Der letzte Mensch

March 10th, 2010

28 Days Later ist einer meiner Lieblingsfilme, schon immer gewesen, weil der Score erstens genauso viel Gänsehaut erzeugt wie der Blauschimmelkäseauflauf von meinem Vater, zweitens wegen der Anwesenheit von Zombies

Data Underload – Famous Movie Quotes

March 8th, 2010

Berühmte Zitate als “Data Visualization“. Damit auch die Antwort, wenn Schüler im Matheunterricht das nächste Mal fragen, wozu sie das später mal brauchen werden.

[via]

Als wir beide waren

March 8th, 2010

Manchmal müssen wir uns vom Glauben an eine vorbestimmte Konvergenz, zwischen einem selbst und einer anderen Person, verabschieden. Der Zeitpunkt, der so kleine Veränderungen in der Liebe radikal verdreht, aus

Airen

March 7th, 2010

Gekauft habe ich mir das Berliner Techno-Protokoll STROBO von Airen nur, weil ich es als gerecht empfunden habe, jemanden zu unterstützen, der ohne den merklich nachwirkenden Versuch der Rechtfertigung einen


Durchhalten, mann

Reden wir doch mal über Ehre. Oder Stolz. Oder über Rechtschaffenheit. Über Ideale. Und vergessen wir mal die ganze Scheiße mit dem Pathos, der an diesen Dingen klebt wie die Mutlosigkeit am Mutlosen.

Nein, vergessen wir diesen Pathos und sprechen einfach mal über Ehre, Stolz, Rechtschaffenheit und Ideale bei Menschen, auf die Tag für Tag gekotzt wird. Da wo Scheiße vom Himmel fällt. Da wo einem permanent unter die Nase gerieben wird, was man vor dir hält.

Und ich spreche nicht über das Leid der dritten Welt. Oder über die Menschen, die irgendwie in das Abflussrohr von Arbeitslosigkeit oder Ungerechtigkeit gesaugt werden.

Ich rede von Menschen, die sich jeden Tag den Arsch für sich und das eigene wichtige Umfeld aufreißen. Menschen, die keine Wahl haben. Menschen, die man in Romanen beschreibt, über die sich das Elend der ganzen Zivilisationsschattenseite ergießt. Für die es manchmal am Ende ein kleines Happy-End gibt, weil sie sich wirklich bemüht haben, aus der ganzen Scheiße einen Weg ans Tageslicht zurückzufinden.

Menschen, die jeden Tag aufstehen, mit einem unschuldigen und vergesslichen Lächeln im Gesicht, bereit einen weiteren Tag voller Demütigung und Ungerechtigkeit serviert zu bekommen. Tag um Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr.

Menschen, die aus einfachen Verhältnissen kommen und das Glück haben, ihr Gehirn mit einem bisschen Fleiß zu was brauchbaren, ja, zu etwas besonderem zu machen. Weil sie sich selbst mit vorgehaltener Pistole einfach weigern, alles hinzuschmeißen, aufzugeben und sich um Abflussrohr der Ungerechtigkeit beerdigen zu lassen, lange Zeit bevor das Herz aussetzt.

Leute, die gerade, weil sie nie die Unbeschwertheit, Unabhängigkeit und Leichtheit kennen gelernt haben, die jedem rechtschaffenden Menschen zustehen sollte.

Leute, die die meiste Zeit des Tages damit konfrontiert werden, dass sie Nullnummern sind, obwohl sie eher die Hölle zufrieren sehen lassen würden, ehe sie gewillt sind Niederlagen zu schlucken, obwohl sie auf der Gewinnerseite stehen müssten. Ich spreche von Menschen, die eigentlich keinen Grund im Leben finden sollten, morgens nicht deprimiert aufzustehen, weil vor ihnen viele Stunden des gnadenlosen und niederträchtigen Arschficks stehen. Sie stehen auf und sehen aus, als wären sie die ganze Nacht zu Cunnilingus mit Rosanne Conner gezwungen worden.

Sie greifen nicht zu den Erträglichmachern unserer Zeit, den Drogen, obwohl die Aussichten über die Stufe 1 der Maslov-Pyramide in naher Zukunft für sie ein unerreichbares Ziel bleiben wird.

Sie sind in der Lage ins Scheinwerferlicht gestellt zu werden und von allen Seiten angepisst und angespuckt zu werden, und dennoch ihren Kopf wieder hochzunehmen, wenn sich die größten Wichser gelangweilt einer interessanteren Sache zuwenden und auf was anderes lachend mit dem Finger zeigen.

Sie putzen sich die Zähne, Abend für Abend, um den Geschmack von bitterem Ejakulat aus der Erinnerung – und sei es nur für ein paar friedliche Stunden – zu putzen. Sie weinen manchmal nachts, sind verdammt noch mal erschöpft. Es sind Menschen. Aber sie stehen wieder auf. Jeden verdammten Morgen.

Ihr Schicksal ist es, nicht zu verbluten. Und sie kämpfen um jedes bisschen Anerkennung und Freiheit.

Diese Menschen haben wahre Freunde. Die einen kriegen es mit, die anderen nicht. Sie verlieren sich in Liebe, in Menschen, die es gut mit ihnen meinen. Sie verlieren sich in Fantasie und finden Wege, sich nicht in Zorn oder Wut zu verlieren. Sie sind nicht zynisch. Sie geben nicht an.

