Die Regio fährt ein. Durch die obere Zugebene kommt eine untersetzte, ungepflegte Frau gehetzt. Sie nutzt die längere Pause am Ostbahnhof um die Pfandflaschen der Pendler aus Frankfurt Oder einzusammeln. Ich kenne sie – sie ist oft ziemlich dreckig, unhöflich und ungebeten. Sie reisst mir die Plastikflasche aus der Hand und ich denke mir “fuck it”. Ich muss von ihr nicht mit Bitten und Gutmütigkeit behandelt werden. Die Alte hasst mich sowieso. Für meinen Dispokredit, für mein Studium, für meine herablassende Art. Sie hasst mich, und ich würde mich an ihrer Stelle auch hassen. Für all die Dinge, die ich habe. All die Dinge, die sie nicht hat.

Der Zug steht noch, als ich sie hinter mir brüllen höre. Sie steht an der Treppe zum unteren Teil des Zug und unterhält sich mit jemandem über Thüringen, aber an ihrem Ton stimmt etwas nicht. Ich nehme die Kopfhörer aus den Ohren. “AUS THÜRINGEN KOMMST DU, JA? MENSCH SUPER, ENDLICH MAL EIN ANSTÄNDIGER, ENDLICH JEMAND AUS DER HEIMAT!” Ich höre die Antwort nicht, die der Thüringer murmelt. Sie hingegen legt viel Wert drauf, gehört zu werden. Sie schreit, sie brüllt, ihre Wort werden der Länge nach durch den Zug geschossen. Sie durchbohren die Gehörgänge aller Passagiere. Ihre Worte durchbohren mein Trommelfell wie Giftpfeile, sie verseuchen meine Gefühlswelt und vergewaltigen meine Seele.

DEUTSCHLAND DEN DEUTSCHEN”, schreit die zuchtlose Frau, gut gelaunt, quietschfidel. Ihr Schweinsgesicht verzieht sich zu einem bizarren, öligen Lachen. Ich verdrehe mir den Nacken und schaue sie entsetzt an. Sie guckt an mir vorbei. Der thüringer Glatzkopf nickt ihr zu. “ENDLICH MAL JEMAND AUS THÜRINGEN! ENDLICH MAL KEIN KANACKE ODER NEGER ODER BIMBO HIER! ZUSAMMEN SCHAFFEN WIR ES!”

Sie weiß, was sie da tut. Sie weiß, dass niemand aufstehen wird. In mir brechen tausend Säulen des Vertrauens ein. Der Bystander-Effekt? Peitschenhiebe könnten kaum schmerzhafter sein als die Ignoranz ihrer Hoheit, ihre Macht, jeden gebildeten Menschen in diesem Zug zum Schweigen zu bringen um ihr zuzuhören. Nichts könnte persönlicher und direkter an mich gerichtet sein, als Deutsche und als Nicht-Deutsche. Sie hasst mich sowieso, für all die Dinge die ich habe – die sie nicht hat. Aber sie hasst mich auch für all die Dinge, die ich bin. Die meine Eltern sind. Sie hasst mich nicht weil sie ein Verlierer ist. Sie hasst mich, weil sie ein Opfer eines gefährlichen Gedanken wurde. Sie hasst mich, weil sie nicht gewinnen kann, so lange es mich gibt.

“NOCH DREI WOCHEN, DANN ZIEHE ICH ZURÜCK NACH THÜRINGEN! ICH WILL WIEDER IN DIE HEIMAT, HIER IST MIR ZU VIEL AUSLÄNDERDRECK, WIR HOLEN UNS UNSER LAND ZURÜCK.”

Ich blicke in leere, beschämte Gesichter von Menschen. Menschen die nichts sagen. Die den tosenden Lärm von brauner Nazischeisse in einer stehenden Regio von einem schwarzfahrenden Schmarotzer-Passagier lieber ertragen, als auch nur einmal einen wütenden Blick in ihre Richtung zu werfen. Mindestens sieben Leute in meinem Blickfeld drehen ihre Gesichter betreten zur Seite, als meine Augen nach Reaktionen suchen. Weil ich dunkle Haare habe und braune Augen, weil meine Haut eine Nuance dreckiger ist als ihre. Es wird in ihrer unmittelbaren Umgebung zur Hetze angestiftet, aber sie warten, bis es vorbei ist. Wir warten alle.

“DIE GEHÖREN DOCH IN DEN OFEN, DIESE DRECKIGEN NEGER, DIE KLAUEN MIR MEINE FLASCHEN. DIE DRECKIGEN KANACKEN GEHÖREN VERGAST, ALLE ZUSAMMEN, WIE DIE JUDEN.”

Und sie lacht, und sie lacht, bis mir die Tränen in die Augen steigen und ich es nicht mehr aushalte.

Ich stehe auf und drehe mich zitternd um. Ich hole tief Luft und schreie, und schreie, und schreie so laut ich nur kann, und das Echo all dieser Worte nimmt mir die Angst vor den Schmerzen gemeiner Schläge.

