Wer sagt mir eigentlich, was sich lohnt, und was aussichtslos ist? Wer ist überhaupt berechtigt dazu, mir zu sagen, was ich tun sollte und was nicht? Wer kann mein Werk – nicht meine Arbeit, sondern mein Werk – tatsächlich so beurteilen, dass ich es ernst nehmen kann? Wessen Kritik sollte ich mir anhören – und was ist die Kritik eines einzelnen wert, wenn dafür tausend andere unkritisch Beifall klatschen?

Wer hat Exzellenz, die Brillianz, aber auch die Fähigkeit, die Bildung, solche professionellen Urteile zu fällen, die einem den Grund unter den Boden nehmen und klipp und klar vermitteln: du solltest lieber etwas anderes tun, denn du bist keine Bereicherung für a) die Gesellschaft und b) für deine individuelle Gegenwart. Oder auch: genau das, was du tust, ist das, was wir brauchen. Es ist eine positive Änderung, oder mindestens eine Erweiterung, ein Aufbau, eine Glanzleistung- vielleicht einfach nur “berechtigt”.

Wie viele Menschen können ein architektonisch und handwerklich einwandfreies Haus erkennen und beurteilen? Wie viele Menschen können in einer Jury sitzen und die Figuren eines Klippenspringers nach Konzept, Umsetzung und Ästhetik einschätzen? Viele Menschen können sich begeistern. Sehr wenige haben ein geschultes Auge. Und wie notwendig ist ein geschultes Auge eigentlich? Warum sollte es eine Bestimmungshoheit über Kultur oder Kunst geben, wenn uns die Demokratie in die Wiege gelegt wird? (Vielleicht, weil es auch eine Bestimmungshoheit darüber geben sollte, wie man ein Flugzeug fliegt oder ein Haus baut. Weil Menschenleben, aber auch die Art menschlichen Lebens, auf dem Spiel stehen)

Auf wen muss ich hören, wenn ich frage: sollte ich schreiben? Auf meine Freunde? Auf meine Leser? Wer sind diese Menschen, warum finden sie das, was ich mache eigentlich gut, und warum zählt ihre Meinung, und wenn nicht ihre, wessen sonst? Wie viel Gehör hätten meine Worte bekommen, wenn diese unmittelbare Do It Yourself Möglichkeit des Internets nicht gegeben wäre – wie viel hätte ich geschrieben? Wie viel Brillianz und Intelligenz gehen unter, weil sie nicht den populären Geschmack einer Masse treffen – wie viele Trial & Errors darf man sich erlauben, wenn man kein Fachgebiet, sondern nur ein “Hobby” hat?

Wir reden von Professionalisierung und Paradigmenwechsel, aber kaum einer spricht mehr von Authorität und Elite. Die Frage, die sich stellt, ist ob durch diese Umstrukturierung unserer Kreativwelten auch unser Anspruch verwaschen wird. Ob das generelle Halbwissen, welches jeder hat, das gänzliche Fachwissen eines einzelnen egalisiert. Gibt es einen Weg, beide, sich gegenüberstehenden Welten zu vereinen?

Viele Gedankenanstöße kamen bei der schwedischen Gegenwartsaufnahme “Press.Pause.Play.“, viele Fragen wurden in den Raum geworfen, nicht viele wurden beantwortet. Es bleibt spannend, sowohl gesellschaftlich als auch aus individuellem Standpunkt. Dieser Film hat großartige Standpunkte zu vielen Themen der digitalen Welt zusammengesucht und Menschen sprechen lassen, die sich dieser Welt bedienen. Unabhängig von den Inhalten ist er auch wunderschön gemacht. Wird hiermit ans Herz gelegt.

(Merci an Roitsch & Nico für die Empfehlung)

This article has 2 comments

  1. TC

    “Wer sagt mir eigentlich, was sich lohnt, und was aussichtslos ist?”

    Menschen, die glauben deine Situation und deine Ziele zu kennen.

