Bei allem, was man ist (2)

Veröffentlicht January 15, 2010

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität

[Photo: Dethjunkie]

Weil mir das Thema momentan sehr am Herzen liegt und ich weiß, dass ich nicht der einzige Mensch bin dem es so geht, möchte ich einen Kommentar von gestern, den Björn verfasst hat noch mal seperat posten. Um darauf hinzuweisen, wie schwer ein Mittelweg ist, welche Schwierigkeiten es in sich birgt nach diesem zu suchen und dass es nicht immer sicher ist, ob es überhaupt möglich sein kann, diesen zu finden. Ich bedanke mich bei Björn für diesen (für mich) wirklich sehr wertvollen Kommentar, ich kann ihn in allen Punkten nachvollziehen und nachempfinden:

“[...] Problematisch an dem Ganzen ist, für mich, dass einen weder das eine noch das andere wirklich erfüllt.

Ich habe auch einen Job der oft lange geht, in letzter Zeit hatte ich unter der Woche kaum Zeit für mich. Allerdings merke ich wie das an mir nagt. In Wochen in denen ich von morgens ab 9 bis abends um 24 Uhr unterwegs bin kommt es mir vor als hätte ich diese Woche gar nicht gelebt, als hätte ich nichts davon mitbekommen. Das liegt daran, wie wohl auch bei dir, dass ich ein Mensch bin der Zeit für sich braucht um bewusst zu leben, um zu sein, zum nachdenken, lesen, Musik hören, whatever. Manche Menschen brauchen das, andere nicht. Gerade im Zusammenspiel mit Verantwortung bei der Arbeit kommt es dazum Konflikt. Verantwortung nimmt man immer auch mit nach Hause. Wäre ich Fabrikarbeiter könnte ich die Abende wohl verbringen ohne an den nächsten Tag zu denken, so aber muss ich mir zwangsweise Gedanken darum machen. Muss immer bereit sein zu reagieren. Bin ich mit Freunden unterwegs und habe Spaß bin ich in einer ganz anderen Rolle, es ist schön, aber dennoch, die Zeit für mich brauche ich um mir meines Lebens bewusst zu werden. Was bleibt also übrig? Nein sagen lernen, ganz klar. Trotzdem, wirklich gut fühlt man sich dabei nicht, egal in welcher Art man jetzt den Kontakt zu bestimmten Menschen reduziert. Irgendwo bleibt immer dieser bittere Beigeschmack, dieses Gefühl man würde etwas falsch machen, wenn man Menschen die man mag, und die einen mögen, einfach nein sagt. Genaugenommen will ich das ja auch gar nicht, denn das ist auch ein Teil von mir, ein Teil den ich nicht missen will. Anfangs habe ich versucht, und versuche es teilweise immernoch, die Zeit auf der Arbeit zu reduzieren und Verantwortung abzugeben. Zur Arbeit nein zu sagen. Dass das dem Wunsch nach einer aufstrebenden Karriere im Weg steht ist aber wieder ein Punkt der einen nicht wirklich damit zufrieden sein lässt. Zu wissen man könnte, hätte man nur mehr Zeit. Innerlich frisst einen das alles auf. Der Weg den ich in diesem Dilemma seit einer Woche eingeschlagen habe ist leider auch keine Lösung. Nein sagen konnte ich noch nie gut, zu nichts, und das wird mir zum Verhängnis. Deswegen bleibe ich lange bei der Arbeit, und lasse mich danach von Freunden noch zum Weggehen überreden. Die Zeit die ich für mich brauche nehme ich mir momentan danach, was bedeutet dass ich seit vier Tagen von morgens bis abends arbeite, von abends bis nachts Kontakte pflege (wie eben per Skype), und von nachts bis morgens die Dinge tue die mich ich sein lassen. Das Ergebnis sind dabei maximal 3 Stunden schlaf pro Nacht, was mich körperlich einfach unglaublich runterzieht (vor allem da ich normalerweise jemand bin der viel Schlaf braucht), und was sicherlich nicht mehr lange gut geht, und was im Endeffekt auch ziemlich negative Auswirkungen auf die Dinge hat die ich dann tue. Das nein sagen, das konnte ich noch nie, es ist ein ständiger Kampf. Vielleicht helfen feste, kürzere und dafür konzentrierte Zeiten. Keine Ahnung. Nicht alles nehmen was man mir geben will, genau das, wäre es nur nicht so verdammt schwer, denn meistens verzichtet man dabei ja auf Dinge die ansich nichts schlechtes sind. Nein sagen zu Gutem, was kann es schwereres geben? Schlimm dabei ist auch, dass ich bei in meiner jetzigen Situation, in der ich versuche mit biegen und brechen alles in die vorhandene Zeit hineinzuquetschen was geht, und in der ich versuche die vorhandene Zeit so weit wie möglich auszudehnen, viele wichtige, aber nicht ganz so freudige Dinge, links liegen lasse. Das fängt mit dem Aufräumen des Zimmers an und endet mit den Bewerbungen die geschrieben werden wollen. Ein einziges großes Dilemma, aus dem man sich langsam herausarbeiten muss. Was ist das sonst für ein Leben, in dem man sich sogar beim Wichsen beeilen muss? Tschah…”

Mann.

