In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…
Wir waren in einer fremden Stadt, als wir uns wieder trafen. Es war unsere letzte Nacht. Meine Finger tanzten über sein Gesicht, strichen durch seine nassen Locken, über seine schönen Lippen.. Seine Augen waren geschlossen. Er atmete ruhig; er war erschöpft. All die Dinge, die wir uns in den Nächten zuvor durch unsere Körper gepumpt haben, brachen letztendlich unsere Standkraft. Nach fast 48 Stunden Wachsamkeit waren wir fast tot.
Das Zimmer, in dem wir lagen, spiegelte diesen halbwahnsinnigen Zustand wider. Das Rattengift hinter der Heizung. Die Brandlöcher in der Bettdecke. Die gelblichen Flecken auf den Laken, auf denen wir lagen. Die Wandbemalungen, die Requieme der trippenden Mittzwanzigern, die alle in den vergangenen 10 Jahren in diesem Hostel gewohnt haben, hatten auch uns eine Nacht zuvor gequält. Es blieb nichts ungesagt. Es blieb kein Traum unberührt. Sein Lachen hallte mir immer noch in meinen Gedanken nach.

Ich konnte trotz aller Müdigkeit nicht schlafen. Ich schlang die Decke noch enger um mich, drehte mich auf meinen Rücken und schaute aus dem Fenster hinaus, in den blau-schwarzen Himmel. Ich war völlig fertig, mein Schädel pochte. Es war die erste Nacht, in der wir nicht Arm in Arm lagen.
“Ich finde deine Pläne gut- aber mach es nicht wegen mir.”
Seine Stimme war ein Flüstern. Ich wusste nicht, ob ich ihn gehört hatte. Ich wusste nicht, ob es nur in meinem Kopf war. Ich drehte mich zu ihm, seine Augen waren verschlossen. “Was?”
“Deine Pläne- es ist gut. Aber nicht wegen mir. Ich weiß nicht, wo ich sein werde. Mein Leben ist verrückt- vielleicht bin ich nicht da… Mach es nicht wegen mir.” Sein Flüstern war kaum zu hören. Ich wollte es nicht hören.
Ich musste verächtlich schnauben, “Nein, ich mache es nicht wegen dir”, doch meine Kehle fühlte sich an, als würde sie gleich explodieren. Ich drehte mich wieder auf meinen Rücken und versuchte, meine Tränen zu unterdrücken. Ich war wütend, auf ihn, auf mich selber, ich wusste nicht wieso. Weil ich es nicht wegen ihm machen wollte und es satt war, mir diesen Vorwurf anhören zu müssen. Weil er es nicht zu schätzen wusste, selbst wenn es so wäre.
Weil unser Abenteuer hier endete.
Weil die Geschichte, die wir eines Tages erzählen werden können, niemals ein weiteres Kapitel sehen wird.
Er sagte nichts mehr, es machte mich rasend. Wie er da lag, so unbelastet, so zufrieden, ohne die Augen zu öffnen, ohne der Sache nur einen weiteren Moment zu widmen. Er hatte alles gesagt, in dieser letzten Nacht.
“Du wirst mir nicht das Herz brechen”. Ich sagte es, und ich fühlte es, während die Tränen meine Augen verließen.
“You’re not breaking my heart.”
Er machte die Augen auf.
“I’m not?”
Ich lachte. Nein. Es gab keine Splitter und keine Risse, nicht wegen ihm. Und ich lachte weiter, weil er nicht wusste, was dieses völlig verrückte Mädchen, dass von Piraten und Safaris träumte, eigentlich von ihm wollte.
“No, you’re not.”
Er machte die Augen wieder zu. Er wusste nicht, was er mir angetan hatte. Er wusste nicht, wie sehr er mich faszinierte. Er wusste nicht, dass er mein Herz nicht brechen konnte.
Er wusste nicht, dass er mein Herz geheilt hatte.
Ähnliche Artikel:
Browse Timeline
- Next: » J.D. Salinger
- Previous: « Monster DeLorean
Comments ( 16 )
[...] ist Restrealität. Eine Kategorie, die ich von meinen lieben Freunden S&B geklaut habe. Mit deren Segen. Die Restrealität ist alles und nichts. Fiktion und Realität. Wahrheit und Lüge. [...]
--reply
die reste. « the radiant child added these pithy words on
Feb 08 10 at
14:52
Reste, Gefühlsumschreibungen; kleine, essentielle Impulse; das richtige Ende mit bitterem Beigeschmack; fragend ausgelöst; Reflexion; In-Sich-Kehrungenen; implizierte Realität – All das kannst du für mich in Worte wiedergeben.
Noch viel mehr = zwischen den Zeilen
Hmm, die Story an sich ist schön, das Ende leuchtet mir aber nicht ein *grübel*
