Es gibt einige Dinge im Leben, die ignoriert man so lange, bis sie einfach im Nebel der Nichtigkeiten verschwinden: Kummer. Depressionen. Herpes. Ihr wisst, was ich meine. Auch ich, trotz meiner unverkennbaren Genialität und umwerfenden Schönheit, habe da ein paar Anliegen in letzter Zeit verdrängt: Die Mitesser auf meiner Nase. Die Mitesser in meiner WG. Meinen Chef. Ihr wisst schon.

Und dann ist da noch das Thema “Blogs”, vielleicht auch “BlogBlues“, oder “Metadiskussion zu Blogs”. Und das Thema “Arbeit”, auch genannt “Sklaverei”, vielleicht auch vielmehr “Prostitution”. Die Leute kommen und fragen, “Hey S, was machst du eigentlich den ganzen Tag, und wieso verbringst du so viel Zeit im Internet? Hast du etwa kein Leben? Trägst du Kopftuch oder so? Bist du zu fett um aus dem Haus zu gehen?” Und jedesmal muss ich verschämt zur Seite blicken und leise murmelnd antworten: “Nein man.. ich bin… ich arbeite im Online-Marketing”. Bäm.

working-lady

Eine Frau fällt in Ohnmacht, nachdem sie einen lauten Schrei des Entsetzen ausstößt. Die anderen treten einen Schritt zurück, irgendwie wissen sie nicht, was sie mit dieser Ansage anfangen sollten. Einige beginnen zu tuscheln, andere lachen. Alles in allem wenden sie sich ab, und meine Erklärungsversuche gehen unter. Ja, ich wäre auch lieber wieder fett. Ich schäme mich. Wie kann ich nur meine Internetkenntnisse, die mir Pro-Bono von anderen Bloggern und der ganzen Community so warmherzig und selbstlos beigebracht wurden, einfach so verkaufen? A fucking sell-out, that’s what it is.

Aber hier ist etwas, dass mich wurmt, und will ich das endlich loswerden: das mit dem Bloggen. Mit dem, was ich mache, so fast den ganzen Tag. Die Konsequenz daraus ist, dass ich wahrscheinlich danach keine Leser mehr habe, weil alle glauben, ich will ihnen was verkaufen, und dass ich gefeuert werde, weil ich gerade geschrieben habe, dass ich meinen Chef als etwas ansehe, dass man verdrängen muss- aber ich war schon lange nicht mehr arbeitslos, und ich habe gehört, Hartz IV wird ab nächstes Jahr aufgestockt. Man muss ja auch mal was wagen im Leben. …

Zee Germans Are Ze Blogging!

Ich blogge seit meinem 11. Lebensjahr und bin die erste Zeit von Plattform zu Plattform, von Community zu Community gewechselt, bis ich irgendwann meinen Platz in der deutschen Blogosphäre fand. In der sogenannten “Not Another Useless Blog”-Szene. Auf Internetjahre hochgerechnet befanden wir uns damals noch im Mittelalter, da musste man im HTML sogar noch bunt malen und hatte kein CSS. Ich habe damals über meine ersten Frauenarztbesuch berichteti und viele schreckliche Dinge über Ausländer (also meine Familie) gesagt. Das erwähne ich jetzt nur um eine gewisse Autorität vorzuspielen, frei nach dem Motto: Ich weiß, wovon ich rede. Und ausnahmsweise stimmt es sogar, nur, dass ich eigentlich nicht gerne über Blogs rede, genauso wenig wie ich gerne über Twitter rede. Es sind Kommunikationsmedien, wie Zeitung, wie Telefon, wie auf dem Klo sitzen und die Pissgeräusche des Nachbarns zu analysieren. Für mich ist das Reden darüber irgendwie sinnbefreit, und umso lächerlicher ist es, dass ich auf einer weiteren Ebene nun darüber rede, wie lächerlich es ist, über etwas zu reden, was da ist, um zu kommunizieren. Hirnknoten.

