Als sie gestorben ist, bin ich erstmal durchgedreht. Nicht spektakulär, aber für meine Verhältnisse schon beachtlich. Das war vor einem Jahr. Wir lebten zusammen in einer kleinen Wohnung. Ungefähr sechs Jahre lang. Es war irgendwie ein Leben, das ich mir nie gewünscht hatte. Jeden Tag gingen wir beide arbeiten, konnten aber nie was auf die Seite legen, so sehr wir uns auch bemühten. Ich hatte davor immer panische Angst. Das war nicht das Leben, über das ich früher soviel nachgedacht habe.

Als sie mich nach einem Jahr verlassen wollte, hatte ich dem nichts entgegen zu bringen. Sie war wirklich hübsch und als ich eines Abends zu hause saß, während sie mit einer Arbeitskollegin nach München zu einem Konzert fuhr, konnte ich nicht ahnen, dass sie noch am selben Abend von einem angehenden Rechtsanwalt, der besser aussah als ich, flachgelegt werden sollte. Nun, aus dieser Sache entwickelte sich eine Affäre, die zwei Monate anhielt. Dann sagte sie mir, dass sie ausziehen und zu ihm nach München ziehen wolle. Was hatte ich schon zu bieten? Ich sagte ihr, dass ich sie vermissen würde und dass wenn sie es sich noch mal überlegen würde, jederzeit zurückkommen könne. So im Nachhinein war das sehr dumm von mir, aber ich war einfach zu überrannt, als dass ich darauf ehrlich hätte reagieren können. Am nächsten Morgen zog sie aus, ihr neuer Freund half ihr dabei. Ich saß im Wohnzimmer und schaute aus dem Fenster. Er kam rein und sagte mir, dass ich eine wirklich ganz nette Wohnung mit schönem Ausblick hätte. Darauf konnte ich nichts sagen, denn er hatte recht.

bedroom

Die nächsten Wochen waren sehr schwer. Immer wenn ich morgens vor der Arbeit unter der Dusche stand, wurde ich traurig. Und wenn ich dann das Badezimmer verließ um in die Küche zu gehen, roch es nicht mehr nach frischgebrühten Kaffee wie früher, wenn sie das Frühstück machte und mir heimlich kleine Zettelchen in die Hose steckte, die ich dann auf Arbeit immer rauskramte. Wenn ich nun durch den Flur schritt, dann füllten sich meine Augen mit Tränen, weil sie nicht mehr da war und ich die Hoffnung bereits begraben hatte, sie jemals wieder zu sehen. Ich sagte mir dann aber, dass das albern sei und schluckte den Kummer runter. So ging es dann. Nach der Arbeit war es auch komisch, weil ich kaum noch Freunde hatte, mit denen ich reden konnte. Und dann saß ich sehr oft im Wohnzimmer und blickte aus dem Fenster und hörte ihre Platten, die ich am Morgen, als sie auszog, noch schnell versteckte. Nach ungefähr einem halben Jahr stand sie wieder vor meiner Tür. Es war Winter und ich hatte gerade Glühwein aufgesetzt. Ich war ganz perplex und das erste was ich über meine Lippen bekam war: „Magst du wieder zu mir zurückkommen?“

Sie lächelte und fiel mir in die Arme. Ich musste mit mir kämpfen nicht loszuweinen, konnte es aber nicht zurückhalten als sie sagte, ja, sie sei hier um mich zu fragen, ob ich ihr noch eine Chance geben könnte. Sie fing dann auch an zu weinen, als ich sie fester an mich drückte. Ich glaube, dass war das beste und erschütterndste ‘Danke’, das ich jemals in meinem Leben gehört habe.

Am nächsten Morgen zog sie wieder ein. Ohne Hilfe des Typen von damals. Von da an lief es echt toll zwischen uns. Wir hatten immer noch wenig Geld, aber verdammt, wir ließen kaum Zeit ungenutzt, das im großen Stil zu zelebrieren. Sie hatte sich verändert. Mir gefiel das irgendwie. Nach einem weiteren Jahr fragte ich sie, warum sie wieder zurückgekommen ist. Und sie lächelte nur und sagte, dass sie damals ganz schön naiv war und ihr das alles mit mir und unserem eintönigen Leben über den Kopf wuchs. Ich konnte das irgendwie sogar verstehen, sagte das jedoch nicht.

