JUGENDLICHE

Ich komme in ein Alter in dem eine gesunde, natürliche Skepsis vor Jugendlichen nicht schadet. Obwohl ich nicht alt aussehe verraten mich die tiefen Sauf-Krater im Gesicht, der eitrige Auswurf nach zwanzig Jahren Lungenverstümmelung und das unweigerliche Zusammenzucken, sobald eine Gang von U-20 Jährigen an mir vorbei geht. Sie kommen in Horden, sie haben meistens Rucksäcke an und sie sind unberechenbar.

Vor kurzem haben mich drei Jugendliche, einfach so, mit Schneebällen abgeworfen. Irritiert und uncool stammelte ich bloß ein halblautes “eeyyyyyyy”, lief rot an und stapfte beschämt weiter. So fühlt sich das also an. Damals saß ICH noch an Bushaltestellen und habe Glasflaschen auf Senioren geworfen, damals habe ich noch von Treppengeländern in öffentlichen Einkaufshallen gespuckt und damals habe ICH kleine Opferkinder mit Schnee eingeseift! ICH! Hallo, mein Name ist Sara und ich wurde von Realschülern gemobbt. ICH HASSE JUGENDLICHE!

Auf dem Red Bull Soundclash blieb mir deshalb leider auch das Herz ein bisschen stehen. So viele Jugendliche! Das letzte Mal, dass ich im Kölner Palladium zu Gast war, rannte ich quasi im Marathon von Frankfurt am Main zum Panic! At The Disco Konzert in diesen Hallen. Ich stand in der ersten Reihe, zeigte meine Titten, überdosierte auf Koffeinpillen und Korn, schrie “BRANDON I LOVE YOU” und nahm danach ein Sextape mit den Bandmitgliedern auf. Mit allen. Danach habe ich auf der Krankenhausstation um meine Jungfräulichkeit geweint, mit meinem Freund per SMS Schluss gemacht, mir “VÖGELN BIS EINER BEI DIR BLEIBT” von meiner besten Freundin auf den Oberschenkel tättowieren lassen, meine Eltern am Telefon angeschrien und mir heimlich auf dem Stationsklo einen Bong-Kopf angezündet. So ist das halt, wenn man sechzehn ist: hauptsächlich widerlich.

Jugendliche können mit ihrer ganzen inneren Wut, der angestauten Unsicherheit und diesem unbändigen Hass auf ihre Eltern alle möglichen Kriege entfache. Sie können Regierungen stürzen und mir meine Schuhe wegnehmen. Das wissen die meisten Veranstalter solcher Events, weshalb es auch diesmal – thank fuck- eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gab.
Während sich die “VIPs” – damit meine ich ausschließlich mich und die anderen Star-Blogger – gegenseitig die Wappenringe von den Fingern lutschten und sich psychedelische Trips in Form von Red Bull Gallonen schmissen, wurde endlich der Zorn einer ganzen Generation enthemmt. Die Kraftklub-Explosion kam so unerwartet wie der pünktliche M29. Im Publikum öffneten sich schwarze Löcher, die die Power von halbstarken, testosteron-getriebenen Pubertierenden im Vakuum verschlungen und einen tosenden Lärm ins Universum der unverstandenen Menschen herausbrüllten. Mein Gott, das sah aus wie der Kampf um den letzten Platz im Flüchtlingslager nach dem nuklearen Fallout. Jeder Überlebende dieser Crowd sollte das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Die K.I.Z. Fans konnten zwar “Hurensohn” skandieren, aber als sie von den Rappern zum “Pogen” aufgerufen wurden kackten sie gegen die Kraftklub-Meute höchst lächerlich ab. Überhaupt: seit Jahren machen die Berliner auf der Bühne nun dieselbe Show, mit ihren ollen Feuerlöschern und im Militärskostüm. Das war beim ersten Mal schon scheisse. Man konnte KIZ mal als witzige Rapper ernst nehmen, heute sind sie Deichkind ohne Schlauchboot, der letzte Wind eines Handfurzes der nach Knoblauchsoße riecht. Als Promi-Guests holten sie zudem auch noch die Ochsenknecht-Plagen – noch mehr Jugendliche – und Casper auf die Bühne. Ich glaube, Casper war an diesem Abend der einzige, der sich nicht einen Hennessy-Tampon in den Arsch geschoben und Koks aus der Vorratspackung gezogen hat. Ersguterjunge.

Was man über den jugendlichen Extremfall Wilson Gonzales Ochsenknecht ja nicht unbedingt behaupten kann. Ich glaube, seine wütende Phase ist vorbei. Er ist nun in einem Limbo der Gefühlsbetäubung angekommen. Liebesentzug, mediales Rampenlicht, mein Gott, und dann sieht der auch noch aus wie ein Crackbaby. Das tut mir ein bisschen leid und ein bisschen will ich ihn lieb haben, aber es geht nicht. Er lässt mir keine Chance. Was macht er eigentlich sonst so, außer besoffen durch die Gegend torkeln und Mitleidsgast bei der schlechtesten Rap-Gruppe der Welt sein? Ein Faszinosum.