Und sie blicken jeden Tag in den Spiegel, erblicken die müden Augen, die vielen Spuren der ganzen Scheiße, die sich als hässliche Maske in das Fleisch darbt. Sie verschwenden keine Minute daran, all die Versuche des Brechens zu akzeptieren. Sie verdrängen nicht, sind keine Helden in einer Welt, in der jeder nach der Weltherrschaft grabscht, als wären es pralle Titten feuchter Seelen, die sich bücken oder die Beine breit machen.

Nein, mann.

Sie setzen sich mit ihren Problemen auseinander. Die Prügel stecken sie wahllos ein. Sie lächeln. Und halten durch. Sie beneiden Menschen, die leichter leben können. Ein Leben zu dem sie keinen Zugang finden, weil ihnen die Tür zu einer Welt vor der Nase zugeschlagen wird, in der es besser sein könnte.

Sie nehmen keine Rache später an denen, die in ähnlichen Situationen stecken. Auch wenn man plötzlich auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzt. Sie haben ihr Leben in der Hoffnung verbracht und geduldig gewartet, dass es besser wird. Sie wünschen sich nichts sehnlicher als Fairness.

So wie sie andere behandeln. Weil sie immer da sind, wenn sie da sind. Selbst wenn es für einen aussichtslos aussieht. Das sind Menschen, die man in einer Schlägerei neben sich haben will.

Diese Menschen sind ehrenhaft, idealistisch, wahrlich stolz und rechtschaffend.

Erfolglos und gut.

Die, die genau wissen wie Macht von unten aussieht und dennoch nicht durchdehen.

Traurig. Aber nicht einsam. Ihre Währung ist all das, was man ihnen gibt. Wenn der Tag voller Scheiße und Ungerechtigkeit vorbei ist, dann erhalten sie im besten Fall Wärme von Menschen. Von den richtigen Menschen. Sie geben sich damit zufrieden und denken nicht daran, dass das nicht ausreicht um durchzuhalten. Sie finden einen bizarren Weg um glücklich zu sein.

Und ich bin mir nicht sicher, ob sie all das Wenige eintauschen würden, wenn man ihnen die Tür zu einem vermeidlich besseren Leben aufmacht. Es hat sie immerhin vor dem Durchdrehen bewahrt. Und das ist verdammt noch mal unbezahlbar.

Halt/Inspiration

Manchmal rastet man einfach aus. Mit der Faust wird auf die harte, kalte Wand eingeschlagen, die all das symbolisiert, was einem im Weg steht. Frustriert blickt man nach diesem Anfall von blinder Wut auf seine Fingerknöchel und spürt nicht mal den Schmerz, den das verschmierte Blut vorschlägt. Betäubt.

Manchmal muss das auch einfach sein. Dann schreit man und dreht durch und beschimpft jeden und will sich undankbar fühlen, sich schwach fühlen, man heult und heult und man schämt sich nicht, wenn jemand einen entgeistert dabei beobachtet. Türen werden zugeschlagen, Porzellan zerschmettert, Gelegenheiten verworfen.

Es passiert. Es muss passieren, unweigerlich, und das ist okay, wenn man den richtigen Halt findet. Denn nachdem man alles Teller gegen die Tür geworfen, die Kabel aus der Wand gerissen und sich selbst die Haare ausgerauft hat, dann zählt nur, wer am Ende beim Aufräumen hilft und die Tränen von den Wangen wischen kann. Vielleicht wird nicht alles gut am Ende, vielleicht leben wir nicht in dieser wundervollen Welt, wo alles gut werden kann. Aber es macht es leichter, wenn man nicht alleine den Scherbenhaufen zusammenfegen muss, den man angerichtet hat.

Halt. Familie, Freunde. Jemand, der festhält. Nicht nur im Nachhinein. Nicht nur, wenn alles schon explodiert ist, nicht nur, wenn man dazu einlädt, nach der Katastrophe dem Opfer zu helfen. Es wirkt auch schon davor, wenn man davon absieht, Dummheiten zu machen. Wenn man sich den Konsequenzen bewusst ist, die man auch selbst als haltender Mensch verantworten muss. Wenn man vor dem Sprung schon festgehalten wird.

… so oder so ähnlich hätte es klingen können, aber ich hab die Worte nicht gefunden für das, was ich sagen wollte. Ich finde die Worte nie, bis ich einen Song höre, oder bis ich einen Menschen kennen lerne, der ein Wort benutzt, dass ich seit Jahren nicht mehr gehört habe. Ein Blinder in der U-Bahn. Ein zerfleddertes Buch, irgendwo auf der Straße, verlassen und dreckig. Tauender Schnee. Was weiß ich.

Manchmal fallen mir die Worte nie ein, weil es nicht immer richtig oder passend ist, ein Gefühl mit Worten auszudrücken. Manchmal ist es eine Melodie. Manchmal ist es ein Produkt, der Notwendigkeit entsprungen. Manchmal ist es ein Geruch. Manchmal ist es sogar ein Werbespot. Wo Worte versagen, sind es vielleicht die Bilder, die am besten ausdrücken können, was gemeint ist.

