. Und das muss er auch nicht.

Meine Freude am Fotografieren wird mir oft von arroganten Pennern genommen, die mich an jeder Stelle kritisieren: hey, das sieht scheisse aus, oder hier, da kennst du dich aber auch noch nicht genug aus. Und wie, du kennst den-und-den nicht, der ist super berühmt, also wenn du das schon nicht weisst, wird das mit dir ja nie was in der Branche. Hä? Wer hat denn je behauptet, dass ich in irgendeine Branche will? Ich will fotografieren, das mache ich auch. Wenn ich Lust habe, mich zu belesen, weil ich besser werden möchte, dann mache ich das in meiner Freizeit auch. Erst letztens habe ich eine Diskussion überhört, die mich extrem genervt hat: es ging darum, wie ätzend es ist, dass heutzutage jeder Spast mit seinem iPhone irgendwelche App-Fotos macht und damit alles so generisch wirkt – anstatt sich mal mit Fotografie auseinanderzusetzen, anstatt mal eine richtige Kamera ohne diese scheiss Effekte zu kaufen, und so weiter.

Ich sehe das völlig anders: ich freue mich, wenn auch Leute, die sich noch nie mit soetwas auseinandergesetzt haben, einen Spaß an Kreativität entdecken und einfach drauf los machen. Das gilt für Blogger und für Fotografen und für Webdesigner und für Hobbysportler. Geht ja auch keiner in den Verein um eines Tages Geld damit zu verdienen. Scheisse, und wenn jemand nebenher gerne Matheaufgaben löst, dann soll er das tun, und es erwartet auch keiner, dass er Astronaut wird.

Warum ich darüber nachdenke: ich bin zur Zeit in Überlegungen vertieft, wie meine Zukunft aussehen soll. Ich bin noch nicht bei der genetischen Zusammensetzung meiner perfekten Kinder angelangt, da sind noch einige Jahre, die mit Plänen gefüllt werden müssen. Ich würde mir gerne die Zeit nehmen, in den nächsten paar Jahren noch an meiner vergänglichen Schönheit zu zehren und lieber zur Uni gehen als wie die letzten zwei Jahre stramm für eine doch aufgegebene Karriere zu arbeiten. Wenn ich das gegenüber Bekannten erwähne, dann heisst es immer: ganz klar, du schreibst doch so gerne, dann schreib doch ein Buch! Oder studiere Literaturwissenschaften! Journalismus! Irgendwas mit Medien! Aber ich verstehe das nicht.

Ich verstehe nicht, wieso ich mich durch ein Studium quälen soll, was mir im schlechtesten Falle das versaut, was ich gerne mache (weil es zur Aufgabe wird), und im besten Fall einfach uninspirierend wird, weil ich mich mit nichts mehr umgebe, worüber ich tatsächlich schreiben kann. Irgendwie hat das doch was destruktives. Ich kann doch erstmal etwas machen, dass ich nicht gerne mache, weil ich es nicht kann. Ich will etwas lernen, meinen Horizont erweitern. Wenn ich dann immer noch (darüber) schreiben will, dann hält mich nichts davon ab.

Kids, lasst euch nicht den Spaß nehmen von irgendwelchen nörgelnden Profis, die meinen, sie hätten sich durchgesetzt. Das inflationäre Aufgebot unserer professionellen Kreativwelt ist so lächerlich wie auch überflüssig, und am Ende kommt man doch nicht ganz groß raus, weil man sich ständig nur in einem Feld bewegt. Wie es schon Jan Delay mal gesagt hat:

“Wer Hip Hop macht aber nur Hip Hop hört betreibt Inzest”

This article has 20 comments

  1. Greg

    Manche Menschen müssen ebend auch Geld verdienen, so auch ich.
    Und mir liegt die kreative Arbeit nun mal mehr als die Routine und Arbeit am Fließband.
    Deswegen muss ich Profi auf einem kreativen Gebiet sein, eben weil ich Miete zahlen muss.
    Ganz einfach.

