Wrestling-Revolution

Veröffentlicht March 25, 2010

Mit dem Magazin „Limit“ hielt Anfang bis Mitte der Neunziger das Wrestling Einzug in mein Leben. Es dauerte nicht lange, bis ich meinen Vater dazu nötigte den Royal Rumble auf VHS aufzunehmen. Die ersten Preise aus den Limit-Preisauschreiben trudelten in den Briefkasten meiner Eltern ein (ein Bret „Hitman“ Hart-Kissen und ein Enterprise-Brettspiel mit hässlichem Klingonen-Video) und nachts ließ ich die Schmerzensschreie meiner jüngeren Schwester ungehört vor einer mit Handtüchern gedämmten Kinderzimmertür verstummen, als ich heimlich den Sharpshooter an ihr übte.

[Dieser Artikel beinhaltet gewalttätige Videos, die dem Inhalt dienen und als Belege fungieren.]

Ja mann, Wrestling war so ziemlich der einzige Sport, den ich als kleiner Knabe mit Vokuhila-Frisur für die Erkenntnis hielt. Das Merchandising machte auch vor mir nicht Halt und so spielte ich bald „WWF – King oft he Ring“ auf meinem Gameboy,  welches ich hiermit verlose.

Ende der Neunziger kannte ich sie alle. Die Wrestler, die Moves und die Spacken aus meiner Klasse, die die WCW besser fanden als die WWF (heute: WWE). Vor allem Joe Neise, der miese Typ, an dem ich in einer Hofpause den ersten und letzten Tombstone Piledriver meines Lebens ausprobierte. Das war die Rache für 1996, als er mir bei einem Gerangel den linken Zeigefinger in einer Klassenzimmertür zur Hälfte zerfetzte und abriss. Der Finger konnte wieder repariert werden. Der Piledriver war meine Rache, mann. Nimm das, Joe Neise.

Tatanka, BamBam Bigelow (R.I.P.), Yokozuna (R.I.P.), Lex Luger, Hulk Hogan, Shawn Michaels, Undertaker, Diesel, Razor Ramon, Randy Savage, Bret Hart, Mr. Perfect (R.I.P.), Ric Flair, Sid Vicious, Jeff Jarett und so.

Die heimlichen Helden meiner Kindheit. Bis ich heraus fand, dass das alles nur verdammte Show ist. Diese dreckigen Mistkerle.

Später gab es neue Moves, Faces und Heels. Und ich kam nicht mehr mit.

Und obwohl dieser Sport größtenteils nur gewaltverherrlichende Show ist, Storylines geschrieben werden und viele ehemalige Wrestling-Stars bereits gestorben sind (Drogen, Anabolika, Selbstmord, Unfälle, Herzinfarkt, …), will ich hiermit auf ein kleines Stück Wrestling-Geschichte aufmerksam machen, dass das professionelle Wrestling bis heute ins Mark erschüttert, verändert und revolutioniert hat.

Wrestling ist seit einigen Jahren zu einem halsbrecherischen Sport herangewachsen, der den Stars mindestens genauso zusetzt, wie die dunkle Seite des eigentlichen Geschäfts dahinter (Der Film „The Wrestler“ mit Mickey Rourke sei hiermit empfohlen). Leitern, Reiszwecken, Käfige, Knüppel, Feuer, Aluminium-Tonnen, Absperrungen und Stühle. Und Sprünge aus atemraubender Höhe. Wann hat diese Entwicklung zum Hardcore eingesetzt?

Zwei Männer, drei Matches. 1993. Da hat es angefangen. Dieses Jahr hat den Extrem-(Show)-Sport bis ins Detail geprägt. Ohne diese drei Matches sähe das Wrestling heute nicht so spektakulär aus.

Die Hardcore Wrestling-Legende Mick Foley (alias Mankind, alias Cactus Jack) und Vader haben die Grundsteine gelegt.

Mick Foley, der im Laufe seiner mittlerweile beendeten Karriere sechs Gehirnerschütterungen erlitt und insgesamt mit über 300 Stichen am Körper aufgrund von Verletzungen genäht werden musste, wurde durch seinen brutal-inszenierten und spektakulären Stil bekannt, der das Genre Hardcore-Wrestling erst zu dem machte, was es nun ist.

