Ob erfolgreich oder nicht: wenn man erst mal durch die Ziellinie eines Lebensprojektes gelaufen ist, dann ist die Puste weg und der Ansporn auch. Das Ziel liegt halt nicht mehr vor einem, sondern hinter einem. Dann setzt man sich hin, genießt die Ruhe, atmet kurz durch, legt sich vielleicht in die Sonne, gönnt sich eine Massage und ein paar Drinks mit den Freunden und Fuffis im Club und hach, vielleicht geht dann endlich mal der Alltag wieder los; aber das Ziel liegt hinter und nicht vor einem und das macht alles extrem beschissen.
Mit der Leidenschaft ist es nämlich so wie mit Desserthunger: hat man zwar immer, aber nur in ganz besonderen Momenten kann man das auch aktiv verwerten. Nach dem herzhaften Festmahl, bei dem man sich den Wanst vollgeschlagen hat, kann man trotzdem noch was Süßes essen, jedenfalls als normaler, fett- und zuckerliebender Mensch, und nicht so wie die ganzen Idioten, die dann auf ihre Kalorien achten. Pisser, fickt euch.
Mit der Leidenschaft und all den dazugehörigen Pathos-Beilagen ist es halt ähnlich; die Energie, die mit einer Passion für etwas einhergeht, kommt ja nicht einfach so. Die ist irgendwo versteckt und an die kann man erst rankommen, wenn man auch einen Anlass dazu hat. Und der fängt im Kopf an. Mit einem Ziel. Mit einem übergroßen Endziel. Dann kommt der Ehrgeiz, dann kommt die Leidenschaft, die Power, das alles durchzuziehen. Man mag zwar einen groben Plan für das Leben haben, aber selten hat man wirklich ein mittelfristiges, realistisches Ziel.
Und dann gibt es Dinge, für die man vermeintlich Leidenschaft bringen muss – Arbeit, Uni, und so weiter – aber die verblassen, irgendwann im Trott der Dinge vergisst man, wozu man das alles noch macht. Für ein bisschen mehr Zins auf dem Sparkonto? Für einen 3,4 Abschluss in ‘nem Fach, was sowieso keine Überlebenschancen auf dem Markt bringt? Das sind berechtigte Zweifel, aber lange kein Grund, alles hinzuwerfen. Das hier ist ja auch keine Ode an den Zynismus, und es soll auch keine nihilistischen Nix-Forderungen vertreten. Aber jeder weiß doch: wenn man nicht etwas besonderem entgegenfiebert, wenn man nicht für das kämpft, was zählt, dann verstreut man sich selber. Kurzfristig muss es immer wieder gute Gründe geben, um weiter zu machen. Langfristig muss es immerhin ein oder zwei gute Gründe geben. Und mittelfristig? Da fehlt’s dann meistens. Kein Scheiss. Denkt mal drüber nach.
Und dann ist man wieder auf so einer Lebenslinie gefangen, wo alles irgendwie läuft und funktioniert, aber nichts so richtig Spaß macht und schon gar keinen Elan fordert. Arbeit läuft, Uni läuft, Freundschaften laufen, Beziehungsstatus whatever, aber man lebt in so einem Dauerdruff-Zustand, als hätte man seit 8 Uhr morgens schon an der Bong gehangen. Die lustlose Apathie, das dahindümpeln auf dem Strom der Dinge. Man kann noch nicht mal behaupten, man wäre schlecht gelaunt oder gar depressiv, dafür ist rein objektiv alles viel zu bunt und schön und man lacht ja auch laut genug. Aber ohne eine gewisse Leidenschaft für das geplante Kind, die geplante Reise, den geplanten Superhit, die Liebe deines Lebens, ohne diesen gewissen Desserthunger spüren zu können braucht man sich eben auch kein Mousse au Chocolat in den Rachen zu schieben.
Ich finde den Zustand außerordentlich entspannt und heilsam für die Seele, aber zugleich eben auch bedrückend und bedrängend. Das ist dann immer wieder so eine Phase, wo man zwischen den Zielen steht und in den Seilen hängt und dann kann man sich nur noch selber etwas neues vorformulieren; irgendwas, wofür es sich zu sterben und vor allem: zu leben lohnt. Mag sein, dass das eine Illusion ist, und die kracht dann auch zusammen wenn man durch das Ziel gerannt ist. Aber man, war es schön, als wir alle noch der Freiheit nach dem Abi entgegenfieberten und keiner wusste, was dieses dahinseichen eigentlich für ein Gefühl sein kann.