Pai & dBridge

Wir waren in Pai, einem Dorf im Norden Thailands. Pai gilt als das Hippie-Resort jenseits der überfüllten Thai-Strände. Es besteht maßgeblich aus einer Hauptstraße. Hier und da gibt es die typischen Bars, Hostels, Restaurants mit schlechter Pizza. Man hat ständig das Gefühl dass alle high sind. Es regiert eine überschwängliche Langweile und das hedonistische Lebensgefühl das einem in Gesprächen mit Backpackern verkauft wurde lässt sich nirgends erblicken. Zum Kiffen und in der Sonne liegen hätte es gereicht, wäre da ein Pool, etwas Meer oder wenigstens eine schöne Wiese gewesen. Die “Hippies” liebten Pai wegen der Ruhe. Keine Touristen, keine Denkmäler, keine Sehenswürdigkeiten. Perfekt zum “Aussteigen”. Was machen diese Leute in ihrer Freizeit? Was ist “Aussteigen”?

Vielleicht lag es an dieser Langweile dass meine kleine Reisegruppe nicht eine Sekunde zögerte: eine Einladung zur Jungle-Party im Umland. Wir bereiteten uns mit Neonfarben vor, so enthusiastisch war das Projekt. In Schichten stapelten sich bereits unzählige Backpacker auf den Ladenflächen der Pick-Up Trucks. Alle hatten schon diverse Substanzen gefressen. Ich setzte mich auf den Kopf eines Engländers. Es war stockdunkel und er bot mir einen Magischen Trüffel an. Ich überlegte kurz und verzichtete dann dankend. Das Psilocybin wäre mir jetzt wahrscheinlich in den Kopf gestiegen und das Ruckeln der Autos durch die Pampa in der pechschwarzen Dunkelheit hat mir schon genug toxische Schübe verpasst.

Ich dachte “Jungleparty” implizierte lediglich die Location des Raves, tatsächlich betraf das gekonnte Wording aber auch die Musik. Normalerweise löst das englische Zappelgenre in mir Dünsch aus- sei es nur, weil Männer mit wehend langen und abgeranzten Dreadlocks ihren Muff in mein Gesicht halten. Europäer nehmen Dreadlocks beim Rucksackreisen durch die südostasiatischen Wiesen und Wälder sehr ernst. Sie sind Biotope für einige leider nicht ausgestorbene Tierarten. Läuse und Bettwanzen etwa.

Anscheinend landete irgendwann doch ein bisschen von dem Happy in meinem Mangoshake. Weil es so dunkel war und die Veranstalter nur auf Neonknicklichter als ausreichende Lichtzufuhr gesetzt haben (ich weiß bis heute nicht, wie es vor Ort aussah oder wie das Soundsystem beliefert wurde, aber hey) tue ich mich sehr schwer mit Aussagen über Besucheranzahl oder Deko. Ich erinnere mich daran gegen Ende mit sechs Franzosen auf dem Boden gesessen zu haben. Einer war taubstumm, aber sein Freund erzählte mir dass er Drum & Bass besonders mochte weil er so viele Vibrationen durch die Erde zu spüren vermochte. Das fand ich doch sehr sympathisch für Drum & Bass, auch wenn ich kein einziges Mal in dieser Nacht tanzte und mich eher spaßlos fühlte. Ich fragte mich ob es schon zu spät sei für Ecstacy. Ein Blick in die Runde machte mir aber schnell klar dass ich dann womöglich auch mit Dreadlocks nach Hause fliegen würde (später in Australien sollte ich meine Anti-Phase noch bereuen. Nicht nur, dass das Nachtleben in Australien ganzheitlich unerträglich ist, nein. Party-Supplys kosten direkt so viel wie ne halbe Warmmiete. Kein Wunder, dass die sich dann im Urlaub so zulöten und in Berlin regelmäßig Leichenwagen vor’s Kater Holzig bestellt werden).

Als die Sonne aufging kratzte mich irgendwer vom Boden hoch und belieferte mich an den Pick-Up Truck. Erst jetzt konnte ich erkennen dass wir wirklich und wahrhaftig mitten im Dschungel sind, mindestens 300 Leute noch weiter tanzten, alle druff bis zum Anschlag und wir meilenweit von Pai und jeglicher Zivilisation entfernt waren. Das war in vielerlei Hinsicht die exotischste Party meines Lebens (neben allen arabischen Hochzeiten bei denen Männern getrennt von Frauen feiern).

An all das musste ich denken, als ich den XLR8R-Mix von dBridge hörte. Der ist nicht so hektisch, wie das Tempo es üblicherweise vorschreibt. Irgendwie macht das Genre Sinn, wenn sich ein ordentlicher Musiker mal dran setzt und nicht irgendwelche grenzhypnotisierten Pappenfresser. Ich bin immer noch kein Fan von Drum & Bass, aber ich habe mir den von vorne bis hinten angehört und mir vorgestellt mitten in der Nacht mit fremden Leuten im Dschungel zu sein während diese Musik läuft. Ich war früher definitiv mutiger als heute.

PS: Ich habe den Typen auf dem Bild wirklich fotografiert. Ich bin immer noch mit Leuten auf Facebook befreundet, die Bilder von dieser Nacht haben. Es gibt Bilder online von mir in meiner bekloppten Mütze auf dem Boden des thailändischen Urwalds während mir irgendwelche Neuseeländerinnen Sachen ins Gesicht malen. Juhu.

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