    1. ohyeahsara

      nein, das war nicht darauf bezogen, dass man nicht mit kreativen dingen sein geld verdienen darf; sondern dass ein kreatives hobby nicht unbedingt und zwingend dahin führen muss. es ging mir in meinem text nicht darum, die jobs, die kreativer sind als weniger darzustellen als sie sind, sondern zu sagen: nicht alles muss ein druckfaktor im leben werden, wenn man sich nicht ready fühlt. so wie es bei mir eben ist. ich würde einfach nicht klarkommen damit, und wie es in einem anderen kommentar schon erwähnt wurde: ich will mich auch nicht meinem schönsten hobby berauben.

  2. Marta

    ja, dann doch lieber sein leben lang etwas machen, was einem nicht wirklich spaß macht…

    1. ohyeahsara

      naja wenigstens kann es mir damit nicht wie soetwas wie arbeit verdorben werden wenn es eh schon immer scheisse war ;) ganz klar sara-logik.

  3. Marcel

    Naja das mit der Professionalisierung ist doch eigentlich ganz einfach zu erklären: Man hat etwas, das man liebt und mit dem man auch noch Geld verdienen kann. Wenn man es richtig angeht, ist es eine gute Sache und es ist eben dein eigenes Projekt und du musst dich nicht mit irgendwelchen dummen Arbeitgebern oder Kollegen herumschlagen. Das Problem ist nur: Die richtigen Entscheidungen treffen.

    1. ohyeahsara

      naja, in deinem fall ist das doch auch gelungen: du konntest zwei dinge ohne jeglichen leidenschafts-verlust kombinieren und hattest keine angst, diesen schritt zu gehen. ich hingegegen habe sehr viel angst und würde lieber an einem endlos-schönem hobby festhalten als in 20 jahren weder das eine noch das andere zu haben.

  4. simone

    Ich kann mich an ein Gespräch mit einem recht bekannten Profifotografen erinnern der von einem Freund berichtet hat. Von Beruf war dieser Freund Bäcker und laut Meinung des “Profis” sogar ein absolut brillianter Hobby-Fotograf.
    Als dieser nun von Herrn Profi gefragt wurde, warum er immer noch Bäcker sei, wo er doch so fantastisch fotografieren könne, und ob das nicht besser wäre antwortete der Bäcker wohl nahezu schockiert sinngemäß: “Was?? Bist du verrückt?? Ich beraube mich doch nicht freiwillig selbst meines liebsten Hobbies!!!” Er wollte wohl anscheinend frei bleiben, sich nicht prostituieren.

    Soviel mal als Anekdote zu dem Thema. So viel zu Profis und Intentionen etwas zu tun. Nur mal so.

  5. sven e.

    Ich hab letztens ‘nen Typen abgeschleppt, der sich am nächsten Morgen unerlaubt meine Blog-Drafts durchgelesen hat und darauf meinte: “Hey, das ist echt gut. Noch ein paar kleinere Verbesserungen und dann hälst du dich an mich. Mein Mode-Blog ist gerade auf’m aufsteigenden Ast und wenn ich meine eigenen Kollektionen rausgebracht habe und berühmt bin, push ich dich zum neuen Literatur-Star hoch.” Er hat meine Handynummer nicht bekommen. Soll mir halt nicht auf’n Sack gehen.

  6. Franzi

    “Soll mir halt nicht auf’n Sack gehen.” So sieht´s aus.

    Sara, irgendwie versteh ich dich da. Ich glaub, was viele Leute nicht verstehen ist, dass einem der Spaß an einem Hobby irgendwie mehr bringt oder zufriedener macht, als das Geld, das man vielleicht damit verdienen könnte. Ich werde auch manchmal gefragt warum ich das noch mache, ich solle mal hinne machen und Geld damit verdienen. Ist ja ne wirklich tolle Lebenseinstellung. Es ist heutzutage also wichtiger, soviel Geld wie möglich zu verdienen, anstatt eine Leidenschaft zu haben, die einen davor bewahrt, mir eine Maschinenpistole zu besorgen und auf meine Umgebung loszugehen (was ich nunmal tun würde, wenn ich nicht schreiben würde, Tatsache!) Dann rette ich mich doch erstmal lieber selbst und hab eine richtige Leidenschaft im Leben, als einer dieser karriereorientierten Schwanzlutscher zu werden.

