Kendrick Lamar // good kid, m.a.a.d city

good kid, m.a.a.d city” ist kein Rap Album, sondern ein Hip Hop Musical. Die West Side Story 2012. Comptons Most Finest. Eine moderne Oper. Sie umschreibt die Entwicklung des Protagonisten von K.Dot zu Kendrick Lamar in wechselnden Perspektiven, ohne sich den typischen Gangster-Marotten hinzugeben, ohne in den Conscious-Moral-Rap-Klischees stecken zu bleiben– ohne Lupe Fiasco zu imitieren und ein kompromissbehaftetes, wechselhaftes Werk zu veröffentlichen, dass nicht das eine und nicht das andere und somit gar nichts, sondern etwas ganzheitlich Neues ist. Mit diesem Major Debüt hat es Kendrick Lamar vollbracht eine entschleunigte und doch spannende Geschichte und ein atemberaubendes Hörspiel zugleich zu erschaffen. Wenn ich könnte, dann würde ich alles in meiner Macht stehende tun um ihn den Musik-Oscar zu überreichen, denn bei so viel detailreicher Poesie kann man sich die Visualisierung direkt sparen. Das ist der springende Punkt: das Album, wenn man sich denn darauf und auf die erläuternden Skits einlässt, ist ein Film, oder besser noch: ein Bildungsroman. Ein Lebenswerk, eine perfekt kuratierte Ausstellung.

Das war in den ersten Tagen nicht ganz klar, als ich die Tracks ganz wild durcheinander gehört habe (keine Zeit, keine Zeit). Auch da fand ich es schon gut, aber nicht hervorragend. Nicht einleuchtend, nicht “das hier wird ein Klassiker in der Zukunft sein”. Nicht “ich weiß überhaupt nicht mehr, wer das noch überbieten soll” und auch nicht “jeder muss sich dieses Album so anhören wie man einen Film schaut”. Heute habe ich mehr zufällig als geplant das Album konzentriert ausgesessen. Da verstand ich erst die komplexen Ebenen, die sich zu dem Meisterwerk zusammen fügen, dass Stränge alter Geschichten und bereits vorbeigelaufener Tracks nun in anderen zusammen geführt wurden. Als er von rot und blau spricht und damit die Gangs in LA meint, als er im nächsten Verse mit rot und blau die Cops meint, die ihn jagen, da wusste ich dass mir bestimmt einiges bisher entgangen sein musste und ich versank in einer aufregenden Reise der Recherche, während ich immer wieder die Songs von neu abspielte und immer wieder und wieder neues entdeckte. Was bedeuten die Wörter in Zusammenhang mit der Form, in der sie präsentiert werden, was bedeutet der Break, die Stimme, die Stimmung, der Fade-Out? Ich verbiete mir die “Was könnte er damit gemeint haben”-Frage. Selbst wenn keine Message dahinter steht, kommt eine Message bei mir an. Das ist nicht nur die größte Rechtfertigung für die Literaturwissenschaften im Allgemeinen: das ist die Wahrheit. Und wenn das ein Hip Hop Album mit mir macht verdient es die größte Aufmerksamkeit. Der Treibsand der Fantasie und Vorstellungskraft und die empathische Reaktion in mir ist das eigentliche Werk dieses Künstlers und damit auch würdig als genau das bezeichnet zu werden: Kunst.

Aber auch ohne die meinerseits pathetischen Erläuterungen zu einem doch sehr starken Album: immerhin gibt es keinen Beat, keinen Flow, keinen Song der nicht auch ohne die lyrische, erzählerische Seite knallt. Das ist ja der große Witz: abgesehen von seinem Rap-Talent, dass man nur slightly american mit “ridiculous” beadjektiven kann, ist ja auch die Produktion, die Struktur, alles, wirklich alles, perfektioniert worden bis zum letzten Schliff – ohne Kompromisse zu machen. Das heißt nicht, dass jeder Song auf dem Album gleich gut ist; ich bin zumindest froh, dass nicht alles in Westcoast-Gedusel paniert und frittiert wurde, sondern eine gesunde Mischung von Einflüssen übrig geblieben ist. Natürlich ist Kendrick Lamar Opfer desselben Hypes, der auch schon A$AP Rocky hochgespült hat. Aber man muss ihn nicht vergleichen – mit niemandem – weshalb er schon für sich stehend eine überzeugende Figur macht.

Ich hatte ursprünglich überlegt, ein Track für Track Review hinzulegen, allerdings sind viele andere dafür besser geeignet – und wer wirklich Interesse hat, der kann bei RapGenius den Kendrick Lamar 101 Kurs besuchen. Mein Favorit auf dem Album ist mit Abstand M.A.A.D City.

Das Big Ghost Review hat mich dieses Mal sehr kalt gelassen, wenn der gute Mann nichts gemeines zu sagen hat, hat er gar nichts zu sagen. Die Ernsthaftigkeit, die in diesem Album steckt, kann zu Tränen rühren. Wer diese emotionale Kapazitäten besitzt, der wird nicht drumherum kommen, zumindest innerlich geweckt zu werden.

He refuses easy outs, never falling for false dichotomies, pandering or strident platitudes. In the wake of the album’s overarching story, even lines like “what love got to do with it when you don’t love yourself?” (from “Real”) seem like conclusions that were especially hard-fought. Kendrick does not describe, then judge, but instead creates and contemplates. It’s a victory for honest rhetoric. – Complex

Wer das Album sowieso schon besitzt, dem lege ich ans Herzen es sich genau anzuhören und sich auf die Welt einzulassen, die Kendrick Lamar beschreibt. Jeder Song, so gut oder mittelmäßig er alleine sein mag, wird plötzlich zu einem essentiellen Bestandteil und das Album ohne nicht denkbar. Wenn Kendrick Lamar eine bestimmte Phase seines Lebens hier nun verinner- und veröffentlicht hat, hat er mit symbolischem Gehalt gespielt und es geschafft, die Realität auf Platten zu pressen: wie jeder Mensch in einem Leben ist auch jeder Track auf diesem Album eine Hauptrolle und jede Begegnung prägend für den Rest der Geschichte.

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