re:strealität 2010

Veröffentlicht April 16, 2010

Es ist so unfassbar schwierig, etwas über eine Konferenz zu erzählen, an die ich kaum Erwartungen gestellt habe außer “Gleichgesinnte treffen”. Es ist vor allem schwierig, weil ich selbst nicht genau weiß, was ich von Vorträgen auf einer Meta-Ebene außerhalb ihres eigenen, “natürlichen” Entstehungsraumes halten soll. Mich kotzt im Internet ja schon an, dass wir die ganze Zeit über das Internet reden; eigentlich will ich das gar nicht auf das “echte Leben” übertragen.

Und so bin ich also hin- und hergerissen: im echten Leben genervt davon, dass keiner meine Meme-Anspielungen versteht und meine Punchlines mit hochgezogenen Augenbrauen kommentiert werden. Im Internet bin ich genervt davon, dass nicht Web 2.0, Technologie und Social Media selbst genutzt werden, sondern nur als Gesprächsthemen im Mittelpunkt stehen. Was kann mit  Twitter dies, wieso ist Facebook schlecht das, werden Blogs relevant hier, kann man Wikipedia vertrauen da. Manchmal möchte ich einfach nur frustriert schreien und jemandem, am besten Spiegel Online, ins Gesicht treten: Macht mal die Köpfe wieder zu und kommt mal klar ihr Opfer!  Wir nutzen das alles doch schon. Wir sehen doch, welche Schritte gemacht werden. Wir sind doch der treibende Teil. Wieso müssen wir das immer und immer wieder so lange zerreden, bis wir es selbst nicht mehr hören können? Bis die, die eigentlich zuhören sollten, uns für völlig gestört halten?

90% meiner Freunde “aus dem echten Leben” nutzen Facebook ohne einmal zu hinterfragen, wie sich das jetzt auf unsere Gesellschaft auswirken kann. Sie tun es, sie nutzen es, es hat sich schon ausgewirkt und dafür muss man sich nicht in 12 Stunden Selbstreflektion üben. Andererseits schreibe ich selbst darüber. Und vielleicht sind nur deshalb meine Freunde so unbekümmert, weil andere Leute für sie reflektieren.

Die Frage, die ich mir stelle, ist grundsätzlich: was können wir mit dem Wissen, außer uns selbst zu bereichern (was ich hiermit keineswegs verurteilen möchte, immerhin ist das auch mein primäres Ziel gewesen), tatsächlich in unserer Welt erreichen? Nein, nicht nur die Internetwelt- die gibt es für mich nicht mehr. Es gibt nur noch eine einzige Welt, die an verschiedenen Orten stattfindet. Einmal im Internet und parallel dazu in Deutschland oder in Australien oder im Kongo.

Veranstaltungen wie die re:publica sind vielleicht deshalb wichtig, weil jeder, der daran teilnimmt, auch bewusst realisieren kann wie schnell diese Verschmelzung zweier Existenzdimensionen eigentlich stattgefunden hat. Wir bringen das “anfassbare” Leben mit all unseren Gedanken und Freunden und Netzwerken ins Internet – und holen unsere “abstrakten” Gedanken und Freunde und Netzwerke genauso aus dem Internet wieder heraus. Treffen das Gemisch “in echt” auf einer “echten” Konferenz mit echten Leuten. Nothing awkward about that- aber das war ja nicht immer so.

Zurück zur ursprünglichen Frage: was kann ich mit dem Wissen anfangen, das ich gesammelt habe? An vielen Stellen wurde bereits genörgelt, dass man überhaupt nichts Neues aus der Konferenz getragen hätte, dass die Vorträge zu einseitig waren, wie es halt immer ist. Ein einziger Circlejerk an “Wir finden uns toll” der sich in Richtung “schon wieder die gleiche Brühe” benimmt, immer die üblichen Verdächtigen- und hey, wem erzählst du hier was? Wir sind alle Social Media Experten!

Eigentlich müsste die re:publica jedem, der einen Twitteraccount besitzt und weiß, was RSS ist und mehr als eine Stunde am Tag im Internet verbringt verbieten, ein Ticket zu kaufen- und stattdessen versuchen, Menschen einzuladen, die nicht wissen, was sichere Browser sind, wie Blogs funktionieren, dass nicht jeder, der im Internet Freunde findet auch ein verpickelter Psychopath ist, und so weiter. Das sind die Menschen, die das hören müssen. Was ich also lerne? Nächstes Jahr nehme ich die Bundeskanzlerin, meine Mutter und meinen kleinen, internetbehinderten Bruder mit. In großer Hoffnung, dass noch mehr Platz gemacht wird. Und vielleicht haben wir bis dahin auch aufgehört so über das Internet zu reden, als wäre es eine andere Welt.

Kann man natürlich alles unter dem diesjährigen re:publica Motto “now:here” zusammenfassen, frei nach der Interpretation “Wir sind jetzt gerade hier und nirgendwo anders – also Fresse halten und weitertanken!”