    Was nicht heißt, dass es immer genau so sein muss. Denn 1. muss der Kühlschrank natürlich gefüllt werden, man will ja nicht verhungern. Und 2. kann man sich nie sicher sein, ob man nicht irgendwann doch Geld damit verdient und es sogar noch Spaß macht; die Umstände müssen halt irgendwie stimmen.

  7. elv

    Hey Sie,

    wieder einmal ein langer Text, den ich trotz InternetADS schaffe von oben bis unten zu lesen, Danke dafür!
    Ich weiß genau, was du meinst. Ich hab mir das schreiben verdorben und versuche wenigstens ncoh ein bisschen auf meinen beiden Blogs an Kreativität rausfließen zu lassen.

    Mal wieder nur einen Text für mich schreiben, so in mein Büchlain, ohne dass es irgendwo gepublished wird. Das wärs.

    Willst du dann zum Ausgleich Forstwissenschaft studieren?

  8. spezies

    Grandioser Artikel! leider verkennen viele die Möglichkeit auch ohne Geld in einem Bereich glücklich zu werden. Es ist aber auch immer gut, wenn man sein Hobby zum Beruf machen kann, denn ich steh gerne frühs auf und fahr in die Firma um zu programmieren :), gleichwohl ich trotzdem andere Sachen mache, die mir spass machen und zugleich NIE für mich als Zweig agieren in dem ich Geld verdienen kann – so ein langer satz… :). Kurz um, wenn ihr Mode liebt, warum solltet ihr das nicht in euer Arbeitsleben laufen lassen! Es gibt auch viele die zu Ihrer arbeit etwas entgegengesetztes machen um ein Ausgleichshobby zur Arbeit zu haben.

    LG,
    Stefan

  9. Hans

    Ich glaube, das die ganze Kreativbranche gerade vor einer Angst steht, die z.B. die Fabrikarbeiter schon vor Jahrzehnten haben: technische und gesellschaftliche Entwicklungen greifen ihr Berufsbild an. Dadurch, dass die Menschen mehr Freizeit haben und weniger existenzielle Ängste, können sie ihre Fähigkeiten ausleben, wo es ihnen passt, unterstützt durch eine Technik, die fehlende Erfahrung durch Bildstabilisierung und Nachbearbeitung ausgleicht, durch Drumcomputer. Vielleicht kann man da sogar schon Rechtschreibprüfungen in den Office-Suites dazuzählen. Das nimmt den Arbeitern der Kreativbranche ihre Aufträge, ihren gesellschaftlichen Status etc. – sie müssen sich entweder weiter professionalisieren oder aber mit Einkommenseinbußen leben. Darum greifen sie ganz gerne an, was ihnen als natürlicher Feind erscheint und stellen ihre eigene Professionalität heraus.

  10. katy

    Right! Absolut! Ich habe einen Schwung liebster Hobbys, bei denen mich die Hälfte meiner Mitmenschen regelmäßig für bekloppt erklärt. Die ändern sich auch teilweise monatlich. Vielleicht ist das Wechseln meine Leidenschaft. Habe einen Beruf der kreativ ist (mal mehr mal weniger, so als Grafiker in der Wirtschaft isses auch nicht immer nur total hipp) und schule grade um. Was bedeutet, dass ich mich mit einem völlig anderen Thema, nämlich Medizin, nebenberuflich wild auseinandersetze und entdecke, dass das Zwerchfell auf lateinisch Diaphragma heißt. Und weißte was? Es macht einen Heidenspaß und der Kopf dankt es mir. Was draus wird? Keine Ahnung. Vielleicht schaffe ich irgendwann mal die angedachte Prüfung, vielleicht auch nicht. Aber ich sehe es wie Du: Hobbys nicht verderben, außer man will es unbedingt.

