Trotz aller Höhen und Tiefen blicke ich auf die letzten 7 Tage erleichtert zurück. So vieles hätte schief gehen können – ging es aber nicht. Alles ist irgendwie ganz gut, wenn man sich mal zusammenreisst und die schönen Momente dominieren lässt. Der Umzug ist geschafft, die Wohnung ist abgegeben, die neue WG kotzt in ihrer ganzen Großartigkeit kleine Glücksbröckchen und die Gefühlslage hat sich stark beruhigt. Perfekt abgerundet wird das alles dann mit der entsprechenden Konsumbereitschaft: Neue Nike Air Max 1 und eine neue Destroyer, diesmal mit Lederärmeln – I’m bringing sexy back, motherfuckers. Wenn ich mich jetzt noch um Hausarbeiten, Steuererklärung und den anderen nervigen Arbeitskram kümmern würde statt ständig ins Kino zu gehen und Musik zu hören, dann wäre das Leben geradezu perfekt.
Etwas passierte mit ihr, als Morrissons nölige Stimme aus den verstaubten Boxen ertönte. Als hätte ihr ganzer Körper auf diesen Song gewartet, zuckten und zappelten ihre Gliedmaßen mit Gewalt. Sie wollten tanzen, also tanzten sie. Ihre Seele schmollte beleidigt in der Ecke, aber nach einigen Tagen des absoluten Return Of the Mack Overkill ließ sie sich auch auffordern, wenn auch nur, um endlich wieder Kontrolle über diesen nutzlosen Körper zu erlangen und einen anderen Song aufzulegen. Schließlich machte aber auch ihre Seele die Augen zu und hörte auf die weisen Worte englischer One Hit Wonder der 90er Jahre. Ihr Herz tanzte sie aus einer bisher unentdeckten Tür hinaus auf die Tanzfläche zu all den anderen, ihre Seele und ihr Körper gaben sich die Hand und Return Of The Mack wurde für etwas coolere Musik ersetzt, aber sie wusste, ganz tief drinnen, dass es dieser Song war, der sie gerettet hatte. Sie hatte es immer gewusst.
Musikalische Irrwege gibt es so viele in meinem Leben, aber sie alle führten straight wieder zurück zum Hip Hop. Dort fing alles an, dort hört alles auf. Das dazwischen existiert auch und mit Recht, aber Hip Hop is forever, und ich finde es mehr als großartig, dass meine Liebe gerade noch mal aufflammt (und man Liebe an Musik nicht verschwenden kann).
Mädchengangster, gefangen im Dualismus. Ein gutaussehendes Bündel wandelnder Widersprüche, Füße zu klein für Nikes, Frisur zu voluminös für kleine Skatergirl-Mützchen, Schenkel zu fett für Skinny Jeans und White Tee und Leopardeprintleggins. Aber ich scheiss auf die Authentittenzität, boy, ich bring Mitte nach Neukölln, Hood-Couture aus dem Altbau-Block am START, Kreuzberg Gentrification Light, schön in Residenzjogginghosenoutfit zu Katies Blue Cat ‘nen frischen Cappucino und einen Bagel mit Cream Cheese für 4 Euro und dem Ramschwarenhändler der zumachen muss noch mal Hallo sagen und wieder nichts kaufen, was es nicht auch bei Amazon mit Umsonstversand gibt! Ich höre auf meinem freshen iPhone Mobb Deep und laufe nachts um den Görlitzer Park herum, damit es mir nicht geklaut wird! Ich drehe meine Joints bereits vor der Party und verkauf sie für 3,40 an den englische Touristen! Ich hole mir eine Dauerkarte für’s Prinzenbad aber chill in Shirt und Jeans damit die türkischen Muttis mich nicht anspucken! Ich hol den besten Döner aus Kreuzberg ABER BITTE OHNE KNOBLAUCH UND OHNE ZWIEBEL ICH GEH NÄMLICH NOCH PARTY WALLAH! Junge, ich ficke dein Leben so hart und weine mich dann nachts in den Schlaf! Ich kaufe mir ein Skateboard und hänge es unter den Stuck im Wohnzimmer! Ich trage die Hose in den Socken damit sie sich nicht in meinen Single-Speed Speichen verheddert! ICH KAUF MIR EINEN SCHLAGRING UND TRAG IHN ALS ACCESSOIRE UM DIE FINGER! Ich pack Graffiti an Hauswände und lade meine Tags auf Facebook hoch! Ich trage Wal-Mart Pullover aus LA über meiner Bauchweg-Strumpfhose! ICH GEH ZU WATCH THE THRONE MIT EIN SITZPLATZTICKET! Ich weiß dass 2Pac lebt DAS HABE ICH IN MEINEM HIP HOP SEMINAR GELERNT! Ich häng im Block rum und lass ein Foto von mir für Instagram machen! VERSACE UND M.I.A. SIND GEIL! Ich sage LAK WALLAH wenn mich was nervt und meine Freunde geben mir Überprops für meinen breitgefächerten Multikulti-Hintergrund! Ich klau 10 Euro vom Nachttisch meiner Freundin UND GEBE SIE IHR ZURÜCK! OH Gott Deutschrap ist so TOT man aber ich hab Gästeliste für Cro Konzert lass ma hingehen! ICH KAUFE MIR EINE STURMMASKE FÜR DAS ODD FUTURE KONZERT UND HEBE SIE FÜR FASCHING AUF. Ich fahre einen roten Opel Astra Baujahr 97 und dreh THE CURE laut auf! Die Polizei macht Personenkontrolle und ich gebe ihm meinen Perso und sage DANKE LIEBER HERR KOMISSAR! POW, POW, POW!