Es ist immer und immer wieder faszinierend zu bemerken, wie Inspiration und Kreativität funktionieren. Gerade nach Begegnungen mit Menschen, die sich in einer Welt voller Farbe und Fantasie befinden (und es auch als Lebensaufgabe ansehen, für immer in dieser Welt zu bleiben), die Kreativität zum Beruf machen und aus allen Momenten und Lebenslagen ihre Energie saugen, um Messages durch Bilder, Videos, Wörter oder schlicht und einfach kleinen Strichen auf Papier umzusetzen, sei es für die Kunst an sich oder für ein Produkt, gerade dann wird meine Ehrfurcht dem menschlichen Geist gegenüber nur noch gesteigert. Wie ist das möglich, dass dieses kleine Video mich endlich dazu bringt, einen Gedanken, der noch nie so aktuell, allerdings auch nie greifbar war, nieder zu schreiben? Was passiert mit der Inspiration, wenn man sich selbst inspirieren lässt– wird sie in Form von Energie weitergegeben, ist es ein endloses Momentum, oder nur ein kurzes Blitzlicht, ein Fingerjucken, unwichtig, belanglos, nur mal ganz kurz angewendet und dann verschwunden?

Halt. Inspiration. Für mich ist das mittlerweile auch synonym, so abwegig es scheinen mag. Aber wenn mal niemand da ist, der einen festhält, ist es vielleicht die eigene Fantasie, die eigene Naivität, und der eigene bunte Kopf, der einem den Rückhalt gibt, den man benötigt…

Mike

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Die Milchbar. Wir glaubten zumindest, dass die Kneipe mit kleinem angeschlossenem Kiosk Milchbar hiess, ein Schild gab es ja nicht. Aber wir fanden den Namen sympathisch. Von außen bekam man den Eindruck einer Bahnhofsspelunke: Die Rollläden stets nur halb geöffnet, darunter noch weiße Gardinen, die das letzte bisschen Restlicht draussen lassen. Es war duster und leicht gammlig, die Einrichtung hatte ihre besten Zeiten längst hinter sich. Nicht dass es dort jemals geschmackvoll zugegangen wäre. Das Publikum wirkte auf den ersten Blick nicht besonders einladend, es sind die Art von Leuten, die in anderen Bars schon rausgeflogen sind, hier aber trotzdem noch ihren Absacker kriegen. Es wirkte nicht wie eine Kneipe, in die man spontan einen Fuß setzen würde. Der Besitzer war Michael Smith.

Mike.

Mike war, als wir das erste Mal dort waren, Ende 50, und er wirkte nicht wirklich gesund. Ich könnte wetten, dass er auf der Straße häufig von anderen einen leicht angewiderten Blick kassiert hat, ansonsten wollte sich aber keiner näher mit ihm beschäftigen. Er hatte eine unheimlich rauchige Stimme und redete irgendein britisch-deutsches Kauderwelsch, dass nur schwer verständlich war. Wenn man jedes zweite Wort einfach ignorierte liess sich ungefähr erahnen, was er eigentlich wollte. Mit der Zeit ging es einfacher, wir mussten nur genau hinhören. Wenn er Stories aus seinem Leben erzählte. Wie er bei Woodstock war, was uns ja regelmäßig neidisch machte. Wie er die gesamte Welt bereiste und an den interessantesten Orten die verrücktesten Sachen erlebte. Oder wenn er beispielsweise Nigel zurechtwies. Nigel, stets gut gekleidet mit einer sündhaft teuren Aktentasche aus Leder, der aber auch stets schon gut abgefüllt in der Milchbar erschien und dann immer die Story erzählte, wie sein Vater in irgendeinem Revolutionskrieg 1000 Inder getötet hätte, bevor er von Mike mit einem “Jaja Halts Maul Nigel!” erst mal abgefertigt wurde. Angelika, die immer irgendwelche NDW-Songs schmetterte. Ihre Stimme war entsetzlich. Wenn ich noch einmal in meinem Leben Eisbär hören muss drehe ich durch. Mike sah das zum Glück ähnlich und zögerte dann auch nicht, den Stecker von der Jukebox zu ziehen, nur um sich dann mit Angelika anzulegen.

Genau, es gab eine Jukebox in der Milchbar. Eine richtige Jukebox, mit Vinyl, zwei Songs für 50 Pfennig. Also der Euro kam mussten wir bei Mike immer 50 Cent gegen 1 Mark tauschen, was widerum fünf Songs entsprach. dabei spielten wir immer nur einen Song, David Bowie’s Heroes, manchmal auch U2’s Where The Streets Have No Names. Mehr brauchten wir nicht, die verbliebenen Songs überließen wir den anderen - also Angelika. Einmal hatte Mike das Angebot in der Jukebox wieder geändert und David rausgeschmissen, was wir natürlich nicht einfach so stehen lassen konnten. Mike hatte keine Lust, die Single rauszusuchen und öffnete uns das Hinterzimmer. Unsere Kinnladen klappten auf den Boden. Vor uns taten sich nach Schätzungen etwa 12.000 Alben und gut 20.000 Singles auf, fein säuberlich alphabetisch sortiert, bis auf den kleinen Haufen auf dem Boden. Wir hatten noch nie eine so große Musiksammlung gesehen, geschweige denn eine nicht-digitale. Den Wert wollten wir uns gar nicht ausmalen. David haben wir dann im Haufen gefunden.

