Nach mehr als fünfzig Tagen mit dem Nissan Leaf wird es Zeit, das Auto mal etwas zu bewerten. Es hat mich schon einige Male vor Regen, Laufen oder Faulheit gerettet und mir ein bequemeres Leben verschafft, aber überraschenderweise ist das nicht der wirkungsvollste Faktor an einem Elektroauto. Es stellte sich vor allem ein ganz unerwartetes Phänomen ein: die Leute reden darüber. Besser gesagt: sie reden mit mir darüber und erwarten leider ausgiebige Informationen, die ich ihnen nicht geben kann, weil ich nichts von Autos weiß und eigentlich auch nichts darüber lernen möchte. Ich weiß nicht, ob mir das mehr über den Nissan und seine Voll-Elektro-Ausstattung oder über die deutsche Mobilfahrzeugmentalität sagt, aber in jedem Fall ist es immer eine Konversation wert. Egal ob in meinem Freundeskreis oder bei Fremden auf der Straße, die sich über das zerlotterte Kind mit dem unordentlichen Taxi wundern – alle quatschen darüber, was das wohl kann, wie viel es kostet, was es auf dieser Erde möchte und warum sich jemand wie ich nicht endlich seinem Stereotypen hingibt und einen mit richtig lauter Engine kauft um die Welt zu verpesten (lies: dieses Auto stiehlt mir die Show und muss deshalb sterben).

Natürlich findet mein ganzer Freundeskreis plus deren Mütter und angeheirateten Onkel das Auto auch gut, weil hey, Sara hat ein Auto. Sara kann jetzt die ganze Zeit durch die Gegend fahren und einkaufen, abholen, zurückbringen und generell Dinge erledigen. Ich habe dann einen ganz einfachen Deal draus gemacht: wer das Auto bzw. meine Dienste möchte, der muss es dann aber auch vollgetankt zurückbringen. An dem Punkt hatte dann doch niemand mehr so richtig Lust, denn der Nissan ist zwar ein smoothes Gerät, aber nicht unbedingt zeitschonend. Der verbraucht mit einem vollen Tank im Eco-Modus ungefähr 100 km. Das ist auch innerhalb der Stadt nicht besonders viel. So kommt es im Schnitt dazu, dass ich alle drei Tage für eine Stunde an der einzigen Schnell-Ladestation in Berlin stehe. Wehe dem, der ihr weh tut! Denn dann wird es stressig: in der Stadt sind zwar auch einige “normale” Ladestationen (8 Stunden bis zum vollen Tank) verteilt, aber die sind immer wirklich so schlecht platziert und deren Parkplätze fast immer belegt, dass ich lieber den Umweg nach Schöneberg in Kauf nehme und dort eine Stunde warte, als mich auf der Suche zur Quälen.

Der Nissan ist groß, geräumig, schön und elegant zu fahren. Aber das Tanken ist ein ausschlaggebender Punkt, der richtig nervt. Das bringt aber wahrscheinlich auch ganz ungewollt einen weiteren energiesparenden Effekt: man lässt das Auto dann eher einmal mehr stehen. Aber das ist nicht unbedingt positiv zu bewerten. In einem Notfall kann man nicht einfach in das Auto springen und ins nächste Krankenhaus fahren, wenn nicht genug E-Sprit drin ist. Man kann nicht schnell für 4 Minuten an der Tankstelle rausspringen, abzapfen und losfahren. Das tut ein bisschen weh, wenn man bedenkt, wie praktisch und schön und sauber die Alternative zu den Standard-Karren ist.

Vielleicht ist das bei kleineren E-Autos anders. Der Leaf ist ja ziemlich groß für einen Kleinwagen. Er ist zwar immer noch kompakt, aber da passt wirklich eine ganze arabische Familie rein, wenn man es drauf anlegt, und die Oma von den Nachbarn, und noch einen Kühl-Korb mit Leckereien aus der Heimat. Ebbe liebt das Auto. Sie transportiert immer halb Berlin darin herum, hat seit dem ein Faible für Sperrmüll entwickelt, den sie in den Kofferraum schmeisst um zu Hause zu gucken ob er noch funktioniert. Man könnte also behaupten, der Nissan Leaf induziert ein gewisses Messi-Verhalten. Aber dafür gibt es noch keine empirischen Studien.

Jetzt, wo der Sommer mit Bazukaladungen Hitzestrahlen da ist, bleibt der Leaf immer öfter auch mal alleine zu Hause um Elektroteilchen zu schonen. Allerdings stehen noch einige Dinge an, für die er durchaus nützlich sein könnte: ein Ausflug an den See, eine Foto-Tour durch Berlin, ein Besuch bei Ikea und natürlich um Menschen anzufahren die mir hart gegen den Strich gehen. Der Derby hat übrigens auch einen schönen Beitrag geschrieben, der ein bisschen mehr ins Detail geht.

(Was das Auto sehr gut kann: Musik. Und so könnte man theoretisch den Tag damit verträumen, auf ausgiebigen Landstraßen zu fahren und die Freiheit der grenzenlosen Bewegung zu spüren. Wenn da nicht das mit dem Aufladen wäre).

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