Ich belästige ich euch ab sofort nicht mehr mit ätzenden Luxusproblemen. Nach gefühlten acht Nahtoderlebnissen in nur weniger als zwei Monaten habe ich nun genug Grund um mich den echten Issues unserer Gesellschaft zu widmen; ein Zeichen Gottes, sozusagen, mich nicht mehr mit perfiden Steuererklärungen oder Wohnungssuche zu beschäftigen. Ich sollte lieber ein Manifest schreiben, eines, dass die Welt verändert, mich auf die Straße stellen und dort meine Ansage machen. Denn ich habe sie überlebt, die Apokalypse der Nasennebenhöhlenentzündung. Ich habe überlebt und stehe, zwar noch geschwächt, wieder fest auf beiden Beinen, während ich gerade noch die letzten, scharlachrotwabbelnden Schleimbrocken aus meinem Gesicht presse.

Die Nasennebenhöhlenentzündung aus der Hölle, sage ich euch. Ich habe den Scheiss ja chronisch, ungefähr einmal im Monat sucht mich das Heim, wobei das selten länger als vier bis fünf Tage nervt. Man kennt sich ja dann auch aus: Sinupret forte, Gelo Myrtol forte, Eukalyptusinhalation, viel Tee trinken, nicht rauchen, Nasennspülung, ohne Druck schneuzen, Nasenspray mit Kortison für die Entzündung und Nasenspray mit purem Gift für das Abschwellen der Nasenmuscheln. Ich kenn das. Seit zehn Jahren kenne ich das, und drei Nasen-OPs, Entfernung der Polypen und Verkleinerung der Muscheln konnten mir nicht dabei helfen. Die Ärzte gaben auf, und ich auch. Wenn nichts mehr geht, geht nur noch Antibiotika, und so achte ich alle zwei Monate mal darauf es auch ohne auszuhalten. Es sind nicht die Bakterien, die mir das Leben schwer machen, sondern meine schief liegende Nasenscheidewand (ja, wurde auch schon operiert). Wenn ich zum HNO gehe macht der erst mal sechs Stunden Allergietests mit mir und verschreibt mir hoffnungslos achselzuckend ein besseres Nasenspray. Ins Gesicht scheissen könnte ich denen, aber was soll’s, bisher konnte ich mir auch ganz gut selber helfen.

Ey, nicht diesmal. Diesmal hat mich die rechte Klitschkos ins Jenseits der Larifari-Krankheiten gebumst. Da lag ich, röchelnd, unfähig überhaupt irgendwas durch meine Nase zu kriegen. Alle (!) Nebenhöhlen waren betroffen (okay, die wichtigen waren betroffen). Ich hörte nur noch Dumpf. Schleimkonsi: gelblich dick, aber mit viel Wasser dazwischen. Alles juckte. Es juckte. Das ist kein typisches Sinusitis Symptom. Als würde jemand meine Gesichtshaut von innen mit einem Staubfeger streicheln. Mein Kopf pochte, meine Zahnwurzeln bohrten sich in meinen Kiefer, mein Blut fühlte sich dickflüssig an und bei jeder Bewegung blubberte der Eiter in meiner Stirn. Ich weiß, das wollt ihr nicht wissen, aber das ist Post-Traumatisches Stress Syndrom, ich muss das bewältigen. Ich muss damit klar kommen, dass ich seit Samstagabend keinerlei Erinnerungen mehr an mein Leben habe, dass ich seitdem nur noch durch den Rachen atme und die kalte Luft meine Röhren verätzt hat, die Sabber meine Kissen und Handtücher und T-Shirts zerstört.

Und da lag ich auf der Couch, mit einem Kochtopf, aus dem ich (erfolglos) inhalieren zu versuchte, im Dunkeln, seit zwei Tagen hatte ich schon nicht mehr das Tageslicht gesehen. Meine Augen so angeschwollen, dass ich sie kaum noch bewegen konnte, meine Finger so lahm, meine Nase am laufen, mein Gehirn so träge. Und ich fing an zu weinen, weil ich mir sicher war, dass das das schlimmste sein musste, was mir je passiert war. Noch nie – ich betone – noch nie hat es mir so an Lebens- und Willenskraft gefehlt, dass ich nicht aufstehen und aufs Klo gehen konnte, und doch hatte ich Montag Angst, ich könnte mir in die Hose pinkeln weil ich es nicht rechtzeitig aus meinem paralysierten Zustand schaffe.

Am Dienstag weinte ich wenigstens kein Blut mehr, und ich hatte tatsächlich einige Stunden geschlafen. Es ging, trotz Fieberbläschen, dramatischen Morddrohungen in Delirium-Träume und röchelndem Zynismus irgendwie bergauf. Heute fühle ich mich wieder so, wie bei einer normalen Erkältung: angeschlagen, müde, aber nicht suizidgefährdet.