was ich eigentlich sagen wollte, bevor ich das mit den Schachtelsätzen gestartet habe: Ich blogge nicht nur in meiner Freizeit, sondern auch in meinem Berufsleben (hier). I know, bummer. Eigentlich bin ich, rein abteilungsmäßig, nicht dafür zuständig. Aber kein Blogger dieser Welt will zusehen, wie die PR irgendwelche belanglosen und peinlichen Floskeln auf den Blog schmiert. Da lief es mir eiskalt zwischen den Arschbacken lang, und so habe ich mir “das Projekt” gekrallt und schrie in meiner Hochmut: “Fuck yeah, das mach ich doch schon seit Jahren, nichts leichter als das!”. Ich war überzeugt davon, dass ich meinen Schreibstil, meine Persönlichkeit und meine Interessen auch irgendwie auf einer professionellen Ebene darstellen könnte. Und ich glaube, so schlecht mache ich das gar nicht. Es macht mir sogar Spaß. Trotzdem bleibt ein Stigma über meinem Kopf hängen, ein fettes, schreckliches “No-Go”: Es ist ein Corporate Blog. Thanks, but no thanks.

Da ist es. Ich bin mir ziemlich sicher, man kann das alles besser machen, als ich es momentan tue. Und gerne würde ich noch viel mehr Zeit da rein investieren. Aber für einen Corporate Blog finde ich das, was man da schon lesen kann, bisher wenigstens nicht schlecht. Und was ist? Keinerlei Aufmerksamkeit. Das ist auch wieder sehr komisch, das hier zu schreiben, weil ich immer davon ausgegangen bin, dass ich sowieso schreiben würde: egal, ob es jemand liest, oder nicht. Egal, ob sich jemand damit auseinandersetzt. Ha fucking ha. Es ist ein bisschen so, als würde man einsam und frierend im Meer rumschwimmen, großartige Gedichte aufsagen und die Probleme der Welt lösen, und keiner ist da, um es sich anzuhören. Und alle Boote, die vorbeikommen, sehen dich nicht, obwohl dein Pickel auf der Stirn jedem SOS-Signal große Konkurrenz machen würde. Hmpf.

The Sell-Out

“Die wollen uns nur etwas verkaufen”. Hier muss ich mir wieder auf die Lippen beißen und kriege Magenschmerzen. Käuferportal, also das spektakulär-spannende Unternehmen, für das ich arbeite, verkauft nichts. Wir haben keine Produkte, die wir loswerden können. Wir können nichts verlosenii, wir können keine Rabatte geben, wir können keine Gutscheine ausdrucken und es macht auch keinen Sinn, eine hochumständliche iPhone-App zu entwickeln, die niemandem was bringt. Wir sind das Frankenstein-Start Up, so unsexy, wie man nur sein kann. Wir retten keine Bäume, wir basteln nicht mit Müsli oder Schokolade rum und bei uns kann man auch keine T-Shirts drucken.

Breaking My Back

Ich will mich darüber jetzt nicht groß beschweren, weil unser Produkt auch nicht an den affinen Internetkonsumenten gerichtet ist. Der Drang nach Aufmerksamkeit ist aber trotzdem da, deshalb ja auch der Blog, deshalb liegt mir das auch irgendwie am Herzen. Wir wollen auch einen Platz am Start-Up Himmel, ICH will diesen Platz! Ich schreibe viel darüber, was im Büro so abgeht, was in der Netzwelt so abgeht, welche Erfahrungen wir gemacht haben. Himmelarsch, ich verbringe die meiste Zeit meines Lebens damit, die Türen leise zuzumachen, weil die Nachbarn sich beschweren könnte. Ich bin die jüngste, die unerfahrenste, eine von wenigen Frauen und dann auch noch der Suchmaschinen-Arsch vom Dienst. Juhu. Aber das mit dem Blog, das will ich einfach gut machen, das will ich richtig machen. Ich will gute Beiträge schreiben, und wenn ich das tue, dann will ich, dass die auch gelesen werden. Ohne, dass sich die Leute denken: Nöh, die wollen mir was verkaufen. Sei es, wie es ist: ich will es nicht.

Aufmerksamkeit, ja. Wir wollen nicht vergessen werden, in einem Strom von innovativen, bunten und süßen anderen Start-Ups, die allein durch ihr Produkt schon eine Fanbase erstellen können. Unsere Fanbase besteht aus 56-jährigen, tattrigen Mittelständlern, die immer noch im IE6 surfen und sich bis heute noch wundern, wie ein Faxgerät funktioniert. Das soll nicht abwertend gemeint sein, im Gegenteil, ich liebe Otto, den Finanzdienstleister, und Karl, den Kopiererhändler, wegen denen habe ich ein monatliches Gehalt von fast einer Million Euro und kann das Koks und die Nutten für meine Kinder bezahlen.