Es gibt Menschen, und ich lüge nicht wenn ich behaupte, dass es meistens Australier sind, die haben keinen Kummer in der Welt. Sie haben nur unendlich viel Energie und den Drang, etwas zu tun. Ob es sinnvoll ist, ob es überhaupt funktioniert: völlig egal. Und die ganze Zeit hat man das Gefühl, dass sie es eigentlich nur so machen, weil es gerade eben aktuell ist. Wer scheitert, zieht weiter – too easy, mate. Meine Zeit in Australien hat mich auf jeden Fall einiges gelehrt, in Bezug auf das Leben. Auch da gibt es Spießbürgertum, auch da gibt es Ottonormalverbraucher. Aber seltsamerweise herrscht in diesem Volk so eine grundlegende Entspannung den Dingen gegenüber, die keine systematische Sicherheit dir geben kann. Ich mache dafür die Distanz und die unglaubliche Natur verantwortlich. Im Zweifelsfall können die auf ihre Bretter steigen und die Wellen surfen. Im Zweifelsfall können sie das ganze Jahr im Zelt schlafen, denn kalt wird es eh nicht. Ich habe keine Ahnung, wieso ich hier so hart über Australien und Australier philosophiere, aber es ist schon interessant zu sehen, dass die Macher von Skateistan Australier sind, und mit welchem Mindset sie an diese “Arbeit” gehen.
Skateistan, das ist ein Projekt, das Kindern in Afghanistan Skateboards näher bringen soll. So weit, so bizarr. In einem Land, das bis auf sein Mark erschüttert wurde, mit so unglaublich vielen kulturellen Hürden für Außenstehende, sollen nun Boards und Wheels die Kids begeistern? Auf verstaubten, bröckelnden Straßen, mit erschreckender Politik. Skateistan, der Film, dokumentiert die Reise der Macher und ihre Idee, einen Skatepark und eine Skateschule für die Kinder zu errichten. Gestern lief der Film in Berlin, und obwohl er keinen allzu großen Unterhaltungswert mit sich bringt, ist er sehr berührend. Er ist ein Einblick in die afghanische Geschichte, in die Kultur und auch ein bisschen in die Zukunft.
“Why Skateboarding? Because it works!” … der wichtigste Satz im Film, aber auch darüber hinaus. Diesen Kids könnte man alles beibringen, und jegliche Möglichkeiten geben, sie würden sie mindestens genauso enthusiastisch greifen. Wenn man nichts hat, nimmt man alles, was man kriegen kann. Und hier kommt vielleicht auch der altruistische, verrückte Australier ins Spiel, für den das Skaten so wichtig ist, dass er es weitertragen will. Mit Spaß und mit Lust. Und wer diese Kids dann beobachtet, der weiß: das ist richtig so, und es ist fantastisch.
Kendrick Lamar hat sich in mich verbissen, ich schwöre es. Ich will ihn überhaupt nicht mögen, auch wenn er ein Ausnahmetalent ist: zu hoch der Grad der Enttäuschung, wenn man die Künstler dann machen lässt. Siehe Lupe Fiasco, ein Drama in 3 Alben. Und außerdem nervt mich Kendricks nölige Stimme, und sein destruktiver Flow lässt mich nicht mitfühlen. Aber doch, und doch, und immer wieder saugt er sich fest, bis ich seine Tracks auf Repeat verschlinge und das Ghetto in mir durchbricht. Kendrick Lamar, man.
