Rückwärts rausgefallen aus der Legende über die sich Journalisten gerne die Zunge staubig reden, obwohl es doch gar nicht SO viel zu sagen gibt. Ein bisschen gibt es was: darüber schreiben sie aber nicht, dass die Abläufe hier anders, irgendwie aus der Realität ent-rückt sind. Anstatt Sonntags nach Hause zu gehen, gehen wir erst hin. Draußen ist es noch hell, doch wenn innen die Jalousien hochgezogen werden, ist es plötzlich dunkel und die Mondsichel strahlt in die hochkonzentrierten und doch völlig entspannten Gesichter derjenigen, die ihren Tatort-Abend gegen einen Tatort der Musik eintauschen.

Ich finde aber, dass das Berghain und die Panoramabar als Gesamtkonzept überbewertet sind, genauso wie Berlin und jegliche Liebe zur elektronischen Musik. Ich liebe es auch, und ich liebe es mehr als viele andere Dinge und das ist keineswegs zynisch gemeint. Ich meine nur, es ist überbewertet, weil man es entweder zerreisst oder hoch lobt oder ein Geheimrezept finden will, aber keiner sich einfach damit zufrieden gibt dass es wunderbar funktioniert und das Leben nun mal so ist. Manchmal funktioniert es. Nur ist die Legende nicht so überragend, wenn man sie mal nüchtern betrachtet (was man vielleicht gar nicht sollte, oder zumindest nicht, wenn man vor hat sich wirklich dem Kontrollverlust hinzugeben).

Man legt nicht sein Leben vor der Tür ab, diese geheimnisvolle, trügerische Tür, man geht nicht über einen roten Teppich in das ferne Land der Fantasien und holt sich dort die Liebe ab, die man im Leben braucht. Die Atmosphäre, die drinnen entsteht, mag ehrlich sein, aber sie ist auch ehrlich komponiert, weil der Mythos schon so lange besteht, wie beim Ostgut, wie bei der Bar 25 und ganz vielen internationalen Clubs. Wenn man dann im falschen Moment drin steht ist man enttäuscht, aber meistens hat man einfach nur vergessen, dass man ja nicht nur Zuschauer ist, wenn man im Club ist. Man gehört zum Interieur, wechselndes Inventar. Aber auch das mäkelnde Frischfleisch, das noch unverliebt ist, ist Teil davon, ganz bestimmt. Wer nicht gerne auf Schwulenparties geht, wird auch nach einem Berghain-Besuch nicht gerne auf Schwulenparties gehen, obwohl die ganze Stimmung so völlig geprägt ist. Es ist einfach ein Mythos, dem man sich anpasst. Eine Reproduktion von Gefühlen, Emotionen und Atmosphären, die jeder Teil und jeder Besucher reinträgt, auch wenn es gar keinen Grund dafür gibt. Am Ende ist das Berghain in all seiner imposanten Architektur und Gestaltung, mit dieser bombastischen Anlage und der feinfühligen Wahl der präsentierenden DJs nichts weiter als ein Club, in dem viele Körperflüssigkeiten, Pillen und Blicke ausgetauscht werden, in dem ignorante Menschen stehen wie auch sehr freizügige, in dem gute und auch schlechte DJs auflegen, in dem man viel Spaß und auch viel Langweile verspürt.

Aber es ist immer das, was man gerade daraus macht. Dieser Ort ist befreiend, wenn man ihn zu einem befreienden Augenblick besucht, den Blick von der Realität entzerrt und sich zu einer Zeit dort befindet, die im Leben ganz anders konnotiert ist. Sonntagabends etwa, wenn man sich dem Alltag auch am Wochenende enthebt und es schafft, seinen Kopf ganz und gar in der Musik aufgehen zu lassen, mit Gleichgesinnten den Fokuspunkt in der auditiven Bildfläche sucht und seine Beine und Arme und Augen zu Beats bewegt, die einfach nicht weggedacht werden können, also niemals verschwinden, selbst, wenn man sich doch in seiner Gedankenwelt verloren hat. Und das ist am Ende das, was die ganze Sache so unspießig und spektakulär anders macht: das Berghain gibt die Möglichkeiten vor, alles zu sein, jeder zu sein, mit jedem in diesem Club eins zu werden oder zumindest ständig dieser interessanten Vorstellung zu begegnen, das Berghain ist die Fantasie einer ganzen Gesellschaft, bestehend aus unzähligen Generationen, die einen Moment, ein Momentum, einen Ort des Eskapismus braucht ohne sich vollständig auszuschalten. Ein Abbruch im Lebens-Flow, der sich perfekt einfügt.

