Forever <36

Ich stehe auf diese Mädchen und ihre Sommer-Songs. Auch die Prinzessin vom Block muss mal ihren Schlagring zur Seite legen und einen Mopswelpen streicheln und dabei ein bisschen weinen. Der Move: wenn man es zulässt, werden die doofen Phasen kürzer und die guten wieder intensiver. Dann macht das Spucken in hässliche Gesichter dummer Menschen auch endlich wieder Spaß.

Café Zero° Summer Boat

Der Sommer hat sich im Herbst versteckt, fast so wie jedes Jahr, möchte man monieren. Wir halten aber ganz fest an den Glauben, dass er sich doch bald per Sonnenbrand und Pommes im Freibad meldet. Das dachten sich auch die netten Menschen vom Café Zero° Summer Boat: die haben mich nämlich, zusammen mit einigen anderen Bloggern, auf eine kleine Spree-Reise eingeladen. Dort soll, dem Hedonismus ergiebig, dann eine von Seifenblasen und Liebe umgebene Party stattfinden. Ordentlich Flüssigkeitsverlust und Speichelaustausch vorprogrammiert.

Damit hat sich das allerdings noch nicht, denn auf dem Boot soll ein Song ausgewählt werden, der den Sommer sozusagen definiert. Der beste Sommer-Song. Ich bereite mich ja glücklicherweise das ganze Jahr schon auf den mentalen Zusammenbruch vor, den der ausbleibende Sommer herbeiführt, indem ich immer eine akkurate Sommer-Playlist zur Hand habe. Zehn Tracks, die mich in schnuffige Schäfchenwolken katapultieren. Allerdings darf nur einer von denen auf dem Boot gespielt werden, deshalb müsst ihr, werte, treue Geschöpfe des Internets, mir dabei helfen, einen auszusuchen.

Ihr dürftet auch ein Interesse daran haben, denn der Blog, der den besten Song mitbringt, darf am Ende eine ordentliche, tüchtig fahrende Vespa LXV Beige Siena verlosen. Hach, diese Italiener und ihr von Leichtigkeit dominiertes Lebensgefühl, wie man sie lieben muss! Ich sage: lasst uns die Sache mit den Rennrädern vergessen und mit Stil durch die Stadt düsen!

Also, noch mal kurz gefasst: Café Zero°, das ist ein Eis-Kaffee-Shake, der seinen Glanzmoment vor allem dann hat, wenn auch mal in der Bundesrepublik die Sonne herausblitzt. Der italienische Erfrischungsspender ist seit 2006 auf dem Markt und ist auf Mobilität getrimmt: Café-Geschmack zum Mitnehmen. Kann man sich reinlegen, wa? Um das zu unterstreichen gibt es einen Contest: der beste Song gewinnt. Welcher Song das ist, sucht ihr aus meiner Auswahl aus (ich bin allerdings auch offen für neue Vorschläge). Wenn ihr richtig getippt habt und die Meute auf dem Boot einverstanden ist, dann gibt’s eine Vespa für den Blog zu verlosen.

Und hier, jetzt, meine Playlist. Welcher davon der fetteste Sonnenschein-Banger ist könnt ihr in den Kommentaren entscheiden. Zweifelsfrei könnt ihr auch selber Songs vorschlagen, aber ihr wisst ja, ich bin eher ein kleiner Kommandant. Mein Geschmack ist fehlerfrei, mofo.

1. Lupe Fiasco – Sunshine

Natürlich darf meine derzeitige Anti-Love-Song Haltung nicht der Schönheit eines Gefühls versperren, dass so immanent mit dem Sommer zusammenhängt. Lupe Fiasco hat das damals auch verstanden und schenkte uns einen der schönsten Stimmungs-Tracks, der mit dem Sonnenschein zusammenhängt.

