Mike
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Die Milchbar. Wir glaubten zumindest, dass die Kneipe mit kleinem angeschlossenem Kiosk Milchbar hiess, ein Schild gab es ja nicht. Aber wir fanden den Namen sympathisch. Von außen bekam man den Eindruck einer Bahnhofsspelunke: Die Rollläden stets nur halb geöffnet, darunter noch weiße Gardinen, die das letzte bisschen Restlicht draussen lassen. Es war duster und leicht gammlig, die Einrichtung hatte ihre besten Zeiten längst hinter sich. Nicht dass es dort jemals geschmackvoll zugegangen wäre. Das Publikum wirkte auf den ersten Blick nicht besonders einladend, es sind die Art von Leuten, die in anderen Bars schon rausgeflogen sind, hier aber trotzdem noch ihren Absacker kriegen. Es wirkte nicht wie eine Kneipe, in die man spontan einen Fuß setzen würde. Der Besitzer war Michael Smith.
Mike.
Mike war, als wir das erste Mal dort waren, Ende 50, und er wirkte nicht wirklich gesund. Ich könnte wetten, dass er auf der Straße häufig von anderen einen leicht angewiderten Blick kassiert hat, ansonsten wollte sich aber keiner näher mit ihm beschäftigen. Er hatte eine unheimlich rauchige Stimme und redete irgendein britisch-deutsches Kauderwelsch, dass nur schwer verständlich war. Wenn man jedes zweite Wort einfach ignorierte liess sich ungefähr erahnen, was er eigentlich wollte. Mit der Zeit ging es einfacher, wir mussten nur genau hinhören. Wenn er Stories aus seinem Leben erzählte. Wie er bei Woodstock war, was uns ja regelmäßig neidisch machte. Wie er die gesamte Welt bereiste und an den interessantesten Orten die verrücktesten Sachen erlebte. Oder wenn er beispielsweise Nigel zurechtwies. Nigel, stets gut gekleidet mit einer sündhaft teuren Aktentasche aus Leder, der aber auch stets schon gut abgefüllt in der Milchbar erschien und dann immer die Story erzählte, wie sein Vater in irgendeinem Revolutionskrieg 1000 Inder getötet hätte, bevor er von Mike mit einem “Jaja Halts Maul Nigel!” erst mal abgefertigt wurde. Angelika, die immer irgendwelche NDW-Songs schmetterte. Ihre Stimme war entsetzlich. Wenn ich noch einmal in meinem Leben Eisbär hören muss drehe ich durch. Mike sah das zum Glück ähnlich und zögerte dann auch nicht, den Stecker von der Jukebox zu ziehen, nur um sich dann mit Angelika anzulegen.
Genau, es gab eine Jukebox in der Milchbar. Eine richtige Jukebox, mit Vinyl, zwei Songs für 50 Pfennig. Also der Euro kam mussten wir bei Mike immer 50 Cent gegen 1 Mark tauschen, was widerum fünf Songs entsprach. dabei spielten wir immer nur einen Song, David Bowie’s Heroes, manchmal auch U2′s Where The Streets Have No Names. Mehr brauchten wir nicht, die verbliebenen Songs überließen wir den anderen - also Angelika. Einmal hatte Mike das Angebot in der Jukebox wieder geändert und David rausgeschmissen, was wir natürlich nicht einfach so stehen lassen konnten. Mike hatte keine Lust, die Single rauszusuchen und öffnete uns das Hinterzimmer. Unsere Kinnladen klappten auf den Boden. Vor uns taten sich nach Schätzungen etwa 12.000 Alben und gut 20.000 Singles auf, fein säuberlich alphabetisch sortiert, bis auf den kleinen Haufen auf dem Boden. Wir hatten noch nie eine so große Musiksammlung gesehen, geschweige denn eine nicht-digitale. Den Wert wollten wir uns gar nicht ausmalen. David haben wir dann im Haufen gefunden.
