Migrationshintergrund 23

Statistisch gesehen gibt es in Deutschland knapp 30% Menschen mit Migrationshintergrund, Ausländern und Eingebürgerten. 30% von 23 sind knapp 7. In der deutschen Nationalmannschaft finden sich zehn. Drei über dem Durchschnitt, davon ein Eingebürgerter und neun mit Migrationshintergrund.
Überträgt man das wieder auf die Bevölkerung kann man ohne Probleme behaupten, dass Migrationshintergrund das neue Deutsch ist. Daher möchte ich an dieser Stelle auch die in letzter Zeit häufig gestellte Frage beantworten, wieso ich eigentlich nicht meine Brüder aus dem Vaterland (Özil oder Khedira) auf dem Trikot trage, sondern tatsächlich den deutschesten aller Deutschen, nämlich den Müller:
Selbstverständlich um das makellose, fleckenfreie, fehlerbehobene Deutsch im Fußball zu unterstützen. Sonst nehmen die Migrationshintergründler uns auch noch die Plätze elf bis dreiundzwanzig weg. Mir ist dabei natürlich egal, ob es sich um gute oder schlechte Spieler handelt, ob sie in Deutschland geboren sind, wer wann zugewandert ist und sowieso.
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In dem aktuellen WM-Kader der Nationalmannschaft, die mich beim Spiel gegen Spanien ja sehr enttäuscht und vor allem bewiesen hat, dass es ohne Müller keine Stabilität gibt (das nur mal so am Rande), gibt es tatsächlich nur einen, der als Eingebürgerter durchgeht: nämlich Cacau. Die anderen neun gelten als Deutsche mit Migrationshintergrund, landläufig immer noch als Ausländer bezeichnet. Neun Spieler, davon sieben in Deutschland geboren und aufgewachsen, zwei, die spätestens zum fünften Lebensjahr in Deutschland waren, Klose, der schon acht war, als er nach Deutschland kam. Jemand, der hier aufwächst, lebt, liebt, zur Schule geht, mit seinen Freunden durch die Straßen zieht und zum Karneval Schlagerkappellen mitgröhlt – wie kann der nicht Deutsch sein?
Wie kann der irgendetwas anderes sein? Wann hatte er denn jemals die Wahl, etwas anderes zu sein? Es gibt nicht mehr nur das eine Deutsch. Es gibt eine Million, und ich bin eins davon, und Özil ist eins davon, und Trochowski, und Müller auch, und Podolski ist halt eins mit Sprachfehler.
Sie nennen uns Ausländer. Ausgesprochen: “Deutsch mit Migrationshintergrund”.
Migrationshintergrund. Wenn es dieses Wort nicht gäbe, wäre ich dann Deutsche?


22 comments in “Migrationshintergrund 23”
July 9th, 2010 at 02:25
Ich kann mit Ländern und Grenzen ehrlich gesagt wenig anfangen. Ist auch bis heute für mich das beste Argument gegen Jene, die meinen auf ihr Vaterland stolz sein zu müssen: Ja, warum eigentlich? Nur weil die Eltern deiner Eltern christlichen Unsinn ins Grundgesetz schroben? Wo ist da, abgesehen von dem Genetischen, der Zusammenhang?
Ich kann nicht sagen, wer wann Deutscher ist. Ein Pass wäre mir zu einfach. Sprache, vielleicht. Deutsch ist, wer deutsch spricht. Nein, das klingt ebenfalls zu spießig, irgendwie.
Als Netzbewohner fänd ichs mal super, wenn den Menschen sowas egal wäre. Hautfarben und Ländergrenzen und Sprache. Und so. Aber mein innerer Reichsparteitag sagt: Not going to happen.
Das nennt sich dann übrigens Kosmopolitismus.
July 9th, 2010 at 09:12
bullshit um es mit Neo’s Worten zu sagen. Du bist Deutsche! Diese Unterscheidungen braucht das Land nicht.
July 9th, 2010 at 09:33
Deine Eltern sind türkischer und tunesischer Abstammung, ja?