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Watch The Throne Frankfurt: The Blueprint

Die Kamikaze-Entscheidung schlechthin: es ist unter der Woche, wir haben viel zu tun (WIR HABEN IMMER VIEL ZU TUN), wir haben Stress untereinander, wir haben Stress mit anderen, wir wollen alle dort hin, aber es ist viel zu weit weg und vor allem TEUER ASS FUCK, machen wir das jetzt oder nicht, mieten wir ein Auto oder fahren wir mit dem Zug, wie lange wird das dauern und werden wir auf der Rückfahrt einschlafen? Watch The Throne oder Watch Nothing At All?

Bis zur letzten Sekunde, bis wir tatsächlich zu viert ins Auto sprangen und endlich los fuhren, war nichts klar. Wir hatten Tickets übrig, wir hatten abgesprungene Käufer, wir hatten auf einmal gar keine Tickets mehr, kleine Mädchenblasen und einfach viel zu viel Kopf für dieses Konzert mitgenommen. Alles am Ende egal. Wir saßen in unserem süßen Mini-Auto und schoben uns in Mach Minus Tausend über die Autobahn. Wir spielten die Banger rauf und runter. Sechs Stunden, Berlin bis Frankfurt. Time to beat.

Heard she fucked the doorman / Well that’s cool I fucked the waitress

An der Festhalle Frankfurt ergibt sich das typisch angespannte, aber losgelöst-aufgeregte Bild der Horden von Fans, die sich vor dem Eingang positioniert haben. Für mich ein Meer von soziologischen Studien. Sie fallen in kein Muster, zehntausend Menschen können nur eine einzige Gemeinsamkeit haben: Jigga und Yeezy. Aber doch haben sie alle ihre besten Outfits angezogen, die Ladies in ihren unfiligranen Jordans, die Boys mit Kappen, die ersten fallen vom Druck der Sonne und vermutlich viel zu viel Alkohol in den Reihen vor uns um. Wir fragen uns, ob das nicht auch zu einer Enttäuschung führen kann, ob die richtige Entscheidung nicht auch einfach gewesen sein könnte: bleib zu Hause und lass gar nicht erst zu, dass die Götter dich hängen lassen. Aber das ist nur ein Gedankenblitz, unwichtig.

Als es losgeht sind wir alle schon völlig erschöpft von unseren Erwartungen und weichen Knien. Und es kam genauso unmittelbar wie man es sich vorstellt. Von breiter Beleuchtung zur absoluten Dunkelheit. Es knallt. Würfel werden hochgefahren. Alle rasten aus. Da stehen sie nun: Hova und Yeezy. Zuerst Yeezy, dann Hova, muss man dazu sagen. Das schöne daran ist: jeder hatte was davon, denn ein Würfel vorne, ein Würfel hinten. Yeezy, mein Rap-Ritter, praktisch direkt vor mir. Leider auch direkt vor mir: große Hühnen, Menschenwände. Alle heben ihre Handys hoch um zu filmen, und ich frage mich: was macht ihr eigentlich hier, ihr Idioten? Alle heben ihre Hände hoch, weil sie filmen müssen, denn sie sehen nichts, weil alle filmen. Irgendwann gucke ich nur noch auf die Mini-Screenwände, weil ich sonst überhaupt nichts mehr von der Performance mitbekomme. Wir gucken durch unsere Finger ein Konzert. Das 21. Jahrhundert hat unsere Sinne gestohlen und verformt. Irgendwann kann man nur noch die Augen schließen und sich von den Massen wiegen lassen. Am Ende geht es ja sowieso nur darum, für eine Stunde sehr Aufmerksam zu hören, was unsere Prediger zu sagen haben.

I’m losing myself, I’m stuck in the moment / I look in the mirror, My only opponent

Wenn ich “Prediger” sage, dann meine ich das nicht nur im metaphorischen Sinne. Sie sind die Prediger des 21. Jahrhunderts – genauso wie viele andere Musiker und Künstler. Wie alle, die Menschen an einem Ort vereinen können, um sie dann mit ihren Thesen und Weisheiten vom Leben zu übergießen. Wie sie – wie wir – alle dastehen und den Diamanten mit unseren Händen formen (traurig für alle, die eigentlich auch filmen wollen, was die Pop-Päpste zu sagen haben), die Message aufsaugen, uns gehen lassen. Und sie feiern, weil sie angebliche Wahrheiten so gekonnt und charmant formulieren, mit so viel tosendem Lärm auf uns herunterkrachen lassen, dass wir vielleicht gar nicht mehr merken, dass es sich auch um Lügen handeln könnte. Religion ist Ansichtssache. Das Konzert ist unsere Kirche. Woran noch glauben, wenn nicht an das, was vor uns ist?