Und Heroes haben wir oft gehört. Wir waren ja oft da, es gab in dieser kleinen Stadt nicht viele Möglichkeiten, Billard spielen zu können. Mike hatte einen Billardtisch. Tatsächlich war es sogar der erste Billardtisch im gesamten Erftkreis, und er erzählte gerne, wie die Leute früher Schlange standen, um einmal spielen zu dürfen. Der Tisch hatte ebenfalls schon bessere Zeiten gesehen: Der Filz war teilweise eingerissen, die Fläche wellig und das Loch oben links transportierte die Kugel nicht mehr richtig. Alles Mankos, die wir geschickt umgangen bzw. zu unserem Vorteil genutzt haben. Mit der Umstellung auf den Euro konnten wir dann auch kostenlos spielen, da eine Umrüstung sich nicht mehr gelohnt hätte. Nicht dass wir das nicht auch vorher schon getan hätten, wenn das Geld knapp wurde: ein beherzter Schubser gegen den Tisch, schon konnten wir eine weitere Runde spielen. Mike hat es natürlich trotzdem immer gehört. Wir haben ein Mal gegen ihn gespielt. Wir dachten, wir wären einigermaßen gut. Es war die größte Blamage, die wir im Billard je eingefahren haben.

Mike war Multimillionär. Ihm gehörten fast alle Häuser in der Straße der Milchbar. Er hat in den 70ern ein paar sehr kluge Entscheidungen getroffen und in dieser Zeit sehr hart gearbeitet, um jetzt von den Einnahmen leben zu können. Das weiss so gut wie niemand. Wir wussten es auch nur, weil ein Vater eines Kumpels gleichzeitig Geschäfte mit ihm macht. Wir haben ihn einmal gefragt. Er nannte uns einen Betrag. Wir mussten schlucken. Aber der Blick in seinen Augen, die Art, wie er es sagte, so beiläufig, wir wussten, dass es ihm eigentlich nichts bedeutete. Da ist ein gemachter Mann, der von Leuten leicht angewiderte Blicke kassiert, obwohl er jeden einzelnen von ihnen auslachen könnte und es wahrscheinlich auch tut. Der an den schönsten Orten dieser Welt leben könnte und für seinen Lebtag ausgesorgt hätte, und der es stattdessen vorzieht, sich Abend für Abend hinter den Tresen seiner dusteren, leicht gammligen Bar zu stellen und seinem abgehalfteren Publikum inklusive zwei pubertierenden, billardbegeisterten Jugendlichen Bier auszuschenken. Seinen Freunden. In der Milchbar. Mike’s Milchbar.

Mike ist vor zwei Jahren gestorben. Ich habe selten einen sympathischeren Mann kennenlernen dürfen.

Danke Christoph.

Restrealität: Ein Danke.

Als ich das Projekt “Restrealität” auf DSG einführte, war es nur eine Kategorie für Dinge, die ich aus einer gewissen Distanz erzählen wollte. Geschichten, persönliche oder unpersönliche Erzählungen, Dinge, die in einem Schutzwall der Anonymität verhüllt werden sollten. Um die Grenzen zwischen mir und der Fiktion zusätzlich zu verwischen, lud ich jeden der wollte dazu ein, mitzumachen.

Ich bin völlig überwältigt.

Ich hätte nie gedacht, dass überhaupt jemand je irgendetwas einschickt, aber mittlerweile machen nicht nur die Leute mit, die ich mit Axt über dem Kopf dazu zwinge, sondern Menschen, Fremde, Leute die etwas zu sagen haben, meistens in wunderbare Wörter verpackt. Und ich komm nicht hinterher damit, sie einzustellen.

Die Restrealität – also ihr – macht DSG zu etwas einzigartigem. Und ich möchte jedem danken, der sich die Zeit nimmt, diese Texte zu lesen und beizutragen. Das Vertrauen, dass uns geschenkt wird, wenn um Anonymität gebeten wird ist einfach nur krass, also danke noch mal dafür, auch von B (und jetzt auch N).

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier.

Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Ab sofort könnt ihr die Texte an restrealitaet/dragstripgirl/de schicken. Am besten, ihr fügt hinzu, ob ihr namentlich erwähnt werden möchtet, ob ihr einen Link zu eurem Blog gesetzt haben möchtet, wie der Titel des Beitrags ist, und wenn ihr ein passendes Bild habt umso besser. Und wenn nicht – auch egal.

Danke.

Love Harder

Wir hatten definitiv nicht genug Sex hier in letzter Zeit. Ihr wisst schon. Diesen dreckigen Untergrund-Swinger-Club-Bisexuell-Sex, der mit Zigarettenrauch und dunklen Kameraeinstellungen á la Calvin Klein Commercial. Das mit den scharfen Dessous. Ihr wisst schon. Der, der mit feinstem Synth-Pop hinterlegt wird, der, in dem sich auch Lindsay Lohan wohl fühlt..

Ihr wisst schon. Wie Ali Love’s neues Video zu “Love Harder”.

