FUCK VAT

Vor zwei Monaten habe ich mit meinem Studium angefangen. Meine Eltern können mir keinen finanziellen Rückhalt bieten, daher bin ich Bafög berechtigt. Von Bafög alleine hätte ich nicht leben können – ein Minijob musste her. Mir grauste aber vor der Vorstellung, mich 20 Stunden die Woche pauschal ausbeuten zu lassen für einen Job, der mir im schlechtesten Fall egal war. Da ich schon immer aber auch als Freelancerin im künstlerischen Bereich Rechnungen gestellt habe, hätte ich auch so das nötige Kleingeld nebenbei verdient.
Nach vielem Rechnen mit Freibeträgen und steuerlichen Limits, kam ich zu dem Schluss, dass es sich nicht lohnt (abgesehen davon waren die Bafög-Bearbeitungszeiten so lang, dass ich sowieso anders an Geld ran musste). Ich beschloss, den waghalsigen Schritt zu gehen, auf Schulden + Abrackerei zu verzichten und dafür neben dem Studium nur noch als Kleinunternehmerin Geld zu verdienen. Rein wirtschaftlich lohnt es sich: ich habe viel mehr Zeit für die Uni, ich verdiene viel mehr Geld und habe dazu auch noch eine gewisse Leidenschaft manifestiert. So weit, so gut.
Hätte ich gewusst, dass das Geld verdienen an dieser Sache noch das einfachste ist, dann hätte ich es vielleicht gelassen. Denn ich kann nicht die einzige sein, die eine regelrechte Ohnmacht gegenüber einem fremdbeherrschten System spürt. Alles, was man falsch machen kann, habe ich falsch gemacht. Steuern, Meldungen, dies, das. Ich will nicht ins Detail gehen. Es geht nicht darum, dass mir die Regeln nicht gefallen. Es geht darum, dass mir niemand die Regeln erklären kann. Die dummen Fotzen im Finanzamt, die mich von einem Tisch zum anderen schicken, wo alle so viel Hass in sich tragen als kämen sie gerade als vergewaltigte Frauen vom Krieg im Kongo zurück- was machen die da, außer mich in die Unzurechnungsfähigkeit zu treiben? Keiner kann mir sagen, was ich richtig oder falsch mache.
Aber jeder kennt die Stories von Leuten, die am Ende hart nachzahlen müssen, oder die gar ihr Geschäft aufgeben, weil sie Fehler gemacht haben. Ich kann nach bestem Wissen und Gewissen Erfolge für mich persönlich verbuchen, aber sobald der Wisch auf meinem Tisch liegt, werde ich nicht beweisen können dass mir die Nutte im Finanzamt nichts sagen konnte und auch keine Ahnung und vor allem aber keinen Bock hatte, mir zu helfen. Ihr Kollege auch nicht. Und deren Kollegen auch nicht. Und bei der Frage, wer mir jetzt eigentlich bezüglich der richtigen Steuernummer helfen kann, wussten sie auch keine Antwort und haben mich sicherheitshalber noch mal mit der Umsatzsteuer-Außenstelle in Saarlois telefonieren lassen, die mich auslachte und sagte, da sei mein Finanzamt zuständig.
Jetzt sitz ich hier mit einer “verlorenen” Steuererklärung, unfähig, mich von meinem alten Finanzamt abzumelden um beim neuen Finanzamt angemeldet zu sein, warte auf ein Umsatz-Steuer-Signal, damit ich eine Umsatz-Steuer-ID bekommen kann, damit ich mit der dann Rechnungen ins EU-Ausland stellen kann, ohne welche ich leider nicht genug Geld verdiene um mich über Wasser zu halten. Und das ist nur ein Auszug eines kleinen Dilemmas.
Interessant ist auch, dass die im Career Center an der Uni sich nur um Bewerbungen und Einstellungsgespräche kümmern, aber nicht um die Existenzgründung o.Ä. So viel Machtlosigkeit sollte man eigentlich nur spüren, wenn es sich um Todesfälle handelt. Jetzt kümmer ich mit meinen lächerlichen Einkünften um eine Rechtsschutzversicherung, um einen Steuerberater und vielleicht auch noch um eine Psychotherapie und kann dann glücklich behaupten, dass ich zwar keinen Gewinn mehr habe, mir aber wenigstens keiner was antun kann.


16 comments in “FUCK VAT”
December 10th, 2011 at 13:18
bin immer noch Verfechter des Bafög… aber auf mich hört keiner…
December 10th, 2011 at 14:15
Ein Steuerberater hilft in solchen Fällen ungemein.