Bei einem Match gegen Vader im März 1993 in München  (auf einer WCW-Tour) machte Mick Foley eine äußerst brutale Erfahrung, die ihn bis zum Karriereende kennzeichnete. Durch einen Unfall verlor er sein Ohr, das ihm beim Versuch seinen zwischen den Ringseilen eingeschnürten Kopf zu befreien, abgerissen wurde. Nach Angaben von Foley hat er diese schwere Verletzung erst später realisiert. Die Versuche das Ohr wieder anzunähen scheiterten in einer Münchner Klinik. Video zum Match:

[Achtung: Die folgenden, unzensierten Videos zeigt echtes Blut und Gewalt.]

Nur einen Monat nach diesem schockierenden Unfall, stieg Mick Foley wieder in den Ring. Wieder gegen Vader. Im Vorfeld vereinbarten beide Wrestler, sich echte Faustschläge zu verpassen um dem Publikum etwas Besonderes zu bieten. Foley beschreibt dieses Match als das blutigste und brutalste seiner gesamten Karriere. Nach diesem Match musste Foley mit einem Nasenbeinbruch und unzähligen Verletzungen im Krankenhaus mit 27 Stichen behandelt werden.

Bereits in der ersten Minute des folgenden, zweiteiligen Clips wird die zu diesem Zeitpunkt völlig neue Brutalität im professionellen Wrestling deutlich (mit Kommentar von Mick Foley):

Das Rückmatch gestaltete sich ähnlich brutal und endete beinahe mit dem Tod Foleys. Vader entfernte bei diesem Rückmatch einige Gummimatten, die in der Regel vor dem Ring liegen. Als er bei einem Move Mick Foley mit voller Wucht auf den blanken Hallenboden krachen ließ, zog sich dieser dabei einen Genickbruch zu.

Nachdem er sich erholt hatte (er wurde in dieser Zeit auch Vater), stieg er im Herbst 1993 wieder in den Ring und fadete weiter gegen Vader. Ähnlich brutal.

Beim WCW Halloween Havoc trat Foley das letzte Mal in einem brutalen Texas Death Match gegen Vader an und verlor. Man beschloss danach, die beiden Hardcore-Legenden nicht mehr gegeneinander kämpfen zu lassen:

Mick Foleys Entscheidung einen Hardcore-Stil auszubilden, führt auf ein legendäres Käfig-Match zwischen Jimmy Snuka und Don Muraco im Oktober 1983 im New Yorker Madison Square Garden zurück, das Foley sah und in dessen Verlauf Snuka bei einem Superfly aus fast fünf Meter Höhe auf Muraco niederdonnerte. Dieses Match inspirierte und prägte Mick Foley nachhaltig:

Ich kann es nur immer wieder betonen: Nicht nachmachen (nimm das, Joe Neise).

Ich sehe diesen Sport mittlerweile als sehr kritisch an, auch wenn ich insgeheim noch immer Wrestling-Fan bin. Die Schattenseiten dieses Geschäfts sind hart und ähnlich brutal.

Der eine oder andere Wrestler ist daran zugrunde gegangen.

Wer sich jetzt nicht mies fühlt, kann dennoch das oben bereits erwähnte Gameboy-Spiel „WWF – King of the Ring“ gewinnen. Dazu ist nur eine valide E-Mail-Adresse in den Kommentaren notwendig. Und weswegen welcher Wrestler euer Liebling war.

The Show must go on.

 

12 comments in “Wrestling-Revolution”

  1. S says:


    Man, ich hab die Hochzeiten des Wrestlings anscheinend verpasst, bei mir gab es nur noch halbnackte Muschis und so ganz arme Bürchschen wie Kane und Undertaker. Heartbreak Kid war schon tot, Vince McMahon war schon alt und ansonsten gab’s ja auch nur noch Rikishi und die Hardy Boyz.

    Und Chris Jericho natürlich. ;)

    Ach, waren das schöne Zeiten, als mein fetter Cousin und ich Wrestling nachspielten indem wir uns gegenseitig gegens Schienbein traten und dann jeweils zu den eigenen Müttern gerannt sind um zu petzen. Hach.

