Work It
Seitdem ich wieder einer beruflichen Tätigkeit nachgehe, umgangsprachlich auch „Arbeit“, „Maloche“ oder „Hartgeldstrich“ genannt, ist die Sprachlosigkeit wieder öfter Gast in meinem Geist. Sie macht sich abends gerne auf der ewigen Couch des Glücks breit und betäubt den Rest meines Körpers wie ein professioneller Anästhesist bei seinem täglichen Abspritz-Ritual. Die Sprachlosigkeit, die mich zu einem lethargischen Zombie macht, die mir die Falten in die Stirn brennt und meine Prioritäten verschiebt. Nicht mehr der Wunsch nach Freiheit und Liebe und Gerechtigkeit bestimmt mein Dasein, sondern lediglich der Traum vom langen, ungestörten Schlaf, oder auch mehr Kaffee, je nachdem, wie viel Uhr es ist.
Die Sprachlosigkeit kommt nicht etwa davon, dass ich in einem Call Center sitze und viel rede; im Gegenteil. Ich mache es mir zur größten Aufgabe, so wenig wie möglich das für Satzbildung verantwortliche Gehirnfeld zu betätigen. Zwischen Zehn und Achtzehn Uhr gilt für mich: so lange ich kann sage ich einfach nichts. Leider zieht sich das auch in das Gefilde meiner Freizeit, denn mein Leben macht gerade einen eigenen kleinen Paradigmenwechsel durch. Genauso wie damals, als ich aufgehört habe zu arbeiten. Schalter an, Schalter aus. Ich weiß auch, dass sich das irgendwann einpendeln wird, eine Balance sich einstellt. In dieser Phase ist man dann auf diese lethargische, selbstgerechte Art und Weise auch zufrieden und redet sich ein, dass alles so ist, wie es sein muss. Hoffentlich wird es nie so weit kommen, das ist eine ganz schlimme Zeit. Sie ist illusionär. Wenigstens kann ich in meiner jetzigen, unbequemen Lage noch klar denken und das Wehwehchen identifizieren. Im gehirnamputierten, dauerbreiten Arbeitergrinsen der wirtschaftsinfizierten Welt der fleißigen Arbeiterbienchen ist es dann nicht mehr so einfach.
Nein, die Sprachlosigkeit stammt aus der Distanz zwischen beiden Leben, die ich führe: das, welches meine Freunde so schätzen und lieben, und das, welches mich so weit vor ihnen weg schiebt. Jeden morgen reise ich aus meinem kleinen Kiez heraus, auch auf symbolischem Weg verabschiede ich mich damit auch jeden Tag davon, ein Teil „davon“ zu sein. Vom Leben im Sommer in Berlin mit einer wohlgewählten Familie. Abends, wenn der Schalter wieder umklappt und ich auf meinem Weg zurück bin, kann ich den Alltag nicht aufholen- nur noch den Abend teilen. Einen Abend, an dem ich von nichts erzählen kann, denn keiner teilt meine (zwar unkomplizierte, aber trotzdem sehr umfangreiche und totlangweilige) kleine Galaxie der Festanstellung.
Und ich beschwere mich nicht über das Glück, dass ich habe, in so einem Alter mit solchen (sprich: gar keinen) Qualifikationen an so einen Job zu kommen. Dafür würden sich andere die rechte Hand abhaken und drei Jahre im Wanderzirkus Freak spielen. It is what it is. Dennoch darf – und will – ich auch nicht aufgeben, was ich mir so hart (so hart war‘s nicht) aufgebaut habe. Nämlich solch hippie-esquen Dinge wie „Lebensgefühl“ und „Zugehörigkeit“. Das ganze Konfetti-Ding, was ich schon oft genug betone, ich will es selber gar nicht mehr hören. Ich hätte am liebsten beides, und doch muss immer eines davon zurücktreten, zumindest jetzt noch, wo ich keine einzige Entscheidung treffen kann, die permanent ist. So weit ist es noch nicht.
Aber der Kopf arbeitet den ganzen Tag. Die Müdigkeit holt einen ein, die Trägheit, die Erschöpfung davon, Dinge zu tun, die nicht bewegen. Die keinen größeren Ziele verfolgen. Ich bin ein Fan von Zielen. Meine weinerlichen Beschwerden rühren nicht daher, dass ich jetzt einem Bürojob nachgehe, ich spüre jetzt auch nicht sonderlich das Verlangen, später mal zu großen, weltverbessernden Dingen berufen zu werden. Das meine ich nicht. Allerdings habe ich sehr großen Respekt davor, abzustumpfen. Ich spüre jetzt schon, wie meine Gedanken wieder hauptsächlich um die Realität kreisen. Wie ich Träume und Vorstellungen begrabe, weil sie keinen Raum in einer Welt voller Effizienz und Prozesse finden. Einfach so ist alles Kreative und Rebellische, egal, wie klein es vorher war, einfach stillgelegt. Es ist da, aber es funktioniert nicht. Der Idealismus, auch wenn fehlgeschlagen und deplaziert, blättert ab.
Meine Jugend. Ich vergesse sie in dem Augenblick, wo ich mich voll auf meine mir selbst auferlegt Aufgabe konzentriere. Ich verbittere. Nein, das ist so weit noch nicht; aber ich habe Angst davor, dass es wieder kommt, dieses Gefühl der absoluten Nutzlosigkeit, das Gefühl, nichts zu tun. Und dann doch diese Müdigkeit, die beweist, dass aber irgendwas schlaucht. Vielleicht sogar irreperable Schaden hinterlässt.
Meine Dankbarkeit – vor allem meine Dankbarkeit für mich selber – ist unermesslich. Ich werfe keine Gelegenheiten weg, so bin ich nicht. Ich motze nicht grundlos, wenn überhaupt, dann Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, aber ich bin auch nur ein Mensch. Aber Angst habe ich. Und ich hoffe, dass ich diese Angst immer haben werde.


2 comments in “Work It”
July 29th, 2011 at 00:33
Dings; Leben; verrückte Sache… Svollkrasskomisch
August 5th, 2011 at 02:10
Hab Vertauen.