Aber das sind halt nicht die Typen, die mal eben so einen Feed abonnieren.

Versteht mich nicht falsch: ich will nicht, dass ihr da alle rübergeht und euch verpflichtet fühlt, da jetzt den Feed zu abonnieren. Ihr seid auch gar nicht die Zielgruppeiii, und es würde mich irgendwie verstören, wenn ihr auch meine, äh, halbwegs seriöse Seite kennen lernt.

Vielmehr ärgert es mich, doch irgendwie diesen “Blog Blues” zu haben, den ich bisher so belächelte. Es ärgert mich, dass ich in all dieser Zeit plötzlich einen leistungsorientierten Anspruch an ein Hobby gelegt habe, dass mir nie schwer fiel. Bis jetzt. Bis es auf einmal nicht mehr funktioniert, weil ich nicht mehr über Nüllekäs’ oder Sexy-Time schreiben kann. Und dann frage ich mich: ist ein Blog vielleicht doch nicht das richtige Medium? Sollten wir doch lieber mehr TV-Werbung schalten? Und ich frage mich: mache ich vielleicht etwas falsch? Sollte ich einfach über andere Themen schreiben? Oder gibt es einfach keine Möglichkeit, für einen solchen Blog zu überleben? Und ich frage mich, ob das nicht nur ein Symptom eines viel größeren Problemes ist: woher kommt es, dass etwas sofort abgewertet wird, sobald man damit Geld verdient? Ist es dann weniger ehrlich? Ist es dann nur noch aufgesetzt, hinterlegt mit einem neonroten Pfeil, “Kauf mich, Ficker!!”?

I LURV U, KTHXBYE

Was passiert mit diesem Blog, wenn ich irgendwann tatsächlich die Notwendigkeit sehe, hier Geld zu verdienen? Es sei euch versichert, dass B. und ich eigentlich kein Interesse daran haben, Werbung zu platzieren. Wir brauchen die Kohle nicht, wir sind so viel, viel freier. Aber was ist, wenn wir irgendwann mal müssen? Was ist, wenn ich mir das Hobby irgendwann nicht mehr so einfach leisten kann wie jetzt? Verdammt, wieso muss ich überhaupt einen Grund dafür haben, wenn ich für das, was ich gerne mache, auch Geld bekomme?

Nein, nein. Das hier soll nicht in einer Grundempörung ausarten. Mein Gott, dann ist es halt so. Wie schon erwähnt nervt es mich einfach nur, vielleicht wegen dem Ego (wahrscheinlich wegen dem Ego), vielleicht, weil meine Erfahrungen anderes von sich geben, vielleicht, weil ich zu verwöhnt bin von einer Leserschaft, die sich tatsächlich mit meinen Beiträgen auseinandersetzt, Feedback gibt und mittlerweile zu meinem kleinen Freundeskreis wurde. Ich meine euch alle, jeder, der das hier gelesen (oder, ok, das ist ein großer Beitrag, da zähle ich auch “überflogen” mit rein ;) hat. Ich danke euch (und B. geht’s da bestimmt nicht anders) dafür, dass ihr hier seid, den Kopf schüttelt, mitlacht oder einfach nur denkt: in welcher Vorhölle der mentalen Retardation bin ich denn hier gelandet? Yop, euch alle meine ich. Ohne euch würde das hier keinen Spaß machen; und ohne euch macht’s drüben halt auch keinen Spaß. Das wollte ich nur mal sagen in knapp 2000 Wörtern sagen.

