Ich bin enttäuscht von der Zukunft. Twitter, Latitude, Wave, Facebook- großartig, noch mehr Erinnerungen daran, dass ich überhaupt keine Freunde habe und ständig nur irgendwelche Links mit Fremden austausche. Fremde, mit denen ich meistens im echten Leben bewusst und verständlicherweise nichts zu tun hätte.

Ich habe letztens ein N95 gefundeni, und habe mich tierisch gefreut dass auch ich jetzt den Schritt in die Zukunft mache und mobil im Netz bin. Bis mir auffiel, dass es mich nicht kickt, nicht bockt, und ich viel lieber meine Bettwäsche aufhängen möchte. Ich habe nichts zu erzählen aus meinem “Unterwegs-Leben”, weil ich kein Unterwegs-Leben mehr habe.
Und jetzt will man mich vielleicht auf meine Ignoranz hinweisen und sagen, dass dies die notwendigen Schritte in die Zukunft sind, und das wir so alle immer enger vernetzt werden, Brücken schlagen können zu Menschen, mit denen man ansonsten nicht in Berührung kommen würde. Man möchte mich doch bitte wachrütteln und mir zeigen, dass ich selbst der Informations- und Kommunikationssucht erlegen bin, das deutlichste Beispiel diese Plattform! Ich könne das alles ja nur nicht richtig schätzen, und man muss ja auch die positive Seite sehen. Aber am Ende läuft es trotzdem darauf hinaus, dass wir über das Leben auf einer Metaebene schwadronieren, ohne überhaupt mehr zu wissen, was das Leben eigentlich ist.
Es sollte aus mehr bestehen als Fakten, Informationen, Essays und Tweets. Mehr als nur das geschriebene Wort. Mehr als nur ein Video von etwas, was vielleicht gar nicht passiert ist. Aber das gibt es nichts, denn uns passiert nichts mehr. Wir setzen uns nur noch einen virtuellen Helm auf, der uns in eine unendliche Welt eintauchen lässt. Wir stellen uns lieber vor, wie wir Berge erklimmen, anstatt es zu tun. Das ist gut und das ist schlecht. Aber vor allem ist es deprimierend, wenn man so sehr an der Zukunft teilnehmen möchte und feststellt, dass der Fortschritt dorthin selbst es ist, der einen davon abhält.
Ich rede hier nicht von Kausalitäten und dem “gefährlichen Internet”, aber ich kann verstehen, wieso Leute an Überfettigung oder wegen eines Amoklaufes sterben: von einem Extrem ins Nächste, wenn das alles ist, was uns übrig bleibt. Und die Diskussion darüber? Es verändert sich nichts, außer die Plattformen, auf denen wir unsere inhaltslosen Nachrichten verbreiten. Die gleichen Themen und Best Of’s wie vor drei oder sechzehn Jaren. Nicht nur in anderen Wörtern, sondern auch in anderen Gewändern. Diesmal aber nicht auf einem Blog, im Fernsehen oder in der Zeitung, sondern in einem Wave. Oder in einem Tweet. Oder bei Ffffound.
Der Kontext bleibt auf der Strecke. Plötzlich sammeln wir irgendwelche Grafikschnipsel, auf denen weise Zitate stehen. Wir haben keine Zeit mehr, das ganze Buch zu lesen, weil wir vielleicht den Tagesstream verpassen könnten. In ein paar Jahren werden diese Spruchfetzen auf Häuserwände projeziert, nämlich per Laserstick aus der Hosentasche heraus. Und so drücken wir uns dann aus. Nicht mehr mit Händen und Füßen, nicht mehr mit Papier und Stift, sondern mit Lichteffekten und ohne Kontext. Wir sehen nicht, wer hinter der Kunst steht. Wir drehen nur noch Filme, die von Filmen inspiriert sind, nicht von der Realität. Ist es Sucht, ist es ein Überfluss an Synthetik, ist das das natürliche Habitat des Menschen, ist das Evolution oder Depression? Und dann stellt sich die ganz großartige Frage, so klar oder vielleicht doch nicht so klar: wer braucht noch Kommunikationsmittel, wenn es nichts mehr zu kommunizieren gibt, und niemanden, mit dem man kommunizieren will?
