"Girl gone wide."


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Es gibt diesen Moment im Verlauf einer jeden bewegten Pubertät. Er hat mit den verstaubten Platten der Eltern zu tun oder mit den zerkratzten Maxi-CDs des großen Bruders. Der Moment in dem du das erste Mal wirklich Musik hörst, ganz bewusst, mit allen Sinnen. Der Moment indem sich das Fundament bildet auf dem sich im Verlaufe deines Lebens dein Musikgeschmack erstrecken wird und damit auch ein wichtiger Teil deiner Identität (manche haben ihn nie und deshalb gibt es die Charts).

Jason Chung hatte diesen Moment als Drittklässler, dank des Fahrers seines Schulbusses. Der hörte täglich den lokalen HipHop-Sender und so verliebte sich der kleine Jason in die Hochglanz-Beats von Dr.Dre und die Sound-Experimente der Beatjunkies während draußen die Großraum-Landschaft von Los Angeles vorbeirauschte. Mit 13 gipfelte die Verehrung für seine Lieblings-Produzenten im Wille ihnen nachzueifern und so bastelte er solange am PC seines Vaters herum, der angeblich sogar mit WORD Probleme hatte, bis er zuhause seine eigenen Beats zusammenfummeln konnte. Er saugte alles auf, erforschte jedes Genre, erlebte seinen ersten RAVE, entdeckte seine Leidenschaft für INDIE, ging zu Punk-Konzerten und versuchte dann zuhause all diese Einflüsse, Interessen und Stile in einem Sound-Kosmos zu vereinen. Beim zeichnen von Graffiti-Skizzen drückte der Stift durch und er las seinen Namen rückwärts; sein Synonym war gefunden: NOSAJ (no such) THING. Dann kam die LOW END THEORY. Eine wöchentliche Partyreihe in LA bei der all die bekannten Dub-step-electronica-progressive-whatever-Leute spielten, von Flying Lotus bis Dadelus. NOSAJ hatte seine musikalische Heimat gefunden und gleichzeitig die Plattform, die er für seine eigenen Produktionen brauchte. 2006 veröffentlichte er seine erste EP Views/Octopus, da war er 20. Von da an war er das beatbastelnde Wunderkind aus LA. Zwischenzeitlich bekam er größere Aufmerksamkeit weil Kid Cudi einen seiner Tunes auf seinem vielbeachteten Mixtape man on the moon verwendete. Nosajs Durchbruch kam allerdings erst letztes Jahr. Mit seinem Debüt Drift.

Drift ist alles. Kopfnickende HipHop-Beats, aufgekratzte Synthesizer, abstrahierte Störgeräusche, dekonstruierte Gesangsschnipsel, dumpfe Dubstep-Ästhetik, melodisch und zugleich unruhig. Hoffnungsvoll und depressiv. „A cinematic record“ wie er selber sagt. Und ja, man muss sich entscheiden, ob man eher mit den Beinen den rhythmischen Beats folgen soll oder mit den Gedanken der in die Melodien eingebetteten Visionen dieser Musik. Denn so fremd sich die verschiedenen Elemente auch anfühlen mögen, Nosaj kitzelt sie bis zur Symbiose. Bei ihm zu Hause läuft mittlerweile Chopin und mit 1685/Bach beherbergt Drift eine Hommage an den großen Komponisten. Das ist eben nicht einfach nur DUB oder Electronica oder FUCKALLTHESEGENRES, es ist NOSAJ THING.

Heute Abend werden seine komplexen Soundkonstrukte die Tanzfläche des ICON in Berlin beschallen. Für 10 Euro kriegt ihr NOSAJ und den französischen Produzenten ONRA. Tut es. Ich bin der, der mit Augen zu tanzt.

Heaven Can Wait Remix

1685/Bach

Eines der hibbeligsten Stücke auf Drift, aber es geht einfach REIN.

by N in (Pop)Kultur Berlin Musik


Comments

12 Comments

  1. March 19, 2010

    Die Platten meines Bruders, namentlich AC/DC’s Back in Black und KISS’ Rock And Roll Over haben bei mir wohl den Grundstein gelegt. Dann kam Fear Factory und alles war vorbei. Mir gefällt der Vergleich mit den Charts.

  2. S #
    March 19, 2010

    Es hat immer was mit den Brüdern zu tun! Ich hab meine ganze Jugend versucht mich gegen Hip Hop und Rap zu wehren aber es war immer da.. und damit auch die Beats.

    Und @Jeriko: Das sagt der, der A Tribe Called Quest erkennt ;)

  3. March 19, 2010

    @S http://www.jeriko.de/2007/05/21/a-tribe-called-quest-i-left-my-wallet-in-el-segundo/ ;-)

    (Kannst ja mal durch mein Music-Archiv stöbern, da gibts noch so ein paar Dinger)

  4. March 19, 2010

    Hat was, auch wenn mir das Erste insgesamt zu überladen ist (die “Hintergrundspur” würde mir schon reichen – oder ein selteneres oder weicheres “Klatschen”) und Zweites sich für meinen Geschmack zu unharmonisch anfühlt.

  5. March 20, 2010

    Von irgendwem wird man irgendwann beeinflusst, ohne es zu merken. Bei mir war das mein Dad, weswegen ich heute (unter anderem natürlich) auch auf so uncoole Sachen wie Peter Gabriel, Johnny Clegg und Miles Davis stehe.

  6. March 21, 2010

    Mein Vater besitzt keine CDs, älter Geschwister habe ich nicht und meine Freunde haben Charts gehört. Ich konnte also nur die CDs und LPs meiner Mutter hören und betrachte es somit als kleines Wunder, dass ich Peter Maffay, Howard Carpendale, Westernhagen, ABBA, Genesis und dem Phantom der Oper zu meinem aktuellen Musikgeschmack gefunden habe.

    Nosaj Thing gefällt, wäre mir aber für ein Mischpult-Konzert zu langsam.

  7. March 21, 2010

    herr N, ich beglückwünsche sie zu ihrem exzellenten musikgeschmack und hoffe der abend war killer (auch wenn ich kraaaaass neidisch bin) :D

  8. S #
    March 21, 2010

    @kid yeah!: So viel zum Killerabend: http://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=104005289630818&id=8938408998

    Haben gut gekotzt und mussten stattdessen ins Watergate mit Prollboys tanzen. Naja, “mussten”, aber der Frust saß tief im Nacken. Nosaj Thing zieht jetzt weiter in die USA, wo er mit The XX touren wird. Sozusagen die Killer-Kombo. Shit, man.

  9. March 22, 2010

    @S: ah, shizzle. is mir mal bei the streets passiert, oberuncool sowas.

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