Dörte

Veröffentlicht July 15, 2011

Pickel sind ja so eine Sache. Mit vierzehn hat man keine und ist darüber sehr glücklich. In meinem Fall vor allem sehr herablassend und schadenfroh, denn alle meine akneverseuchten Freunde mussten leiden. Sie erzählten mir Horrorgeschichten darüber, wie sie von ihren Müttern den Streuselkuchen-Arsch mit hart ätzenden Säuren eingerieben bekommen mussten, weil sie an diese sensiblen Stellen nicht heran kamen. Und sie erzählten auch davon, wie es ist, jede Nacht den Kopfkissenbezug neu zu wechseln, weil sonst der Talg und die Ablagerungen und die Hautschuppen und ganz viel anderes Zeug, dass man im Prinzip mit “EITER” betiteln könnte, die Haut belästigt.

Ich immer so: ihr seid hart gefickt, meine Freunde. Aber Karma vergisst nicht, niemals. Und der Eiter wandert weiter. Und damit verhält es sich genauso wie mit den Mücken: es wandert immer alles zu mir.

Als ich gestern aufwachte und den Fehler machte, in den Spiegel zu gucken, erlitt ich erstmal ein Trauma von epischen Dimensionen. Die Welt explodierte förmlich vor meinen Augen, blutige, tote Babies krochen in mein Rektum und irgendwo sägte mir Patrick Bateman gerade meine Fingerkuppen ab um mir das Knochenmark abzulutschen. So war das, als ich den mit weißem Lava schäumenden Vulkan auf meiner linken Wange entdeckte. Ich kotzte mir ein bisschen in den Mund.

Aber Überspringen wir diesen langen Moment der Erschütterung; es war ein bedeutsamer, verdrängenswerter Augenblick in meinem Leben, aber ich erlangte schließlich meiner Fassung wieder und ging analytisch an das Problem heran. Ich gebe meinen Feinden immer Namen, um nicht durcheinander zu kommen. Ich nannte sie Dörte. Hässlich zu hässlich. Ich nahm meine bereits vorgefertigte Checkliste und ging sie durch: Wie ist die Konsistenz der Erhebung? Fest genug um zu drücken? Vielleicht doch nur ein Mückenstich? Wie stark ist der Druck? Tut es weh? Wer ist Gott, und wo ist er, wenn man ihn braucht?

Natürlich ist das Gerät nie am ersten Tag druckreif. Aber: ich kann nicht warten. Ich muss jetzt aktiv sein. Ich kann nicht erst Blitzkrieg spielen, wenn der Feind schon am krepieren ist, ich greife ihn jetzt an. Ich beweise Stärke. Und außerdem, es gibt nichts, was mich seelisch mehr malträtiert als die Gewissheit, dass da eine Butterstange aus meinen grobgesägten Poren wächst.

Und dann geht alles ganz schnell: man drückt sich fast in Ohnmacht. Die Fingernägel bohren sich tief unter die Haut. Die Kriegsnarben zeichnen sich blutig ab. Minutenlanges Keuchen und vertrocknete Tränen, Klopapierknäuel, unterdrückte Schreie. Dann endlich: der Zusammenbruch der feindlichen Festung. Sieg. Delirium, Sterne. Lebe ich, bin ich tot, wer bin ich, wo komme ich her, warum ist der Mensch so, wie er ist, soll ich Philosophie studieren, warum nehmen meine Freunde Drogen, wieso sehe ich mein Leben an mir vorbei ziehen, was ist dieses weiße Licht, wie komme ich dorthin…

Wenn man sich traut, guckt man in den Spiegel: wir wissen alle, dass an diesem Punkt nur die Front erobert wurde, aber der Krieg ist noch nicht gewonnen. Es ist immer noch dick, aber kein Drücken der Welt kann die Sache jetzt noch rausholen. Wenigstens sieht man die Entzündung nicht mehr. Wenigstens ist es nur noch eine tiefe Fleischwunde, die auch von einer Prügelei kommen könnte (bilde ich mir jedenfalls ein). Wenigstens wird die Hälfte des Gesichtes von Blut eingenommen, nicht von einem riesigen Eiterkopf, der bei jedem Gesprächspartner das Würgen beschwört. I’m just saying.

Doch irgendwann wird der Pickel erledigt sein. Eines Tages ist Dörte nur noch eine kleine Hautschuppe unter meinem Fingernagel, und irgendwann werde ich einen intergalaktischen Orgasmus vom finalen Drückbattle verspüren, der mich in Euphorie aufsteigen lässt. Egal, wie entstellt ich danach bin; es lohnt sich. Jeder, der mir erzählt, man solle sich nicht im Gesicht rumdrücken, isst bestimmt auch Vollkornmüsli ohne Schokolade zum Frühstück und hat ausschließlich Sex zur Fortpflanzung. Ihr werdet mich niemals verstehen. Im Zweifelsfall ist es wie mit den Pommes: lieber rot als weiß.

(Und das natürlich immer genau dann, wenn man irgendwo hin fährt, wo es keine Spiegel gibt, vor denen man sich die obligatorische Gesichtsmaske auftragen kann, und ungefähr jedes dritte Opfer mit einer Kamera rumrennt. Wir sehen uns dann nach dem Melt! wieder.)

 

6 comments in “Dörte”

  1. ShoBeazz says:


    pics or it didn`t happen! :D

    obwohl wenn ich mir genau überlege… ohne ist doch besser. regt die fantasie an und so.

  2. Sören says:


    Wegen dieser Ehrlichkeit lese ich deine Texte so gerne ;) Viel Spaß auf dem Melt!

  3. Monsieur Croche says:


    Als ich heute morgen aufwachte schmerzte meine Stirn urplötzlich und zu meiner grossen Verwunderung musste ich feststellen, dass da über Nacht drei Pickel aus dem Nichts gewachsen sind. Aber was für welche! Ich war nie der Pickeltyp und es wundert mich, dass die dann doch hin und wieder trotz meines nicht mehr jugendlichen Alters immer wieder kommen. Aber whatever trevor. Eines Tages dörren die Dörtes ja zum Glück aus

  4. Zimtgruen says:


    pah…ungefähr alle meine Freunde tingeln auf dem Melt herum, sind krank oder arbeiten gerade und ich bin in Berlin, weil ich auch arbeiten muss, aber heute Abend würd ich gern was tun, aber es widerstrebt mir einfach mich allein auf zu machen und vor allem will ich kein Geld ausgeben….also alle die auf dem Melt sind haben Pickel verdient (nichts für ungut =) )
    ich hoffe du hast Spaß

  5. falk says:


    beim lesen bekommt man fast lust sich selbst wieder in ohnmacht zu quetschen…

  6. HecPac says:


    hervorragend ausgedrückt!

    endlich mal wieder ekel-content von geschmacklosester güte.
    Man darf auch die sozialpflegende Komponente dieser frühen Ernte nicht vergessen: es nimmt Gesprächspartnern der kommenden Tage den Zwang, wie hypnotisiert auf den pimple zu starren und sich durch telekinetische Anweisungen (PLATZ!), die sie imaginieren, ablenken zu lassen.

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