Die Schlammschlacht letztens zwischen der halben Blogosphäre und einer taz-Autorin, die Philipp von NomNomNom hat abmahnen lassen, ist nun wieder vom Tisch des Tagesgeschehens gewischt. Spreeblick, Don Alphonso und Niggemeier stehen unter der Dusche, um das alles hoffentlich abzuwaschen und jeder Kommentator in den laufenden Debatten kam endlich mal wieder dazu, etwas verdammt zwei-nulliges zu sagen. Das war ganz schön aufregend. Wir müssen das jetzt nicht weiter ausführen, denn das, was zu diesem Fauxpas bereits für immer und alle Ewigkeiten ins Netz geschrieben wurde, ist ja fast überall vollständig nachlesbar.
Was ist übrig geblieben? Tja, einmal die Tatsache, dass die Definition des Internet – wie wir sie alle gerne sehen und verstehen – noch Zukunftsmusik ist und zum anderen, dass es noch eine verflucht große Asymmetrie zwischen Bloggern und Journalisten hierzulande gibt. Und im schlimmsten Fall wird eine Schlammschlacht geführt, in der auf der einen Seite jeder seine eigene Wahrnehmung und Kulturvorstellung als Anklage gegen das vermeidlich Obsolete darlegt. Und auf der anderen Seite, hallt harsch die unerträgliche Arroganz zurück. Diese Debatte hat deutlich gemacht, dass der Blogosphäre entweder verdammt langweilig ist oder aber dass ein riesiger Diskussionsbedarf zu Problematiken wie dieser herrscht. Letzteres ist natürlich äußerst wünschenswert. Der Diskurs hat stattgefunden und unter den vielen Kommentaren aller Akteure war auch so manches Mal etwas sehr Schlaues zu lesen, dass einem zu denken gibt.
Was können wir mitnehmen?
1. Blogger sollten sich wehren, wenn sie unberechtigt abgemahnt werden. Im Falle NomNomNom und einem ZEIT-Artikel trifft dies jedoch nicht zu. Philipp hat offenbar unwissentlich das Zitatrecht in seiner Definition gedehnt und aus Sicht unseres Netz-Kultur-Verständnisses trotzdem alles richtig gemacht. Denn er hat es als Zitat ausgewiesen und auf den gesamten Artikel verlinkt. Das ist meine persönliche Meinung. Aber er hätte es anscheinend nicht machen dürfen. Die Diskussion drehte sich letztendlich um die Verhältnismäßigkeit der Summe, die man ihm mit der Abmahnung aufbrummte. Und selbstverständlich um die Tatsache, dass man das alles auch hätte anders klären können. Professionell. So richtig möglich ist das aber anscheinend nicht.
2. Am Ende geht es um die wichtigste Währung im Web: Die Aufmerksamkeit. Und da kann sich wohl niemand von freisprechen. Beide Seiten hatten irgendwie nachvollziehbare Punkte. Und beide Seiten haben es nicht verstanden von Anfang an vernünftig miteinander zu sprechen, als das alles dann publik wurde. Ich möchte sagen, dass es gar in einem peinlichen Desaster endete, dass vielen Bloggern Angst machte, aber auch Mut (weil es gibt ja Spreeblick und Niggemeier). Und relativ unbekannte Journalisten können das alles zu einem Aufmerksamkeitstrichter umbauen und davon profitieren. Ich bezweifle jedoch, dass diese Taktik nachhaltig ist, womit ich in diesem Fall der taz-Autorin nicht unterstellen möchte, sie hätte es während des Gefechts so zu ihrem Gunsten gedreht. Im Kern hatte sie nämlich Recht, auch wenn ich ihre Art und Weise in höchstem Maße unsympathisch empfand.
3. Für die Zukunft sollten sich sowohl Blogger, als auch Journalisten im Netz ein paar Dinge bewusst machen: Blogger müssen vorher fragen, wenn sie etwas nehmen wollen, selbst wenn sie, wie Philipp, etwas Gutes im Sinn haben und Netz bereichern wollen. Journalisten müssen hin und wieder auf Augenhöhe herunterkommen, wenn sie nicht zerpflückt werden wollen. Und auch wenn ihnen das egal ist, sie das belustigend finden oder daraus virtuelle Puplicity generieren, wir teilen eine Sache: Das Schreiben im Netz. Wir verlinken, machen aufmerksam, subjektivieren und bereichern journalistische Inhalte damit. Und wir kaufen Zeitungen und lesen journalistische Inhalte. Blogger sind eigentlich eine Zielgruppe. Wäre eine Marke so mit seinen potentiellen Kunden umgegangen, wäre das fatal gewesen. Nicht generell, aber für den Ruf im Netz mit Sicherheit. Und es ist alles andere als vorbildlich und erzeugt eben viel Widerstand, den man dann eben sarkastisch kommentieren kann. Niemand hat gewonnen. Nur die mit den vielen Backlinks.
Dass es auch anders gehen kann, haben ebenfalls am Vorfalls-Tag , Annette Milz, Chefredakteurin vom Medium Magazin und Sebastian Heiser von der taz bewiesen. Natürlich so gut wie unbemerkt. Vernunft wird viel zu oft übersehen.
Sebastian Heiser hatte ein Interview mit Ines Pohl aus der Printversion des Medium Magazins abgetippt und ungefragt im taz-Blog veröffentlicht (siehe Verlinkungen im vorigen Absatz).
Annette Milz stellte Heiser auf Twitter zur Rede:

