Kreuzberg 61, “Oh Boy” hat noch nicht mal Anlauf genommen. Das Publikum ist jetzt schon völlig außer Rand und Band. Das ist kein sehr eleganter Ausdruck, aber weil er so deutsch und unbeholfen klingt, passt es perfekt zu den geernteten Lachern im ausgebuchten Kino. Von nihilistischer, überlegener Coolness keine Spur – dabei regen die Dialoge maximal zum Schmunzeln an. In diesem Kino rasten die Leute aus. Als stünde Helge Schneider höchstpersönlich auf der Bühne. Vielleicht hängt dieser explosiver Enthusiamus mit dem Humor des Filmes zusammen.

Vorsichtig werden die Seltsamkeit des Alltags ohne Superhelden und die deutsche Sachlichkeit der Gefühle mit ihren Grenzen konfrontiert und in Leichtigkeit gehüllt. Übertriebene, aber unspektakuläre Situationen sind zu liebevollen, wenn auch berechenbaren Szenen komponiert. Die Nähe dieser scheinbar gar-nicht-so-lustigen Lustigkeit zum deutschen Publikum fasziniert bei dieser Vorstellung wohl am meisten. Natürlich handelt es sich hier auch um ein Berliner Publikum – dankbar auch für die Stereotypen, die selbst bei scheinbar so viel Anspruch an die eigene Stadt noch ziehen können.


Es sind Anekdoten aus dem Leben, die vorwiegend von irgendwie fehlgeschlagenen zwischenmenschlichen Interaktionen erzählen. Immerhin ist “Oh Boy” gespickt mit vielen Anekdoten – vielleicht sogar nur eine Ansammlung von Anekdoten, die der Protagonist “Niko” (Tom Schilling) lose in seinem Alltag bündelt. An diese Leichtigkeit erinnert sich nur keiner, weil das deutsche Drama ständig Schwere und Melancholie vorführt. In “Oh Boy” hingegen ist das einzig traurige der Geist des dicken Elefanten, der immer noch denkt, er müsse im Porzellanladen vorsichtig sein.

Dann ist da ja auch noch Berlin: gehasst und geliebt, schön und hässlich, immer im Mittelpunkt der Diskussion und damit die Rampensau, die keiner richtig leiden kann. In “Oh Boy” verwandelt sich die Stadt aber plötzlich zur Projektionsfläche, die alles sein kann. Nicht mehr oder weniger erwartet man von New York, Paris oder London auch: der Hintergrund für den Vordergrund. Das ist es, was “Oh Boy” als Berlinfilm so sympathisch macht, völlig abgesehen von einem fehlenden Spannungsbogen oder einer durchdringenden Handlung. Das lockere Hintergrundgedudel, die Film-Noir Ästhetik, der warmherzige Humor, die bittere Realität, das Labyrinth der Großstadt, die von der Außenwelt isolierten Leben, die fehlgeschlagenen Versuche eines jungen Mannes: Elemente, die sich zum Charakter zusammenfügen. Der Charakter könnte ein junger Twenty-Something, eine in Schieflage geratene Großstadt oder der Film in seiner Umsetzung sein.

Mit Niko verbringt der Zuschauer 24 Stunden. Das ist auch Berlin-Phänomen. 24 Stunden Berlin, Berlin Tag und Nacht, wer da nicht “oh boy!” ausruft und irgendwie verbittert nach Neuerungen in diesem festgefahrenen Bild bettelt, der hat sich noch nicht lange genug mit Party, Arbeitslosigkeit und der jungen Geschichte in Berlin beschäftigt. “Schau mich an, in 24 Stunden kannst du hier alles erleben und sogar dein Leben ganz und gar ändern”. In diesem Zusammenhang ist dieses Image unglaublich wichtig, denn in “Oh Boy” verändert sich eigentlich gar nichts zwischen morgen und abend.

Der unsentimentale Niko macht keinen Wandel durch. Zwar tappt er von einer absurden Situation in die nächste, doch nichts davon erscheint zu weit aus dem Fenster gelehnt, und nichts davon erschlägt ihn wirklich. Weder der nervige Nachbar noch die ehemalige dicke Schulkameradin aus der Vergangenheit. Wenn wir wirklich über Berlin reden wollen, dann müssen wir auch über diesen planlosen Niko reden, der nicht weiß wo es hingeht – seit zwei Jahren schon nicht – und keinerlei Erkenntnisse oder Weisheiten aus seinem Tag zieht. Der Film weiß es vielleicht auch nicht. Realistisch mit dem Leben umgehen und keinen fantastischen Illusionen hinterherjagen: das ist sehr deutsch. Sie filmisch zu verarbeiten und trotzdem kurzweilig und unterhaltsam zu sein: das nicht.

Das Panorama der kleinen Geschichten um Nikos Tag ist ein gewagter Grenzgang am Klischee. Wie den Enten wirft Regisseur Jan-Ole Gerster dem Zuschauer die Stereotypen-Krumen hin, und doch schafft es “Oh Boy” nicht in Platitüden zu versinken. Klischees sind auch ein Teil dieses Berlin-Alltags, sie heraus zu rechnen wäre grob. Wer will sich noch vormachen, kein Bild von dieser Stadt zu haben? Und weil Klischees einen wesentlichen Teil zum Augenverdrehen beitragen, sind sie im Film verantwortlich für die Lacher. Die deutsche Awkwardness wird zärtlich festgehalten. Sie befremdet nicht, sie lädt ein, endlich auch ein Teil dieser Welt zu sein. Deshalb ist “Oh Boy” mit seinem machtsüchtigen MPU-Psychater, dem fragwürdigen Kulturbetrieb, der Nazi-Filmdreh-Kulisse und dem Jungen ohne Plan für sein Leben eine Satire, die wiederrum einen Faden der nachdenklichen schwarz-weiß Melancholie mit sich zieht. Das Leben ist nicht spektakulär und so beschleunigt, wie man es gerne hätte. Berlin auch nicht. Niko auch nicht. Das so grandios portraitieren zu können verdient Applaus – und ein deutsches Publikum, das im Kino außer Rand und Band ist.

This article has 1 comments

  1. Pingback: Serviceblog #04 › www.patsyjones.de

Comments are closed.