Sie haben definitiv was wir brauchen, aber man sieht ihren Gesichtern an, dass sie alt werden. Sie ersaufen in ihrem Schweiß. Das Licht, die Flammenshow – Alter, Rammstein wäre neidisch – und doch wirken sie immer noch so unrealistisch weit weg. Wir so im Publikum: Boom, krass. Die so auf der Bühne: schon wieder eine Show. Eine von tausenden. Und nicht unbedingt die interessanteste. Sie wird untergehen. Ich gucke mich um und sehe gespaltene Meinungen. Wer noch nie auf so einem großen Konzert war, der weiß nicht, was purer Hass auf die Menschheit ist: purer Hass dass die Fotzen vor mir glauben, sie wären in einem Streichelzoo und gelangweilt jeden böse anmachen, der sie ausversehen kurz berührt. Ausschließlich Hass für den Dude daneben, der eine halbe Stunde an seiner richtig miesen Kamera rumspielt und das ganze Konzert verpasst. Hass an alle, die Geld für ein Ticket bezahlen um das monumentale Ereignis direkt vor ihren Augen dann zu verpassen.

She wanted us to end cause I fucked her friend // She gave me one more chance and I fucked her again

Kanye kann man vorwerfen, einen ziemlich kalten Part zu spielen. Natürlich ist Jay-Z der Profi, und natürlich haben wir uns alle darüber am meisten gefreut, dass er immer noch spitten kann wie ein Monster. Aber Kanye West ist für mich die tragende Säule. Er ist mein Jay-Z, man. Beide könnten letztendlich mit ihren endlosen Diskografien stundenlange Shows füllen. Ich bilde mir ein, sie reisen einfach gerne zusammen und wollen nicht alleine sein. So geht es schneller und präziser. So kann man King sein: wenn man seinen Platz teilt. Nur so kommt keiner von beiden so richtig richtig zur Geltung. Es wird Zeit, sie auf ihren Solo-Touren – sollten jemals wieder welche stattfinden – zu jagen.

I feel the pressure, under more scrutiny, and what I do? Act more stupidly.

Meine Geschichte mit Kanye West ist voll von Widersprüchen. Ich konnte ihn nicht immer leiden, und ich kann ihn auch heute manchmal nicht ausstehen. Vielleicht ist er ein bisschen hohl, vielleicht ist seine Musik nicht immer konsequent die beste. Vielleicht ist er nicht der allerbeste Produzent, und mit Sicherheit ist er nicht der beste Rapper. Nicht der schnellste, nicht der mit der krassesten Story. Damals erschien Through The Wire, ich kannte ihn davor nicht, und er rappte durch die Schiene und ich war fasziniert davon. In all den Dingen, die er nicht ist, ist er der authentischste. Nie hat ein Rapper so wenig Platz irgendwo gefunden – nicht East, nicht West, nicht der Flow und nicht der Beat und nicht die Lyrics, aber alles zusammen, inklusive seiner schrägen persönlichen Einlagen, all das sprengte er über Horizonte hinaus weg, poof. Er steht oben mit Jay-Z, und wenn ich einen bevorzugen müsste, jetzt und für immer, wäre es Yeezy. Ich glaube ihm, dass er nicht nur spielt. Ich glaube ihm, dass er ehrlich ist. Ich weiß nicht, was das noch mit Musik zu tun hat. Das ist blasphemische Anhimmelei. Der Versuch, in anderen Menschen Götter zu finden. Bevorzugt Menschen, die alles schon erreicht haben und deshalb umso mehr Zeit dafür finden, über die Scheisse zu philosophieren, die tagtäglich auf sie heruntergeworfen wird.