Ich find’s ja noch immer irgendwie krass, dass eine Frau sich so für Fußball interessiert. Und ich gehe mal stark davon aus, dass du nicht eine von den “Ähhh-ich-guck-nur-zur-WM/EM-Fußball-girls” bist. Das hoffe ich jedenfalls. Wobei man meine könnte, dass du vom Fußball echt keinen Plan hast – Müller?! Hallo?! Der hält immer nur den Fuß oder Kopf hin! Wenn der mal von rechts flankt, kommt der Ball meistens sonst wo an. Da ist mir ein Klose (als Stürmer), der für’s Spiel arbeitet, den Bällen hinterherläuft, sich nicht im 16er fallen lässt tausendmal lieber als ein Müller, der irgendwie einen Gehfehler hat und immer nur mit dem Außenriss abzieht. Total überbewertet der Junge! Hättest dir die Nummer 7 kaufen sollen :>
Ich kannte mal jemanden, der hier als Türke bezeichnet wurde und in der Türkei als Deutscher, der wusste auch nicht mehr wo vorne und hinten war. Allerdings rege ich mich jedes Mal wieder aufs Neue auf, wenn ich “Scheiß Deutsche, amina koydum!” von Leuten mit deutschem Pass höre. Da sollte man drüber stehen, ja – kann ich aber noch nicht. Umso mehr mag ich aber die, die besser deutsch sprechen als ich (:)), die coolen neuen Deutschen (oder so) wie Cem Özdemir oder der Typ, dem der Dönerladen um die Ecke gehört, dich und die andern 80%. Die 20% doofen neuen Deutschen kann ich ebensowenig leiden wie die 20% alten Deutschen.
Beim Tippen dieses Kommentars habe ich mich auch gefragt, ob man stolz sein kann auf Deutschland, die Nationalelf, oder sonst irgendwas Deutsches. Wikipedia sagt, dass Stolz im Prinzip ein Synonym für Zufriedenheit ist. Also es kann doch nicht verkehrt sein, wenn man im Großen und Ganzen zufrieden mit Deutschland oder der Elf ist. Mir ist das eigentlich egal, ich glaube stolz bin ich nicht.
Was mir bei diesem Turnier wieder aufgefallen ist, ist diese beschissene Überheblichkeit der Deutschen. Da gewinnt man mal zwei Spiele hintereinander gegen gute Mannschaften und man wird direkt total überheblich und meint man sei das Non-Plus-Ultra und könne alle schlagen. Hochmut kommt ja vor dem Fall und so und deshalb ist es vielleicht ganz gut, dass wir ausgeschieden sind. Um mal wieder runterzukommen…
July 9th, 2010 at 09:53
@Robert: Nein, ich bin nicht tunesischer und türkischer Abstammung, das macht das ganze noch umso amüsanter. Ausländersolidarität und so.
Ich kenne mich mit Fußball aus, weil mir das von meinen Brüdern so eingeprügelt wurde und weil es mir tatsächlich Spaß macht. Die WM finde ich eigentlich auch nicht wirklich spannender als die Bundesliga, nur dass der Ausgang unberechenbarere und damit halt auch kurzfristig interessanter ist.
Übrigens ist mir völlig bewusst, dass Müller eine gewisse Wild Card ist, aber ich habe das Trikot perspektivisch gekauft; der Junge ist 21 Jahre alt, spielt gerade sein erstes großes Tunier und konnte immerhin schon einiges vorweisen. Klose spielt gerade wahrscheinlich sein letztes. Das Trikot will ich noch in 12 Jahren anziehen können ;) Ich fand den bei den Bayern aber auch schon sympathisch. Und der wird noch zu was Großem, das weiß ich. Und wenn nicht? Naja, Müllers kommen und gehen, wa ;)
Auf jeden Fall hat das eigentlich kaum was mit der Nationalelf an sich zu tun, die representiert nur, wie Deutschland heute aussieht. Was mich stört ist dieses landläufige Verständnis und diese Kategorisierung von Menschen, die zwar nicht seit sieben Generationen Deutsche sind, aber hier geboren und aufgewachsen sind. Welchen Unterschied kann das machen?