Ein Haufen Pixel auf einer ewig langen Timeline.
Versteht mich nicht falsch: ich finde das alles nicht schlecht. Oh, im Gegenteil. Ich bin der größte Fan von kurzlebigen Informationsfluten, die dann wieder langsam aus meinem Gehirn bröckeln. Und ja, ich bin die erste, die sich dieser Sucht, Leidenschaft, Krankheit hingibt. Aber es bleibt nicht ohne bitteren Nachgeschmack, wenn ich das Gefühl habe, nach 15 Stunden Arbeit im Internet genug gelebt zu haben.
Und es macht mir Angst zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin.
- ich habe es nicht zurückbringen können, ihr unsportlichen Moralaposteln, und abgesehen davon ist es jetzt bereits das sechste Mobiltelefon, dass ich so vom Boden aufklaube, irgendwann reicht es auch mit dem positiven Karma und man steckt den Scheiss halt ein. Es war höhere Gewalt! [↩]
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Comments ( 15 )
[...] PDF konserviert. Es nennt sich “Ausdruck“, und ich erwähne es hier nicht nur, weil auch ein Beitrag von mir drin ist, den ich nicht mehr auf Rechtschreibung und Grammatik überprüfen [...]
--reply
Ausdruck: Blog PDF von Jeriko | dragstripGirl: this is heavy. added these pithy words on
Nov 04 09 at
12:49
[...] zu demonstrieren (die anderen Texte sind nur Lückenfüller und Teaser). Mein Beitrag, Interconnectica, den ich mir übrigens auch nicht aussuchen durfte, ist schlecht vorzulesen und beinhaltet [...]
--reply
Ausdruck - Lesung in der Yuma Bar | dragstripGirl: this is heavy. added these pithy words on
Dec 16 09 at
15:18
Wie bei so vielen anderen Sachen auch, ist es auch hier die Kunst den gesunden Mittelweg zu finden und es nicht zu übertreiben. Ich bin ja nun auch ganz schön addicted zu dem Scheiss, aber es geht echt noch schlimmer. Teilweise echt grausig, wieviele Webhooren es gibt, dir ihr gesamtes Leben nur auf das Netz ausrichten.
Die Entwicklung geht nun mal da hin, aber vom RL hat man westentlich mehr und das wird auch noch lange so bleiben.
ich habe vor ein paar tagen durch zufall einen alten kumpel wieder getroffen, wir haben uns schön einen angetrunken und uns lange unterhalten. er war damals, vor über zehn jahren, einer der ersten leute in deutschland (der welt?) mit einem blog (damals gab es dieses wort noch nicht einmal). es war ein klassisches onlinetagebuch, alle party-, skate-, sauf- und fickgeschichten hat er dort der öfentlichkeit preisgegeben, ansonsten war er halt auch recht nerdig unterwegs. und heute? irgendwann anfang des neuen jahrtausends hat er die seite vom netz genommen, und dem ganzen on- und offlinegedöns abgeschworen. er hat zwar nie aufgehört zu schreiben, und denkt auch über ein “comeback” nach, aber wenn dann vorsichtiger als damals, weil einmal junkie immer junkie. berufstechnisch bedingt hat er zwar noch einen computer, aber nur noch im büro. privat sagt er, kommt ihm so ein teil vorerst nicht mehr in die bude. stattdessen geht er raus, jeden tag und jedes wochenende, skatet, fickt und säuft, und spricht auch gerne darüber. aber ohne mitteilungsbedürfniss auf digitaler ebene, sondern mit echten menschen in echten gesprächen. ich meine, okay, so addicted wie er war bin ich bei weitem (noch) nicht, und trotzdem hat mir diese sache doch ziemlich zu denken gegeben. so toll die vernetzung der sogenannten social-media-welt auch ist, genau so gefährlich ist das ganze auch. soll nicht heissen das ich das alles jetzt verfluche, aber ein wenig gemäßigter an dieses ganze zeugs ranzugehen wäre für viele leute gar nicht mal so schlecht…
oha, sorry für augenkrebs durch fehlende absätze…
mensch S, vom baum der erkenntnis genascht? was du gerade durchmachst nennt man wohl erwachsen werden, oder so.