Nein, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie unrealistisch schlecht es mir ging. So schlecht, dass ich nicht weiß, was überhaupt passiert ist in der Zwischenzeit. So schlecht, dass ich nicht mal mehr Mitleid mit Katastrophenopfern hatte. So schlecht, ich musste mit sogar GEGEN ESSEN entscheiden, denn Atmen war wichtiger. So schlecht, ich rief meine Mutter an und erzählte es ihr und obwohl sie nicht den Anschein machte überhaupt zuzuhören rief mein Vater immerhin zwei Tage später an um zu fragen ob es mir besser ginge und ob ich schon Fotos von irgendeiner Kirche in Spandau gemacht hätte die eine halbsterbende Klientin von ihm gerne aus nostalgischen Gründen sehen würde.

Nach drei Rollen Klopapier und sechs Familienpackungen Tempo bin ich aber wieder fit und freue mich des Lebens. Es juckt immer noch, im Gaumen, in den Ohren, hinter der Nase, aber ich hoffe einfach dass ich eines Tages einen positiven Allergietest mache und mit dieser Scheisse durch bin. Bis dahin, Jungs und Mädels: Kokain immer schön in Wasser/Vodka auflösen und durch einen Nasenspraybehälter reinballern, so kann man der Sinusitis auf jeden Fall vorbeugen! Und danke noch mal an HecPac, der mir die absolute Killer-Grundlage für den ultimativen NNH-Beipackzettel lieferte, ohne den ich schon längst tot wäre. Das mit dem Kokain war ein Scherz, ich schieß es mir lieber in den Arm.

This article has 12 comments

  1. Denis

    Ja, das kenne ich nur zu gut, mein HNO will mir auch immer an den Polypen rumschnibbeln. Aber nachdem diverse Personen aus meinem Bekanntenkreis eine derartige OP bereits über sich ergehen haben lassen, hab ich davon Abstand genommen. Dann lieber zweimal jährlich das halbe Hirn zur Nase rausdrücken.

    Was das jucken betrifft, schonmal versucht Loratadin/Cetirizin zu nehmen? Der Mensch kann auf allen möglichen Scheiss allergisch reagieren da kann der Allergologe testen bis er zum ALF wird und nix finden. Wenn das Medikament hilft, weiste wenigstens das es wirklich eine Allergie ist. Dann nur noch ne Klinikpackung davon verordnen lassen und immer rein mit dem guten Stoff. ;)

    1. ohyeahsara

      ich hab hier einige anti-histamine rumliegen, fand es aber ein bisschen gefährlich, die während einer dicken vereiterung zu nutzen.. am ende kann ich nicht mehr niesen und der schmodder bleibt mir für die nächsten wochen noch im nacken hängen..

  2. equinox

    Das, was Du beschreibst kenne ich. Genau so. 6 mal im Jahr Antibiotikum fressen.
    Nun habe ich mein Leben geändert und bin nicht mehr unglücklich.
    Das hat geholfen.
    Nun gesund seit über einem Jahr.

    1. Denis

      Und magst du deine Wunderformel mit uns Unwissenden teilen? Immer vorausgesetzt natürlich deine “Lebensumstellung” fällt nicht in den Bereich der Kristallaurahokuspokustherapie™. ;)

  3. HecPac

    @ ojesara

    Danke für die Neurosen!
    Immer wieder schöne, diese G’schichten aus dem Land des Vanillepuddings. Zuckersüß auch das Detail mit der Kirchenbildanforderung.

  4. N

    Hab nen Tip für alle geplagten Geister von Allergien, Nasen und Nebenhöhlenkrankheiten, Leute die einfach viel zu oft nen Husten kriegen als das es normal wär: Klingt komisch, aber ne Darmsanierung ist ne gute Sache ;)
    Pflanzlich und recht freundlich geht das mit Symbioflor Pro, 1 und 2.
    Das muss man über jeweils 4 – 6 Wochen täglich einnehmen (sind so Tropfen) und dadurch baut man sein ganzes Immunsystem von der Quelle aus wieder auf. Ist sogar super für Haar und Nägel, geschmacklos und unnervig wenn man es hinkriegt das immer zu nehmen :)
    So, zuende mit den Gesundheitstips, Dir gute Besserung und weitermachen :)

  5. queen of maybe

    ich hoer dann jetzt spontan auf, mich scheisse zu fuehlen, erkaeltungsbedingt. schaetze mal, ich erlebe hoechstens ein viertel von dem, was du durchgemacht hast. also, allerhoechstens. danke fuers zurueck-auf-die-erde-holen :)

  6. ira

    gerade zufällig auf den eintrag gestoßen und bin begeistert. nicht nur weil es mir ähnlich geht, sondern auch diese wunderwiderlichen beschreibungen und der sarkasmus klasse sind. ach. schön. meld dich wenns wieder los geht, dann rotzen wir um die wette und kreiren eine superinfektion.

  7. Robert

    Lass mal deine Ohren untersuchen! Ich hatte auch ne chronische Sinusitis, bis eines Tages entdeckt wurde, dass ich ein Loch im Trommelfell habe (= chronische Mittelohrentzündung). Seit dem das geflickt wurde, hab ich nüscht mehr.

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