Schleim

Veröffentlicht March 31, 2010

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität


Schleim fließt durch mein Gesicht. Unter meiner Haut, zwischen und neben den Augen, irgendwo dahinter, zähflüssig und quälend langsam läuft er meinen Rachen hinunter.

Ich mache die Augen auf.

In meinem Kopf dröhnt die Musik aus meinem Wecker, welchen ich sofort totschlage. Ich dresche mit einem Baseballschlager auf ihn ein, bis kaltes Batterieblut herausläuft. Ich stelle den Schläger dann sorgfältig wieder zurück an seinen Platz.

Ich greife in meinen Rachen und ziehe den Schleim mit den Fingern heraus bis ich würge. Der Schleim schießt wie eine Fontäne in den vorbereiteten Eimer. Grüngelb und munter sprudelt es heraus, zäh und dickflüssig, mit vielen dicken Klumpen. Meine Atemwege bleiben weiterhin verstopft und unbrauchbar. Ich bin fertig und gieße mit dem Schleim die Blumen. Als Rache für den Sauerstoff.

Mein neuestes Hobby: Den Schlafsand in meinen Augen züchten, so lange, bis ich nichts mehr sehe. Ich ziehe mein frisch gebügeltes Sakko an und mache mir ein Bier mit den Zähnen auf. Ich trinke auf Ex. Nachts hat man Durst. Ich putze mir danach die Zähne und kratze mir die Ellenbeugen mit den langen Fingernägeln auf, weil es so juckt.

Dann gehe ich zur Arbeit, wo man mich mit einem Kaffee erwartet. Ich spucke in den Kaffee und gebe ihn dem Praktikanten zum Mund ausspülen. Ich mache einige Stunden lang nichts und kriege dafür Ärger, also kaufe ich eine Bombe im Internet und lege sie in den Flur. Ich hole meinen Penis raus und pinkel einen Mittelfinger auf den Teppichboden. Im Hintergrund läuft Frank Sinatra. Ich zünde die Bombe beim Rausgehen, und trete einem kleinen Kind auf der Straße mit meinem schweren Schuh ins Gesicht. Als ich merke, dass es sich vor Schmerz windet, erwürge ich es mit meinen bloßen Händen.

Auf dem Weg nach Hause ziehe ich mich aus, bis ich nackt bin. Ich gehe in den Supermarkt und kaufe mir eine Flasche COCA COLA, um das Leben zu genießen. Ich trinke und trinke und trinke und merke nur, wie der Schleim sich seinen Weg durch meinen Körper bahnt. Ich spüre ihn in meinen Armen, in meinen Adern, in meinem Kopf. Ich sehe wie er von meinem Herz durchgepumpt wird, also hole ich mir ein Brotmesser und schneide mein Herz heraus. Schleim läuft aus.

Ich sehe mein Herz nur schlecht, der Schlafsand beginnt zu trocknen. Es pumpt ein paar Mal vor sich hin. Durch einen unspektakulären Wurf landet es als ein kleiner Fettfleck an meiner Hauswand. Ratten und Ameisen kommen um es zu fressen, aber der Penner in der Ecke ist schneller und hat es schnell unter seinen Mantel geschoben. Er tötet die Ratten mit seinen Fingernägeln. Ich muss lächeln, weil er so effizient vorgeht. So effiziente Menschen gibt es doch gar nicht mehr auf der Welt.

Die Treppen zu meiner Wohnung erscheinen endlos, also klettere ich die Wand hoch. Ich bohre meine Finger in Zement. Anstelle von Blut läuft Schleim hinunter. Schließlich angekommen hole ich wieder meinen Penis raus. Ich masturbiere so lange, bis er rot ist, und merke dann, dass er nie steif war. Ich spritze trotzdem- Schleim.

Ich lege mich ins Bett. Noch ein paar Mal schlafen, dann ist genug Sand da. Noch ein paar Mal schlafen, dann hat mich der Schleim gefressen. Noch ein paar Mal schlafen, dann ist endlich alles vorbei.

Ich mache die Augen auf.

Gähne. Mache den Wecker aus. Reibe mir den Sand aus den Augen. Trinke ein Schluck Wasser. Ziehe meine Klamotten an. Gieße die Blumen. Putz mir die Zähne. Lege dem Penner einige Cents in den Becher. Werde auf der Arbeit kritisiert. Koche ein leichtes Abendessen. Masturbiere. Spüre, wie sich eine Erkältung anbahnt.

Noch ein paar Mal schlafen. Dann ist alles vorbei.

 

3 comments in “Schleim”

  1. Hausschuh says:


    ich finde die ersten Abschnitte fantastisch, ganz zu schweigen von “Ich spritze trotzdem- Schleim.”

    auch wenn ich die Wendung mit Erköltung schade finde.

  2. Jonathan (Weg Eins) says:


    Finde ich krass (passt hier irgendwie.. krass).
    Aber das Ende mag ich nicht so. Man muss doch nicht alles immer am Ende noch relativieren. Manchmal dürfen die Sachen auch einfach so krank bleiben wie sie sind. …

  3. S says:


    Hm, ich sehe eigentlich kaum einen Kontrast in diesen beiden Situationen, ich glaube auch nicht, dass das so gemeint ist.

    Vielmehr die Schwierigkeit diese Szenen auseinander zu halten.

    Inwiefern die Erkältung mit rein spielt kann ich auch nicht erklären.

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