und was du beschreibst mag zwar von vielen als hip und trendäy angesehen werden, aber es gibt auch menschen, die täglich mit dem medium zu tun haben und nicht besonders viel von twittern und 200 blogs im feedreader halten.aber wer sagt denn, dass wir am ende der entwicklung sind? der nächste schritt wird halt weg vom ständigen immer und alles in sich einsaugen zum sehr starken filtern und selektieren von informationen gehen. versuch mal jeden tag die komplette tageszeitung zu lesen. macht ja auch keiner.
man sollte einfach einmal im monat überlegen, welche informationsquellen, die man täglich anzapft, einen weiter bringen und welche nur aufhalten. und dann sollte man so vernünftig sein, die richtigen schlüsse daraus zu ziehen.und ist social media whoring nicht eh was, was ab einem bestimmten lebensalter nachlässt? sollte man zumindest hoffen.
aber fang bitte wieder an links mit fremden zu teilen. das ist komplett nicht doof.
Stimmt schon, vom Sex reden ist was anderes als ihn zu haben. Aber kommt halt immer drauf an was man draus macht. Gibt ja auch diese Leute, die auf Reisen gar nicht mehr hingucken, nur Fotos machen, die sie dann zuhause bearbeiten und vorzeigen können. Und es gibt die die Fotografieren zum Anlass nehmen, genauer hinzusehen und mehr von der echten Welt zu haben.
Konsequent wäre es also, nie mehr hier her zu kommen, seinen Router anzuzünden und aus dem PC einen schicken Hamsterkäfig als Hauptpreis für die Schultombola zu machen.
Manchmal vermute ich, dass daher AUCH das RL von vielen als banal empfunden wird. Über alle Medien wird bewiesen, dass das, egal was man macht, schon von zig anderen zu zig Zeiten gemacht wurde. Das Einzigartige, Originelle bleibt auf der Strecke, so kommt es dem Einzelnen – mir – vor. Wie kann man noch Individuum, also unteilbar sein, wenn man jede Erfahrung doch mit allen anderen teilt, man ständig virtuell entdeckt, das nichts neu ist. Das war auch früher so, aber man wußte es nicht. Nur DAS gibt es “hier” zu entdecken. ( Firefox-Hinweis: ihre “das”-Patrone geht zur Neige, bitte auswechseln!)
Also: Scheiße, Du hast mein Unbehagen in Worte gefasst! Und genau darum komme ich wieder, weil Du diesem Irrealen ein Antlitz gibst – bis gleich …
Ey, HecPac, und was ist mit Musik, WAS IST MIT MUSIK???ßßß\\ Erzählmirnich, Du hast “hier” noch nix endeckt? Alter!
(Ich hasse dieses Nachtreten in den Comments, besonders, wenn ich es selbst erledigen muß.)
ähm.
einige menschen versuchen sich so heftig am und im netz, weil deren RL so einiges nicht hergeben mag. und das liegt natürlich nicht am medium. so wie das RL das hier alles im netz belebt, so belebt auch das hier alles das RL. meins jedenfalls.
aber nur eins von beiden ist real.
und das wäre das einzige, das nicht zu ersetzen ist. denn das war vorher da.