Feeling like Katrina with no fema / Like Martin with no Gina / Like a flight with no visa

Wie erfolgreich sie sind merkt man immer daran, dass man jeden einzelnen Song kennt, immer mitgröhlen kann. Konzertqualität hoch tausend. Tausend mal würde ich das wieder machen, nicht wegen ihnen persönlich, sondern wegen der Zeit, die man damit verbringt, über all das nachzudenken was sie einen in den Jahren davor schon mitgegeben haben. Jeder einzelne Song eine Box voller Erinnerungen. Wie lange haben sie – beide – mich begleitet? Es ist wie als könnte in so einem Augenblick jede einzelne Sekunde aus diesen festgehaltenen Zeitfenstern ausgeschwitzt werden. Und schwitzen ist gut gesagt: die Brühe lief uns über die Augen durch die T-Shirts in unsere Hosen auf den sumpfigen Boden. Ich hätte trotzdem keinen Sitzplatz gewollt.

I ain’t here to argue about his facial features / Or here to convert atheists into believers

Manchmal denke ich trotzdem: Fuck you, Kanye. Du laberst scheisse. Du bist so abgehoben, wie ein normaler Mensch nicht abheben kann. Das sind Gedanken, die man für sich behält, denn wir wollen alle so abheben können. Wir brauchen nur die perfekte Legitimation. Reichtum, Macht, Fame? Ernsthaft, reden wir jetzt darüber, dass Rapper Götter darstellen können, ist das überhaupt legal? Brauchen wir nicht nur jemanden, der unsere Hand hält, wenn wir Sysiphos-Style immer wieder den Berg rauf und runter klettern müssen? Das könnte auch Mutti gut machen, die musste da auch schon durch.

I’m not a businessman, I’m a business, man

“Diamonds Are Forever” dürfte der vielschichtigste und beste Song sein, den die beiden zusammen gemacht haben. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihn aufführen, aber beim ersten Klang starben alte süße Menschen in meinem Herzen vor Schreck. Jigga und Yeezy lassen Gänsehaut herabregnen. Immer, immer, immer wieder. Ich glaube das war eine halbe Stunde nach Beginn – schon dann fühlte es sich so an, als stünden wir bereits sieben Stunden vor dieser Lärm-Hypnose. Ich war nicht glücklich mit dem Sound. Es echote und dröhnte. Vielleicht fand das Konzert deshalb nicht in Berlin statt. Dort hätten sich die Leute mit verschränkten Armen und schmollenden Fressen um die letzte Reihe geprügelt. Es gibt nichts uncooleres, als sich trotz störendem Sound zu freuen. Gut, dass keiner meine Euphorie gesehen hat.

Ich habe meinen Homie vermisst. Er war entschuldigt, wir sind einfach zu busy für dieses Leben. Im Geiste warst du da und wir haben uns ständig gegenseitig geschüttelt, weil wir einfach nicht klarkommen. Trotzdem war meine Gang am Start. Das ist die Glücks-Tüte, mit der man die Hundescheisse auf dem Asphalt des Lebens aufheben kann. Family, Crew, Gang, Mob, alle Arm in Arm, alle in einer Schweiß- und Speichelbrühe. Manchmal fühle ich mich dann so extrem jung und mutwillig, mich so gehen zu lassen. Könnte ja jemand sehen, wie eklig das ist – könnte jemand denken, ich wäre erst 12 und total debil, wie ich so vor mich hingrinse, drogenabhängig, absolut hässlich. Das dachte ich mir letztes Jahr schon, als ich die Konzertvideos vom Odd Future Konzert nachträglich angeschaut habe. Ich sagte mir: oh man, nie wieder, du siehst aus wie Sonderschule. Was soll’s? Es ist ja auch nicht so, als könne ich das groß kontrollieren. Musik läuft, ich geh steil. Lieber Sonderschule als Spaßbremse.

