In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität

Ich stehe am Bahnhof Zoo neben dem Bäcker am U-Bahn Eingang zur U2, ich habe keinen Bock direkt runterzugehen, ich bin in Hektik und im Stress und ich telefoniere mit zwölf Leuten und als das endlich vorbei geht und ich die paar Tropfen Regen ins Gesicht abkriege und der Tag damit scheinbar endgültig gelaufen ist stecke ich mir doch die Zigarette an, die ich vermeiden wollte. Fick es, egal.

Neben mir steht ein Typ, nicht ungepflegt, nicht stinkend, irgendwie 90er Jahre Technolook und ein unschuldiges und total durchgenommenes Gesicht mit Sommersprossen, er steht vielleicht einen Meter neben mir mit einem Pappbecher vom Kaffeemann und guckt mich kurz an, als ich ihn angucke, nichts spektakuläres, aber plötzlich habe ich das Gefühl, dass ich nicht alleine rauchen will und ich drehe mich zu ihm und halte ihm meine Packung Malboro Gold hin und frage “Willste eine?”

Er guckt böse und angegriffen und hat mich nicht richtig verstanden, “Was?” fragt er, “Na ob du ne Zigarette willst?” und ich merke, dass ich nicht lächel, also lächel ich, die Munition in seinen Augen wird augenblicklich entschärft, “echt?!” und ich sage “Klar” und er nimmt sich eine, und dann sucht er total verzweifelt nach Feuer, als ob ich sie ihm gleich wieder wegnehmen würde, also gebe ich ihm auch Feuer und er nimmt einen langen und zufriedenen und zittrigen Zug, “Man, woher wusstest du, dass ich jetzt eine gebrauchen könnte?”, ich zucke mit den Achseln. Keine Ahnung, ich wollte nicht alleine rauchen, und er stand neben mir in Raucherpose, “Keine Ahnung”.

Ich wollte mich wieder weg drehen, ich wollte nicht mit ihm quatschen, ich hatte gar keine Lust auf quatschen, aber er fing an zu reden, vielleicht weil er glaubte dass er mir das jetzt schuldig war. “Wartest du auf den Bäcker?”, “nein”, “die machen ja um 20 Uhr zu und da schmeissen die ihr ganzes Zeug raus”, ach so war das, er wartete auf altes Brot, na dann, “Soll ich dich auf was einladen?”, fragt er mich, und ich bin kurz aus meiner Bahn geworfen, er hält mich für eine Obdachlose, und wenn ich mir meine zerrissene Jeans und meine tief ins Gesicht gezogene Mütze so vorstelle, ja, dann vielleicht wirklich. “Nee man, passt schon.”, sage ich.

“Ich gehe gleich eh arbeiten, aber ich muss mich erst mal stärken”, wo geht der Typ denn hier jetzt arbeiten?, “wo gehst du denn jetzt arbeiten?”, frage ich, “na hinten auf’n Strich, du nicht?”, “Nee, ich nicht.” “Ich hab noch zwei Doggen zu Hause und ich muss die füttern, naja, scheisse, muss halt ‘ne!” “Ja, klar, muss halt.” Irgendwie wundert mich das nicht, dass er auf den Strich geht, er sagt das auch ohne dass es ihm peinlich ist, dafür bewundere ich ihn aber ich denke nicht mehr lange darüber nach, jetzt fallen mir auch die ganzen Flecken auf seinen Armen auf, H halt, natürlich, heieieieiei. “Ich hab noch ein bisschen Kleingeld, kannste haben”, ich drücke ihm ein paar Euro in die Hand, er ruft “SCHEISSE NEIN!! HÖR AUF!”, aber er sagt das total erschüttert und positiv erstaunt, und ich bin mindestens genauso erschüttert darüber, dass er so dankbar scheint. Es sind doch nur ein paar Euro. “Es sind doch nur ein paar Euro. Haste wenigstens ein bisschen Futter!”, ich habe kein Mitleid, ich denke mir nur, ich hab das bisschen Kleingeld und hätte es sowieso nur verloren weil ich kein Münzfach habe.

Ich muss auch ein bisschen lachen, mit ihm zusammen, weil das so eine total bizarre Situation ist, ich wollte doch nur nicht alleine rauchen, und jetzt quatscht der mich voll wie toll ich bin und dass ich mega den Sozialen hätte, nee, wenn der wüsste dass ich nur nich alleine sein wollte, ich sage zu ihm “man, das wird irgendwann wieder besser, wir haben alle schlechte Zeiten und wenn wir uns nicht gegenseitig helfen, wer dann?”, und er nickt, und er sagt “Ja, auf jeden Fall. Wenn du ein bisschen Dope brauchst, kein Problem..”, und weil ich seine Illusion nicht zerstören will sage ich “Nee, passt schon, behalt du mal, ich hab gerade gute Tage gehabt”, und auch wenn er jetzt glaubt, ich gehe auch auf den Strich, ist mir das recht so, dann hat er wenigstens Solidarität gefunden, meine Fresse, wir kommen beide auch aus Frankfurt am Main, dann umso mehr, das erzählt er mir nämlich auch, das und von den anderen Bäckern auch, die um die Uhrzeit alles rauswerfen, und einen Tag später fand ich heraus, dass sich das “Containern” nennt, interessant, da bin ich ja gerüstet für die beschissene Zukunft, und überlege ob ich ihm die Kippe gegeben hätte wenn ich gewusst hätte aber ach aber ach.

Ich gebe ihm meine Zigarettenpackung zum Abschied, vielleicht nicht wirklich gesund oder so, und vielleicht hätte ich ihm ‘ne Pizza ausgeben sollen, aber was soll’s, was soll’s, er fängt an mich anzuschreien dass ich das nicht tun kann und ihm nicht einfach so viel geben kann und ich lache ein bisschen und er lacht auch und ich sage “ey, wir sehen uns, und viel Glück heute”, und er schüttelt den Kopf wieso jemand so bekloppt ist und ich gehe in die U-Bahn und habe es beim Einsteigen schon längst vergessen und mache mir auch keine Gedanken mehr drüber und bin völlig unzufrieden weil ich meine Zigaretten weggegeben habe und jetzt könnte ich echt mal wieder eine rauchen, aber nett war er ja, und dann freue ich mich doch, ihm die Kippen gegeben zu haben, denn sein Tag wird bestimmt noch beschissener als meiner, und dann rege ich mich auf, weil er doch kein Feuer hatte.

This article has 4 comments

  1. Liz

    man, geiler text, konnte mir richtig ein bild malen. bin so voller emotionen dabei und voll in der situation drin und dann, bääm – das ende – reißt mich in die realität zurück. scheiße, musste ich am ende lachen. top.

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