December 10th, 2011 at 15:36
Dieser Steuerscheiss stinkt hart.
Aber auf das Bafög würde ich auch nicht verzichten, immerhin gibts die Hälfte geschenkt, das sollte man sich nicht entgehen lassen
December 10th, 2011 at 23:32
Ich stecke in einer verdammt ähnlichen Situation und habe schon ein gefühltes Fünftel meines Lebens für rechtliche und steuerliche Aufgaben aufwenden müssen. Ein Endlosding.
Wenn du mit deinem Kleinunternehmertum scheitern solltest, dann muss du die Bafög-Unterstützung annehmen. Das ist gerade da um Studieren finanziell zu ermöglichen, das gibts fast nirgendwo mit diesen Summen. Natürlich kann man sich daran nerven, dass ständig damit geworben wird, aber die Umsetzung aufgrund des Papierkrams nicht einfach ist. Stattdessen würde ich einfach mal von dieser Chance Gebrauch machen. Stellen wir uns vor du bekommst 500 Euro vom Bafög-Amt (250 Euro zinslose Schulden – 250 Euro auf die Hand), es werden Einkommen von Eltern und ob du für deine Miete aufkommen musst berücksichtigt. Um die Schulden würde ich mir keine großen Sorgen machen, da diese erst ab einem Mindestgehalt von meiner Erinnerung nach 1500 Netto und dann auch nur schrittweise nachgezahlt werden müssen. Du hast erstmal 500 Euro auf der Hand. Wenn für Warmmiete 300 oder sagen wir besser 350 anfallen, bleiben noch 150 über. Jetzt kommt deine Arbeitskraft ins Spiel. Was offiziell abgerechnet wird darf im Monat bis zu 400 Euro betragen. Bei einem 10-Euro-Job (am besten auf 400-Euro-Basis auf Lohnsteuerkarte, da keine Steuern und Sozialversicherungsabgaben), der sich durchaus auf den zahlreichen Jobbörsen in deiner Umgebung schnell finden lässt, musst du 10 Stunden in der Woche arbeiten. Für die meisten Menschen, und ich nehme an für dich auch, ist das annehmbar. Es gibt noch einen kleinen (!) Trick. Und der heißt Übungsleiterpauschale. Was ist das? Im Falle einer freiberuflichen Tätigkeit (siehe Wikipedia was darunter fallen kann), in dem du für deine Leistungen eine Rechnungs ausstellst oder aber eine Abrechnung bekommst, musst du ein Formular beim Finanzamt ausfüllen und erhältst darauf eine Steuernummer. Fällt nun deine freiberufliche Tätigkeit in eine Übungsleitertätigkeit (siehe wikipedia), kannst du mit dieser Tätigkeit 2100 steuerfrei und sozialversicherungsfrei, erst für alles was darüber geht muss eine Steuer draufgezahlt werden. Die Dame beim Finanzamt sagte letztens, dass selbst wenn ich 4000 oder Ähnliches verdient werden es zu keiner Steuerabgabe kommt (aber dem würde ich nicht vertrauen) – das ganze muss dann irgendwo in der Steuererklärung vermerkt werden, das wars. Klingt komplizierter als es ist. Da du ja kreativ bist kann ich dir empfehlen Nachmittagskurse in Schulen anzubieten – Gesamtschulen, Stadtteilschulen oder wie sie alle heißen. Aus der Qual vieler Schüler, dass sie heutzutage fast jeden Tag bis um 16 Uhr in der Schule sein müssen, kann Profit gezogen werden – es können Kurse jeder Art angeboten, Mal, Bastel, Design, Internet, Frauenfussball, Schach-Kurse. Mein Stundengehalt liegt bei ca. 20 Euro die Stunde – für 80 Minuten gibts 29 Euro. Bei vier Kursen a 80 Minuten, die fast kein Aufwand haben, verdient man also in der Woche 120 im Monat 480. Das ist freiberuflich und müsste laut Bedingungen der Übungsleiterpauschale im Übrigen auch darunter fallen. Jede Schule organisiert sich anders und nicht jede ist bereit so viel zu zahlen, aber hier gibts nur den Quereinstieg, einfach jede Schule fragen, mit Kursangeboten kommen, Kompetenz vorweisen/gaukeln – die Schulen beklagen sich über wenig Geld, aber wenn man aufmerksam ist hört man das Rauschen des Geldflusses genau an dieser Stelle. Nun resümieren wir. Bafäg kann viel zahlen, vielleicht könnte es dir 500 Euro zahlen. Dann gibt es Möglichkeiten zu verdienen ohne, dass es jemand mitkriegt. Dann gibt es die sittliche Möglichkeit eines 400-Euro-Jobs. Plus höchstwahrscheinlich 175 Euro monatlich leicht verdientes Geld an Schulen mit Nachmittagsangeboten. All das “verstößt” gegen keine Bafög-Richtlinie, keine Steuer-richtlinie, Familienversicherungs-Richtlinie, Sozialversicherungsrichtlinie. Es gibt immer Möglichkeiten, mann muss Zeit haben, sie zu suchen und sie suchen. Ich hatte die Zeit… ;)
durchgehen Das sind 2100 Euro, die
finden lässt Es gibt Möglichkeiten so zu verdienen, dass kein Schwein mitkriegt wann und wieviel du verdient hast (Nachhilfe).