(die 20% hier und da sind natürlich ausgenommen, die können sich selbst mal ersaufen gehen)
Übrigens hat das bei mir herzlich wenig mit Stolz zu tun, und ich sehe das DFB Team als einen Club, nicht als “Deutschland”. Ich sagte ja bereits an anderer Stelle: ich singe die Hymne nicht mit, weil ich nicht finde, dass die da irgendwas zu suchen hat. Nicht, weil ich nicht 100% Deutsche bin.
Was die Arroganz betrifft: Na da sind die Deutschen was den Sport angeht noch relativ bescheiden.. hier kritisiert doch jeder den ganzen Tag nur die schlechte Leistung. Im Ausland ist das dann so, dass die schon Jahre vorher anfangen, die Spieler bis in den WM-Olymp zu loben. Und dabei meist auch bleiben. Da wird jeder gefeiert, egal ob als erster oder letzter zurück. Hier würds mich nicht wundern wenn der WM-Bus angezündet wird. Allet Spasten alter.
July 9th, 2010 at 11:18
Glaub mir, Du bist deutsch. Und syrisch, und noch irgendwas wahrscheinlich.
Allein dass das Dir so wichtig ist (was ich als Ostfriese sooo verstehn kann!), ist schon mal ziemlich deutsch.
Lass Dich doch nicht von dem großen Trenner, dem Ausschliesser, dem Mobber in Deinem Kopf (oder wohnt der woanders?) provozieren.
Und Müller is topknorkenschnafte.
July 9th, 2010 at 11:28
Ach, ich finde Du siehst das ein bisschen zu eng bzw. zu kompliziert. Es interessiert doch schon lange keine vernünftige Seele mehr, und ob und wie man jetzt welche Begrifflichkeiten einsetzt. Der Unterschied zwischen “türkischer Abstammung” oder “eingebürgert” oder “mit Migrationshintergrund” mag vielleicht juristisch relevant sein, aber mal ehrlich, wichtiger ist doch, wie bzw. als was man sich fühlt. Und ob man diese eher emotionale Wahl seines Heimatlandes zugestanden bekommt. Da sind sich ja schon die meisten “Deutschen” einig, wenn das vielleicht staatsbürgertechnisch etc. pp. noch ein bisschen zur Institutionalisierung braucht bzw. noch nicht bis in die Holzköpfe mancher konservativer Politiker eingedrungen ist. Da arbeitet die Zeit aber dafür. Und solche streitbaren Termini wie “Migrationshintergrund” haben nicht zuletzt linksliberale Politiker eingeführt, um heikle Vokabulardiskussionen zu vermeiden. Das ist weniger eine politische als eine Zeitfrage, glaube ich, Innovationen, auch und gerade kultureller und juristischer Natur, brauchen Zeit.
Ich finde auch so eine kulturelle Legitimation von Deutschsein, wie Du sie auch anklingen lässt, schwierig. Wenn ich als deutscher Staatsbürger alles typisch deutsche plus die Nationalmannschaft scheiße finde, bin ich dann mehr oder weniger deutsch als der jecke Einwanderersohn mit Müller-Trikot? Was ist denn dann überhaupt deutsch? Die Vielfalt unseres Einwandererlandes? Also quasi alles, weil alles eine Existenzberechtigung hat, so lange es irgendwie bunt ist? Ist dann erst deutsch, wer sich irgendwie kulturell mischt, also ein Türke mit Karnevalsmütze und der Deutsche beim Döner?
Find ich alles irgendwie müßig.
Die Nationalhymne ist doch ein gutes Beispiel: Wurscht, ob und wer sie mitsingt (ich mach´s, sehr gerne), Hauptsache man kann sich auf die darin grundsätzlich verewigten Werte (nicht im Wortlaut, eher so im Sinnlaut) einigen und sich eben in Frieden singen oder nicht singen lassen. Denn wie ich meine Verbundenheit mit meinem Heimatland zeige, ist meine Sache. Hauptsache ich hab´s im Kopf. Dann bin ich auch, so wäre meine Definition, ein Deutscher. Alle Zusätze sind eben nur Bonus.