  2. Paula says:


    Als kleine Göre hab ich immer Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, mit meiner Mum Wrestling geguckt. Ich konnte sehr oft nicht schlafen. Alpträume und so. Schuld war ganz sicher der Undertaker. Deshalb hab ich ihn ganz genau studiert und mich auf seine Seite gestellt – die Dunkle! ;D

  3. Herr Baron says:


    Mit so 13 Jahren gehörte Wrestling natürlich auch zu meinem abentlichen Fernsehprogramm (ich schaute heimlich auf dem Kofferfernseher, an dem meine Atari7800-Konsole hing, bei minimalstmöglicher Lautstärke).

    So richtiger Wrestling-Fan war ich nicht, aber ich fand den Undertaker immer am besten.. der war einfach nicht so schrill, bunt und laut wie die anderen.

    P.S. Gibt es eigentlich noch passende Gameboys? Nur, falls ich gewinne.

  4. JeriC says:


    Krasse scheiße. Ich wusste nicht, dass das wirklich _so_ brutal ist. Ich habe da auch nie was dran gefunden, bin wohl auch noch zu jung und schaute Mitte der 90er statt Wrestling (ist das eigentlich das selbe wie Catchen?) lieber the Adventures of Pete and Pete und die Ren and Stimpy Show auf Nickelodeon.

  5. S says:


    @JeriC: Haha, das muss sich ja nicht ausschließen. Und ja, Catchen. Wieso hieß das eigentlich damals so? Furchtbar!

  6. B says:


    @S: @JeriC:

    lehnt sich an den älteren Begriff Catch Wrestling an. :)

  7. Sebastian says:


    Bei den Tag Teams konnte ich mich nie entscheiden, wer cooler war: die Legion of Doom mit diesen krassen Spikes auf den Schulterpolstern oder die Bushwackers mit ihrem Einmarschmove und dem Redneck-Gehabe. Als Einzelkämpfer war das ganz klar der Undertaker (bzw. sein Doppelgänger und die Jagd mit Leslie Nielsen).

    Ich erinnere mich, das Gameboyspiel sehr gerne gespielt zu haben, habe es aber bis eben komplett aus meinem Gedächtnis gelöscht. Schön, dass Du es wiederbringst.

    Comicactionabenteuer.

  8. Timo says:


    “It’s time, it’s time, it’s Vadertime!” Voll geil! Eigentlich sollte man eine eigene Website machen nur fürs Wrestling der 90er. Jeden Tag wird ein Superstar vorgestellt – und ich schreib den Text zu Papa Schango : )

  9. S says:


    @Timo: Oah, ne, setz B bitte keine Flausen in den Kopf, der macht jetzt echt sonst nen Blog auf :D

  10. Timo says:


    So, das war Teil eins – der positive. Spannend aber auch, was du hier über die Schattenseiten schreibst. Der Tod von Owen Hart – auch wenn es ein Unfall war – und die vielen Wrestling-Drogen/Anabolika-Opfer zeigen ebenfalls, wie hart es zugeht.

    Mit dem vielleicht schlimmsten Fall Chris Benoit. Ich zitiere mal aus Wiki: “Die Polizei geht davon aus, dass Benoit seine Frau nach einem Streit … getötet hat. Er selbst beging … Selbstmord, indem er sich im Fitnessraum erhängte. …Am 5. September 2007 wurden die Ergebnisse der Untersuchung des Gehirns von Chris Benoit veröffentlicht … bei den Untersuchungen festgestellt wurde, dass Chris Benoits Hirn zum Zeitpunkt seines Todes dem eines 85-jährigen Alzheimer-Patienten glich. Dieser Zustand ist das Resultat von jahrelangen chronischen Gehirnerschütterungen, die Benoit im Ring erlitten hat.” http://de.wikipedia.org/wiki/Chris_Benoit#Tod

  11. stiller says:


    Wrestling fand ich persönlich ja immer blöd, ich war mehr der Freund von American Gladiators und all den Shows. Aber die Limit, die war natürlich der Knaller. Total bescheuertes Konzept irgendwie, heutzutage könnte es als erfolgreicher Blog funktionieren. :D

  12. JeriC says:


    @S @B: Danke euch. (Ich war nie sportinteressiert ;_;)

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