Tinderness

Es gibt zwei Sorten Menschen auf der Welt: die, die so tun, als hätten sie Interesse an inneren Werten, und die, die geradeheraus zugeben können, dass sie ihre Genitalien nur in schöne Gesichter drücken möchten. Es gibt für beide Kandidaten die entsprechenden Online-Dating Apps und Webseiten, aber ich finde gerade die zweite Kategorie entspricht – frei nach dem aktuellen brandeins Thema – dem aktuellen Zeitgeist wie sonst nichts.

Berlin. Es ist November, ein paar Leute möchten gerne in den nächsten Monaten kuscheln. Deshalb wird die petite Single-Plattform imGegenteil gegründet. Einzelne Kandidaten werden – sonst so leidenschaftlich nur bei Gebrauchtwagenbörsen zu sehen – von Außenstehenden portraitiert und interviewt und in die Galerie gehängt. Nun können suchende Töpfe dort den hochästhetischen Deckel finden.

Ich persönlich möchte ja jedem, der sich dort darstellen lässt, mit der Faust das Gesicht malträtieren, aber das liegt an meinem persönlichen Neid, meiner Wut auf alles, was Hochglanz ist, und einer gewissen Sehnsucht nach Prügelei. Drei Staffeln Game of Thrones können einem das antun.

ImGegenteil, das ist ganz entzückendes Theater für Leute, die auch Slow Food, Bikram-Yoga und glutenfreie Nüsse gut finden. Ich habe nichts dagegen, dass es existiert – auch wenn ich persönlich mein eigenes Herz wahrscheinlich lieber im Golden Gate an einen Crystal Meth Dealer verschacher.* Ich finde die Existenz von ImGegenteil aber so provozierend, weil sie im ganz klaren Konkurrenzkampf der Konzepte zu einer anderen, viel weiter verbreiteten, viel aktuelleren und beschleunigten Form des Online-Datings steht. TINDER.

*Kleiner Edit, um Missverständnissen vorzubeugen: ich finde ImGegenteil nicht schlecht. Die Gründerinnen haben sicherlich ausgewogen darüber nachgedacht, welche Zielgruppe sie bedienen wollen. Auch ImGegenteil entspricht einem gewissen Zeitgeist, den würde ich aber eher auf so eine etwas elitäre soziale Gruppe in Berlin beziehen, die von Freunde von Freunde und anderen Konsorten genährt wurde. Ich gehöre eben nicht dazu, bin mir aber sicher, dass die Geschäftsidee aufgeht. Es gibt genug Menschen, die sich an schönen Fotos und Geschichten und langsamen Prozessen erlaben, weil sie meinen, damit subversiv gegen den Beschleunigungstrend vorzugehen. Mit den Gründerinnen habe ich übrigens auch ein Interview für MTV District geführt, weshalb ich erst auf das Thema gekommen bin.

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BARNT

Ein Typ, dessen Musik sich genauso anhört, wie er aussieht. Barnt ist irgendwie gruselig. Und der Techno, den er produziert, auch. Aber nicht gruselig wie ein Splatter-Film, sondern anspannend wie ein Thriller mit unsichtbarem Mörder und psychischen Mindfucks. Ich kann das jetzt aber auch nicht so richtig in House- und Technovokabular beschreiben, irgendwas mit MIDI-Geräuschen und intensiven Melodien, die von einem Hypnotiseur zum Töten angestiftet wurden. Ist ja auch egal.

Barnt ist hart und zart und ich steh drauf.

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TOTD: Black Print

Wer sich Ibn Inglors noch übersichtliche Diskografie mal genauer anschaut, der wird nicht um ein paar Assoziationen mit den führenden Kings of Rap herum kommen. Das Lovechild von einem experimentellen Kanye West und einem tiefgängigen Kendrick Lamar versucht sich nicht nur an lyrischen Herausforderungen, sondern auch an einem eigenen – naja, zeitgemäßen – Stil. Nicht alles, was direkt von Yeezus inspiriert ist, steht dem jungen Mann auch. Aber Black Print hat meine Aufmerksamkeit bekommen.

Das Mixtape New Wave hat einige Schätze zwischen dem ein wenig monotonen experimentellen Beat-Overdose. Für Kanye reicht es noch nicht, aber ich bin schon mal froh, dass sich jemand der Sache angenommen hat und nicht schon wieder so einen Larifari-Basedrap Scheiss draus macht.

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Best of Britain – Tate Music

Das Tate Britain hat neu eröffnet und zelebriert die Veranstaltung mit einer “Best Of British” Playlist, die sich sehen lassen kann. Über alle (elektronischen) Genres hinweg sind ganz bestimmte Künstler und Sounds vertreten, die alle mehr oder weniger zu dieser mannigfaltigen britischen Kultur beitragen.

Die Playlist wurde zusammen mit DazedDigital zusammen gestellt und beinhaltet wirklich die Kern-Perlen der letzten Jahre. Besonders überraschend ist sie nicht, dafür fehlt es an Underground und Neuerscheinungen bzw. Newcomer. Aber für etwas, das völlig unerwartet kommt, ist das gar kein Problem. Das Teil lässt sich als solide bezeichnen.