“HALT DEINE DUMME FRESSE, DU MIESES STÜCK NAZISCHEISSE, HALT EINFACH DEIN DUMMES MAUL, KEINER HIER WILL HÖREN, WAS DU ZU SAGEN HAST.”

Das Lachen ist ihr im Gesicht gefroren. Sie will es genau so, braucht nur einen weiteren Grund, um jeden Tag wieder dieselbe Hymne lostreten zu können. Noch ein Kanacke, der Aufstand macht.

“KANACKENSCHLAMPE HALT DEIN MAUL SONST KOMM ICH HOCH UND STECH DICH AB”, und ich scheiss mir in die Hose vor Angst, aber ich weiß, dass ihr das Fett den Atem raubt, und ich weiß, dass ihr die sechs Euro fünfzig im Pfand-Aggregatszustand mehr wert sind als ich. Der Zug kommt in zwei Minuten am Alex an und sie zögert. Ihr glatzköpfiger Freund sieht nicht so als, als wolle er sich einmischen. Er guckt sie und mich amüsiert an. Sie läuft pink im Gesicht an. Wortlos bekämpft sich meine Wut mit ihrer. Und ich schreie, und ich schreie, und ich schreie.

“WAS, KOMM DOCH HER, MESSER MICH DOCH, WILLST DU DIR AN EINER DRECKIGEN KANACKIN DIE ARISCHEN WURSTFINGER SCHMUTZIG MACHEN? KOMM DOCH! WARTE, ICH HAB EINE BESSERE IDEE, LASS DOCH DEINE FREUNDE HIER DIE DRECKSARBEIT ÜBERNEHMEN!” Sie schaut leicht irritiert, während ich meine Arm ausbreite und auf all die Leute zeige, die um mich herum sitzen. “JA, DAS SIND DOCH DEINE FREUNDE, ODER, DIESE WICHSER, DIE DIR ZUHÖREN? DIE WOLLEN MICH AUCH MESSERN, ODER? WOLLT IHR NICHT?” Die stummen Passagiere des Regionalzuges der Deutschen Bahn gucken mich fassungslos an, während mir Tränen über die Wange laufen. “JA, IHR, IHR HURENSÖHNE, MACHT EINEN AUF POLITICAL CORRECTNESS WÄHREND IHR EUCH DIE ARISCHEN SCHWÄNZE VON WERTLOSEN NUTTEN LUTSCHEN LASST, WOLLT KEINE MAUERN MEHR BAUERN, KASTRIERT EUER EGO WEIL IHR EINEN KRIEG VERLOREN HABT, TUT GANZ TOLL, HABT BESTIMMT AUCH EINEN AUSLÄNDISCHEN FREUND ODER ZWEI, ABER IHR KÖNNT PROBLEMLOS DER BRAUNEN SCHEISS ZUHÖREN, WEIL INSGEHEIM DENKEN WIR DAS DOCH ALLE, ODER? WIR DENKEN DOCH ALLE: SCHEISS AUF DIE ARBEITSLOSEN NEGER, SCHEISS AUF DIE SCHMAROTZENDEN ZIGEUNER, AUF DIE BEHINDERTEN KRÜPPEL, AUF DIE VERPESTETEN SCHWULE, AUF DIE ASOZIALEN TÜRKEN UND DIESE TERROR-MOSLEMS, DEUTSCHLAND DEN DEUTSCHEN! KOMMT SCHON, VERPRÜGELT MICH, MACHT MICH FERTIG, FICKT DIE KANACKENSCHLAMPE, GANZ ODER GAR NICHT!”

Die Leute steigen sachte aus dem Zug, als er anhält.
Niemand blickt vor oder zurück. Ich bin erschöpft. Nichts ist passiert, aber diese Menschen haben mir das Herz gebrochen.

Der Zug fährt in den Alexanderplatz ein. Die Nazi-Missgeburt steigt mit einem knackigen “HEIL HITLER” aus der Bahn. Einige Minuten später stehe ich in der U-Bahn, mir laufen Tränen über das Gesicht. Ich bin heiß und rot, ich bin fertig und erschöpft. Nichts ist passiert, aber ich habe mir selber das Herz gebrochen.

This article has 18 comments

  1. Caro

    Wow… Für deinen Text, deinen Mut, einfach alles. Mich hat ganz ehrlich schon lange kein Text mehr so gefesselt. Sitze schockiert und gleichzeitig beeindruckt auf der Couch. Respekt, ehrlich.

  2. Niko

    Trauriges Erlebnis, aber sehr gute Reaktion von dir. Es ist doch ein wenig beängstigend und sehr traurig das niemand, irgendwie reagiert hat.

  3. Fritz

    Danke für den Text!

    Als Halb-Filipino “durfte” ich eine ähnliche Situation in einem Bremer Linienbus erfahren.