Mehr Netto im Ghetto

Wenn man den Hipster-Fantasien nach Berlin folgt sieht man sich schnell in einem Strudel der Enttäuschungen konfrontiert mit all den Dingen, die nicht so laufen wie vorgestellt. Altbau Wohnung, Ost-Charme und Szene-Parties werden schnell abgeschrieben, der Kampf um das nackte Überleben in der Anonymität beginnt und wenn man nicht gerade professionelles Trust-Fund Baby ist, dann sieht man sich als armer Student die Chinanudeln von letzter Woche essen. Denn das ist Berlin. Ein Freizeitpark für die ganz Harten.

So habe ich in Berlin auch den Netto kennen gelernt. Der Netto an der Ringbahn und damit das Portal in die Vorhölle, die sich Wedding nennt. Allerdings müssen wir von Anfang an ein Missverständnis aus dem Weg räumen: es geht hier nicht um den kürzlich von Edeka übernommenen Plus, der dann in “Netto” umbenannt wurde. Bei Mohammad, nein. Nein. Es geht um den “Netto Supermarkt” mit dem Hund. Dieses Teil kommt aus Brandenburg und hat in den alten Bundesländern keine einzige Filiale, Gottseidank, denn die bloße Anwesenheit dieser Pufflobby hätte mich schon in jungen Jahren komplett verstört und erklärt auch die Bilanz an Drogenabhängigen und Nazis in ostdeutschen Großstädten. Sorry, man, wäre das in meiner Jugend die einzige Option gewesen einzukaufen, ich hätt’ mir auf jeden Fall ‘ne Platte rasiert und nach der Vergangenheit geschrien!

Ich könnte mich nun über das dubiose Klientel und die Freakshows, die Spritzen am Eingang und die unfähigen Kassierer auslassen. Stattdessen möchte ich erwähnen, dass Netto Stierbier nur 23 Cent pro Flasche kostet und es in diesem Laden nicht ein einziges Lebensmittel gibt, dass nicht auch als ABC-Waffe genutzt werden könnte. Es macht keinen Spaß, dort einkaufen zu müssen, denn man hat Angst Opfer eines Drive-By Shootings zu werden oder an den Gerüchen in diesen Hallen des Todes zu ersticken.

Selbstverständlich muss man das als Herausforderung ansehen.

Mehr Netto im Ghetto

In unauffälliger Tarnung (dunkle Jogginghosen und Plastiktüten mit Pfand) machten wir uns gemeinsam auf den Weg. Im folgenden werde ich die Bilder unserer Einkäufe sprechen lassen, denn keine Worte können beschreiben, mit welchen Würgereizen wir kämpfen mussten…

 

N your face.

Wann fängt POP an Kunst zu sein und wann hört Kunst auf Kunst zu sein und POP zu werden? Man kann versuchen in der Hamburger Kunsthalle nach Antworten zu suchen oder man analysiert einfach den Ausdruck im Gesicht dieses jungen Mädchens, das über das in Formaldehyd eingelegte Kalb von Damien Hirst nachdenkt.

damien hirst

HI! Ich bin N, der Neue. Lange habe ich über meinen ersten Post im Dragstrip-Universe  nachgedacht und mich dann dafür entschieden mit einem simplen Photo in dieses wortgewaltige Blog einzusteigen, das ich am Samstag in der Hamburger Kunsthalle gemacht habe. Der Ausschnitt ist zwar eher auf Schnappschuss-Niveau, aber trotzdem gefällt mir dieses Bild. Nur wegen des Mädchens. Ihr emotionsloser, ungläubiger Gesichtsausdruck sagt soviel über diese hochgejazzte, gehypte, sensationsgeile Kunst von Hirst bis Koons. Ihr Ausdruck ist mein Kommentar zu der POP LIFE Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Mehr möchte ich für diesen Moment auch gar nicht sagen. Erstmal muss ich die Aufnahmerituale von S und B über mich ergehen lassen. Ich melde mich wenn ich aus der Zukunft zurück bin.

Achja. Wenn ich nicht hier bin, dann hier. :)

Yalla Yalla

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Alle mögen Björn. Auch Katharina, die alle Kathi nannten, außer er. Jeder Name hat es verdient komplett zu sein, sagte Björn immer, für ihn war es ein Zeichen des Respekts.

Seit ihrem ersten Treffen hatte es ein Jahr, elf Monate und neunzehn Tage gedauert, bevor Katharina langsam herausfand dass Björn sie belog. Drei Monate und vier Tage später stritten sie sich zum letzten Mal. Es war kein Hollywood-Streit, statt Tellern flogen Anschuldigungen, Schimpfworte und Tränen. Alles Dinge, die mehr wehtun als zerbrochenes, mit Blumen bemaltes Porzellan. Sie wollte sich nicht von ihm trennen, doch schlussendlich hatte sie begriffen dass sie nicht ihn liebte, sondern den Traumprinzen den er für sie erschaffen hatte. Ihr schien als seien die letzten beiden Jahre mit ihm nie da gewesen, als würde sie plötzlich einem völlig fremden Menschen gegenüber stehen, der äußerlich nach dem aussah wonach sich ihr Herz sehnte, innerlich jedoch ein ganz anderer war, und während das anderswo nur eine Metapher ist, so entsprach es hier der Wahrheit. Björn wollte sich auch nicht von ihr trennen, obwohl er es hatte kommen sehen war sie immernoch diejenige bei der er sich selbst seine Liebe fast abgenommen hatte. Fast, und so verlor Katharina die Schlacht, Björn aber den Krieg, in dem er selbst sein größter Feind war. Doch er blieb gelassen.

