In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…
[Anm. von B: Der folgende Beitrag wurde von Paula Luca verfasst, die mit Ebbé und Mbum hier schreibt. Wir danken für dieses wirklich einzigartige, offene und mutige Statement. Und mit meinen eigenen Worten möchte ich sagen, dass mir Dinge wie das im folgenden Text Geschilderte, solche Schicksale irgendwie selber Mut geben und mir zeigen, dass man sich - verflucht noch mal - der Verantwortung für sein eigenes Leben bewusst werden muss. Und einsehen muss, dass man neben Mut auch die Begabung haben muss, durchzuhalten und nicht zu verzweifeln. Selbst wenn, ganz wichtig, man das Glück hat und aufrichtigen Beistand an seiner Seite hat.]
Ein Anruf – Enttäuschung. Die Frage nach dem Warum. Seit Jahren. Eigentlich ist es nicht so schlimm. Eigentlich – aber irgendwie auch doch. Angst. Scham. Angst. Eigentlich – aber, dass wissen nur wenige Menschen. Man ist stark. Man ist normal.
Als normal würden mich wohl auch die meisten Menschen in meinem Umfeld beschreiben. Sie sind maximal darüber verwundert, dass man lieber zur Club Mate greift als zum Bier. Sie fragen. Fragen bleiben im Raum stehen. Es ist nicht so wichtig.
Sind mir die Menschen wichtig, dann versuche ich zu erklären. Mich zu erklären, mich zu rechtfertigen, obwohl ich das nicht müsste. Aber ich muss es – für mich.
Ich bin krank. Ich sitze nicht im Rollstuhl, brauche keine Krücken, ich verliere keine Haare – man sieht es mir nicht an. Ich sehe nicht krank aus. Ich bin nicht eingeschränkt in meinem Handeln. Ich kann studieren. Ich kann arbeiten. Ich kann feiern gehen und Freunde treffen. Ganz normal eben. Nur schlucke ich jeden Morgen eine Hand voll Tabletten – Morbus Wegener. Nicht vererbt. Nicht ansteckend. Spontane Mutation des Körpers – falsch programmiert, selbstzerstörerisch.
[Fotografie: via]
Mit 17 die Diagnose – nicht weiter schlimm, dachte ich mir. Fünf Monate später – ich werde das Krankenhaus die nächsten 12 Wochen nicht mehr verlassen. Es sind prägende Wochen. Wochen, die mein Leben und mich irgendwie verändern. Im Inneren bis heute. Die heute noch Angst schüren und Tränen in die Augen steigen lassen.
Schmerzen im Magen – unerträglich. Cortison und Co. machen es besser – kurzfristig. Körperlicher Verfall – schnell. Nichts hilft. Ich fühle mich machtlos. Kann aber nicht mehr darüber nachdenken. Mir geht es zu schlecht. Schmerzen im ganzen Körper – er zerstört sich selber. Lässt sich nicht besänftigen.
Medikamentencocktail.
Untersuchungen.
Spezialisten.
Künstliche Ernährung.
Weit weg von zu Hause – meine Eltern, meine Familie immer für mich da.
Eine Nacht – der Kopf macht nicht mehr mit. Hirnblutungen. Er schaltet ab. Es ist ihm einfach zu viel. Die Erinnerung setzt erst eine Woche später wieder ein. In der Zwischenzeit: Intensivstation. Notoperation. Künstliches Koma.
Ich wache auf. Immer noch weit entfernt von der Realität. Ein Film spielt sich ab, den ich nicht steuern kann. Aber es fühlt sich irgendwie gut an. Die Schmerzen sind weg. Mein Körper so schwach, dass jede eigenständige Bewegung unmöglich ist.
Es ist okay. Man macht mir bewusst, dass ich fast tot gewesen wäre. Es ist nicht mehr okay. Wenige Worte bedeuten mehr als Wochen in Ungewissheit. Mir ist schlecht. Ich weine. Heute noch.
