In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Jeden Tag kommen hier neue Typen rein um sich zu bewerben: frisch aus der Privatschule geschissen, reden erstmal ganz selbstverständlich über Gehälter, Aufstiegschancen und Auslandserfahrungen, sind dann unendlich dankbar für die freie Praktikantenstelle, die wir ihnen geben können. Auf den Zeugnissen nur Einsen vermerkt, “außerordentliche Leistungen”, passender Anzug. Tag ein, Tag aus. Ein Gesicht nach dem anderen fliegt auch wieder, manchmal machen wir uns auch gar nicht erst die Mühe, uns die Namen zu merken. Der Neue. So ist es.

Sie wissen nicht, worauf sie sich einlassen, aber sie lernen schnell, dass sie Untertänig sein müssen. Mit dem Chef ein Bier trinken gehen? Natürlich, natürlich. Das Feedback vom Chef im netten Ton und ohne Vorwürfe? Sie wischen sich den Schweiß von der Stirn. Fast verkackt. Es ist uns scheiss egal.

Fight Club

Manche halten sich etwas länger, weil sie naiv und fleißig genug sind, um den Job ohne größere Katastrophen zu machen. Stellen sich die große Karriere vor. Wachsen in die Unternehmensfamilie hinein. Wir tun so, als wäre das ein realistischer Traum. Wir geben ihnen einen eigenen Schreibtisch und sagen, “ab sofort bist du Führungsposition”. Beim Gehalt ändert sich wenig, weil man sich ja vertraut und bald schon mehr Kohle gemacht werden kann- aber erst muss man sich eben beweisen, und es sind schwere Zeiten. Es sind immer schwere Zeiten. Und wir haben so viel getan für sie, so viel, dass sie beschämt in die Ecke gucken, wenn wir ihnr Praktikantengehalt um ein paar Euro aufstocken. Kleine Zuschüsse hier und da, großes Lob und keine zu harte Kritik, dann bleiben die Leute motiviert. Sie lernen viel, aber nicht zu viel, damit sie nicht abhauen können. Es werden Visitenkarten gedruckt, und man darf bei einigen Meetings dabei sein. Sie arbeiten trotzdem noch 14 Stunden am Tag: als Praktikant mussten sie sich den Arsch aufreissen, weil das ein Praktikant nun mal so tut. Und als Führungsposition müssen sich den Arsch aufreißen, um das geringfügig bessere Gehalt zu rechtfertigen. Aber so ist das in einer großen Familie: man macht eben alles für den anderen.

Sie sind dankbar. Sie hätten nicht gedacht, dass die Aufstiegsmöglichkeiten so zum Greifen nahe sind! Ein Jahr Praktikant oder Trainee, im nächsten schon ein Abteilungsleiter! Junge 24 Jahre alt sind sie. Sie haben keine nennenswerten Familienverpflichtungen, keine Freundin, keine große Clique, die einen in Anspruch nimmt. Selbstverständlich kommen sie auch Samstags zur Arbeit, Urlaub gibt’s nur einmal im Jahr, da sind sie immer erreichbar.

Sie fühlen sich gut, unsere Jungtiere. Mit stolzem Halbwissen rennen sie durch die Gegend, greifen hier und da ein paar clevere Sätze auf und werfen sie in den Raum, wo die anderen Idioten sie insgeheim für ihre Artikulationsfähigkeiten beneiden. Sie gratulieren sich gegenseitig zu diesem überdurchschnittlichen Intellekt, schütteln sich die Hände, legen die Schwänze auf den Tisch und holen das Lineal raus. American fucking Psycho.

Solange sie die 14 Stunden, die sie am Tag im Büro verbringen, von Platz zu Platz rennen können um dort Leute zusammen zu stauchen, solange sie gut genug sind, um nicht gefeuert zu werden und schlecht genug, um nicht tatsächlich arbeiten zu müssen- so lange sind sie zufrieden mit ihrem jämmerlichen Leben und sparen die nächsten fünf Jahre weiter darauf hin, einmal einen Porsche zu fahren und selbst so ein Unternehmen zu führen. Sie sind stolz darauf, hier mitarbeiten zu dürfen, stolz darauf, Hoch und Tief einer Firma mitzuerleben: “Erfahrungswerte sammeln!”, schreien sie, und wissen überhaupt nicht, was es bedeutet.

Wir geben ihnen das Gefühl, dass wir in erster Linie alle befreundet sind. Manchmal sind wir das sogar, aber nur so lange, bis jemand Ansprüche stellt. Das schöne ist: alle vertrauen uns, und sie kommen zu uns, verpetzen ihre Kollegen wie kleine Ratten, die auf ein Stück Käse hoffen. Jeder will den größten Orden an der Brust tragen, “Mitarbeiter des Monats!”. Ich will mir in den Kopf schießen, wenn sie anfangen, über irgendwelche Strategien zu reden. Sie haben keine Ahnung, von gar nichts, aber das darf man ja nicht sagen.

Irgendwann haben sie Glück und sie landen den Super-Coup. Vielleicht. Banker, Manager, CEOs. Sie kriegen endlich einen Porsche, einen sportlichen Klatsch auf den Hintern und die nächsten 20 Jahre ein stattliches Gehalt. Dafür, dass sie sich bitte aus allen wichtigen Dingen heraushalten und andere machen lassen. Sie dürfen dann Bundespräsident spielen, belanglos, apathisch. Am Ende des Jahres gibt es einen dicken Bonus, dafür, dass sie sich in Meetings nicht eingemischt haben.

Jeder dreht durch, wenn er merkt, dass er wertlos ist. Aber das hier ist nicht Fight Club. Das hier ist Golf Club, das Dahinvegetieren. Und wenn man ihnen die Eier in den Mund stecken würde, würden sie mit einem Lächeln dran lutschen und sich danach bedanken.

Wir haben alles richtig gemacht. Bling Bling.

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Comments ( 2 )

Brilliant geschrieben, S, fucking brilliant.

Ich möchte an dieser Stelle zu verstehen geben, dass auch ich in viele Firmen Einblick habe und das bestätigen kann.

Und ich kann nichts dagegen sagen. Es ist so.

Irgendwann hängen Sie, die Roboter. Freiwillig. Und wenn sie es nicht tun, dann haben Sie nur vergessen, warum das manchmal eine wirklich gute Alternative zu dem ist, was einem im Berufsleben so passieren wird. Und im Endeffekt dauert das solange, bis man an solche Punkte kommt.

Gute Firmen und gute Chefs sind rar. Es gibt Sie noch. Aber die werden unter den Hardlinern auf dem Planeten Starbucks irgendwann nicht mehr sichtbar sein. Dystopisch gedacht, stirbt diese Art von Arbeitgebern aus. Und mit ihnen die Arbeitnehmer, die gerecht behandelt werden wollen.

Man kann sich nur bei den vielen Ablenkungsmöglichkeiten bedanken, die einen in der Spur halten.

Seinen eigenen Haufen fressen.

Wenn am Ende kein Halt da ist, keine Freundin oder Freund, keine Kumpels und keine Familie.

Ja, dann… dann wird man ewig den Geschmack von Scheiße im Maul tragen. Jeder wird es riechen, aber keiner wird was sagen. Die meisten werden dann danach riechen.

Dystopisch gesprochen.

Danke, für den verflucht guten Beitrag, S.

B kommentierte am Oct 24 09 um 16:14 --replyReply to this comment

wirklich gut geschrieben…zum Glück kenn ich solche Leute nicht…

Franz kommentierte am Nov 16 09 um 10:40 --replyReply to this comment

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