Für Björn gibt es keine Freiheit. Freiheit bedeutet, der zu sein der man ist. Freiheit bedeutet Ehrlichkeit, sich selbst und anderen gegenüber, etwas was wohl nicht auf der Liste der Dinge steht die Björn ausmachen. Es fing ganz klein an, eine kleine Bemerkung, eine Meinung, ein einziges Wort, und schon begann der Baum der Lügen zu wachsen, zog seine Wurzeln durch ihre Beziehung und zeigte an der Krone das Bild eines Menschen der nur noch wenig mit dem tatsächlichen Menschen zu tun hat. Björn war ein toller Mensch, respektvoll, tolerant, liebevoll und schwer nicht zu mögen, ein stiller Begleiter, zufälligerweise genau der Mensch nach dem sie gesucht hatte, ihr Traumprinz, nach dem sie lange gesucht hatte. Ihm war es nicht so wichtig ob sie religiös war oder nicht, obwohl er selbst an keinen Gott glaubte tat er ihren Glauben nie als Humbug ab, oder versuchte sie davon abzubringen. Ihm machte es nichts aus dass ihr Sex größtenteils aus Blümchen bestand, obwohl er das Kama-Sutra bei sich im Schrank stehen hatte verlangte er von ihr nie mehr als sie wollte. Mit Katharinas besten Freundin, der Kuh mit dem übergroßen Ego, verstand Björn sich immer blendend, ihm machte es mehr Spaß in der Scheißkälte Schlittschuh laufen zu gehen anstatt den ganzen Tag im Bett zu liegen und sich Filme reinzuziehen, und sie war für ihn immer die Nummer 1. Björn war immer wie sie es sich wünschte, nur er selbst, der war selten.

Anfangs wusste sie das noch nicht. Anfangs weiß es niemand, manche wussten es nie, wissen es bis heute nicht, aber für Björn war da immer ein kleiner Schatten, tief in seinem Innern begraben, der mit der Zeit zwar kleiner und kleiner wurde, doch immer da war. Immer. Früher war es sein größter Wunsch gewesen möglichst gelassen zu sein, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, für die durch Emotionen angetriebenen Ausbrüche seiner Mitmenschen hatte er stets nur Verachtung übrig. Doch dann, eines Tages, merkte er dass ihr Preis teurer war als das was er durch sie gewonnen hatte. Der Fluch der Gelassenheit kostete Björn seine Liebe, seinen Hass und seine Trauer. Er hatte es erreicht, kaum mehr etwas konnte die Mauer um seine Gefühle durchbrechen, und plötzlich fehlte im etwas. Ihm wurde klar, Katharina hatte ihn nie geliebt, sie hatte ihn nicht mal gekannt, sie hatte sich in das verliebt was aus ihm geworden war, das was er für sie geworden war, und er hatte sie nie geliebt, er mochte nur die Vorstellung von wahrer Liebe, von einem Topf und einem Deckel die aufeinander passen, einer Scheinwelt, die er erschaffen hatte.

Der Übergang hat gedauert, verlief schleichend, und heute weiß Björn nicht einmal mehr womit, oder warum es damals begonnen hat. Aus dummer, naiver, aber echter Wahrheit wurde Schweigen, ein großes Schweigen, dass keinem zustimmt, aber auch nie anderer Meinung ist. Lieber ließ er andere im Glauben Recht zu haben, anstatt einen Keil zwischen die Beziehung zu stampfen, so dachte er anfangs. Die Taktik funktionierte gut, alle mochten ihn, und mit seiner Moral kam er in Einklang indem er sich immer wieder sagte er habe seine Prinzipien nicht verraten, er könne nichts dafür wie andere sein Schweigen interpretieren. Das Argument eines Kindes, des Kindes das er damals war. Er unterdrückte sein Ich, und gaukelte seinen Mitmenschen damit Toleranz und Gleichgesinntheit vor. Doch irgendwann reichte ihm das nicht mehr aus, irgendwann merkte er wie leicht es war zu sehen wonach sich andere sehnen. Er fing klein an, er veränderte seine Vergangenheit, er erzählte Geschichten anders und gab Entscheidungen anders wieder, er pflanzte seine Wurzeln um, für sie, oder ihn, oder sie. Er merkte wie leicht es ihm fiel, und so kamen die Lügen in der Gegenwart an, bekamen Hand und Fuß, aus Björn wurde ein anderer Mensch, und der Baum wuchs. Er hatte Erfolg mit dem was er tat, die Leute mochten ihn, manche liebten ihn, und er bekam immer mehr Übung darin jedem ein anderes, passendes Bild von sich zu zeigen, Gefühle vorzutäuschen und die Wahrheit immer weiter zu vergraben. Es war kein Spiel mehr, sein Leben war zu einer großen Lüge, zu einer großen Täuschung geworden, was gerade die Menschen betraf die ihm am nähsten standen. Die, die ihn am allermeisten liebten, bekamen die größten Lügen aufgetischt, denn sie waren es deren Verlust er am meisten zu verhindern versuchte, sie waren es für die er sich komplett aufgab.