Deshalb ist das Berghain kein unglaublich guter Club. Er ist eine unglaublich gute Ideologie, die sich viele Menschen von einem guten Club versprechen. Am Ende kann man da drin ganz geschmacklos auf die Tanzfläche reihern, aggressiv herumpöbeln und keinerlei Respekt und Liebe ausstrahlen, aber das ist dann nicht der Fehler vom Berghain, sondern vom Besucher, der irgendwie nicht mitbekommen hat dass es im Berghain keine Bühne, sondern nur aktiv spielendes Publikum gibt. Sowas passiert nicht, weil jemand ein perfektes Rezept angerührt hat, das passiert, weil irgendjemand angefangen hat es als das zu beschreiben. Und plötzlich jeder das Recht haben wollte, es so zu beschreiben. Und plötzlich jeder das Gefühl hatte, genau das zu erfahren, was beschrieben wurde. Das ist schön, es beweist, dass wir alle in einem dunklen Loch mit Strobolicht und Kopfschmerz-Bass trotzdem oder nur deshalb Kopfkino betreiben können, ohne uns ablenken zu lassen. In Smartphonezeiten keine Selbstverständlichkeit mehr.

This article has 2 comments

  1. Matthias

    Monotone Rhythmen und Melodien, die sich in ebenso monotonen Bewegungen dem Körper bemächtigen, nehmen in etlichen Kulturen seit jeher einen wichtigen Stellenwert zum Erreichen eines transzendenten Gefühls der Depersonalisation und Derealisation ein. Das Mantra ebnet den Weg zur Ekstase – wörtlich, das “Aus-sich-heraus-Treten” –, ein in aller Regel soziales Ereignis, dessen Bedeutung für die Gemeinschaft dann stets untrennbar inhärent ist. Ob als Teil eines kultischen Geschehens, häufig eines Initiationsritus oder eines schamanisches Zaubers: – die monotone Ekstase ist nicht nur gemeinschafts-, sondern auch sinnstiftend. Auf der anderen Seite die private Form: der Rosenkranz, das Stundengebet, die Gebetsmühle – zumeist jedoch ohne insrumentelle Unterstützung. Das Heraustreten ist jedoch eine ortsbezogene Handlung, im doppelten Sinne: während der Körper verlassen wird, muss das nicht weiter ausgeführte “Ich” oder “Selbst” (oder was auch immer) an einen anderen Ort gehen. Der gesamten Handlung muss daher gezwungenermaßen ein Ort zugewiesen werden – Tempel, Gebetshaus oder Club.
    Techno ist da nur eine der jüngeren Erscheinungsformen. Eine Kulturgeschichte des Techno würde nicht umhin kommen, die vielfältigen Charakteristika der Musik- und Tanzkultur, seien sie Klischees oder nicht, als zielführende Elemente einer kollektiv und ortsgebunden erlebten Ekstase. Nicht viel mehr ist macht das Geheimnis aus; der Rest ist Stilgeschichte und Geschmackssache. Das Berghain kann nur eine Facette sein; mehr muss es auch nicht ausmachen. Doch das, was es so erfolgreich und sagenumwoben macht, ist die Effizienz und Konsequenz, mit der es die eben skizzierten Erscheinungen zu erzeugen vermag.

  2. yeahs

    stimmt. aber mit dieser konsequenten art wächst es ja über das “club” sein hinaus, wenn man den club in der gegenwart als ein sich selbst reproduzierendes abendprogramm fernab von kulturellen selbst-hypnose traditionen sieht.

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