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SoulFutureBass: Tanzbar Miami

Trallalala. Heute wieder mal peinlich berührt vom Digital-Auflegen und Elite-Verärgern: DT64 und YEAHSARA (ich) beim katastrophalen Niedergang einer neuen und noch jungfräulichen Club-Location. Ihr wollt euch? Dann drüben bei dem FinDing mitmachen und definitiv nicht gewinnen. SoulFutureBass heisst die Veranstaltung, die euch in Erinnerung bleiben wird, das bedeutet SeeleZukunftBass und reiht sich damit bei A’MILLION in die sinnlose Brand-Ökonomie ein. I love it.

Wir werden diesmal nur Hausmannskost servieren, also alles, was der belgische Gabber herzugeben hat (in Originaltempo) und hier und da noch ein paar Schmankerl aus dem letzten Schlümpfe-Techno Album. Welcome To Miami ist das Motto, also alle bitte in ausreichend Hawaii-Hemd-Kostümierung ankommen.

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Muslimgauze

Ähnlich wie Fatima Al-Quadiri nutzt Muslimgauze die orientalische Kriegsatmosphäre, um einen Soundtrack zum 21. Jahrhundert zu schaffen. Als hätte die “Achse des Bösen” plötzlich das eigene Orchester geschenkt bekommen.

Tatsächlich irritiert der Sound allerdings nicht, wie bei der Kollegin Al-Quadiri, mit fetten Bässen, sondern schleicht eher daher mit angenehmen Impressionen von Gedanken und Gefühlen der Anspannung und singender Muezzins. Das Projekt ist schon relativ alt, von einem britischen Produzenten namens Bryn Jones ins Leben gerufen. Der Palästina-Konflikt hat ihn über Jahre hinweg zu Muslimgauze inspiriert, und auch nach seinem Tod werden auch heute noch neue Muslimgauze-Tracks und Alben veröffentlicht.

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TOTD: SACRIFICE

Vielleicht einer der stärksten Tracks des Jahres. Bicep sind zusammen mit SMD aus diesem zerstückelten Garage-House Ding herausgewachsen und haben tatsächlich so etwas wie eine literarische Erzählung auf die Reihe bekommen. Die Anspannung im Song ist kaum auszuhalten.

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What Would I Say

Facebook: das Innerste wird zum Äußersten, fragmentiert, in Zeitkapseln aufbewahrt und auf ewig zum Spiegelbild der Idioten gemacht, die sich selbst mit anderen Augen sehen wollten. Wenn man all die Statusmeldungen, die Kommentare, sozusagen die Essenz der Kommunikation nach Innen und Außen zusammenträgt, dann erhält man mitnichten nur Kauderwelsch, sondern vielleicht das Gros einer Persönlichkeit. “What Would I Say” ist eine mutige App, die den eigenen Narzissmus ad absurdum führt und gleichzeitig so wundervolle, glorreiche Dinge verfasst – es könnte Poesie sein.

Natürlich aber eben nur die eigene. Wenn also jemand mal nicht so genau weiß, was er nach außen kommunizieren sollte – viele Brands sollten sich daran womöglich orientieren – dann hilft What Would I Say mit Freude und unerwarteter Präzision. Hier meine eigenen Favoriten.

 

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TOTD: LET IT GO

A$AP Ferg weiß nicht ob er die Semi oder die Tech benutzen will. First World Problems, much? Let It Go ist einzige Muskel-Hymne, aber ich muss ehrlich gestehen dass mir das Trap Lord Album von Ferg ziemlich gut gefällt. Obwohl die Party-Hits alle aus dem gleichen und damit berechenbaren A$AP Mob Bereich stammen, haben sie doch auch einen gewissen Charme und machen vor allem viel Spaß.

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This is Belgium: Gabber in langsam

Ich. Brech. Ab. Geht mir fort mit eurem Neo-House Gedusel, das hier ist ist der echte Shit. Irgendjemand (Radio Soulwax) hatte die glorreiche Idee, belgischen Gabber auf 115 BPM zu reduzieren, und daraus ist dann etwas entstanden, dass.. tja. Es läuft ziemlich gut, sagen wir es so. Besser als alles, was heute auf dem Markt produziert wird, dabei ist der Horror extrem alt und im Originaltempo ziemlich unerträglich. Weil’s so schön ist, gibt’s dazu auch noch ein Video mit dem Originaltanzstil, genauso entschleunigt und damit einfach mega geil.

Even though these Belgian records sound very “now”, they are actually 20 years old and were meant to be played at a much, much faster speed. At the time this was the devil’s music for us, but we have learned to listen through the claps and distorted kicks and discovered that if you slow these really dark and heavy techno records down all the way to about 115 bpm, it suddenly makes them sound less frantic, ballsier and a lot sexier. Belgium at its best when pitched down.

The covers of these records are quite generic and don’t really lend themselves to animating , so we figured we would bring you the visual aspect of this musical genre that you can’t not be fascinated by: the dance. We were very lucky to have found some people who can still do the typical moves, and with them dancing in front of the record sleeves (and sometimes inside of them) we bring you our ultimate tribute to a glorious period in our Belgian musical heritage.

We feel very strongly about this hour, and would like to show that quite often, the best things in life are already right in front of us, we just have to open our eyes (and ears) to them. We stand corrected!

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