In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

The Gun

Meine Mutter ist gestorben, deshalb sind Susie und ich in den Zug nach Berlin gestiegen und sind auf dem halben Weg vom Schaffner rausgeschmissen worden. Wir wussten nicht, wo wir waren. Er wollte eigentlich die Polizei rufen, aber wir haben geschrien und getreten und dann sind wir weggerannt. Es war auch schon ganz spät in der Nacht und uns war kalt. Wir hatten auch kein Geld, sondern nur unsere Rucksäcke. Wir sind dann auf den Parkplatz vom Bahnhof gegangen und da hat uns dann ein Mann mitgenommen. Nach Berlin. Susie hat ihn dann bezahlt, obwohl ich nicht wusste, wie genau sie das gemacht hat. Sie sagte einfach nur zu mir: “Ich hab das bezahlt”, als ich von der Toilette wieder kam. Zuerst war ich sauer, weil ich dachte, sie hat Geld und würde es mir nicht sagen. Aber sie sagte tausend Mal, dass sie keins hätte.

Auf der Autofahrt saß ich alleine hinten, und der Mann streichelte immer Susies Bein. Ich wollte auch gestreichelt werden, aber er hat lieber sie gestreichelt. Also habe ich geweint, ohne dass jemand das gesehen hat. Ich kam mir total blöd vor, aber ich hatte Bauchschmerzen und ich wollte auch einen Freund haben, so wie sie.

In Berlin sind wir mit zu ihm nach Hause gegangen, weil wir nicht wussten, wo wir sonst hin sollen. Susie durfte bei ihm im Zimmer schlafen, und ich musste im Flur schlafen, auf dem Boden, weil es sonst keine Zimmer gab. Morgens ist er rausgelaufen, ganz nackt, und über mich gefallen. Er hat mich dann angeschrien: “Du dumme Ziege, kannst du nicht woanders hingehen!”, das hat er geschrien. Da musste ich nicht mehr weinen. Ich bin dann zu Susie ins Zimmer und hab sie aufgeweckt und gefragt, ob sie mitkommen will. Es war schon hell draußen. Sie schrie mich auch an “Lass mich in Ruhe du Kuh!”. Ich bin dann gegangen.

—-

Ich hab ein paar Leute kennen gelernt und bin ein Punk geworden. Ich wusste damals gar nicht, das man Punk sein kann, aber das ist total cool gewesen, weil man nicht arbeiten muss wenn man Punk ist. Man kriegt sowieso immer irgendwas her. Das waren dann meine richtigen Freunde, die Punks. Wir saßen immer am Alexanderplatz rum und haben uns mit Bier betrunken. Irgendwann habe ich einen Hund gefunden, der hat dann mir gehört. Manchmal waren die Jungs total nett zu mir, dann habe ich mit ihnen geschlafen. Ich war auch ganz stolz, weil der erste, mit dem ich geschlafen habe, voll gut aussah. Außerdem haben die einen dann auch immer mitgenommen, wenn man nichts zum Schlafen hatte.

Das war dann so, bis ich sechzehn wurde. Ein paar Mal haben mich die Polizisten festgenommen weil wir zu laut waren oder Sachen rumgeschmissen haben, und dann haben sie immer versucht, mich ins Heim zu stecken, aber das ging nicht, ich bin dann immer wieder abgehauen. Als ich sechzen geworden bin hab ich meinen Geburtstag verpasst, weil ich gar nicht mehr wusste, wie viel Zeit schon rumgegangen ist.

Ich hatte dann auch eine neue beste Freundin, die hat sich einen neuen Namen gegeben und hatte eine normale Frisur. Sie hieß dann Sheena, weil sie meinte, dass das ihr Lieblingssong war. Ich kannte keine Punkmusik, aber ich fand das gut, was die immer gespielt haben. Sie hat mich auch mitgenommen zu Typen, die viel Musik gemacht haben. Wir haben immer mit denen gesessen. Wir waren richtig gut befreundet. Sie hat noch bei ihren Eltern gewohnt und bei ihr durfte ich duschen. Ihre Eltern waren auch Punks und sie musste auch nicht in die Schule. Da kam auch manchmal das Heim und wollten sie mitnehmen, aber das hat auch nicht geklappt. Sie ist dann sowieso achtzehn geworden und dann konnte sie machen was sie wollte.