Love I don’t get enough of it / all I get is these vampires and blood suckers

Ich würde schon behaupten, dass ich noch nie ein beeindruckenderes Konzert gesehen habe. Aber das liegt nicht nur an der Show und an den Songs und an der Stimmung, das liegt natürlich auch an meinem State of Mind. Wenn dir jemand aus deinem Lieblingsbuch vorliest und du zufällig dabei in einem Schaumbad liegst und alle deine Freunde dabei sind und es dir unglaublich gut geht in diesem Augenblick – nachdem man dir beide Beine und beide Arme amputiert und deiner Frisur einen Sidecut verpasst hat – dann ist das wahrscheinlich auch die schönste Geschichte, die man je gehört hat. Ich möchte also damit sagen, nur so, falls es noch nicht deutlich geworden ist: ich verstehe es, wenn jemand das Konzert nicht gut fand. Oder nicht so übertrieben gut um sich zu 3000 Wörtern motiviert zu fühlen.

I don’t need your pussy, bitch I’m on my own dick

Kein Ende in Sicht. In meinem Kopf explodierten meine Zellen in spektakulären Action-Filmen vor Durst und Müdigkeit, aber das war weniger etwas, was ich fühlte, als etwas, dass ich wusste. Niemand hätte mich jemals aus der ungefähr 14. Reihe vor der Bühne kriegen können. Ich hatte kurzzeitig überlegt meinen Tampon zu “Power” zu wechseln und ließ es dann doch. Mein Magen rebellierte gegen den Hunger. Der Gedanke daran, sechs Stunden durch die Nacht zurück zu fahren – im nassen T-Shirt mit vier Menschen im Auto – kam mir vor wie ein weit entfernter Witz. Mitten im Song stellte ich der kleinen Fotze vor mir endlich ein Bein und drückte ihr volle Granate meinen Ellenbogen in den Nacken. Ich glaube, Georg wurde am Ende sogar vor dem Circle of Death geklatscht – wahrscheinlich von der selben Fotze. Ich wünsche ihr nichts anderes als den schmerzhaftesten Durchfall-Tod. Scheiss dich mal richtig aus kleine Maus, ich kauf mir ein Ticket für deine Beerdigung und steh erste Reihe.

Ghetto Anthem hin oder her, Ghetto ist das ganze nicht mehr. Sogar meine Mutter weiß, wer die zwei Typen sind. Meine Mutter kennt sonst nur Michael Jackson, Britney Spears und Madonna, ich schwöre. Und damit erklärt sich auch das heterogene Publikum. Nicht unbedingt die die-hard Fans, nicht unbedingt die krassesten Hip Hop Kids. Was Kings of Leon für Indie und Rockmusik waren, das ist Watch The Throne für Hip Hop. Das muss nicht bedeuten, dass es unbedingt schlecht ist. Es bedeutet halt nur, dass Fotzen vor mir stehen und dass Rap als Musikrichtung nun die Gelegenheit finden kann, einen neuen Underground zu etablieren (was ja auch schon ein bisschen geschieht, siehe ODFWGKTA oder Black Hippy). Ich erinnere mich noch daran, als Hard Knock Life erschien. Da war ich ungefähr 8 Jahre alt. Zumindest habe ich damals mit meinem Cousin immer ausgesucht, wer in dem Video wir sein wollen. So viele Jahre später nun das.

Es war nicht nur ziemlich cool, dass sie auch die eigenen Klassiker zum besten gaben. Es war auch ziemlich erleichternd, denn Watch The Throne als Album mag zwar einige Hits drauf haben, aber das ganze Teil am Stück, hintereinander, ohne Pause, ist eher eine emotionale Belastung. So viele eklektische Beats drücken schon mal auf’s Ohr. Da gibt es keine Storyline, keine Höhepunkte. Die braucht man, so finde ich, aber für ein Konzert. Etwas, dass sich mit Spannung füllt und die Luft zerreisst. Watch The Throne ist solide und gut, aber ich weiß noch, dass ich nach dem ersten Mal nur angestrengt war.