July 9th, 2010 at 11:31
Ach und: Ich bin nicht zuletzt deswegen ein fanatischer Fan unserer Nationalmannschaft, weil sie in jüngerer Vergangenheit auf simplifizierte Weise Dinge transportiert, die ich an “meinem” Land schätze: Offenheit, Spiel-/Lebensfreude, Organisation, Multikultur, Ehrgeiz. Von mir aus ist das stark vereinfacht und generalisierend, aber ich kann mich eben mit diesen Buben identifizieren, auch weil ich in genau solchen Mannschaften selber gekickt habe.
July 9th, 2010 at 11:54
@Fred: Danke für deinen Kommentar erst mal, und ja, natürlich hast du recht: niemand interessiert sich dafür, und was ist eigentlich Deutsch.
Aber so einfach ist es dann auch nicht, denn mir wurde das Leben auch schwer genug gemacht mit solchen Begrifflichkeiten. Sicher, heute fühle ich mich zu 100% Deutsch, aber es gab auch schon Tage – insbesondere in einer schwierigen Jugend kommt das dann wohl noch häufiger vor – da wusste ich nicht, ob ich überhaupt so fühlen darf.
Während im Schnitt die Nationalmannschaft genau das darstellt, was Deutschland ist, nämlich ein Land voller Kulturen, die alle irgendwie Deutsch sind, wird immer noch darüber diskutiert, wer oder was jetzt Deutsch ist. Und ich muss mich immer noch dafür rechtfertigen, sogar vor vernünftigen Menschen, wieso ich da einen Deutschen Namen auf dem Rücken trage. Wie schon gesagt, das hat weniger etwas mit der Nationalmannschaft selbst, als mit der Wahrnehmung verschiedener Identitäten in ihr zu tun.
Ich finde auch so eine kulturelle Legitimation von Deutschsein, wie Du sie auch anklingen lässt, schwierig. Wenn ich als deutscher Staatsbürger alles typisch deutsche plus die Nationalmannschaft scheiße finde, bin ich dann mehr oder weniger deutsch als der jecke Einwanderersohn mit Müller-Trikot? Was ist denn dann überhaupt deutsch? Die Vielfalt unseres Einwandererlandes? Also quasi alles, weil alles eine Existenzberechtigung hat, so lange es irgendwie bunt ist? Ist dann erst deutsch, wer sich irgendwie kulturell mischt, also ein Türke mit Karnevalsmütze und der Deutsche beim Döner?
Find ich alles irgendwie müßig.
Nein, da hast du natürlich recht, es sollte nur eine überspitzte Darstellung vom Leben in Deutschland sein. Wer hier aufgewachsen ist, wer sich mit Deutschland und den Menschen in diesem Land identifizieren kann und wer sich auch selbst so nennen will, der ist einfach Deutsch. Ich weiß, das klingt nach außen einfach so albern und überflüssig.
Aber das ist es nicht, so lange eben noch solche Fragen gestellt werden.
July 9th, 2010 at 11:56
Und noch was: mich persönlich verärgert es eigentlich nur noch, wenn ich auf solche Kleinigkeiten angesprochen werde. Aber als Kind hat man damit Probleme. Als Jugendlicher hat man damit Probleme. Es ist eine ganz subtile Art von Ausgrenzung die mit solchen Dingen stattfindet. Und ja, auch da ist die Nationalmannschaft natürlich Vorbild und ich bin froh darum.
Vielleicht um noch mal zusammen zu fassen: wenn ich einen Müller oder einen Özil oder einen Kahn oder sonst irgendetwas unterstützen möchte, dann hat das selten etwas mit Nationalitäten zu tun. Die Tatsache, dass das einfach untergeht und trotzdem als eine Art patriotistisches Statement wahrgenommen wird, lässt mich über solche Sachen eben grübeln.
July 9th, 2010 at 13:15
@S: “Nein, ich bin nicht tunesischer und türkischer Abstammung, das macht das ganze noch umso amüsanter. Ausländersolidarität und so.”
Ok, dann raller ich den Vergleich mit Özil (der ja türkische Wurzeln hat) und Khedira (welcher tunesischer Abstammung ist) nicht.