Ebenfalls kommentierte Milz im entsprechenden Blog, worauf Heiser äußerst angemessen und wohltuend reagierte:

Milz nahm die Entschuldigung umgehend an und die Sache war gegessen:

Das alles ist in Lichtgeschwindigkeit passiert. Ohne Schlammschlacht. Zwei kluge Menschen, die sich erwachsen und klug schnell geeinigt haben. Kann man sich natürlich die Frage stellen, ob das in diesem Fall ja auf Augenhöhe passierte (also Journalist vs. Journalisz und nicht Blogger vs. Journalist) und deswegen so professionell vonstatten lief. Derartiges Verhalten kann ich allerdings mit voller Überzeugung als angemessen und wünschenswert bewerten.
So löst man Probleme. Und beide Seiten wahren ihr Gesicht.
Fehler kann jeder mal machen, ob es nun aus Unwissenheit oder Faulheit geschieht, es ist menschlich.
Ich habe sowohl Annette Milz, als auch Sebastian Heiser telefonisch darum gebeten, diese kurze, faire und schmerzlose Diskussion auch mit Screenshots veröffentlichen zu dürfen. Und beide waren sich unabhängig voneinander einig: Miteinander reden, ohne dabei zu drohen, ist eine solide und fruchtbare Basis, auf der die Kommunikation und der vernünftige Dialog gedeihen kann.
Da können sich andere Journalisten, aber vor allem auch Blogger eine riesige Scheibe von abschneiden.
Danke nochmal an Annette Milz und Sebastian Heiser für ihre Offenheit und ihre Vernunft.
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Comments ( 6 )
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Nov 04 09 at
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Nov 05 09 at
13:37
Ich bin stolz drauf einen so coolen Co-Autor im Blog zu haben. Ohne Mist: genau so sollte es laufen, und die bekloppte Blogosphäre, die sich darauf stürzt, wenn jemand mal angepisst ist, ist halt genauso scheisse wie der Journalist, der eine “horrende” Summe fordert.
… gib’s ihnen dreckig, B.
Lieber B, glaubst Du, das hätte vorher besprochene Person weder gewusst noch (im Zweifelsfall) draufgehabt? Der ging es von vornherein ausschließlich um die Abmahnpatte. Ginge es “nur” um Gerechtigkeit, dann schickt niemand Anwälte los. Meinjanur.
Ach so, darf ich nicht vergessen: das Verhalten der Frau Milz und des Herrn Heiser von heute ist natürlich in Tat sehr wünschens- und lobenswert – so gesehen: Danke für die Info!
Ich vermute mal, dass die Abmahnung juristisch kaum durchzusetzen wäre (wenn man es auf einen Rechtsstreit ankommen ließe). Für “Zweitveröffentlichungen” lassen Journalisten normalerweise die VG Wort (so was ähnliches wie Gema) für sich arbeiten. Wer Anwälte dazu ansetzt, hat vermutlich nur das Abkassieren von Bloggern im Sinn. Sehr sehr unschön und unkorrekt von der taz-Autorin.