And I just blame everything on you / At least you know that’s what I’m good at

Der soeben angesprochene “Höhepunkt” entlud sich in einer zwanzigminütigen Odyssee durch Kanye Wests emotionalste Vorführung, die er am Ende einer fast einjährigen Tour noch geben konnte. Dude hat auch Liebeskummer gehabt. Dieser Teil der Show soll für immer der Moment sein, an dem Yeah Sara beschlossen hat für immer alleine zu sein und sich der Liebe zu entsagen. Auch wenn er eigentlich etwas anderes damit beschreiben wollte. Wenn ich von Katzenkot umgeben sterbe, dann war Yeezy Schuld.

You run and tell your friends that you’re leaving me / They say that they don’t see what you see in me

You wait a couple months then you gon’ see / You’ll never find nobody better than me

Aber natürlich ist die Crowd nicht da, um seinen gescheiterten Liebesbeziehungen kollektiv nachzutrauern. Wäre ja auch zu schön. Ich beneide ihn aber: immerhin kann er seiner Scheisse Luft machen ohne als sensibles Mauerblümchen zu gelten. Da muss man auch nichts mehr reininterpretieren, das steht alles so da. Fuck you, Amber Rose. Sogar ich hasse dich mittlerweile.

Irgendwie haben wir es geschafft, während des ganzen Konzerts zusammen zu bleiben. Die richtigen Prügeleien blieben aus, alle wussten, dass die letzten Reserven, alle Kräfte noch für das Highlight aufgespart werden mussten. In der Zwischenzeit stand mein Cousin tatsächlich in der 3. Reihe (wie er mir freudig per SMS mitteilte) und warf glaube ich sogar seinen BH hoch. So viel Ehrgeiz muss sein, ich glaube man musste fünf Stunden im Pulk vor dem Einlass stehen, um so weit vorne sein zu können. Bei unserer Ankunft um 18 Uhr waren wir zwar nicht die letzten, aber vor allem nicht die ersten. Zwischen Toilettenpause und kurzwaszutrinkenholen landet man dann eben nicht mehr ganz so weit vorne. Mir sollte es recht sein, ich hätte ja so oder so nichts gesehen. Die Screens im Backdrop der Show waren zwar hilfreich um alles mitzuverfolgen, aber vor allem waren es die tatsächlichen Größen der Rapper, die alles wieder auf den Boden der Tatsachen holten. Sie waren klein. Ganz, ganz klein.

Als es mit Dirt Off Your Shoulders, Big Pimpin’ und I Just Wanna Love You wieder richtig losging, war in mir schon etwas faszinierendes losgetreten worden. Eine gewisse Erleichterung: ja, das ist alles gut so, wie es ist.

Und dann natürlich N*ggas in Paris. Wie zu erwarten: absolutes Armageddon im Publikum. Intensive Hochgefühle machten sich breit. Mir fehlten zwar ungefähr siebzehn Liter Wasser und ein Grab in das ich mich zur Ruhe legen konnte, aber scheiss egal. Man hob mich auf Schultern und plötzlich war ich über allen, guckte Jay und Yeezy direkt in die Augen, schrie mir alles aus der Kehle und sah wie tausende Menschen wie uniformierte Roboter im Stroboskop auf und ab sprangen, sich gegenseitig festhielten und vor einem Moment wie diesem einfach nur kapitulieren mussten. Egal ob Musik oder Film oder irgendetwas anderes. Wer es schafft, andere Menschen innerhalb weniger Stunden so viel durchleben zu lassen, der trägt etwas – egal was – zu einer Gesamtkultur bei. Der lehrt in gewisser Weise, wie das Leben funktioniert.

Klatschnass und mit miesen Temperaturen (dafür aber Vollmond im Anschlag) pumpten wir uns literweise Cola in die Rachen um zumindest ein bisschen fitter zu werden. Weil wir den Pumakäfig im Auto nicht riskieren wollten, kauften wir uns für schlappe 40 Euro – GELDSORGEN WAREN GESTERN – bomben Merch. Ich gebe zu, dass ich sowieso nur eine Ausrede brauchte. Dachten sich tausende andere auch. Zusammen liefen wir neu maskiert zur Tiefgarage. Wenn schon, denn schon.