Ist ja schön und gut, dass der Müller erst 21 geworden ist, der wird eh nur noch bis zur nächsten WM in der Startelf stehen, hehe. Aber die Nummer 7 hat Perspektive, hör’ auf meine Worte! :>
Das mit der Hymne raller ich nicht. In wie fern hat die da nichts zu suchen?
Im Bezug auf die Arroganz sehe ich das ganz anders. Ich habe eher den Eindruck, dass die Spieler anderer Nationen total zerrissen werden. Guck dir doch mal die Franzosen, Italiener oder Engländer an; da bekommt der ein oder andere Spieler sicher mal ‘ne Morddrohung serviert. Hier ist das doch genauso wie in der Politik. Wenn’s den Deutschen nicht passt, wird gemeckert und dann vergessen. In Frankreich handeln die Betroffenen und zünden Autos an und setzen so wenigstens etwas Druck aus. Ok, auf Sport wäre das vielleicht etwas zu krass übertragen… wenn wir verlieren, sind doch immer die anderen Mannschaften schuld und werden gehasst. Du bist Deutschland, bei Freunden zu Hause – is’ klah!
(Sorry, wenn ich so ‘ne Diskussion hier in den Comments führe :> )
July 9th, 2010 at 16:08
Hallo Sara,
ich möchte mal meine Gedanken darlegen und hoffe, dass ich auch so verstanden werde, wie ich es meine.
Ich denke, dass ein wirklich großer Teil von den Menschen, die vor 1, 2 oder 3 Generationen aus der Türkei oder sonstwoher in das Land kamen, sich als Deutsche fühlen, die deutsche Kultur akzeptieren (sie müssen sie ja nicht zelebrieren) und sich, wenn auch mit Schwierigkeiten /durch Vorurteile, …), in die Gesellschaft eingegliedert haben. Ich kenne türkisch- und kroatischstämmige Menschen, die mittlerweile besser bayerisch sprechen als ich. Mit denen schau(t)en wir gemeinsam die Deutschlandspiele und wenn die Türkei dabeigewesen wäre, hätten wir auch die Türkeispiele miteinander angesehen und uns für beide Nationen gleichermaßen gefreut. Mit den Leuten gibt´s einfach null Probleme und gegen diese Leute hat auch kein Mensch etwas einzuwenden.
Von mir aus ist jeder Mensch, egal welcher Abstammung, in Deutschland willkommen. Das Problem, warum es dann heißt “Die Türken” oder “Die Russen”, ist meiner Meinung nach in den Medien anzusiedeln. Vorkommnisse wie in München (U-Bahn-Schläger) + die Berichterstattung schüren einfach die Angst und die Befremdlichkeit gegenüber anderen Kulturkreisen. Natürlich sind wahrscheinlich 99% aller Immigranten (sorry, wusste jetzt kein besseres Wort) anständige Leute, aber das 1% Vollidioten unter ihnen, zieht alles nach unten. Ähnliches kann man ja bis heute im Ausland im Bezug auf Deutschland beobachten. Da sind wir auch oft nur “die Nazis”.
Das ist kein typisch deutsches Problem, das ist ein nationenübergreifendes.
Ich finde es einfach auch schlimm, wenn man sofort in die radikal rechtsextreme Szene gerückt wird, wenn man fordert, das Menschen, die – aus welchem Grund auch immer – ein Bleiberecht in Deutschland bekommen haben, dass diese sich anzupassen haben an die Gepflogenheiten in dem Land. Das trifft auf dich als gebürtige Deutsche natürlich nicht zu, sollte aber auch einmal angesprochen werden.
Worauf ich eigentlich hinaus will: Vor kurzem kam es dazu, dass die Polizei in einen Hinterhalt gelockt wurde. Finde leider das Youtube-Video nicht mehr, wo der Auslöser dafür zu sehen war. Im Nachhinein erfährt man, dass einer der Haupttäter bereits 26 Delikte auf dem Kerbholz hatte (und damit waren keine Ladendiebstähle gemeint). 26! Warum läuft so jemand noch frei rum? Und warum ist man extrem rechts, wenn man fordert, dass so jemand, wenn er nachhaltig gezeigt hat, dass er nicht fähig ist, ein friedliches Leben zu führen, wieder abgeschoben wird? Vielleicht weißt du eine Antwort darauf. Ich finde keine.