Die folgenden drei Jahre waren perfekt. Wir liebten uns und ich war mir sicher, dass sie auch glücklich war. Manchmal weckte sie mich nachts einfach so auf um mir das zu sagen. Ich wusste nie so richtig was ich sagen sollte. Und das gefiel ihr.

yeah

Drei Jahre später starb sie einfach so an einer Lungenembolie. Ich konnte das nicht fassen, weil ihr Tod und die ganzen Umstände so total unspektakulär waren. Einfach so. Wieder war meine Wohnung leer. Und dieses Mal war es schlimmer als beim ersten Mal, als sie mich verließ. Ihre Sachen waren noch hier. Sie lag nur 500 Meter weiter auf einem Friedhof. Ich war mir nicht sicher, was ich jetzt noch tun sollte und beschloss erstmal so weiter zu machen wie bisher, in der Hoffnung, dass in dem Spruch „Das Leben geht weiter“ wirklich irgendwie sowas wie Wahrheit steckt. Aber das ging nicht lange gut. Nach der Arbeit bezog ich ihr Bett neu, jeden verfluchten Tag. Ich kochte ihr Tee mit, kochte für zwei und schrieb ihr Briefe. An meine Adresse. Ich war so degeneriert und verzweifelt, dass ich dachte, das würde schon Sinn machen. Ein Jahr später hatte ich ungefähr 15 Kilogramm an Gewicht verloren. Ich beschloss Urlaub zu nehmen und mir einen Plan machen zu machen. Unter unserem Bett lag ein Koffer in dem persönliche Dinge von ihr verstaut waren. Diesen Koffer durfte ich niemals öffnen, darauf bestand sie, es war ihre Welt. Als sie mich einmal dabei erwischte, wie ich ihn gerade öffnen wollte, war sie so sauer auf mich, dass sie mit mir zwei Wochen lang nicht redete und mir keine Zettel mehr morgens in die Tasche steckte. Aber das hat uns beide traurig gemacht, also hat sie einen Koffer gekauft, an dem zwei Zahlenschlösser waren, an denen man jeweils drei Ziffern in der richtigen Reihenfolge eingeben musste.

Wie dem auch sei, ich zog den Koffer unter unserem Bett hervor und legte ihn auf unser Bett. Ich probierte lange Zeit planlos irgendwelche Zahlenkombinationen aus, bis ich mein Geburtsdatum eingab und es Klick machte. Ich öffnete den Koffer und fand ziemlich viele Briefe von früher. Von mir. Von den Freunden vor mir. Und auch von dem Rechtsanwalt. Und ganz viele persönliche kleine Dinge. Auch fünf Tagebücher. Ich traute mich nicht sie zu lesen. Ich nahm nur die Fotos heraus und sah sie mir im Wohnzimmer an. Ich musste lächeln, aber irgendwie auch weinen. Ich fragte mich wieder, warum sie zurückgekommen war. Und irgendwie – auch wenn nicht sicher war, ob ich mir das einredete – wusste ich meine eigene Antwort auf diese Frage. Sie kam zu mir zurück, weil es eben manchmal einfach passiert, dass sich zwei Menschen treffen, die sich irgendwie brauchen und dazu nicht immer stehen können. Ich bin ja nicht wirklich klug oder so, aber ich glaube, das macht einfach Sinn. Eine Sache kann und sollte nicht immer funktionieren. Aber wenn man am Ende doch immer wieder bei jemanden bleibt, dann hat das einen Grund. Und egal, ob man diesen Grund in Worte kleiden kann oder nicht. Er existiert. Auch unausgesprochen. Und wer weiß, vielleicht akzeptieren wir einfach die Liebe, die wir glauben verdient zu haben.