Es wurde besser. Das Übel der Schmerzen war beseitigt. Eine lange Narbe blieb zurück – vom Brustbein bis zur Scham. Neue Medikamente stabilisierten den Rest. Der Körper wurde wieder stärker – langsam. Erst greifen, dann sitzen, dann laufen.
Zu Hause. Der Blick in den Spiegel – erschrocken. Eine andere Person schaute zurück. Alte Bekannte liefen in der Stadt an mir vorbei, weil sie mich nicht erkannten. Cortison ist Gott und Teufel zugleich.
Nach einem halben Jahr, in dem ich krankgeschrieben war, habe ich schnell angefangen wieder ein normales Leben zu führen. Studium in einer neuen Stadt. Neue Freunde und Bekannte und damit auch das Bedürfnis mich erklären zu wollen. Sie kannten das frühere Ich nicht, aber ich kannte es und die Geschichte dazu und diese beeinflusste und beeinflusst auch heute noch mein Leben. Irgendwie.
Es ist die Angst vor dem, was passieren könnte, nicht mehr die Stärke zu haben so etwas noch einmal durchstehen zu können. Die Enttäuschungen bei der Nachricht nicht besser oder schlechter werdender Blutwerte. Zerstörung der Hoffnung irgendwann ohne Medikamente leben zu können – Kinder zu bekommen. Beruhigen. Alles hat Zeit. Ich habe Zeit. Hoffentlich.
Ich bin stark dank den Menschen, die darüber Bescheid wissen und für mich da sind. Die mich auffangen, wenn es mir schlecht geht. Die sich Sorgen machen. Die mich ganz normal behandeln. Für die mir an dieser Stelle die Worte fehlen, weil ihnen so viele Worte gebühren. Danke.
Ich habe mich erklärt. Selbsttherapie.
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Comments ( 6 )
[...] in Paris. Ich werde heute nichts schreiben, sondern nur auf diesen bewegenden Artikel bei S & B hinweise…Lesen, drüber nachdenken und besinnen. bis [...]
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. « the radiant child added these pithy words on
Nov 17 09 at
16:55
[...] Ich bin krank. Ich sitze nicht im Rollstuhl, brauche keine Krücken, ich verliere keine Haare – man sieht es mir nicht an. Ich sehe nicht krank aus. Ich bin nicht eingeschränkt in meinem Handeln. Ich kann studieren. Ich kann arbeiten. Ich kann feiern gehen und Freunde treffen. Ganz normal eben. Nur schlucke ich jeden Morgen eine Hand voll Tabletten – Morbus Wegener. Nicht vererbt. Nicht ansteckend. Spontane Mutation des Körpers – falsch programmiert, selbstzerstörerisch. [..] source [...]
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Holy Moly » Blog Archive » Back to the roots ! added these pithy words on
Feb 19 10 at
08:46
… Ich wuensche dir Zeit; viel Zeit.
Aber vor allem auch einen sensibilierten
Sinn fuer DAS Bauchgefuehl um schneller orten zu
koennen – welches Tun bereichert mein Leben im
Jetztmoment.
Ich finde Pierros Kommentar gerade so erleuchtend, dass ich selbst vergessen habe, was ich schreiben wollte.
Vielen Dank für diesen Beitrag.
@ Pierro& S
Merci.
Das Leben im Jetzt und das Schätzen der kleinen Dinge im größten Trubel – einfach mal stehenbleiben und durchatmen, auf den Bauch hören … genau diese Sachen habe ich durch das Erlebte gelernt, auch wenn ich zugeben muss, dass ich es immer mal vergesse und mir dann bewusst machen muss. Menschlich eben. Bewusst leben fällt schwer. :)
Der Mensch ist letztlich anpassungsfaehig .. Selbigem aber auch in aller Gaenze ausgeliefert. Gerade in der heutigen Ueberflussgesellschaft sind die Sinne im Jetzt fast abgestumpft. Man passt sich eben an .. Das Herrauszufinden “was moechte ICH gerade” geht aber auch schnell dekonform mit Ansichten anderer. So selektiert sich aber der Einaeugige vom Blinden. Bewusst leben faellt in der Tat schwer; Im gesunden wie auch kraenkelndem Koerper :o)