Ich bin der Meinung, sowohl das “virtuelle” Leben als auch das “reale” Leben sind real. Ich bin sogar der Meinung, dass man es nicht verschiedene Leben, sondern nur verschiedene Aspekte eines vollständigen Leben. Ich diskutiere mit meinen Freunden über Themen, die ich online entdeckt habe. Ich rede im Netz über Erfahrungen, die ich auf der Straße, in Kneipen oder an der Uni gemacht habe. Ich werde über hübsche Bildr mit Zitaten drauf auf Bücher aufmerksam und ich stelle andere Zitate, die ich in Büchern entdeckt habe, ins Netz. Ich halte mich mit Zeitungen ua in der Uni-Bib über Themen auf’m Laufenden, die mich als internet-affiner Mensch interessieren und ich werde über die Zeitung und Uni auf Themen aufmerksam, die ich ich mich online vertiefend informiere. Ich empfehle im Netz Lieder, die ich gerne höre und ich finde im Netz Lieder, die ich mir dann auf Parties wünsche. Ich gehe auf Parties und hab Spaß und durchlebe die Nacht am Nächsten Tag nochmal indem ich die Bilder auf StudiVZ anschaue. Ich weiß, was meine Freunde im Auslandssemester machen, weil über Facebook und Skype Kontakt halte.
Was ich sagen will: Beides ist real. Natürlich gibt es einige, die sich so auf’s Netz versteifen, dass sie das Leben verpassen. Genau wie es Menschen gibt, die sich so auf Parties oder Unis versteifen, dass sie das Leben verpassen. Aber da, wie Bastih richtig sagt, das Internet durch die Realität entsteht, ist es auch real.
Wenn man der Meinung ist, dass man zuwenig erlebt (wer auch immer der festgelegt hat, was überhaupt lohnenswerte Erfahrungen und Erlebnisse sind. Darüber könnte ich mich noch ausufernder aufregen. Ist ein rein im Netz verbrachtes Leben wirklich grundsätzlich verschwendet, wenn man damit glücklich ist!?…) Also wenn man der Meinung ist, dass man zuwenig erlebt, dann kann das Netz nur teilweise ein Grund dafür sein und nicht die ursprüngliche Ursache. Und ich will niemanden angreifen, aber man ist dann selbst schuld.
Mein RL ruiniert mein Internetprofil mit Rechtschreibfehlern.
Unglaublich, vielen Dank für eure Kommentare! Das habe ich mir immer gewünscht: Eine Diskussion anstoßen können und intelligente Menschen um mich herum versammeln. Ich glaube, mein virtuelles Leben ist verdammt viel besser als IRL. ;)
Gibt’s eigentlich noch die Sache mit dem “.”?!
Falls ja: .
Wurde ja schon alles gesagt.
@sven e.
vor allem dieser von dir angesprochene punkt ist richtig richtig diskussionswürdig, oder sagen wir mal lieber interessant:“[...] Ist ein rein im Netz verbrachtes Leben wirklich grundsätzlich verschwendet, wenn man damit glücklich ist!?… [...]“
ich glaube eben auch nicht, dass ein gänzlich im netz gelebtes leben, grundsätzlich verschwendet ist. aber dem geht vorraus, dass es keine umstände waren, die einen menschen dazu bringen im netz “zu leben” bzw. sich ausschließlich dort zu sozialisieren (was nebenbei bemerkt hervorragend funktioniert). er muss sich alleine dafür entschieden haben ins netz zu “gehen”. und nicht etwa dorthin “geflüchtet” zu sein, also eine kompensierung. wenn er sich dafür entschieden hat, kann er, sofern er sich virtuellen freundschaften ehrlich hingibt, durchaus erfüllt sein. aber das ist natürlich spekulativ.
mir geht es allein um den punkt, dass wir aus unseren köpfen herausbekommen müssen, uns mit solchen menschen auf sozialer ebene um einen vergleich zu bemühen. dann das ist unsinn. man mag spotten über solche menschen, aber ist der spott und das mitleid nicht manchmal auch falsch. das problem ist eben, dass das internet eine prima ablenkung oder freizeitgestaltung bei der masse der nutzer darstellt.
was ist mit menschen, die im netz arbeiten, ausschließlich? sind diese menschen internetsüchtig und verlieren den blick für die realität? schwierige sache, wie ich finde…