Sie hat mir immer die Haare geschnitten, wenn sie zu lang wurden. Und gefärbt. Darauf habe ich mich immer gefreut, weil sie dann meine Haare so schön gewaschen hat. Sie schlief nicht mit den Jungs, weil sie die eklig fand. Sie hatte auch keinen anderen Freund, aber die Jungs fanden sie trotzdem super. Sie war sehr beliebt.

Einmal, da hat mich ein Junge geschlagen, weil ich ihn nicht küssen wollte. Da hat sie einen Stein genommen und ihm damit richtig fest auf den Kopf geschlagen. Wir mussten dann zusammen wegrennen. Wir haben uns dann auf eine Wiese gelegt und da hat sie mich getröstet. Da hat sie mich auch richtig geküsst. Ich hab sie nicht weggescheucht weil ich ja auch vorher schon andere Mädchen geküsst habe, aber das war anders, weil ich nicht sehr betrunken war und keine Jungs dabei.

Ich fand das auch schön. Wir haben dann auch miteinander geschlafen, das war sehr neu, aber es war auch gut. Und wir waren dann zusammen.  Die Jungs haben sich darüber sehr lustig gemacht, aber sie hat dann immer gesagt:

“Hör mal nicht auf die Idioten, die wissen ja auch nicht, das die scheisse sind und wir gut!”

Irgendwann bin ich auch achtzehn geworden, da war ich schon wegen einer Jugendstrafe im Gefängnis gewesen. Ich weiß nicht mehr wieso. Sheena hat dann eine andere Freundin gehabt, aber als ich wieder raus durfte, war alles wieder ganz normal. Ich hab viel geweint, weil die anderen Frauen im Gefängnis mich immer geärgert haben und ich alleine war. Aber mit Sheena war alles gut. Wir sind dann in ein Haus voller Punks gegangen, wo wir auch wohnen durften. Da haben wir auch gekifft und LSD genommen, obwohl Punks das eigentlich nicht machen dürfen. Auf einem Plakat in unserem Raum stand “Drogen sind für Nazis”. Aber Sheena war das egal. Sie fand das Buch “Die Kinder vom Bahnhof Zoo” super und wollte auch Heroin nehmen, also haben wir das gemacht.

Uns war dann auch alles egal. Wir sind dann mit vielen Männern zusammen gewesen, und haben mit denen viele Sachen gemacht. Das war nämlich schön, das Heroin. Wir haben uns dann immer noch viel mehr geliebt, wenn wir Geld hatten um neues zu kaufen. Ich bin ganz dünn geworden und hab immer viel gelacht. Wir durften nicht in dem Haus bleiben, weil wir irgendwann sehr blass aussahen. Sheena hatte sehr viele Blutergüsse und war ganz krank, wenn kein Zeug mehr da war. Da musste ich immer die ganze Nacht wach bleiben mit vielen Jungs. Und dann habe ich sie auch schnell wieder geheilt.

In einer Nacht habe ich von meiner Mutter geträumt, und da musste ich sehr viel weinen. Ich hab es auch nicht mehr ausgehalten, weil es so weh getan hat. Das Weinen. Das hat richtige Schmerzen gemacht. Ich bin dann aufgestanden und ausversehen die Treppe runtergefallen. Ich bin im Krankenhaus aufgewacht, und da haben die gesagt, ich soll das mal aufschreiben. Ich weiß nicht, wo Sheena ist, die war nicht hier, und die lassen mich auch nicht mehr weg, weil ich so krank bin.

Ich hab gefragt, ob meine Mutter die gleiche Krankheit hatte, aber das konnten die mir nicht sagen.

- Dareja

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Comments ( 3 )

Basierend auf einer wahren Geschichte (nicht von mir).

S kommentierte am Sep 30 09 um 19:46 --replyReply to this comment

nette anekdote, interessanter schreibstil. ruhig mehr davon, bitte.

mixtick kommentierte am Oct 01 09 um 02:50 --replyReply to this comment

Bahnhof Zoo 09 in Kurzversion. Gut.

mathieu kommentierte am Oct 01 09 um 08:10 --replyReply to this comment

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