December 10th, 2011 at 23:36
ups. ;)
December 11th, 2011 at 00:27
HEY Ich hatte vor Jahren das selbe Problem. Ich bin auch Student (BWL) und hab recht viele Projekte im Internet (Ich mache Musik, habe 2 Blogs, dreh Videos, Fotografiere, arbeite in der “Dienstleistungen und Vermittlung von Geschäftskontakten” und habe einen kleinen Shop und da ich damit Geld verdiene musst ich auch alles an das Finanzamt melden.
Zuerst wollte ich alles allein machen, aber bei den ganzen Finanzgedöns blickt man ja fast gar nicht mehr durch. Vor allem am Anfang.
Also Steuerberater geholt. Der mir alles erklärt was ich am Anfang beachten muss, was ich alles brauch und wo ich das bekomme etc. Das hat zwar etwas gekostet aber das war eine gute Investition.
Naja wohn in einer Kleinstadt, und hatte glaube ich Glück, die Mitarbeiter beim Finanzamt waren nett und haben mir auch geholfen die Formulare da auszufüllen :)
Mittlerweile mach ich aber fast alles selber, hab ich ja gelernt :) Aber ab und an lass ich mich noch beraten, man weiß eben doch nicht alles und es ändert sich ja ab und an mal was.
Der Steuerberater gibt auch viele Tipps, die einen den Anfang erleichtern wie ein 2. Konto einzurichten und ca. 1/3 bis die hälfte der Einnahmen für Versicherungen etc. zurückzulegen. Was ich auch mache.
December 11th, 2011 at 04:30
saarloUis. Soviel Zeit muss sein ;)
December 11th, 2011 at 12:56
TC: danke für deinen Kommentar. Mir geht es aber nicht darum, eine Alternative zum freiberuflichen Arbeiten zu finden. Ich will genau DAS machen, denn davon profitiere ich am meisten. Natürlich kann ich auch das machen, was du vorschlägst, das habe ich auch in Erwägung gezogen, aber warum sollte ich Potenzial und Arbeitsbereitschaft an Nachhilfe verschwenden? Das können andere erstens besser als ich und zweitens ist das rein wirtschaftlich gerechnet immer noch viel weniger als das, was ich jetzt verdienen könnte. Wie gesagt: dass man aber keine klaren Auskünfte bekommt, ohne sich für teuer Geld einen Steuerberater zu holen, DAS finde ich eigentlich nur so ätzend.
December 11th, 2011 at 15:31
[...] Welt von Isotopp (168) 34. taz Hausblog (169) 35. Notes of Berlin (189) 36. Stilsucht (194) 37. Dragstripgirl (219) 38. Das Nuf advanced (235) 39. Duckhome (256) 40. Twittwoch e.V. (262) 41. [...]
December 11th, 2011 at 16:10
Mir gings nur darum aufzuzeigen, wie man sich auf recht bequeme Weise über Wasser halten kann – vielleicht kannst du oder ein Leser von den Informationen profitieren, die ich mir z.T. mühselig über Google angeeignet habe. Denn Geld für einen Steuerberater habe ich auch nicht übrig. Mit den richtigen Formulierungen findest du genau das bei Google was du wissen willst. Naja, fast immer.
“Die dummen Fotzen im Finanzamt, die mich von einem Tisch zum anderen schicken, wo alle so viel Hass in sich tragen als kämen sie gerade als vergewaltigte Frauen vom Krieg im Kongo zurück- was machen die da, außer mich in die Unzurechnungsfähigkeit zu treiben?”
Das kann ich gut verstehen. Aber wieso nennst du sie Fotzen, spielst du nicht das gleiche Spiel auf einer leicht anderen Ebene?
Übrigens: Hier in HH sind die Frauen im Finanzamt, habe zwei kennengelernt, sehr nett. Ich bin fast mein ganzes Leben lang anderes gewohnt, aber gerade im Finanzamt waren sie lieb etc.