    lg,
    katy

  11. skf

    sehr schöner artikel und so allgemeingültig.
    ich bin jetzt selbst nicht das, was ich als unglaublich kreativ bezeichnen würde, aber wie jedeR andere hab natürlich auch ich einen traum und nach jahrelangem hin und her, setz ich den jetzt um und studiere das, was ich wirklich studieren möchte. eine der absoluten brotlosen künste. da ich einen job habe und auch schon etwas kapitalistisch ausschlachtbares studiert und angewidert abgebrochen habe, versuche ich es jetzt mal so.
    ich hab ne scheißangst, dass es das jetzt war mit meinem traum, denn sich für etwas zu interessieren und etwas zu studieren sind ja schon zwei unterschiedliche paar schuhe. aber… vielleicht wird es auch ganz toll, dümmer werd ich jedenfalls nicht werden und die “gefahr” in dem bereich nen job zu finden, der mich dann schlechtestenfalls bis an mein lebensende anödet ist auch mehr als unwahrscheinlich.

  12. pinky

    “..was mir im schlechtesten Falle das versaut, was ich gerne mache (weil es zur Aufgabe wird), und im besten Fall einfach uninspirierend wird, weil ich mich mit nichts mehr umgebe, worüber ich tatsächlich schreiben kann.”

    ist mir leider passiert :-( und mit der Zeit saß ich ohne Einnahmequelle da, natürlich von mir verschuldet, weil ich mich als riesen Trotzkopf und naives Kind nicht drängen lasse zur Aufgabe ;) – und somit lieber gar nix verdiene und von mir aus ablehne UND ich hatte plötzlich kein Hobby, keine Leidenschaft, keine Inspirationen, keinen Sinn mehr in meinem Leben..

    leider suche ich immer noch, oder wieder…aber es scheint sich (nach 5 Jahren Qual und einer mittlerweile 2,5 jährigen Tochter) doch wieder etwas zu verschieben..die Augen scheinen sich doch wieder ab und zu zu öffnen, ich sehe oder erkenne noch nichts, außer DASS sich etwas tut, aber das rettet mir noch mal das Leben.

    wenn man im Leben bereits schon so gefestigt (und von sich und seinen Arbeiten überzeugt) ist, dass man seine Arbeiten und NUR seine Arbeiten verkauft (und zwar genau so wie man es möchte), oder mit Kunden-Vorgaben weit weg von seinen Überzeugungen kein Problem hat, sieht das natürlich anders aus… und es gibt sicherlich auch einen tollen Mittelweg, es machen schließlich ja auch ganz viele… nur für manche ists eben u.a. ein Weg in die “Hölle” ;-)

  13. jonas

    ähnliche überlegungen hatte ich zum thema musik.
    total d’akkord.

    und ein großer roter pfeil nach oben für “arrogante penner, die an jeder stelle kritisieren”.

  14. Patrick

    Sprichst mir aus der Seele. Der Blogeintrag kommt wie gerufen.

    Ich steh momentan auch an dem Punkt wo ich sag, “hey, willst du wirklich dein lebenlang im öffentlichen Dienst arbeiten, hinter einem Schreibtisch sitzen und in Gesetzestexten blättern?” und ich sag HELL YEAH!.

    Ich hab mit vielen Freunden und auch Außenstehenden geredet und bin zum Entschluss gekommen, dass es durchaus gut ist, was ich gerade mache und alles andere, die Fotografie, das Zeichnen usw. also alles Kreative in meiner Freizeit mache. Denn die habe ich, reichlich, noch, im moment.

    Früher (mit 15!), als ich noch miese Webseiten gestaltete, meinte jeder in meinem Umkreis dass ich Mediengestalter werden sollte. Ich antwortete darauf “Neee, was ist, wenn mich die Kreativität ausgeht, dann hock ich auf der Straße.” Und das bringt es bei mir auf den Punkt.
    Ich mache jetzt etwas was mir Spaß macht, wo ich jeden Tag gerne hingehe, was durchaus auch an meinen Kollegen liegt, habe einen sicheren Arbeitsplatz und verdiene obendrauf noch gute Geld.

    All meine Leidenschaften gehe ich in der Freizeit nach, wann ich will und wie ich will. Ohne irgendwelchen Druck oder Vorgaben.

    Ich würde glaube ich nie mein Hobby zum Beruf machen wollen. Aber dass sage ich jetzt, mit 20. Sieht in 5 Jahren vllt. wieder anders aus.

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