Es ist Montag. Seit fünf Monaten ist es das erste Mal Montag für mich, und ich mache Papierkram – Arbeitsamt, Versicherung, Banken, Steuererklärung. Vielmehr, ich versuche es zu machen. Meine Gedanken schwenken ab zu den letzten Bildern aus Melbourne, die sich wie ein schlechtes, gestrecktes .gif ständig wiederholen. Ich kann es nicht abschalten. Ich kann über nichts anderes aus meiner Reise nachdenken, ich erinnere mich nicht mal mehr. Ich kann mir die Bilder nicht angucken, weil ich Angst habe, dass es noch mehr dieser Loops hervorruft. Mein Melbourne-Loop quält mich. Ich versuche etwas anderes zu sehen.

Was ich sehe: wie die Freunde, die ich mir auf der Reise gemacht habe, weiterreisen. Was ich sehe: dass ich die nächsten zwei bis vier Monate, je nach dem, wie schnell ich das Geld für die nächste Planetenwanderung zusammgenspart habe, einfach nutzlos vor mich hinvegetieren werde. Ich weiß noch nicht mal, was mich mehr frustrieren würde: jetzt arm und total am hustlen in Australien mein Geld zu verlieren, oder hier den Erwachsenen zu spielen und alles noch mal neu zu strukturieren. Ich weiß ja, wieso ich nach Hause geflogen bin, aber ich hätte ja nicht ahnen können, dass das so schwierig wird; nicht auf Reisen, nicht in Berlin, mit dem Kopf voll in Papierkram und die Lungen bis zum Zerbersten mit Purple Haze. Willkommen in der Vorstadt.

Ich fasse, klaglos, desillusioniert, enttäuscht und gleichzeitig stolz zusammen: das schönste daran, zu Hause zu sein, ist auch das schlimmste. Das fast schon panische Schreien und die Tränen meiner Mutter, als ich durch die Tür gefallen bin, stoned und erschöpft von Turbulenzen und Hangovern und allergischen Reaktionen; meine wunderbaren Freunde, die mich am Flughafenausgang mit ihrem absolut bescheuertem Banner (YEAH SARA IS BACK) in die emotionale Knie gezwungen haben; die Erleichterung, in einer RMV-Bahn zu sitzen, wohlwissend, dass mich hier definitiv keiner beklauen wird und ich meinen Scheiss deshalb einfach liegen lassen kann. Alles Gründe, um hier zu sein, und alles Gründe, um direkt wieder abzuhauen.

Ich hänge in der Luft herum. Ich hasse die Tatsache dass es noch kalt ist, und dass es einfach schwer ist, sich hier vom Arsch hochzubewegen. Im Internet passiert nichts Neues, ich werde nichts haben, worüber ich schreiben kann, die Parties werden sich wiederholen und der saubere Geruch und die geradelinigen Autobahnen werden mich in den Wahnsinn treiben. Wenn ich nur dieses beschissene Studium endlich abschließen könnte, halt, endlich anfangen könnte, dann hätte ich wenigstens die Rechtfertigung (und überhaupt die Möglichkeit) im asiatischen Ausland zu arbeiten, weiter zu reisen, Australien zu überspringen, wieder zu arbeiten, und so weiter, und so fort. Um nicht daran zu denken, dass das alles noch ein paar Jahre dauern wird, denke ich lieber an das, was unmittelbar vor mir steht.

Döner, ich freue mich auf Döner. Und Falafel. Schwarzbrot mit Nutella. Das Essen von meiner Mama. Eine gute Feierei mit den Freunden. Auto fahren. Koks für 60 Euro im Sonderschnitt (FICK DICH AUSTRALIEN, FICK DICH!). Unendlicher Musikdownload. Meine DSLR. The Cure laut aufdrehen und sich in die Winterjacke einlümmeln und kalte, weiße Luft ausatmen. Ich freue mich vor allem darauf, meinen nächsten Trip zu planen. Bald. Morgen schon. Das muss doch irgendwie. Verdammt noch mal.

This article has 5 comments

  1. Robby

    :)

    Vielleicht sollte ich auch mal in die große, weite Welt ziehen. Definitiv sogar. Die deutsche reicht ja (für den Anfang – und wahrscheinlich auch darüber hinaus) aus. Hell yeah, ich muss endlich sehen, dass ich meine abgefuckte Diplomarbeit fertig kriege und dann geht’s raus. Arbeiten. And it’s gonna be legen… wait for it… dary! :)

  2. sokro

    Am Allerschlimmsten is Bild 19 – so vertraut fremd, die “Herr! Schöne Tasche für schöne Frau kaufen?”-Rufe in den Ohren klingend, Salz und Schweißgeruch in der Nase habend vermittelt es meinen Füßen den Eindruck, sie hätten Sandalen an, meinem Kopf sagts “Rechne nochma nach, wie langst noch bleiben kannst!” und mein Herz hält kurz an.
    Dann blick runter. Sind doch nur meine altrosa Wollsocken, die mir die Oma vor 2 Jahren zu Weihnachten gestrickt hat, s Geld is schon alle, aber scheißegal, weil eh nix da wofür ausgeben und Herz pumpt Blut etwas schneller, aber sehr viel trauriger.

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