Und Heroes haben wir oft gehört. Wir waren ja oft da, es gab in dieser kleinen Stadt nicht viele Möglichkeiten, Billard spielen zu können. Mike hatte einen Billardtisch. Tatsächlich war es sogar der erste Billardtisch im gesamten Erftkreis, und er erzählte gerne, wie die Leute früher Schlange standen, um einmal spielen zu dürfen. Der Tisch hatte ebenfalls schon bessere Zeiten gesehen: Der Filz war teilweise eingerissen, die Fläche wellig und das Loch oben links transportierte die Kugel nicht mehr richtig. Alles Mankos, die wir geschickt umgangen bzw. zu unserem Vorteil genutzt haben. Mit der Umstellung auf den Euro konnten wir dann auch kostenlos spielen, da eine Umrüstung sich nicht mehr gelohnt hätte. Nicht dass wir das nicht auch vorher schon getan hätten, wenn das Geld knapp wurde: ein beherzter Schubser gegen den Tisch, schon konnten wir eine weitere Runde spielen. Mike hat es natürlich trotzdem immer gehört. Wir haben ein Mal gegen ihn gespielt. Wir dachten, wir wären einigermaßen gut. Es war die größte Blamage, die wir im Billard je eingefahren haben.
Mike war Multimillionär. Ihm gehörten fast alle Häuser in der Straße der Milchbar. Er hat in den 70ern ein paar sehr kluge Entscheidungen getroffen und in dieser Zeit sehr hart gearbeitet, um jetzt von den Einnahmen leben zu können. Das weiss so gut wie niemand. Wir wussten es auch nur, weil ein Vater eines Kumpels gleichzeitig Geschäfte mit ihm macht. Wir haben ihn einmal gefragt. Er nannte uns einen Betrag. Wir mussten schlucken. Aber der Blick in seinen Augen, die Art, wie er es sagte, so beiläufig, wir wussten, dass es ihm eigentlich nichts bedeutete. Da ist ein gemachter Mann, der von Leuten leicht angewiderte Blicke kassiert, obwohl er jeden einzelnen von ihnen auslachen könnte und es wahrscheinlich auch tut. Der an den schönsten Orten dieser Welt leben könnte und für seinen Lebtag ausgesorgt hätte, und der es stattdessen vorzieht, sich Abend für Abend hinter den Tresen seiner dusteren, leicht gammligen Bar zu stellen und seinem abgehalfteren Publikum inklusive zwei pubertierenden, billardbegeisterten Jugendlichen Bier auszuschenken. Seinen Freunden. In der Milchbar. Mike’s Milchbar.
Mike ist vor zwei Jahren gestorben. Ich habe selten einen sympathischeren Mann kennenlernen dürfen.
—
Danke Christoph.


6 comments in “Mike”
February 24th, 2010 at 12:09
Eigentlich reichen hier zwei Worte.
Wow! und:
Gänsehaut!
February 24th, 2010 at 12:52
@stiller: dem schließe ich mich voll und ganz an.
der erste schein trügt, nur wenn man genauer hinblickt und ZUHÖRT, erfährt man den wahren wert eines menschen.
February 24th, 2010 at 15:35
Ich liebe Kneipen, Bars und Spelunken (das ist bekannt).
Orte, an die man sich zurückziehen kann ohne allein zu sein. Orte, an denen einem zugehört wird. Orte, an denen die Welt noch in Ordnung ist.
Und David Bowie eh. Nichts geht über David Bowie.
February 24th, 2010 at 18:59
ein wunderbarer text.
jeder sollte einen mike kennen; meiner hieß joshua.
February 24th, 2010 at 20:03
Das haut rein.
March 2nd, 2010 at 03:25
Was für eine wunderbare Geschichte über einen spannenden Menschen… und zeigt genial, wie sehr man sich täuschen kann, wenn man nicht alles weiß.