Wir fuhren erschöpft und ausgelaugt um ein Uhr morgens nach Hause. Zu viert wechselten wir uns im Stundentakt ab während eine einzige CD in Dauerrotation im Player lag (es war nicht Watch The Throne. So schön es war, dieses Album werde ich wahrscheinlich erst in ein paar Jahren wieder auspacken). Der Sonnenaufgang, als wir kurz vor Berlin waren, erschütterte den Rest unserer lebenden Körperfunktionen. Irgendwann lag ich wieder in meinem Bett und fragte mich, was das bedeutet, nach sehr langer Zeit mal wieder einen Sonnenaufgang mitzuerleben.

Vielleicht nur, dass es im letzten Jahr viel zu viele Sonnenuntergänge waren.

What’s a mob to a king? / What’s a king to a god? / What’s a god to a non-believer? / Who don’t believe in anything?

MERCY

Ein ausgewogener wenn auch nicht kritikloser Bericht zum Watch The Throne Konzert und der extremen Reise nach Frankfurt und zurück wird folgen. Doch erstmal lassen wir Yeezy einen seiner besten und fettesten Teile der letzten Monate pumpen. Das Video spricht mich und mein arabisches Erbe hart an. Der Style ist bombastisch. Ich liebe ihn. Ich liebe ihn einfach. Fuck the haters. GOOD MUSIC.

JOIN MY MILITIA

Lady Gaga meets Nicki Minaj? Der Punkt ist, dass Hip Hop ausgebrochen ist. Das ganze Spektrum der menschlichen Gehirnsoße kann nun im Rahmen von Beats und Raps neue Output-Formen finden. Das ist sowohl beängstigend als auch unglaublich erfrischend. Nicht, dass das nicht vor zehn Jahren möglich gewesen wäre. Vielmehr ist jetzt auch eine entsprechende Resonanz da, die das ganze auf einen Mainstream torpedieren könnte. “Hip Hop ist tot” ist auch nur etwas, was ein elitärer Schwanz von sich geben könnte. Scheiss Hipster.

Das Western Cape: Ein Rückblick

Mehr als eine Woche nach unserer Rückkehr aus Südafrika kann ich wohl behaupten (und damit auch für den Rest unserer wunderbaren Reisegruppe sprechen): das schlimmste an diesem Trip war es, wieder zurück in Berlin zu sein. Dabei war durchaus unerwartet, dass uns Mini – diese Reise gibt es übrigens auch ab sofort zu gewinnen, kann ich nur wärmstens empfehlen – und Südafrika direkt die Luxus-Tour  vorführten. Wir wurden in jedem Hotel empfangen wie Zaren und beinahe hätte ich mir auch ein kleines Krönchen aufgesetzt, um mein Fake-Rich-Dasein zu unterstreichen (als ob Hoodie und durchlöcherte Leggins nicht gereicht hätten. HALLO, MEIN NAME IST SARA, ICH KOMM AUS DEM DORF, HABE MEINE ELLENBOGEN AUF DEM TISCH WÄHREND ICH MIT DEM SCHWABBEL AUS DER AUSTER SPIELE UND FURZE HEIMLICH WENN ICH DURCH DIE LOBBY SCHLEICHE). Ich hatte kurz überlegt den Verantwortlichen mitzuteilen dass auch eine Betonpritsche, wie damals im Knast, voll gereicht hätte für meinen asketischen Lebensstandard. Aber hey – umso besser!

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Brand New Guy

Schoolboy Q (Black Hippy) vs. A$AP Rocky (A$AP Mob) fasst eigentlich den aktuellen Hip Hop Zeitgeist perfekt zusammen. Kann da jemand noch K. Dot und Frank Ocean reinwerfen? Dann könnten wir die übertriebenen Styles und die bombastischen Beats noch um mehr als nur oberflächliche Flows und destruktive Sinnlosigkeit ergänzen. Außerdem wären mit Frank Ocean und A$AP Rocky die best aussehendsten Typen im Game vereint. Der Traum eines jeden Gay Porn Regisseurs.

Am 14. Juni ist zudem das A$AP Rocky Konzert im Festsaal Kreuzberg. Ich erwarte keine sound-optimale Performance, sondern eine schweißtreibende Party. Ich werde nackt sein.