 

8 comments in “Bei allem, was man ist (2)”

  1. S says:


    Der letzte Satz haut extrem rein, und das nicht, weil er grenzwertig obszön ist, sondern oh Gott, wann haben wir das letzte Mal einen ganzen Tag lang nur mit Masturbieren verbracht?

    Eben. Und dabei sind solche Sachen wie Wäsche waschen, Duschen, putzen, Einkaufen in der ganzen Rechnung noch nicht drin. Bis jetzt sind da nur: Arbeit & Beziehungen drin. Das macht Angst, weil: die kleinen Dinge? Wo sind die hin?

    Ach, scheisse. Und wir haben ja nicht mal Kinder, Leute.

  2. B says:


    @S:
    Das muss man auch noch mal bedenken: Kinderwunsch. Ü25 ist das langsam im Kopf drin. Nicht, dass man es nicht mehr will, aber es hört auf einem Angst oder Panik zu machen, der Kindergedanke. So ist das zumindest bei mir.

  3. b+ says:


    björn bringt es auf den punkt. danke. björn.

  4. Caro says:


    Danke. Ich sag einfach nur Danke.

    Ich habe gerade nen Ellenlangen Text verfasst, um doch wieder nur das zuschreiben, was schon geschrieben wurde. Wozu.
    Lasst mich eins sagen: ich weis genau wovon ihr redet. Obwohl ich jetzt schon 3 Jahre berufstätig bin, weis ich immernoch nicht so recht wohin mit mir. Stichwort “nein sagen”. Stichwort “zeit für sich brauchen”. Und die Angst was zu verpassen.
    Den einen oder anderen Gedanken hier werd ich abspeichern und hin und wieder, wenn’s nötig ist vorkramen. Also nochmal: Danke!

  5. Thomas Christopher says:


    ja, manche joinen dann auf facebook die gruppe “I stay up at night for no reason” oder ähnliches. ich hab das gefühl man_frau kann schwer nein sagen, weil man vielleicht so wenig, von dem was man will, bekommt…

  6. hausschuh says:


    Auch wenn ich in Frage stellen würde, dass ein Mensch der am Fließband arbeitet nicht solche Probleme hat, finde ich dabei das wirklich erschreckende mich selbst irgendwann dabei zu ertabben, Menschen danach zu beurteilen inwiefern sie es wert sein könnten, Zeit in sie zu investieren.

    Meine Prioritäten zu setzen habe ich iinzwischen gelernt. Das mag aus der Verwertungslogik der gesellschaft in die falsche Richtung gehen, aber immerhin kann ich mich nachts ins Bett legen und weiß, dass ich etwas sinnvolles gemacht habe.

  7. Björn says:


    Ui, damit hätte ich ja nun nicht gerechnet, danke. Es ist immer schön zu wissen, dass es da noch andere Menschen gibt, die alle in den gleichen Eimer kotzen wie man selbst.

    @hausschuh: Wollte da in keiner Weise Fließbandarbeiter herabstellen, sondern nur den Unterschied zwischen Arbeit, die man tagsüber verrichtet und danach aus seinem Alltag streicht, und welcher die man abends und am Wochenende mit nach Hause nimmt, verdeutlichen.

  8. hausschuh says:


    So habe ich es auch nicht verstanden… und das was du daamit sagen wolltest ist insbesondere bei kreativen Berufen noch viel offensichtlicher Fall, die Frage ist doch aber, wie kommst du zu der Annahme, dass der Fließbandarbeit das nicht tut?

    der macht sich jetzt vielleicht keine Gedanken darüber, wie das Marketing für XY besser ablaufen könnte, ob die JVA das Richtige für eine Person ist oder oder oder
    Aber dennoch nimmt er_sie ja eine sehr existenzielle Sache mit nachhause…nämlich zB einfach in Form von Existenzängsten (bin ich meinen Job bei Opel los), körperlichen Problemen die eben doch zu einer Omnipräsenz der Lohnarbeit führen oder oder oder…

    Hoffe verstehst was ich meine

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