    “Wer kann mein Werk – nicht meine Arbeit, sondern mein Werk – tatsächlich so beurteilen, dass ich es ernst nehmen kann?”

    Jeder, sodenn dein Werk für alle offen ist.

    “Wessen Kritik sollte ich mir anhören”

    Jede die nicht nur in anderen Worten, sondern anderen Aussagepunkten daherkommt.

    “Und was ist die Kritik eines einzelnen wert, wenn dafür tausend andere unkritisch Beifall klatschen?”

    Wert für die Allgemeinheit: Null.
    Wert für dich: zwischen 1 und 100 Prozent wenn dir die Kritik eine Perspektive zur Verbesserung aufzeigt.

    “Wer hat Exzellenz, die Brillianz, aber auch die Fähigkeit, die Bildung, solche professionellen Urteile zu fällen, die einem den Grund unter den Boden nehmen und klipp und klar vermitteln: du solltest lieber etwas anderes tun, denn du bist keine Bereicherung für a) die Gesellschaft und b) für deine individuelle Gegenwart.”

    Es hat genau diejenige Person die Exzellenz, der du glaubst, dass sie sie hat.
    Es gibt unendliche Meinungen und eine davon ist deine. Oft haben wir nicht auf dem Schirm (ich notorisch), dass wir uns die Vielfalt der unendlichen Meinungen nicht mit der Aufgabe der eigenen erkaufen müssen.

    “Warum sollte es eine Bestimmungshoheit über Kultur oder Kunst geben, wenn uns die Demokratie in die Wiege gelegt wird?”

    Es gibt (sekundär) eine Bestimmungshoheit über Kultur, dadurch, dass sich Individuen auch in diesem Bereich durch Bildung und berufliche Erfahrung über andere erheben; Individuen wie Intendanten, Regisseure und Derigenten zum Beispiel, die den Fahrplan ihrer Kulturplattformen bestimmen. Sekundär weil auf den gesamten Raum bezogen ein freies und nicht unbeträchtliches Angebot aus dezentralen unabhängigen Kulturproduktionen existiert.

    “Auf wen muss ich hören, wenn ich frage: sollte ich schreiben? Auf meine Freunde? Auf meine Leser?”

    Du musst nur sein. Du musst nicht hören, schon gar nicht auf jemand. Du musst nichts hier tun wie eine Arbeit. Sei. Alles andere nimmt seinen Lauf wie von selbst. Nichts fällt dir leichter als mit dir selbst zu kommunizieren. Wenn du die Frage stellst “Sollte ich schreiben?” stelle sie dir. Wir, solltest du schreibe, haben unseren Spaß. Ich zumindest sehr!

    “Warum finden sie das, was ich mache eigentlich gut”

    Weil es vielleicht wunderschön und witzig ist. ;)

    “und warum zählt ihre Meinung, und wenn nicht ihre, wessen sonst?”