Watch My Throne

Die Dinge, die es über Jay-Z und Kanye West als symbolische Träger des letzten Jahres zu sagen gibt, sind in etwa so explosiv wie die kleinen Knallfrösche, die Kinder zu Silvester bekommen. Sie machen ein Geräusch und reizen das Auge, aber der angesagte Krach bleibt aus, und zurück bleibt ein fast unsichtbarer Rußfleck auf Asphalt, den nach dem nächsten Regen niemand mehr bemerken wird.

Nun geht es schon lange nicht mehr um die Musik. Es ging schon immer darum, zusammen, in geschlossener Mannschaft, ein Verein der Freundschaft, da jetzt nach Frankfurt herunter zu fahren und die Crowd zu sein. Es ging um das Schwitzen und Tanzen, das Lachen und Kämpfen, das Mitsingen und Staunen. Für mich ging es auch um die Blicke, die man kurz vor dem Schlappmachen mit euphorisiertem Blut austauscht, kleine Momente, die einfangen: “es ist schön, mit dir hier zu sein.”

Gerade ist es nicht immer schön, mit Menschen irgendwo zu sein. Gerade steht an höchster Stelle die Pflicht auf der Liste der Dinge, die es im Leben zu tun gibt. Der Genuss wurde mit der Liebe abgestreift, und jetzt dümpelt mein Geist in einer zeitlosen Welt, darauf wartend, von den Ketten der Müßigkeit, Apathie und Lustlosigkeit befreit zu werden. Ich muss arbeiten, ich muss essen, ich muss Sport machen, ich muss auf das Konzert. Eines Tages, wenn ich nur oft genug “ja” zu diesen Dingen sage, werde ich hoffentlich das “muss” herausstreichen können und einen neuen Kontext für das “ich will” bilden. So lange wird noch ein Heilungsprozess stattfinden, der sich mit dem ganzen letzten Jahr beschäftigt.

Ein Teil dieser Arbeit wird aber trotzdem mit Kanye & Jay-Z verbracht, auch wenn die sich ruhig hätten ins Zeug legen können, was das neue Musikvideo zu “No Church In The Wild” betrifft (Romain Gavras ist keine Dauerentschuldigung für schöne Bilder ohne Hintergrund, die Riot-Sache ist Gänsehaut, aber leider nicht zutreffend für den Song und damit eher Effekthascherei). Wir werden nicht, wie geplant, zu fünfundzwanzigst und mit ganz Kreuzberg im Gepäck nach Frankfurt fahren. Aber wir werden, ganz klein und für uns und völlig unspektakuläre, Knallfrösche anzünden und uns darüber freuen, dass manche Dinge nur ein “muss” sind, bis man sie gemacht hat.

Going Back To Capi

Der Ausblick der letzten drei Tage war der reinste Wahnsinn. Ich habe weiße Löwen gesehen. Ich bin seit dem 15. 05. 2012 nicht mehr hungrig gewesen. Südafrika ist ein Traumland ohne auf einen Maßstab zu passen. Es kann sein, dass mir diese Reise die Natur ins Herz geimpft hat. Es gibt keine Worte die den warmherzigen Menschen hier gerecht werden könnten. Gerne hätte ich noch mehr von den Leuten gesehen, aber ich weiß auch, dass mich das schon bald für eine nächste Reise hierher motivieren wird – möglicherweise mit einem Backpack und sicherlich ohne Programm. Hier ist zwar der Winter angebrochen, aber dafür lass ich den Sommer gerne kurz warten. Ich würde mich bei einem apokalyptischen Stillstand der Zeit gerade jetzt während ich dies in Hermanus tippe nicht beschweren. Mein Leben in einer Endlosschleife von Meeresgeruch und breit grinsenden Menschen an einem Ort, der kein vor und kein zurück kennt. Hier will jeder gerne stranden. Ich würde mich auch nicht beschweren, wenn der Mini mit mir hier bleibt. Er ist eine treue Seele, die kleine Ratte.

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