December 11th, 2011 at 17:02
ey man aber jetzt mal ernsthaft, das die beamten einen scheiß für einen geben ist bekannt und sich darüber aufzuregen bringt auch nix mehr. man ich musste mit 18 auch da durch und habs hinbekommen und wie? google hilft. da brauch ich auch keinen steuerberater..man kriegt das alles schon alleine hin und vom finanzamt muss man keine hilfe suchen, das hat keinen sinn. ich kann dein leiden nur teilweise nachvollziehen. also zähne zusammenbeißen und willkommen in deutschland!
December 11th, 2011 at 17:29
TC: nein, sorry, das sollte so nicht rüberkommen – ich weiß deinen Kommentar sehr zu schätzen und verstehe auch, was du meinst. Auf jeden Fall ein dickes DANKE dafür. Mir ging es eben aber um meine Erfahrungen mit dem Finanzamt und welche Rolle es eigentlich spielen müsste in so einer “Lebens-”Entscheidung, sich selbstständig zu machen.
Dass ich mich sprachlich da sehr weit aus dem Fenster lehne ist mir klar, aber deswegen ist mein Blog auch ein Ventil und kein Faktenmuseum. Ich bin selbst schon einigen netten Beamten begegnet, allerdings ist das eher eine seltene Angelegenheit. Letztendlich müssen die auch nicht nett zu mir sein – aber wenn ich sie schon von meinen Steuern bezahle, dann sollen sie ihre Funktion auch gefälligst erfüllen. DAS war jedoch nicht so.
L: Ich bezweifle nicht, dass ich es auch hinbekommen werde. Und danke, Google ist leider nicht immer der zuverlässigste Berater in vielen Dingen, denn nicht jeder hat die gleichen Umstände vorzuweisen. Mir geht es doch nicht um ein hartes Schicksal, welches ich hier vorweise. Mir geht es darum dass ich die olle Bürokratie mitfinanziere und die gefälligst genauso zu funktionieren hat wie ich selbst es auch soll. Ich rege mich selbstverständlich darüber auf, denn so muss es nicht sein, und so ist es auch nicht gedacht. Ich bezahl doch auch keine Reinigungsfirma dafür, dass sie putzen soll, und wenn sie’s am Ende nicht macht zuck ich mit den Schultern und sag “ahja so ist es halt dann Google ich wie man selber putzt”.
December 11th, 2011 at 21:41
okay das hast wahrscheinlich recht was google angeht und ich bin mir auch sicher du packst das. ich hab mich bloß auch lange genug über diese scheiß beamten aufgeregt, die so viel reden wie nen toaster. ich bin ja genau deiner meinung, ich finds auch scheiße das man eigene wege finden muss um irgendwie mit dem papierkram klarzukommen..dumm gelaufen für uns nicht-beamten
December 12th, 2011 at 12:03
Das deutsche Steuerrecht ist kompliziert und in allen Details für normale Menschen nicht beherrschbar. Nimm’s gelassen, anderen ergeht es leider genauso.
Ohne Steuerberater kann man zwar auch akzeptable Steuererklärungen hinbekommen (mache ich nämlich selbst heute noch, als damaliger Kleinunternehmer und jetzt GmbH-Geschäftsführer), verzichtet aber in den allermeisten Fällen auf Geld (weil ein Steuerberater z. B. eben doch besser weiß, was wo wann absetzbar ist).
Komischerweise wehren sich die allermeisten Menschen aber dann doch gegen radikale Vereinfachungen des Steuerrechts. Schade eigentlich.
December 12th, 2011 at 16:06
Hallo Leute,
beim Lesen bekam ich gerade Dollarzeichen in den Augen. Wikipedia sagt bei der Uebungsleiterpauschale geht es um 2100 Euro jährlich. Hat das schon jemand durch zwölf geteilt? .. Schade eigentlich.
Danke & Gruß
Mike
December 12th, 2011 at 23:30
@Mike: Was möchtest du denn sagen? Dass das wenig Geld ist?
@Dragstripgirl:
“Letztendlich müssen die auch nicht nett zu mir sein – aber wenn ich sie schon von meinen Steuern bezahle, dann sollen sie ihre Funktion auch gefälligst erfüllen. DAS war jedoch nicht so.”
Ja, Inkompetenz mag im Supermarkt noch okay sein, aber nicht im Finanzamt. Es müsste ein viel besseres Informationsangebot (übersichtliche Broschüren) geben, sodass man nicht gänzlich von den Damen des Finanzamts abhängig ist – wenn schon keine sichtbaren Fortschritte in der Vereinfachung des Steuersystems gemacht werden.