Doch das war nicht das Ende, den letzten Schritt auf seinem Weg ging er ohne es zu wissen. Björn war 21, als ihm eines Tages bewusst wurde dass er angefangen hatte seinen eigenen Lügen zu glauben, dass er nicht mehr wusste was er fühlte, dass er im Grunde gar nichts mehr fühlte, nur noch zeigte was von ihm erwartet wurde, dass er zig verschiedene Menschen war. Irgendwo zwischen all den Lügen hatte er sich selbst verloren, er konnte graben so tief er wollte, die Gedanken und Emotionen die er fand waren nur Bruchstücke von dem was er wirklich war, und nicht mal bei ihnen wusste er ob sie wirklich wahr waren. Plötzlich war aus dem Baum ein Wald geworden, und er fand nicht mehr heraus. Plötzlich war das Schweigen kein Mittel zum Zweck mehr, sondern das einzige was er noch tun konnte ohne sich selbst zu fragen ob er es war, oder jemand anderes, den er irgendwann mal für einen Freund, seinen Vater oder eine Freundin erschaffen hatte. Sein Geist hatte die Lügen legitimiert, indem er die Wahrheit sterben ließ.

Es war die Zeit der großen Entscheidungen, als Björn klar wurde, dass die Mauern die er erbaut hatte ihn nun selbst ausschlossen, dass er weder Ja noch Nein sagen konnte. Ihm wurde bewusst dass jeder, der sich selbst für jemand anderen aufgibt, und sei der Gedanke dahinter auch noch so nobel, aufhört zu existieren, und damit die Liebe zu Grabe trägt. Er stand vor einem großen Fragezeichen, er wusste nicht wie weit er seinen eigenen Gedanken trauen konnte, er wusste nicht mehr was er wollte oder wohin ihn sein Leben führen sollte. Alles was er wusste war dass er sein halbes Leben damit verbracht hatte nicht zu lieben, nicht zu trauern, nicht zu weinen, nicht zu lachen und nicht zu hassen, dass alles nur ein einziges großes Schauspiel gewesen war, und dass es das war, wonach er sich jetzt am allermeisten sehnte, zu lachen und zu weinen, alles, bloß keine Gelassenheit. Er fühlte sich leer, so verdammt leer, ohne auch nur grob seine Zukunft vor Augen, ohne Menschen die ihn wirklich kannten, und fing an zu kämpfen, die unangenehme Wahrheit der angenehmen Lüge vorzuziehen, immer ein kleines bisschen mehr, immer weiter zu sich selbst, Menschen verlieren, Wahrheit gewinnen.

Nach Zwei Jahren, zwei Monaten und 23 Tagen mit Katharina hatte Björn eine weitere Schlacht im Krieg gegen sich selbst verloren. Heute bin ich 24 und kämpfe immernoch.

“Lieber als Liebe, als Geld, als Ruhm, gebt mir Wahrheit.”

- Chris McCandless

Danke Björn. Foto

Video Blast #3: London Boys

Ach, Grime, das ist ein schwieriges Thema für mich. Ich finde es nicht schlecht, aber wenn Musik jemals anstrengend war, dann mit diesem Bastard-Genre. Im Club darf das gerne gespielt werden, im Radio- nah. Dennoch möchte ich hiermit die Petition “Mehr Londoner Aktzente in Musik” starten. Bock drauf?

Grime is typified by complex 2-step breakbeats, generally around 140 beats per minute and constructed from “different” sounds.[1]

Stylistically, grime takes from many genres including UK Garage, dancehall and hip hop.[2] The lyrics and music combine futuristic electronic elements and dark, guttural bass lines. – Wikipedia

Grime ist auch aus einer sozialen Perspektive ein ganz interessantes Phänomen, weil aus England ja sonst nichts tolles in Sachen Hip Hop rüberkommt (und bitte hört mir auf mit The Streets, das ist einfach nur ein stotternder Coldplay-Abklatsch). Anyway, ein paar Perlen habe ich am Wochenende mal zusammengestellt, ein Mix aus älteren und aktuelleren Videos, straight from the regnerische Insel…

Tinie Tempah – Pass Out

 

Netzmart

Als mein kleiner Bruder in der Grundschule war sollte einen Aufsatz über seine Familie schreiben. Ich erinnere mich daran, weil ich ihn zur Strafe für das Resultat an den Kompost-Zaun kettete, ihm gammlige Socken in den Mund stopfte und den ganzen Tag Simply Red laufen ließ.

Ein Satz, für den er heute noch bei jeder Gelegenheit fette Nackenschellen kassiert.

“Ich habe eine große Schwester, sie ist fett und ihr bester Freund ist der Computer.”

Ich weiß, schwer vorstellbar, dass ein so intelligentes und bezauberndes Wesen wie ich jemals in solch eine prekäre Situation der Verleumdung geraten würde, aber… es stimmt. Ich war fett. Oh Boy. Ich war so fett, ich hätte praktisch den Mond ersetzen können. Aber darum geht es jetzt hier nicht.

Es geht um die Entwicklung von Kids meiner Generation, die vom Internet erzogen wurden (frage mich, inwiefern sich hier „fett“ und „Internet“ bedingen). Das ist keine Aussage über die Fehlerziehung meiner Eltern, die haben alles richtig gemacht. Immerhin verkaufe ich weder Drogen an Kinder, noch haben sie mir das Tattoo erlaubt, dass ich mit zwölf Jahren haben wollte. Es war ein Tribal. Danke Mama.