Sorry für den teilweise verwirrenden Text, aber es war schwer, das was ich sagen wollte, in einfache Sätze zu verpacken.
July 9th, 2010 at 16:13
@torschtl: Ich verstehe schon, was du gemeinst hast, aber ich sehe den Bezug zum Text nicht wirklich. Ich rede ja gar nicht von Ausländern. Ich rede auch nicht vom Verhalten. Ich rede von Integration und Migration und vor allem von Begrifflichkeiten.
July 9th, 2010 at 16:43
“Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.” – Schopenhauer
Auch wenn Schopenhauer das etwas hart formuliert, würde ich mich grundsätzlich dem anschließen. Ich denke eher wie Jeremy: Lasst den Begriff “deutsch” doch einfach sein. Genauso wie wir den Begriff “türkisch”, “tunesisch” oder sonstwas sein lassen sollten. Gerade im Internetzeitalter sind das doch nur Nationalstaatsbegriffe. Es gibt davon abgesehen doch eh kein “deutsch” mehr, sondern nur noch Werte wie Freiheit, Demokratie etc. pp. mit denen man sich identifizieren kann (oder eben nicht).
Und wenn wir aufhören zu sagen “Ich fühle mich deutsch” (egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund), wenn wir aufhören in solchen Kategorien zu denken, hätte man auch den Nazis jeden Boden weggenommen.
July 10th, 2010 at 01:36
Also ich hab auch keine Antwort darauf, “was” man ist. Ich fühle mich nicht zu 100% Deutsch, weil mich die Umwelt einfach nicht als solche wahr nimmt. Wird sich auch nie ändern. Aber Migrationshintergrund klingt genauso herablassend wie Ausländer. Find ich irgendwie nicht schön, aber es gibt einfach keinen passenden Begriff für dieses Multikultigedöns.
July 10th, 2010 at 12:06
Ich hasse dieses Wort. Es klingt abschätzig.
In meinem Studium war ich so oft damit konfrontiert. In jedem Seminar zur interkulturellen Pädagogik. Und spätestens nach dem fünften hören klingt es, wie eine Krankheit.
Hey, der hat ‘nen Migrationshintergrund. Wir machten uns irgendwann einen “Spaß” daraus und nannten es nur noch MH. Und die “Krankheit” war perfekt.
Ich versteh’s einfach nicht. Was ist denn dann bitte deutsch?
Mein Großvater ist Preuße. Teilweise steckt in meiner Familie französisches Blut. Aber dennoch würde nie jemand sagen, ich sei nicht deutsch.
Genau so bei meinem Freund. Opa Pole. Nachname polnisch. Aber niemand würde ihn als nicht deutsch bezeichnen.
Was ist denn dann letztendlich deutsch?
Ich weiß nicht, was es sein soll. Streng genommen ist doch jeder mit deutschem Pass deutsch. Oder?
Und ich denke alleine mit Begrifflichkeiten baut man Schranken auf. Werden Grenzen gezogen. Denn die hat ja ‘nen Migrationshintergrund. Igitt ih bäh.
Ich konnte mich noch nie mit dem Begriff anfreunden. Und werde es wohl auch nie tun.
July 10th, 2010 at 12:15
Der Punkt ist doch, warum überhaupt Deutsch sein?
Das du Deutsch bist ist nichts anders als eine Verschiebung, wenn es ‘Deutsche’ gibt, wird es immer auch ‘die Anderen’ geben. Und Deutschland ist nun mal kein Verein wo jeder mitmachen kann, auch wenn es eine Nationalmannschaft hat, die nicht aus lauter “blond-und-blauäugigen-stereotypischen’Deutschen’” besteht.
Zumal ich garnicht Deutsch sein will, und daher immer froh bin der undefinierte “ausländer-oder-auch-nicht” zu sein. Dadurch wird mir nämlich auch noch halbwegs der raum gegeben zu sein wer/was ich will, und jede_r der die Frage nach den sogenannten wurzeln stellt, erntet inzwischen einfach nur noch Schweigen (bestenfalls)
July 11th, 2010 at 11:37
Hmm, interessante Identitätsfrage :D
“Deutsch oder nicht” lässt sich wohl auf verschiedenen Ebenen betrachten: Staatsbürgertechnisch, ethnisch, persönlich-wahrnehmend, whatsoever. Je nach Fokus kann das zu Unstimmigkeiten kommen – sei es im Außen oder im Innen.