  1. die Alte hat erstmal Rammstein aufgedreht und mir den Troll-Face Blick gegeben; bis heute würde ich lieber zum Tierarzt gehen, als nochmal auf so einem Stuhl Platz zu nehmen []
  2. wir probierenes zwar , und ich finde die Aktion auch ganz interessant, aber es kommt nicht an- wem könnte ich es verübeln? “Blogparaden” waren so 2006… []
  3. ihr seid allermaximal die Zielgruppe für Geisteskrankheiten und Leberversagen, aber ich nehme mich da nicht aus. Im Gegenteil: Titten raus, Faxe saufen, Da simmer dabei, das is priihiima… []

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Comments ( 7 )

FTW

ornorubin kommentierte am Dec 03 09 um 18:58 --replyReply to this comment

… und ich Idiot habs auch noch gelesen ;-)

Malte kommentierte am Dec 03 09 um 18:59 --replyReply to this comment

@Malte: ich auch! ;-)

Also, ich muss sagen, deine Art zu Schreiben gefällt mir immer mehr. Nein, wirklich! Falls das mit dem Bloggen nicht so “toll” weitergeht, setzt dich hin und schreib ein Buch. Ja, so auf Schreibmaschine mit Papier. Ach quatsch, das geht ja heutzutage auch mit dem Laptop. Aber ehrlich jetzt, schreib dir die Seele aus dem Leib. Ich glaube..äh ich weiß, das könnte was werden. Ich würds kaufen. So lange gehe ich jetzt durch dien Blogs und lese jeden einzelnen Beitrag von dir, bis zu dem ersten als du noch 11 Jahre alt warst!
Ihr habt ja doch Rabatte drüben:
“PS: Für die SMX haben wir einen 15% Rabatt für unsere Leser aushandeln können! Wenn ihr also dabei sein wollt, einfach den Code “KAUFPORT010″ bei der Online-Anmeldung angeben und dabei sein!”
Lügnerin!

Achja und auf http://www.kaeuferportal.de/ gibt es keinen Hinweis, geschweige denn ein Link, zum Blog!

Tüdelü!

roitsch kommentierte am Dec 03 09 um 19:27 --replyReply to this comment

verstehe dich voll und ganz!

Toby kommentierte am Dec 03 09 um 19:46 --replyReply to this comment

“Es ist ein bisschen so, als würde man einsam und frierend im Meer rumschwimmen, großartige Gedichte aufsagen und die Probleme der Welt lösen, und keiner ist da, um es sich anzuhören.”

Und das führt mich wieder zu der Frage, ob man für sich oder für andere bloggt. Klar ist es bitter, wenn man kontinuierlich Blogeinträge schreibt und sie förmlich in den Wind feuert, obwohl nicht nur Müll dabei ist und zumindest auf Bloggerlesungen alle scheinbar so begeistert von den vorgetragenen Ergüssen sind. Nur muss jeder für sich selbst entscheiden: Blogge ich, weil ich das will und damit zufrieden bin, oder schreibe ich, damit wer auch immer mir seine Aufmerksamkeit schenkt?! Im Idealfall lässt sich wohl beides vereinen, ich für meinen Teil bleibe wohl an ersterer Stelle stehen und kann damit leben. Zumindest meistens :D

Robby kommentierte am Dec 03 09 um 19:56 --replyReply to this comment

Also die Reaktionen des echten Publikums hier verblassen ja doch etwas hinter den oben so schön beschriebenen.
Aber im Ernst, ich glaube nicht, dass irgendjemand ein Blog hat und nicht ein kleines bißchen auf die Aufmerksamkeit anderer schielt. Sonst könnte man ja wohl auch in ein txt-file auf die Festplatte schreiben. Aber corporate blog hin, Geld verdienen her, wen interessierts? Das wichtige ist doch das hier: “das will ich einfach gut machen, das will ich richtig machen”. Das machst Du. “Vorhölle der mentalen Retardation”? Wovon redest Du? Ich liebe Deine Art zu schreiben.

Not quite like Beethoven kommentierte am Dec 03 09 um 22:12 --replyReply to this comment

Verdammt, wieso muss ich überhaupt einen Grund dafür haben, wenn ich für das, was ich gerne mache, auch Geld bekomme?

Du brauchst keinen Grund. Seriously, warum soll man sich dafür rechtfertigen? Wenn ich als Leser dafür quasi die Gewissheit habe, dass es hier weiter gehen kann, so what? Das Geschwafel von wegen Beeinflussung und Kommerz und Ausverkauf und SKANDAL! und blabla ist sowas von 2007 und vor allem ein typisch deutsches Phänomen, dass man getrost ignorieren sollte. Außer Layer-Ads. Die gehn gar nicht.

Jeriko kommentierte am Dec 04 09 um 12:02 --replyReply to this comment

Copyleft 2009-2010 dragstripGirl: this is heavy. . Oh, honey, he's teasing you. Nobody has two television sets