Jung, Schön, Schlecht

Im neuen Francois Ozon “Jung & Schön” geht es um ein junges und schönes Mädchen, dass sich aus Spaß (oder aus welchen Beweggründen auch immer) prostituiert. Über das gefährliche Internet trifft sie sich mit den Männern. Im Film wird hier und da angedeutet, dass das an einem lang verdrängten Vaterkomplex liegen könnte. Vielleicht aber auch aus Langweile. Das Fazit ist aber, dass die Beweggründe total egal sind, denn das jugendliche Mädchen ist ein Mysterium, ein Geheimnis, eine Blume. So oder so gibt der Film keine Antwort auf die ungestellten Fragen. Er dümpelt einfach nur vor sich hin. Hier eine Brust, da die vollen Lippen der Hauptdarstellerin, ein bisschen Unverständnis gegenüber den Eltern und von den Eltern, ein paar Sex-Szenen und dann ist der Film glücklicherweise auch schon vorbei.

Vielleicht ist es die immanente Logik französischer Filme, die es mir verweigert, komplett durchzusteigen. Vielleicht ist meine Nähe zu diesem sinnfreien, wilden und ungestümen Alter ein Hindernis daran, die komplexen erwachsenen Perspektiven von Francois Ozon zu verstehen. Vielleicht ist “Jung & Schön” aber in seinen subtil angedeuteten Themenfeldern einfach auch ein bisschen zu verschwiegen gewesen, um irgendeine Substanz zu haben. Ich kauerte zeitweise in meinem Sitz und wollte nicht mehr hinsehen, weil es immer anstrengender und immer schlimmer und immer klischeebeladener wurde.

Ich muss zugeben, die Motivation, mir im Kino ein französisches Drama anzuschauen, beschränkte sich ausschließlich auf die Hauptdarstellerin. Da habe ich mich von meinen Gefühlen für Ästhetik (…) leiten lassen. Der Rest der Zuschauer wahrscheinlich auch. Ozon hat ein großes Talent dafür, Frankreich in all seinen Facetten an die Leinwand zu bannen, die Musik, dieser leicht ironische Twist im überzogenen Kitsch, und die wunderschönen Darsteller natürlich. Aber es hat nicht gereicht. Zeitweise waren der Zoom auf die Gesichter und die Chansons im Hintergrund so deplatziert, der Film wirkte zuweilen wie eine mexikanische Telenovela.

Jung & Schön hat überhaupt keine Aussage getroffen, kein Urteil gefällt, keine Inhalte wiedergegeben. Das mag zwar erfrischend für all die konservativen Vollidioten sein, die in dieser neoliberalen, atheistischen Welt “der Jugend” so etwas wie eine lange Leine geben möchte (aus Verständnis und weil die heutige Pädagogik so etwas wie Jesus zweite Wange darstellt), aber der Streifen ist ganz und gar das Gegenteil von jugendlich. Ozons Theorie über die Jugend und die gewahrte Distanz zu seiner Darstellerin ist so etwas wie der unauthoritäre Privatschul-Schnösel-Vater (oder der Stiefvater im Film), der alles tätschelnd belächelt und sagt “ach ja, so ist es halt mit den Mädchen heutzutage”. Seriously? Hat man den Erwachsenen schon all die Hoffnung genommen? Vielleicht steckt in diesem Element des elterlichen Achselzuckens aber auch der einzige Funken Wahrheit von Jung und Schön: es bleibt nur noch eine formale Rebellion ohne Erklärung.

Wie bei The Bling Ring wird dieser düstere, zynische Abriss um die Kinder einer Generation gezeichnet, die sich dank Internet und wehementer Langweile prostituieren können. Und dann sitzen die Erwachsenen in einer Runde, schreiben Skripte über das Verhalten der Jugendlichen (“wir müssen das verstehen, was die machen, und am besten geht das, indem wir sie nicht verurteilen oder einschränken”). Geht’s eigentlich noch? Wie viele düstere, quasi-dystopischen Zeichnungen junger Erwachsener erlaubt das Kino eigentlich? Ich dachte, für unausgegorene Filme mit völlig an den Haaren herbeigezogenen Zwischentönen gibt’s kein Geld mehr im Fördertopf?

Mit moralisch verwerflichen Ideen in den Köpfe der Kinder kann ich mich noch auseinandersetzen. Aber wie viel kann man schon sagen, wenn man nichts sagt? Wie viel strategischer Spannungsablauf steckt in einem Film ohne wertvolle Dialoge oder cineastisch interessanten Szenen, wieso muss ICH mich anstrengen, dem Film einen Sinnzusammenhang zu geben, nur weil Ozon nichts erklären wollte und das Schweigen seiner Hauptdarstellerin als Mittel nutzt, um Spannung zu erzeugen, die dann letztlich nur in gähnender Langweile endet? “Jung und Schön” ist ein Film für alte Menschen, die nichts mehr über die Welt von heute verstehen, die keine Lust mehr haben, die Welt von heute zu verstehen, die sich einen Film angucken, der genauso ist wie ihre pubertierenden Töchter: schweigsam und langweilig und immer darauf wartend, dass jetzt irgendwas passiert, und dann passiert ja auch doch irgendwie nichts.

Eine Reproduktion von Phänomenen kann ich auch in ‘nem Film darstellen. Kann mir jemand mal Marine Vahct ausleihen?

Aber irgendwann wurde sogar die – Marine Vahct – hässlich in ihrer Unsicherheit darin, ihr Handeln nicht erklären zu wollen. Was soll das? Jung und Schön, das ist der deutende Zeigefinger aller alter Säcke, die die Jugend vorführen wollen. Jung und Schön ist ein plakativer Selfie mit Instagram-Filter drauf. Der Protagonistin wird jegliche Zurechnungsfähigkeit abgesprochen, jegliches Erwachsensein, jegliches Verständnis für ihre Welt. Was ist Isabelle? Krank? Sexuell überladen (das sind bestimmt die ganzen Pornos im Internet)? Ach so, es gibt keine Erklärung dafür: denn sie wissen nicht, was sie tun.

Andererseits macht es ja auch alle glücklich, die den “Krebs der Bürgerlichkeit” fassen wollen: ja, genau! In euren spießigen Wohnzimmern, in denen Mama und Papa alles richtig machen und schicke Klamotten kaufen und ins Theater gehen, läuft alles schief! Eine Ode an die französische Freiheitsliebe der Teenager (moment, ich muss kurz brechen). Von mir aus ist die Idee weder neu noch besonders kreativ. Aber gut hätte man das umsetzen können. Von Ozon habe ich einiges erwartet. Ich gucke jetzt wieder nur noch Blockbuster, da weiß man, was man kriegt.

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