Die “Deutsch”-Frage wird – meiner Meinung nach – oftmals in Bezug auf Ethnizität angewendet. Dort ließe sich sagen: Je weiter man vom stereotypen/prototypischen Bild des/der Deutschen abweicht, desto eher wird man als “Nicht-Deutscher” wahrgenommen. Will heißen: optisches Erscheinungsbild, Verhaltensweisen und (Körper-)Sprache haben wohl einen entscheidenden Einfluss (auf die Fremdwahrnehmung). Wobei sich die Frage stellt, wann die Nationalität von Relevanz ist. Ich meine, wenn man sich beim Asiaten um die Ecke eine Obstschale oder beim Türken einen Döner holt, zielt das vermutlich eher auf die “Phänontypebene” ab, als auf die Frage, ob sie (staatsbürgerschaftlich gesehen) Deutsche sind oder nicht. Ist ja auch irrelevant und wohl lediglich das naheliegenste Beschreibungsmerkmal, das von anderen abgrenzt, so wie man der Blonde oder die Dicke da vorne sagt, wenn keine anderen Blonden oder Dicke da sind. Sonst sagt man wohl sowas wie “die dicke Blonde mit dem türkischen Freund und dem katastrophalen Kleidungsgeschmack”.
Was ich sagen will: Man muss differenzieren. Oder so ähnlich.
July 11th, 2010 at 15:14
Meine Familie ist ein wilder Osteuropa-Mix. Ich selbst bin in Kasachstan geboren. Dabei würde ich mich als russisch bezeichnen, aber ich glaube seltsamerweise, dass ich mich in Russland als Deutscher bezeichnen würde. Es ist seltsam, nichts Ganzes und nichts Halbes. Ich spreche fließend und problemlos akzentfreies Deutsch und auch noch recht gutes Russisch. Ich weiß nicht hundertprozentig, was ich bin, ich weiß nur, dass ich mich nie als ein ganzer Deutscher oder ganzer Russe bezeichnen würde. Ich finde das allerdings nicht schlimm, ich fühle mich, als würde dadurch das Spektrum der Möglichkeiten und Wahrnehmung deutlich erweitert. Ich bin mit Deutschen Freunden groß geworden, in einer Familie, mit starker, russischer Kultur und Mentalität. Es war immer seltsam und meine Familie war immer etwas schräg. Aber dafür mag ich sie.
Zum Wintersemester fange ich an Regionalstudien Osteuropa und Sozialwissenschaften zu studieren. Nicht nur, weil mich das auch so stark interessiert, sondern weil ich gerne meine Wurzeln ergründen würde. Und zweisprachig aufzuwachsen ist sowieso super. ;)
July 12th, 2010 at 10:55
s, ich sehe in dir keine ausländerin, keine syrerin, auch wenn ich weiß, dass du dort deine wurzeln hast. ich sehe dich auch nich als deutsche mit migrationshintergrund. ich sehe das als deutsche. mir wäre es auch völlig schnuppe, wenn es anders wäre.
du bist deutscher als du denkst :D.
July 13th, 2010 at 15:44
Ha, und ausgerechnet der Bushido-Junge sagt einige kluge Sachen dazu, die hier gut hinpassen:
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,705940,00.html
July 20th, 2010 at 22:23
Finde den Artikel und die Kommentare hochinteressant und habe selbst was dazu geschrieben. Vieles ist übereinstimmend, ein paar Sachen aber doch anders. http://alsoeigentlich.de/meine-heimat-0
August 3rd, 2010 at 11:27
Ich probier´s nochmal (Spam und neuer Link): Deutsch sein ist unsicher sein. Glaube ich. Womöglich. Vielleicht.
http://alrightokee.de/deutschunterricht/was-ist-deutsch-und-wenn-ja-wie-viele/