Nachdem er auf der Aftershowparty gröhlend im Arm seines Saufkumpanen durch die Menge geschoben wurde, stand er irgendwann auf meinen Schuhen, rülpste mir mit glasigen, leeren Augen ins Gesicht, ellte meinen Kiefer und verfehlte zuletzt einen High Five mit irgendeinem anderen zweitklassigen Prominenten. Daraufhin endete mein Abend früher als geplant. Die Tatsache, dass dieser Typ so oft auf denselben Partys steht wie ich bedeutet nichts Gutes für meinen Charakter. Solange mich noch kein RTL Kamerateam 24/7 begleitet habe ich noch gute Chancen auf Rehabilitation.

Wäre ich WGO würde ich mein Leben aber genau so leben. Im Gegensatz zu Jimmy Blue nimmt WGO seine Rolle als Trustfund-Baby voll ein und strebt keine bieberesque Rapperkarriere an. So viel Respekt sollte sein. Das haben KIZ – um auf das Thema zurück zu kommen – aber nicht verstanden. Die Großmäuler bringen tatsächlich profillose Promis auf die Bühne während Kraftklub den aufgequollenen Sido mitgebracht haben. Alle haben tatsächlich bedingungslose Rückhand-Schellen verdient.

Ganz klare Verlierer des Abends: Köln (immerhin kamen alle aus Berlin), der Stylist von KIZ (T-Shirts, die zu kurz für die ordentliche Abdeckung der Arschkimme sind und Camouflagemuster-Anzüge – Jungs, da helfen euch auch die schicken Nikes nichts mehr), die Leggins vom Kraftklub-Frontsänger, Wilson Gonzales Ochsenknecht, Sido und die ganzen toten Jugendlichen im Publikum.

Ich hatte wirklich Spaß – nur so am Rande, falls das nicht durchgeklungen ist. Das war eine außerordentlich einzigartige Show. Ich kann noch so viel abhassen, die Kinder hatten Spaß und das hat mein Herz erfüllt. Vielleicht funktionieren deshalb die Partys in Berlin nicht so gut: weil es keine enthusiastischen Fans gibt, die tausende von Euros ausgeben um zu Lärm zusammengeschlagen zu werden. Das Konzept könnte ich mir ganz gut im Watergate vorstellen. Immer, wenn es ein bisschen zu etepetete wird, lässt man eine Horde minderjährige besoffene Realschüler rein.

Gewonnen hat übrigens offiziell niemand. Ich bin damit nicht einverstanden. Kraftklub konnte mich ganz und gar überzeugen. Ich würde mir das Ostblock-Gejodel nicht privat zur Gemüte führen, aber jederzeit wieder auf dem Beobachterposten einer so wilden und ekstatischen Show sein. KIZ waren dagegen ein Kirchenchor für Beinamputierte. Songs im Uptempo spielen ist keine Lösung, weil es sich scheisse anhört. KIZ, auf dem selben Niveau wie Fitti und Cro: Deutschcrap. DEUTSCHCRAP IST KEINE LÖSUNG!

An diesem musikalischen Faux-Pas sind übrigens auch die Jugendlichen Schuld. Immer mit ihren Alkoholvergiftungen und Platzwunden und Drogenproblemen und dieser Verwahrlosung, die sind Schuld daran, dass anständige Menschen wie ich nun MDMA-Konfetti-Rap hören müssen. Da lobe ich mir die Silverchair-Teens, die bei Kraftklub ihr Herzblut und auch echtes Blut vergießen. Dieser erschöpfende, brutale Moment in der Moshpit ist die legitimierte Version des Armaufritzen. Authentisch, emotional, romantisch, total bescheuert und irgendwie menschlich. Das hat in mir etwas hervorgerufen. Ich machte die Augen zu, konzentrierte mich auf mein Inneres, nahm tief Luft und rotzte einen dicken Klotz Spucke in die unachtsame Menge hinunter.

Meine heimliche Rache an Jugendliche.

This article has 9 comments

  1. Marc

    Mir gefielen KIZ aus der Contest-Brille irgendwie besser. Mehr Wortwitz. Die Sido Nummer war jedoch ein klarer Punkt für Kraftklub. Sieger sind die Jugendlichen gewesen. Die hatten Spass.

    1. yeahs

      Habe ich nicht, aber danke für den Link. ;)
      (Übrigens: ich finde Kraftklub auch ziemlich interessant, aber ich habe ein bisschen Angst, mehr über die Jungs zu erfahren. Am Ende will ich auch wieder im Moshpit stehen UND DIESE ERFAHRUNG HABE ICH HINTER MIR! ICH WILL DA NICHT NOCH MAL HIN!)

      1. mac

        Das Leben besteht aus sich ständig wiederholenden Schleifen. Da muss man immer wieder neue Sichtweisen entdecken, um die immer gleichen Situationen jedes Mal aufs Neue neu zu erleben. Ich finde es großartig mit Enddreißig wieder Groupie zu sein und im Moshpit abzudrehen (z.B. letztes Mal bei den FOALS). Auch klasse wenn mich Jugendliche dabei angewidert betrachten, und sich vor dem dicken, schwitzenden alten Mann ekeln. Aber länger als 20 Min. halte ich das konditionsbedingt sowieso nicht aus, deshalb geh ich dann immer erst bei den Zugaben in den Pit.

        Der Link war ja leider nur ein Ausschnitt, aber als SuMa-Expertin findest du bestimmt schnell den gesamten Mitschnitt.

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