Randnotiz: Natürlich steht und fällt der Entertainmentfaktor vor allem mit den Menschen, mit denen man unterwegs ist. Danke, Jungs ((ich habe glaube ich in 3 Tagen mit lediglich zwei weiblichen Wesen geredet. Bald wachsen mir Barthaare, ich sag’s euch)), für die köstliche Unterhaltung. Ihr wisst, wer ihr seid.  Und danke an die Veranstalter für ein großartiges Line-Up. Nächstes Jahr steh ich dann auf der Bühne und erzähl euch etwas davon, wie man mit einem Blog eine Weltreise finanziert bekommt. Vielleicht.

(Irgendein Hirsch hat sich ein re:strealität T-Shirt drucken lassen. Nicht, dass ich das Wort patentiert hätte, aber ich hasse dich. Und wenn ich dich jemals mit diesem T-Shirt sehe, anonymer Mensch, dann werde ich dir ins Gesicht kotzen. Nur, dass du schon mal Bescheid weisst.)

photo by Daniel Seiffert

 

18 comments in “re:strealität 2010”

  1. zimtsternin says:


    Mal ein anderer Ansatz über die re:publica zu resümieren. Find ich interessant. Und du hast auch recht.
    Ich würde mir mehr Freund wünschen, die das Internet auch mal so ein bisschen mehr kapieren und wissen was Social Media Zeugs ist. Aber das ganze Gerede bringt ja eh wieder nichts. Die Leute, die mittendrin sind, sind genervt davon oder diskutieren angestrengt mit und die, die außen vor sind, sind abgeschreckt und fassen dieses komische Zeug lieber gar nicht an.

    Keiner aus meinem realen Freundeskreis kann mit der re:publica was anfangen. Und aus meinem Internetfreundeskreis auch nicht. Zumindest der weibliche Teil. Ich fühle mich da schon fast wie sowas außerirdisches.
    Vll sollte ich mir aber nächstes Jahr (da hab ich nämlich wirklich ernsthaft richtig vor da vorbeizuschauen) auch jemanden schnappen, der von dem allen nicht so begeistert und nicht so integriert ist, wie ich, und den mitnehmen.

    Was mich irgendwie wieder an die Zeit der Aufklärung erinnert.

  2. Lia says:


    “Wir nutzen doch das alles schon” ist einfach der Punkt, den irgendwie noch nicht so viele Leute gecheckt haben und an dem so viel scheitert.

  3. Das Kraftfuttermischwerk » Just my daily two cents says:


    [...] re:strealität 2010 | dragstripGirl: this is heavy Mir persönlich ist dieses ganze Internet-Meta-Gesabbel grundsätzlich ja total latte. Es geht mir auch ein wenig auf den Saque, wenn ich ehrlich bin. Ich mache den ganzen Quatsch hier, weil ich das kann – rein technisch. Mehr nicht. Dafür, dass das alles so geht, bin ich dankbar, sehr dankbar sogar. Aber es bewegt mich nicht, zu einer sich darauf fokussierenden Konferenz zu gehen. Warum auch? Um die Menschen hinter den CSSten Spiegel ihrer selbst zu sehen? Nee, juckt mich nicht. Und das meine ich nicht mal böse. Ich mag diese Form der Selbstdarstellung seiner selbst ganz gerne, was nicht ausschließt, dass ich schon dem ein oder der anderen schon gerne mal beim Wein gegenüber sitzen wollen würde oder so. Nur: dafür muss ich mir nicht soviel Theoretisches geben. Ich hasse Theorie. [...]

  4. Ronny says:


    btw: Restrealität ist ein schon fast altes Berliner Forum von Technnauten. Vielleicht deshalb das Shirt. ;)

  5. S says:


    @Ronny: ach ja, ich weiß das doch. da kommt die Inspiration ursprünglich auch her. Ich hab ja die Kategorie aufm Blog und letztens getwittert, dass ich das als re:publica t-shirt machen lassen würde. hab ich aber nicht, weil weltreise > unsinn. und dann hat das jemand anderes gemacht und ich weiß nicht ob das damit zusammenhängt aber ich hasse diese person trotzdem. schieb’s auf die frauenlogik. hehehe.

  6. UARRR.org » Blog Archiv » re:kapitulation 2010 says:


    [...] oder bei denen es mich besonders freute, sie kennenzulernen: Markus, Jan, Martin, Leopold, Sara, Torsten, Paulchen, Christoph, Jojo, Jens, Julia, Johannes, die Jungs und Mädels von [...]

  7. Tweets die re:strealität 2010 | dragstripGirl: this is heavy. erwähnt -- Topsy.com says:


    [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von sv erwähnt. sv sagte: Re:publica summary by @saripari: A circlejerk of 'We are so great'. http://is.gd/bwQzR (in German) #rp10 [...]