Heute ist das Standard. Morgens E-Mails, nachmittags Surfen, ein paar Songs runterladen, Status updaten, Restaurant suchen. Nachts die Fetischpornos. Normal. Das war’s vor 10 Jahren noch nicht. “Du chattest? Was ist chatten? Mit wem chattest du denn? Was gibt’s denn zu chatten?” Keine Ahnung. Ich weiß es nicht mehr.

Ich weiß nur, dass es Menschen aus der ganzen Welt waren. Nerds, Studenten, Ärzte, Punks, Programmierer. Damals gab es ja auch kein “deutsches” Internet, nicht so wie jetzt. Da musste man gezwungenermaßen Englisch lernen. Aktzentfrei. Wer im IRC Chat mithalten wollte, der musste auch mit 10 Fingern tippen können. 104 Wörter pro Minute. Webseiten gab’s nicht auf Knopfdruck. HTML, CSS, PHP, Photoshop (zugegeben, talentlos). Wenn der PC kaputt war, musste man ihn selbst reparieren. Hardware, Software. Wenn die Eltern auf schmuddeligen Seiten surften, musste man die Kindersicherung selber einstellen. Privacy. Musik gab’s “kostenlos”. The Clash, The Cure, The Smiths.

Klar, auch heute kann das jeder haben. Die Frage ist wie dringend man es will, wenn es so selbstverständlich ist; wenn man nichts mehr entdecken muss, jedenfalls nicht so wirklich. Wieso holpriges Land wenn es Autobahnen gibt? Man, was für Harry Potter Hogwarts und für die anderen bekloppten Kinder Narnia war (ich hasse Narnia), das war das Internet für mich: Perspektive. Das Land der unendlichen Möglichkeiten. Ich entwickelte eine natürliche Neugier, weil sie gestillt werden konnte (so erkläre ich mir das natürlich im Nachhinein. Vielleicht war ich auch einfach nur ein Kellerkind und hatte keine Freunde). Man lernte zu lernen. Kochen? Internet. Schlösser aufknacken? Internet. Wände tapezieren? Internet. Kritisch denken? Zumindest teilweise Internet. Alle Voraussetzungen für meinen jetzigen Job? Definitiv: Internet.

Aber nur, weil ich jetzt so viel weiß und ein Genie bin (Achtung, abwertende Anmerkung die Sarkasmus impliziert, eigentlich aber ernst gemeint ist), heisst das natürlich nicht, dass wir deshalb die Schule abschaffen und stattdessen jeden Tag einen neuen Wikipedia-Artikel auswendig lernen. Ohne Schule wüsste ich ja nicht, wie ich mit offenen Augen schlafe. Und, okay, ich wüsste auch nicht wie ich meinen Horizont nicht nur über meine Interessen hinaus erweitere, sondern auch vertiefe.

On the left is Mr. Largo, my music teacher at school? He taught me that even the noblest concerto can be drained of its beauty and soul. - Lisa Simpson

Street Smart. So nennt man Menschen, die gelernt haben, mit den nötigsten Mitteln auf der Straße das Beste aus ihrer Situation zu machen. So ist es auch mit dem Internet gewesen (etwas weniger dramatisch vielleicht). Man wurde halt Netzmart (heh, ich weiß, “Net Smart”, “Netzsmart”, clever, heh).

Ja, es klingt noch einfacher heute, aber das ist es nicht. Ich schaue mir meinen kleinen Bruder an, die perfekte Zielgruppe für Küchenutensilien wie das iPad, und weiß, dass er niemals Netzmart sein wird. Netzmart ist nicht Google richtig benutzen oder Apps programmieren: es ist sich im Wirrwarr der Möglichkeiten durchschlagen und daraus lernen können, in einem eigentlich sehr beengtem Umkreis, gerade wenn man noch so jung ist. Aus einem Kaff-Kind wird ein virtueller Backpacker, ein Online-McGyver mit intrinsischer Motivation sich zu bilden, weil es plötzlich geht.

Selbstverständlichkeit hin oder her, viele werden wahrscheinlich auch ohne diese Erfahrung lernen zu lernen und auch umzusetzen, es gibt einen Haufen cleverer Kids da draußen, die auch über Abschlüsse und den ganzen System-Firlefanz mit Schule/Studium/Sterben hinaus erfolgreich sein werden. Nur tendenziell werden es eher weniger als mehr, zumindest habe ich das im Gefühl (FYI, Gefühl ist das neue empirische Wissenschaft).

Vielleicht ist es auch nur die Wehmut; zu wissen, dass meine Schulzeit vorbei ist und die globale Vernetzung nur dann funktioniert, wenn man seine Comfort-Zone verlässt und auch in der Realität zu leben weiß. Vielleicht werde ich nur alt und habe das erste Mal das Gefühl, auf eine “Ära”, wenn auch eine persönliche, zurückblicken zu können.

Und vielleicht – aber nur vielleicht – braucht der kleine Bruder einfach nur mal wieder eine Nackenschelle dafür, dass er immer noch mit dem Internet Explorer surft…

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