    Wie viel dir ganz persönlich eine Meinung zählt hängt von einigen Faktoren ab. Gehen wir von der Bedingung aus, dass eine Meinung nur dann interessant ist, wenn sie einen Konflikt mit deiner Meinung erzeugt. Es erzeugt keinen Konflikt wenn Du die lila Kuh von Milka schön findest während dein Nachbar sie unschön findet. Je komplexer und grundlegender der Meinungsgegenstand desto größer die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts. Wenn du das Stilwörterbuch vom DUDEN exzellent findest und dein Nachbar es für den größten Schrott auf Erden hält, dann betrifft die große Distanz zwischen beiden Meinungen nicht mehr nur eine vernachlässigbare Banalität wie eine Kuh aus der Werbung, sondern wichtigere Zusammenhänge des Lebens. Manchmal, bei einigen Menschen erreicht die Wichtigkeit dieser Zusammenhänge einen Punkt, ab dem eine noch so große Distanz zwischen ihrer und einer anderen Meinung wieder als genauso vernachlässigbar angesehen wird wie der Meinungsunterschied bei der lila Kuh.
    Im Falle des Stilwörterbuchs besteht ein zugegebenermaßen kleiner Konflikt; es steht im Raum die Frage, welche Bedeutung die Kritik des Nachbarn über das Stilwörterbuch für dich hat. Angenommen das Stilwörterbuch hat ein kompliziertes, aber wenn einmal verstanden sehr effizientes Wortsuchsystem, mit dem du deinen Wortschatz hast erheblich erweitert können. Der Nachbar hingegen hat dieses Suchsystem nicht verstanden und ist damit nicht in den Genuss der Wortschatzerweiterung gekommen wodurch das Stilwörterbuch für ihn nur noch den Wert von 600 zusammengetackerten Seiten hatte. Oder vielleicht ärgert sich der Nachbar am Stilwörterbuch nur wegen seiner Leseschwäche ab.
    Seine Kritik bezieht sich also nur auf den ersten Blick auf das gleiche wie seine. De facto redet ihr von zwei anderen Werken, du vom Stilwörterbuch mit Suchsystem, er vom Stilwörterbuch ohne Suchsystem oder vom Stilwörterbuch in der verschwommenen Edition.

    Wir stellen fest: wenn man eine Meinung zu einer Sache hat und jemand anders hat auch eine Meinung ist die erste Frage, inwiefern sich die Meinung oder Kritik auf die ein und selbe Sache bezieht. Eine Kritik, so groß und wie auch immer sie ausfallen mag, ist nichts Wert wenn sie keinen definierten Kritikgegenstand hat. Sie kann nur dann eine Relevanz entfalten wenn sich auf das gleiche bezieht zu der wir eine Meinung haben. Und selbst dann muss sie das nicht (siehe Lila Kuh). Gehen wir also nun vom Fall mit Konfliktpotenzial (Stilwörterbuch) und vom Fall, dass der Kritikgegenstand identisch ist. Beim Stilwörterbuch könnten die konfliktuösen Fragen lauten: Hast du etwa gemessen am Durchschnitt der Gesellschaft einen kleinen Wortschatz? Verpasst du damit irgendwelche Chancen im Leben, sowohl beruflicher als auch persönlicher Dimension? Hast du einen Fehler begangen weil du das Stilwörterbuch mit dem komplizierten Wortsuchsystem gekauft hast, wo es doch viele andere Stilwörterbücher mit einfachen und genauso effizienten Wortsuchsystemen. Das Beispiel mit dem Stilwörterbuch ist zugänglich. Leider ist er dadurch auch schwerer mit weit aus fatal-verstrickten Lebenssituationen zu vergleichen.

    Deine Anfangsfrage war: Warum zählen die Meinungen von Lesern oder Freunden?

    Ich habe ausgeführt, dass eine Überprüfung auf gleiche Kritikgegenstände der erste wichtige Schritt ist, weil es an dieser Stelle oft zu Missverständnissen kommt. Welche Auswirkung eine Kritik hat entscheidet der Einzelfall.
    Verallgemeinert und aus einer theoretischen Distanz heraus: der Mensch verfolgt Ziele. Eine Kritik oder Meinung ist dann von Bedeutung, wenn sie ihm seine Ziele näher bringt. Für den Fall, dass du die Frage anders gemeint hast in Anlehnung an deine Frage nach dem Sinn des Schreibens: Du rufst hier aktiv deine Gedanken in die Welt. Wir rufen unsere Gedanken in deine Texte und gleichen sie ab wie eine Zeichnung mit der Schablone. Hin und wieder triffst du auf Gleichgesinnte. Und wer weiß, vielleicht liegt ja der Sinn deines Blogs für dich ein wenig auch darin einen von den in deiner Stadt lebenden drei Millionen Menschen zu finden, der dich versteht.

    http://www.youtube.com/watch?v=Gixv6H1kMHQ
    In diesem Sinne.

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