“Wir sind nur einmal jung” rechtfertigt alles- jeden Fehler, jede unmoralische Handlung, jede rücksichtslose Bewegung und jede Distanzierung vom Gemeinwohl in einem einzigen Satz gefangen und abgenickt. Wir erlauben unseren Kindern diese Freiheiten, weil sie noch früh genug die Hürden und die Lasten eines verantwortungsvollen Leben auf ihren so schwachen Schultern spüren werden. Manche entscheiden sich freiwillig dafür, manche haben nie die Gelegenheit ihre Limits zu sprengen und werden in das Erwachsensein rein geboren; ich, ich bin hier mittendrin und mir dessen bewusst. Aber nicht für immer.

Ich weiß, du und ich, wir werden die nächsten drei oder vier Jahre noch toben und spielen wollen, unsere Grenzen austesten wollen und sehen wohin uns diese verrückte Welt und die augenscheinlich nie endende Jugend hinführen wird, aber ich sage dir ganz ehrlich und unvermittelt: ich bin nicht für immer jung, und ich will mir nicht für immer alle Möglichkeiten offen halten. Ich will die nächsten Jahre mit dir und euch auf Drogen verbringen und jeden Tag chaotischer leben als vorher, dazulernen, wissbegierig aufsaugen und im Dreck aller Träume wühlen. Ich will die nächsten Jahre von einem spontanen Trip zum nächsten jetten, ich will auf Parties gehen, studieren, die Welt sehen. Ich will mit dir in einem Bett liegen und darüber philosophieren warum wir nie zusammen sein können, ich will berührt werden und verletzt werden und ich will alle Erfahrungen in eine kleine Schatzkiste packen und daraus ein Paket für meine Zukunft schnüren: voller Wortschatz, Selbstsicherheit, Erfahrung, Freundschaft, Schmerz, Meinungen und Urteil. Denn ja, eines Tages will ich wissen, was mich glücklich macht. Was mich nicht glücklich macht. Wogegen ich mich kategorisch entschieden habe, bewusst, welche Politik ich gut finde und welche Beziehungen ich nicht mehr eingehen möchte. Ich will mich festlegen. Ich will Menschen nicht gut finden, sie verurteilen können, weil sie nicht nach meinen Prinzipien leben; nicht um sie zu bessern oder um die Welt zu verändern, sondern um in meinem eigenen kleinen Mikrokosmos ein Stück Fassung zu bekommen, für mich, für dich, für meine ungeborenen Kinder und für das, was unsere Welt so viel schöner macht: die Ruhe und die Gelassenheit der Sicherheit und Liebe. Prinzipien und Grundsätze nach meinen Maßstäben finden, endlich ein fertiges Bild malen. Es muss nicht jedem gefallen, die Farben müssen nicht passen, aber ich muss endlich mit diesem Kunstwerk zufrieden sein und sagen können: das ist das, was ich in den letzten fünf Jahren mitgenommen habe, und das ist die Komposition und das sind die Farben, die mich heute zeichnen.

So weit bin ich noch nicht, natürlich nicht. Wir beide wollen das jetzt nicht für uns. Festlegen und Pläne schmieden, dafür ist unser Drang nach “mehr” noch viel zu stark. Wir können uns noch nicht für einen Weg entscheiden, weil uns so viele Wege theoretisch gefallen. Und ach. Dafür ist dieser Luxus unserer Generation ja da, um zu testen, und dafür können wir uns glücklich schätzen. Wir spielen mit uns, mit unseren Gefühlen, und wir akzeptieren jede Richtung und jede Begegnung weil es sich so schön von unserer Bucket List abhaken lässt. Aber ich kenne mich jetzt gut genug. Ich weiß, dass meine Haltestelle irgendwann kommen wird, und ich werde von diesem Highspeed-Zug springen und mich für ein Leben außerhalb der schnellen Bewegung entscheiden. Nicht um stehen zu bleiben, sondern um ein Tempo zu finden, das ich für immer halten kann.

Ich hoffe du schaffst das auch.

Für B, ohne den ich den roten Faden schon längst verloren hätte. Fotos by Tamara Lichtenstein (via)

This article has 6 comments

  1. Robby

    Hach ja, das beschreibt meine Lebenssituation so ziemlich genauso. Mit dem Unterschied, dass sich bei mir das Ganze moderater – man könnte auch sagen “langweiliger” – abspielt. Nun ja.

  2. wolke

    “Nicht um stehen zu bleiben, sondern um ein Tempo zu finden, das ich für immer halten kann. ”
    Ich glaub, dass sind die richtigen Worte fürs Erwachsen werden/ sein, dass so oft mit “langweilig” gleich gesetzt wird. Die ganzen Schwierigkeiten, die damit einhergehen mal ausgeblendet: Es ist schon verdammt gut, nicht mehr die Zeit im Rausch der Jugend nur zu spüren, sondern anzufangen wahrzunehmen und zu fühlen – mit allen Alltäglichkeiten und Wiederholungen. Aber daraus baut man sich Zufriedenheit. Irgendwie. So.

  3. Liz

    wunderbar!
    Da kriegt man richtig Lust rauszugehen und im Regen zu tanzen(gut das es grad regnet)!!!
    Wirklich gelungener Text, der aus der Seele spricht.

  4. chSchlesinger

    Merkwürdig, dass Menschen meist in “Phasen” leben. Jugend sollte sich nicht verschwenden für ein paar Erinnerungen, finde ich. “Für mich” zu leben ist mir unmöglich. Und wen außer mir scheren meine Limits? Man müsste zu diesem Thema mal Hippies der 70er hören, Kommunarden, wie sie im Alter von ihrer “wilden Zeit” zehren. Zumal es ja meist Allerweltserfahrungen sind, die heutzutage jeder Wohlstandsbürger so oder ähnlich in seinem Lebenslauf hat.

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