    Nicht nur, dass niemand mir beistand; ich wurde auch noch vom Busfahrer angewiesen mich sofort hinzusetzen (nachdem ich mich berechtigterweise echauffiert habe und aufgestanden bin), sonst würde er mich vor die Tür setzen.

    Du tust mir für die Erfahrung leid, dennoch ist es für mich ein gutes Gefühl, meine Wut teilen zu können
    (so blöd es sich auch anhört)….

  4. Pingback: Link(s) vom 4. Dezember 2012 — e13.de

  5. eglitza

    Abseits von jeglicher Resonanz.
    Das ist furchtbar, vorallem weil sie so angebracht wäre.

  6. Chris

    Was für ein beschissenes Erlebnis – und was für einen tollen, bewegenden Text Du daraus gemacht hast. Das sollte sich jeder mal durchlesen. Du hast eine wundervolle Schreibe. Lass Dich nicht unterkriegen!

    Chris

  7. Tom

    Supertext, der die klischiertesten Reaktionen von anderen, im Zweifesfalle wohl Ebenfallsschweigern hervorruft. Das Internet macht Anteilnahme so einfach.

  8. Pingback: DRAGSTRIPGIRL × DER KLEINE RASSISMUS × LEBEN × AMY&PINK

  9. Juri

    Scheiss Erlebnis, aber der Text ist gut gschrieben. Man möchte gar selbst schreien.
    Ich denke es ist arg wichtig in solchen Momenten nicht wegzuschauen bzw wegzuhören, gerade als Mensch der sich von solchen Aussagen selbst nicht persönlich angesprochen fühlt.
    Man sollte es einfach auf keine Fall akzeptieren, dass Menschen solch rassistische Hetze unkommentiert von sich geben können.

  10. yeahs

    Ich laste das hauptsächlich meiner literarischen Unfähigkeit an, aber es scheint keiner so richtig verstanden zu haben

    a) was eigentlich passiert ist
    b) was ich eigentlich sagen wollte.

    Das ist schade. Aber nur um noch mal etwas klar zu stellen: ich war nicht mutig, und ich habe auch nichts gesagt in der Situation. Ich habe wie alle anderen meine Fresse gehalten. Mein Recht, andere für ihr Schweigen zu dissen, ist verflogen, und ich fühle mich überhaupt nicht wohl wenn die Essenz des Textes, dass ich eben NICHTS gesagt habe, nicht ankommt.

    Falls es also überhaupt noch jemanden interessiert… bitte, lest noch mal die letzten beiden Absätze.

  11. nennmichwieduwillst

    Hi,

    wie findest du hätten die Leute denn reagieren sollen? Mal ganz sachlich gefragt. Denn hingehen und ihr eine auf die Schnauze hauen hilft auch nicht weiter, und zurückschreien find ich hilft ebenso wenig weiter, denn wie du schon sagtest, das ist es ja was sie will: Ausmerksamkeit. In der Situation gibts mit Sicherheit keine richtige Art sich zu verhalten, oder was denkst du?

  12. Caro

    In Situationen die mich betreffen sage ich meistens auch nichts und hoffe dass sie schnell vorbei gehen, aber zumindest wenn es um andere geht, würde ich definitiv nicht nur still zusehen sondern handeln und habe das auch bereits.
    Auch wenn die Situation so nicht passiert ist, ist dieser Text immer noch einer der besten, die ich seit langem gelesen habe. Beim ersten Mal lesen war ich mir zwar unsicher, ob es tatsächlich so gewesen ist, oder ob du es dir gewünscht hättest so reagiert zu haben, aber trotzdem war ich bewegt.
    So oder so, der Text ist genial, ich saß danach fast heulend auf der Couch, du hast mich damit echt getroffen.

  13. Enera

    Also ich fand schon, dass man rauslesen konnte, dass du eben nicht aufgestanden bist.
    Aber vielleicht denke ich das auch nur, weil ich aus Erfahrung weiss, dass in solchen Situationen eh keiner aufsteht. Alle schweigen. Ist halt so.
    Einmal, da haben sie einen Bekannten von mir blöd angemacht, in einem Club. Und ich habe etwas gesagt, weil ich eben nicht bloss dastehen und schweigen wollte. Und dann haben die 1.) mir Bier über den Kopf geleert und mir die (Plastik-)becher angeworfen, 2.) sind wir wegen “Unruhestiftung” aus dem Club geworfen worden und 3.) hat mein Bekannter draussen dann so etwas zu mir gesagt wie “Was bist du, Scheiss-Sozifrau, denkst wohl du kannst dein Gewissen reinhalten wenn du dich für einen Nigger einsetzt, aber denkste, ich brauch deinen linken Scheiss nicht, wir sind ja nicht mal richtig befreundet.”

    Also ja, ich weiss selber nicht was ich damit eigentlich genau sagen will.

    Keine Ahnung, dein Text ist jedenfalls super.

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