Und so ist das also. Ein Unfall passiert, der Arm ist ab, dann kommt die Genesung: zuerst vom Schock, dann vom Schmerz und letztlich heilt auch die abgerissene Zukunftsvorstellung an ihren Stümmeln wieder ab. Nachts wird man von den Phantomschmerzen noch mal wachgerüttelt, dann hält man sich kurz fest, wo nichts mehr ist und merkt: ah, ja, klar. Ich in in der Realität angekommen. So fühlt sich das an: echt, rau, roh und bis ins Mark erschütternd. Aber: real. So real, dass man sich manchmal fragt, in welchem Traum man vorher gelebt hat. Oder: so surreal, dass man an seiner Realität wieder anfängt zu zweifeln. Tief im Loch gefangene Gedanken werden mit Alltäglichkeit betäubt, und ich sehe der Wunde zu, wie sie sich schließt. Sie nässt jedenfalls nicht mehr, das ist ein großer Sprung nach vorne. Manchmal, wenn ich so da sitze und nichts denke und nichts fühle, dann vergesse ich, dass es je einen Unfall gab, und dann vergesse ich, dass ich je Schmerzen hatte, und dann vergesse ich, dass tiefe Narben meine Haut zeichnen und hey, mir fehlt ein Arm. Aber das ist es jetzt: Realität.
Das kann man einfach nur noch achselzuckend hinnehmen. Es ist der Garden State Dualismus, es ist nicht richtig und nicht falsch, es gibt keine Antworten und es gibt auch keine Fragen mehr.
Es ist:
This isn’t a conversation about this being over, it’s, it’s… I’m not, like, putting a period at the end of this, you know, I’m putting, like, an ellipsis on it, cause I’m- I’m- I’m worried that if I don’t figure myself out, if I don’t go like land on my own two feet, then I’m just gonna to mess this whole thing up, and this is too important. I gotta go… you changed my life in four days. This is the beginning of something really big. But right now, I gotta go.
vs.
Yeah, the ellipsis, it’s dumb. It’s dumb. It’s an awful idea. I’m not gonna do it, okay? Cause like you said, this is it. This is life. And I’m in love with you… I think that’s the only thing I’ve ever really been sure of in my entire life. And I’m really messed up right now, and I got a whole lot of stuff I have to work out, but I don’t want to waste any more of my life without you in it. And I think I can do this. I mean, I want to. I have to, right?
Aber ich bin nicht Largeman. Wie soll ich sagen? I Am Sam.
Beim derzeitigen Stand um die Welt wünsche ich den Mayas nichts weiter als unendlich viel Glück für ihre Prophezeihung. Wenn die Menschheit Ende 2012 der Apokalypse gegenüber steht – und man fest daran glaubt – hat man jedenfalls die perfekte Entschuldigung dafür, sich wie Sau zu benehmen, fett jedem auf’s Maul zu geben, der es irgendwie verdient hat und für die Dinge im Leben zu stehen, die es wert sind. Tendenzen gen Nihilismus mögen angebracht sein, ich wäre aber eher dafür, noch mal ein Ausrufezeichen an das Ende aller Tage zu setzen.
Anyway – das denkt sich die Ur-Philosophin in ihren Tagträumereien. Andere, wie zum Beispiel die nette Menschen von Axe, nutzen die Gelegenheit um mal wieder ein paar nette Gegenstände zu verschenken, die man auf die rettende Arche mitnehmen kann. Arche, Holz, Holzitems! Da macht’s auch richtig Spaß, das Feuer neu zu erfinden. Und was braucht unsere zukünftige Jugend, um eine neue Generation zu gründen? Richtig: Tischkicker, DJ-Mischpult, Soundanlage, was das Hedonisten-Herz auf der großen Endzeitkreuzfahrt begehrt! Diese Nettigkeiten kann man auf der Axe Effect Facebook Seite gewinnen. Was man dafür tun muss: berichten, was man gerne noch mal machen möchte, bevor die Welt in Trümmern liegt. Ich persönlich? Ich habe keine offenen Wünsche. Wenn die Welt untergeht, gehen alle meine Probleme auch unter. Mehr Spaß kann kein Mensch sich wünschen. Außerdem würde ich mir nicht mehr so viel Mühe ob der Körperpflege machen. Denkt dran: gut gesprüht ist halb geduscht!
Ich würde jetzt nicht behaupten, dass Nike meinem Stil seit Jahrhunderten Pate stand und mich in all meinen Lebensentscheidungen beeinflusst hat… dieser Verdienst gilt immer noch vielmehr Radiohead, speziell ihrem einen Album The Bends, welches mich bisher durch noch jede Krise begleitet und zu einem (hoffentlich) besseren Menschen geformt hat. Allerdings habe ich eine ganz persönliche Beziehung zu Nike aufbauen können, die gerade im letzten Jahr einen Dualismus meiner Persönlichkeit herausarbeitete. Nike ist meine Sünde, mein Junk Food, ich weiß, dass dieses Corporate Monster mir bisher nichts gutes getan hat und nicht mal Schuhe in meiner Größe produziert, aber doch, oh doch, meine Liebe. Wie ich letztlich schmerzhaft erfahren musste, ist so eine Liebe selten begründbar und noch seltener rational. Ich gebe mich damit jetzt einfach zufrieden. Hier ist ein schönes Video. Die Musik ist scheisse.