Religion

Veröffentlicht August 31, 2009

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität

Religion

Da wo ich herkomme, gibt es genau zwei Regeln: Entweder du schaffst es, oder du schaffst es nicht. Entweder du bringst die höchste Leistung– gute Ausbildung, beste Rezitationen, eine fröhliche Hochzeit, zwei starke Söhne, ein großes Unternehmen, die absolute Korrektheit im Umgang mit allem– oder eben nicht. Ein Fehler, und du bist raus aus dem Spiel. Freunde? Keine Chance. Hier geht es um das Überleben. Familie? Die sind dazu da, um sich enttäuscht von dir zu fühlen. Sie haben für dich keine andere Existenzberechtigung. Sie zählen dir jeden Tag deine Fehler auf, bis du sie korrigierst. Deine Daseinsberechtigung ist es, alles besser zu machen als die, die vorher da waren. Deine Brüder, Schwestern, Nachbarskinder, Schulkameraden (besonders die Schulkameraden), Arbeitskollegen, und so weiter. Es ist ein endloser Teufelskreis des Drucks und der Erwartungen. Für die Mystik, für die Norm, für den Standardwert eine Geschichte, die du nicht leben willst. Es ist vorbei.

Da wo ich herkomme, spielen überbewertete Metadiskussionen überhaupt keine Rolle, so etwas wie Liebe oder Emotionen oder psychische Krankheiten oder Liebe oder Emotionen oder diese verdammten psychischen Krankheiten. Die Vorstellung von psychischen Krankheiten selbst werden als eine ganze Krankheit eingestuft, und wenn man glaubt, man wäre ausgebrannt oder energielos oder irgendwie auch nur im Ansatz dem Wahn hingegeben, sei es eine Depression oder eine kleine Delle im Idealismus der Gesellschaft, dann ist man schon krank. Aber nicht “psychisch-behandelbar-medizinisch-belegbar”-krank, so wie man es kennt, sondern “Hirngespinst-du-bist-doch-nur-faul”-krank, so eine Art von krank, die man sich angeblich aussucht, genauso, wie sich Homosexuelle aussuchen, schwul zu sein, oder Schwarze, schwarz zu sein. Minderwertig sind sie, diese Typen.

Ich wurde früh aussortiert. Falsch: Ich habe mich früh selbst aussortiert. Ich fühlte mich eingesperrt. Ich fühlte mich krank, krank im Kopf. Ich musste zusehen, wie ihr — ihr durftet anders sein. Ihr durftet das alles, ihr durftet euch hingeben, ihr durftet frei sein, ich durftet glücklich sein, ihr durftet lieben, ihr durftet arm sein, krank sein, schlecht sein, ihr durftet weinen und laut, unerhört lachen, ihr durftet so viel lieben, wen ihr wolltet. Ich drückte mir die Nase platt an dem Schaufenster, von dem ich aus nach draußen starren konnte, es tat so weh, die Tränen in meinen Augenhöhlen zu verbergen, verbrennen, bis sie wieder in mich hineinflossen, bis ich nicht mehr konnte, bis der Schmerz, diese Sehnsucht herausbrach, das Fenster explodierte, und ich mich selbst in das fürchterliche Aus der Kinderschänder, Sodomisten, Hedonisten, Heiden und Sündiger katapultierte.

Nackt und frei, ich hatte Angst. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Es war kalt, unfreundlich. Egal wie sehr ich gelitten hatte– nie war es so schlimm wie hier. Ich war auch vorher alleine gewesen, aber ich kannte meine Bestimmung (wenigstens). Go hard or go home. Hier hatte ich keine Bestimmung. Ich irrte in einem Garten voller Fallen, und ihr nahmt mich und habt mich mit Drogen vollgepumpt und mit Gedanken, die ich nicht mehr loswerde, mit Fantasien, die abartig sind. Ich will nur noch ficken, ich will nur noch schniefen und spritzen und fühle immer noch genauso wenig wie vorher, und ich will zurück, und ich kann nicht mehr, nie wieder. Es geht nicht vorwärts, es geht nicht zurück.

Es war vorher leer, und es ist immer noch leer. Dieser Typ, Gott– er hat mich umgebracht, hat mich ins Grab gesteckt, hat mich wieder aufgeweckt um für immer mit lebenden Untoten in einem Bett zu schlafen. Lässt mich in der Hölle rotten. Meine Entscheidung, meine Freiheit, die Sehnsucht und die Liebe, die mich von dem düsteren Ort der Regeln getrieben haben, alles dafür. Alles, um hier zu enden, elendig und fertig. Mein Leben: noch nicht vorbei, aber hart an der Grenze.

– Dareios I.

 

2 comments in “Religion”

  1. Franzi says:


    Ich weiß nicht wer die Person ist die da aus dir spricht, aber der Beitrag ist der Hammer.

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