Nordkorea
Brasilien – Nordkorea. Wie spannend kann eine solche Begegnung (während einer solch trägen WM) schon sein? Mit nur halber Aufmerksamkeit und in spürbar schmerzhafter Langweile einschalten und beduselt werden. Ja, die Brasilianer dribbeln ganz schön, aber auch nicht aufregend. Die Nordkoreaner halten sich besser, als man denkt – überraschenderweise kaum Abseitspfiffe, keine Karten, kein ständiges Foulpfeifen.

Bis die Koreaner dann irgendwann das 2:1 schießen. Die Koreaner schießen ein Tor gegen Brasilien, und keiner sieht es – bis auf die eingekauften chinesischen Söldner, die zu vierzigst auf den Tribünen stehen. Die Freude der Nordkoreaner ist ehrlich und ergreifend, aber leider bleibt es dabei, dass sie sich zu elft freuen.
Wie sehr wir feiern, wenn die WM uns neue Freunde bringt, und wir über Kulturen hinaus an einer einzigen Leidenschaft partizipieren. Und dann ist da so ein Land ganz weit weg, das man gelernt hat zu verachten für eine menschenunwürdige Politik. Man stelle sich vor, die sitzen alle zu Hause und schälen Gemüse, und haben keine Ahnung, was in Südafrika passiert. Die Fußballer, wahrscheinlich zum Spielen herangezüchtet, dürfen einen Job machen. Was wird ihnen erzählt? Wissen sie, dass da eine große Party ohne sie läuft? Würden sie überhaupt gerne daran teilnehmen? Was ist mit den Spielern? Wie fühlen sie sich, völlig umzingelt von so vielen Profis, die ihre halbe Heimat mitgenommen haben? Wie alleine kann man zu elft auf einem Platz stehen?
Nordkorea schießt ein Tor gegen Brasilien, obwohl wahrscheinlich nicht ein einziger echter Fan im Stadion zu finden ist. Nordkorea schießt ein Tor gegen Brasilien, und keiner ist da, um sich mit den Spielern zu freuen.
Wenn ein Fußball im Wald ins Tor geschossen wird, und keiner ist da, um es zu feiern – ist es das Spiel überhaupt noch wert?


7 comments in “Nordkorea”
June 16th, 2010 at 16:04
Ich dachte eig. das die Fifa auch Bedingungen an die jeweiligen Länder bezüglich Menschenrechte setzt, die diese verachten etc… könnten die ja mal – mit ihrer Macht. Aber nöö geht nur um Kohlen! Schadé!
June 16th, 2010 at 16:17
Ist es vielleicht auch viel banaler als wir denken? Vielleicht ist ja weder Fußball und die so wahnsinnig plakativ breitgetretene Leidenschaft – von der nie ganz klar ist, ob sie sich auf den Sport, “unsere” Spieler, wer auch immer wir sind, oder die ganze große Partynation bezieht – noch die Politisierung jedes winzigen Aspektes, der irgendwie mit Nordkorea in Verbindung steht so heavy heavy heavy, wie es hier scheint. Vielleicht spielen die Leute einfach vor allem Fußball und freuen sich, Brasilien ein wenig vorführen zu können. Und vielleicht drängt sich früher oder später der Gedanke auf, dass die Bemitleidenswerten unsere elf Kreuzritter sind, die von einer Welle ekelhafter Nationaleuphorie voran geschoben werden, obwohl sie wahrscheinlich auch vor allem Fußball spielen wollen. THIS is heavy!
June 16th, 2010 at 16:28
@martin: Klar, das ist durchaus möglich, dass es sich für uns viel bizarrer und unwirklicher darstellt, als es vielleicht tatsächlich sein muss. Aber hier greift einfach das Wissen um den Heimspielvorteil: wer die Fans hat, hat auch den Boost. Unabhängig davon, welchen Stellenwert Fußball haben mag, ein Spieler ist ja immer noch auch Mensch – frag er sich nicht, für wen er hier gerade spielt, und ob so eine große Leistung auch irgendwie gewürdigt wird? Noch besser: weiß er, dass das eine große Leistung ist?
Vielleicht ist es tatsächlich so viel banaler für SIE, umso schwieriger macht es, von außen dabei zuzusehen, weil es so … unmenschlich wirkt (natürlich immer in Relation zu dem, was wir kennen).
Mit Nationalstolz hat das mMn wenig zu tun… das könnte auch ein völlig verlassener Verein sein, der keine Fans hat (natürlich sind die Gegebenheiten dabei von Nationaldingsbums geprägt, immerhin ist das ja eine WELTmeisterschaft).
June 16th, 2010 at 17:09
Die koreanischen spieler taten mir wirklich sehr leid :(
June 16th, 2010 at 17:42
genau darüber habe ich auch gestern abend nachgedacht. ich ging sogar so weit, daran zu denken, wie es gewesen wäre, wenn sie gegen brasilien gewonnen hätten? hätte es die menschen interessiert, die in nordkorea manipulationen und unterdrückungen erleiden müssen ( wenn sie es überhaupt mitbekommen. ich weiß nicht, wie ihnen das hirn gewaschen wird )? wäre es nicht ein sieg für kim jong il gewesen anstatt für die menschen in n-korea? denn: wer steht auf, wenn einem die todesstrafe vor augen steht?
ich war sehr berührt und durcheinaner als sae zur nationalhymne anfing zu weinen. gerade er, der auch die andere welt gesehen hat. was ging in ihm vor?
ich habe mich ehrlich über das tor gefreut, und doch ist da irgendwie ein bitterer nachgeschmack. dieses land ist voller böser geheimnisse.
June 16th, 2010 at 21:13
Ich war zwar nicht vor Ort, aber ich habe mich für und über die nordkoreanischen Spieler gefreut. Man mag neben der Exotenrolle ein Komponente sehen, die man dann St.Pauli-Faktor könnte, würde damit eine beherzte, tapfere, zuversichtliche, unerschütterliche Moral bei gleichzeitigen spielerischen wie taktischen Defiziten meinen und dabei mit glühenden Augen von einer Mannschaft schwärmen, die man ins Herz geschlossen hat.
Das ist jedenfalls, wie ich seit gestern über diese Elf spreche.
June 28th, 2010 at 01:02
Und das aller schlimmere ist, dass leider nicht all zu viele Leute genau dieser Meinung zu sein scheinen. :/