Ich löste meine Lebensversicherung auf und suchte mir einen neuen Job in einer anderen Stadt. Das einzige, was ich mitnahm, war ihr Koffer. Ich habe ihn seitdem nie wieder geöffnet. Ich lebe alleine, aber ich glaube, ich lebe jetzt das Leben, von dem ich damals geträumt habe. Es sieht nur anders aus. Fühlt sich aber genauso an. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Ähnliche Artikel:


Browse Timeline


Comments ( 18 )

[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Florian Preus erwähnt. Florian Preus sagte: Hello & Goodbye – http://bit.ly/CYpXa Lohnt sich zu lesen…auch die Kommentare!!! [...]

--replyReply to this comment Tweets die Hello & Goodbye | dragstripGirl: this is heavy. erwähnt -- Topsy.com added these pithy words on Oct 13 09 at 19:07

Mehr als “wow” fällt mir hier gerade nicht ein.

Daniel kommentierte am Oct 13 09 um 09:26 --replyReply to this comment

Wuh, das haut mich um, toller Text.

Jenny kommentierte am Oct 13 09 um 10:39 --replyReply to this comment

ja/schön/schlimm/ja

HecPac kommentierte am Oct 13 09 um 12:44 --replyReply to this comment

Danke, Basti!

kasumi kommentierte am Oct 13 09 um 13:02 --replyReply to this comment

diese geschichte ist übrigens wahr. da wir für die restrealität-kategorie geschichten von menschen in den fokus stellen, suchen wir auch selber in foren nach geschichten, die einfach erzählt werden sollten. momentan schreiben uns noch nciht soviele an, deswegen suchen wir auch.

der mann, der mir diese geschichte erzählt hat, heißt roman, ist über 30, kommt aus der nähe von münchen und wohnt jetzt im emsland, arbeitet dort als kindergärtner. bei den telefonaten mit ihm, hab ich mich echt heftig gefühlt, aber es geht ihm soweit gut und er ist zuversichtlich. die geschichte habe ich aus seinen erzählungen zusammengeschrieben. ich möchte mich nochmal bei ihm bedanken, für die offenheit und die tollen telefonate.

B kommentierte am Oct 13 09 um 13:10 --replyReply to this comment

bewegender text. danke.

nico trc kommentierte am Oct 13 09 um 14:03 --replyReply to this comment

:)

Robby kommentierte am Oct 13 09 um 16:07 --replyReply to this comment

Statt wow sag’ ich immer Alter.
Alter!

MC Winkel kommentierte am Oct 13 09 um 17:47 --replyReply to this comment

Harter Tobak. Muss schlucken. All the best Roman!

caschy kommentierte am Oct 13 09 um 22:12 --replyReply to this comment

Beeindruckende Geschichte…
Vielen Dank.

Knorkebrot kommentierte am Oct 13 09 um 22:13 --replyReply to this comment

Konnte einige Parallelen ersehen, aber den Liebsten so neben sich zu finden ist… ist einfach heftig.

Hakan Erdem kommentierte am Oct 13 09 um 22:51 --replyReply to this comment

Ich bin … Sprachlos!

Tommy Wohlfahrt kommentierte am Oct 14 09 um 00:58 --replyReply to this comment

Genau das was ich gerade gebraucht habe du gibst mir Mut, noch daran zu glauben. Nur darf Sie in meiner Geschichte nicht sterben. Bin gerade erst bei dem Pubkt der Trennung angelangt.

Thilo kommentierte am Oct 14 09 um 07:32 --replyReply to this comment

Ich bin sprachlos. Traurig und schön zu gleich.
Danke :-)

Steffy kommentierte am Oct 14 09 um 21:17 --replyReply to this comment

Gänsehaut, definitiv!

stiller kommentierte am Oct 14 09 um 21:27 --replyReply to this comment

every time I find the meaning of life they change it

Tobias kommentierte am Oct 14 09 um 23:21 --replyReply to this comment

Ich sag auch: Alter! Alter, was für ein wunderschöner Text.

lia.R kommentierte am Oct 15 09 um 14:42 --replyReply to this comment

Copyleft 2009-2010 dragstripGirl: this is heavy. . Oh, honey, he's teasing you. Nobody has two television sets