  8. Matze says:


    “Eigentlich müsste die re:publica jedem, der einen Twitteraccount besitzt und weiß, was RSS ist und mehr als eine Stunde am Tag im Internet verbringt verbieten, ein Ticket zu kaufen…”

    Ha! Sehr schön, genau die Erkenntnis reifte heute morgen auch irgendwann in mir, als ich versuchte, 2 besoffenen kategorischen Twitter-Verweigerern zu erklären, warum selbiges gut und wichtig ist: “Eigentlich hättet ihr da hingehen sollen, und nicht ich…”

  9. MC Winkel says:


    Vielleicht sollten man nochmal eine zusätzliche Web2.0-Konferenz erfinden, für Lebeleute. Also die, die das so nutzen wie es gedacht war – re_fugliqua.de ist noch frei.

    Es war mir eine große Freude und ich looke jetzt schon wie Sau forward auf Deinen Vortrag nächstes Jahr! (Friedrichspalast oder QCC, was wird es? :))

  10. AMY&PINK » Revolutionieren leicht gemacht - Die re:publica in Berlin says:


    [...] Fazit gestaltet sich bei mir ähnlich, wie bei der Frau mit Mütze. Das Festival der Unique Visits machte großen Spaß, viele der Panels, Beziehungen und [...]

  11. Claudia says:


    Was ist daran so schlimm, wenn jemand anders eine Idee umsetzt, die man selber auch hatte, aber nicht zustande bringt? Es gibt kein Urheberrecht auf Ideen, sondern nur auf die Form der Ausführung – und das ist gut so. Sonst hätten wir nämlich die totale Lähmung, denn niemand kann sich sicher sein, dass die eigene Idee kein anderer auch schon mal hatte.

    Und wer nicht reflektieren mag, sollte nicht auf Konferenzen gehen – was soll denn dort passieren anstatt des Nachdenkens über die Themen der Konferenz?

  12. re:flecting #rp10 says:


    [...] richtig: #rp10: Ohne Netzneutralität ist alles nichts – unbedingt lesen! dragstripgirl.de: re:strealität 2010 wirres.net: Tag 2 und 3; Tag 1 thorstenas #rp10 – schön, kurz, griffig UARRR.org: [...]

  13. S says:


    @Claudia: Nein nein, das kam jetzt negativer und harscher rüber als es gemeint war. Ich habe keine großen Erwartungen gestellt und wurde von großartigen Vorträgen und der Verständnis um die Relevanz solcher Konferenzen positiv überrascht.

    Es waren wirklich viele Besucher da und es werden von Jahr zu Jahr mehr- das ist eine fantastische Entwicklung, weil eben weniger Leute davor Angst haben, das Internet in ihr Leben zu ihrem Vorteil zu integrieren.

    Was ich anmerken wollte war meine eigene Ignoranz dahingehend, was so eine Konferenz bringt, wenn man die ganze Zeit dieselben Themen bespricht, die man auch im Internet abhandelt. Tatsächlich ist aber GENAU DAS so wichtig, damit deutlich wird, dss diese Themen unsere “echten” Leben beeinflussen. Also, ganz im Gegenteil: ich kritisiere das nicht, ich bin ein großer Befürworter. Ich hoffe eben aber auch, dass in den nächsten Jahren nicht nur die Nachfrage der Nerds und “Digital Residents” groß bleibt, sondern auch eine andere Gruppe, eine, die vielleicht auch im Internet noch jung und naiv ist, dazu kommt, weil langsam auch außerhalb unseres Kreises bewusst wird, wie wichtig das eigentlich ist.

  14. Meine 20 Cent für 2010-04-18 | I ♥ electru.de says:


    [...] re:strealität 2010 Die wohl zutreffendsten Worte zur re:publica hat wohl Sara gefunden. [...]

  15. Neue Westfälische - Blogspot says:


    [...] “S.” von dragstripgirl.de gehabt haben. Denn sie schreibt in ihrem Beitrag “re:strealität 2010“: Eigentlich müsste die re:publica jedem, der einen Twitteraccount besitzt und weiß, was [...]

  16. Wie ich auf der re:publica 2010 zum eigenen Panel zu spät kam says:


    [...] viele alte Bekannte wiederzusehen und es war super, endlich die ganzen neuen, frischen Blogger (und Bloggerin) kennengelernt und für so sympathisch gehalten zu haben, wie man es sich ohnehin schon dachte. [...]

  17. B says:


    Wenn es soweit ist und Noobs zur Republica kommen, gehe ich auch hin. ;)

  18. Holy Moly » Blog Archive » WILLKOMMEN IN BERLIN says:


    [...] 90% meiner Freunde “aus dem echten Leben” nutzen Facebook ohne einmal zu hinterfragen, wie sich das jetzt auf unsere Gesellschaft auswirken kann. Sie tun es, sie nutzen es, es hat sich schon ausgewirkt und dafür muss man sich nicht in 12 Stunden Selbstreflektion üben. Andererseits schreibe ich selbst darüber. Und vielleicht sind nur deshalb meine Freunde so unbekümmert, weil andere Leute für sie reflektieren. [..] source [...]

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