"Girl gone wide."


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Du bist mir egal.

Ich blättere das Fotoalbum hektisch durch, ich suche nach einem bestimmten, dem Foto, das, auf dem ich mit meinen Eltern bin, ich brauche es schnell. Erst nach vielen Minuten der Suche fällt mir auf, dass ich an deinen Bildern völlig uninteressiert vorbeigeblättert habe. Ich bin verdutzt, weil es mir das noch nie passiert war. Ich denke nicht lange darüber nach und suche weiter.

Ich spüre nichts.

Mein Telefon klingelt, dein Name ist auf dem Display, ich bin gerade mit Freunden in einer Bar, kurz vor Aufbruch zum nächsten Ort. Ein kurzer Stich irgendwo, aber ich lasse es weiterklingeln. Zwei Sekunden später habe ich es schon vergessen.

Du bist viel zu spät.

Der Schmerz ist noch zu spüren, vor allem, wenn ich die alten Songs höre oder mit Leuten darüber rede, wann wir mal wieder was machen und wer dabei ist und dein Name fällt. Ich muss mir manchmal noch in den Kopf rufen, dass ich es war, ich hatte keine Lust mehr, keine Nerven, keine Geduld, und dass die Dinge jetzt gut so sind, wie sie sind. Wir brauchen uns nicht. Ich brauche dich nicht.

Ich bin frei.

Ich vermisse dich. Auch, wenn ich dabei weinen muss, wenn ich daran denke wie es zum Schluss war, ich vermisse dich und das Gefühl der Hoffnung, dass es jemals wieder so werden könnte wie früher. Das denkt man ja immer so: dass es irgendwann wieder so wird wie damals, als es noch gut war, frisch, neu, unentdeckt, unausgenutzt. Es war meine Entscheidung, diese Hoffnung abzutreten.

Ich will nicht darüber reden.

Wir können nur darüber telefonieren, über diese endgültige Sache, über das “ich will nicht mehr”, das ich nach so vielen Jahren endlich aus mir herausbekomme. Du bist unendlich weit weg, und ich frage mich, ob ich dir das auch von Angesicht zu Angesicht so hätte sagen können. Ich sehe uns selber beim Streiten zu, wie ich versuche, ruhig und sachlich zu erklären, was du mir angetan hast und warum ich nicht mehr weitermachen werde, aber ich höre nichts. Die Szene ist stumm. Ich kann nur sehen, wie du anfängst zu weinen, wütend bist, mich wegstößt. Ich blicke nicht verschämt weg, denn ich weiß, dass du nicht um mich, sondern um dein Ego weinst.

Ich kann einfach nicht mehr.

Warten. Das ist unsere Beziehung geworden. Ich warte auf dich, darauf, dass du anrufst, dich meldest, oder wenigstens ab und zu darauf reagierst, wenn ich mich bei dir melde. Ich warte darauf, dass du deine Versprechen einlöst, ich warte darauf, dass du Entschuldigung sagst, ich warte darauf, dass du mir gratulierst, ich warte darauf, dass du mich anlächelst, ich warte darauf, dass ich wieder ein Teil deines Lebens werde, ich warte darauf, dass du auch mal auf mich wartest. Ich merke, wie ich erkalte, in Anbetracht des Schmerzes, den du mir zufügst. Mir ist es nicht egal, mir tut es weh, aber das merkst du nicht, obwohl ich es dir nicht zum ersten Mal sage.

Wenn ich an dich denke, werde ich wütend.

Ich rufe dich an um dir etwas zu erzählen, aber du unterbrichst mich schon nach wenigen Sekunden und fängst an zu reden, über die Dinge, die dir passiert sind, über die Ungerechtigkeit der Welt und die Depressionen und die schweren Zeiten und die ganzen Probleme. Ich höre dir zu und bin geduldig, so, wie man sein sollte, wenn einem etwas wichtig ist. Ich gebe dir mein Feedback. Ich überlege kurz, ob ich dich darauf aufmerksam machen sollte, dass wir schon seit Stunden telefonieren und ich noch kein einziges Mal gefragt wurde, wie es mir eigentlich geht, aber du lebst in deiner eigenen kleinen Blase. Ein bisschen gelangweilt bin ich, weil ich mir das schon siebentausendsten Mal anhören muss, und sich nie etwas ändert. Ich wollte dir dabei helfen, etwas zu ändern. Du hast mich nicht gelassen. Wir streiten uns, du wirst sauer auf mich, aber ich weiß nicht wieso.

Ich freue mich darauf endlich wieder mit dir zu telefonieren.

Wir sitzen in deinem Auto, fahren an unseren liebsten Ort, und singen zu alten, kitschigen Songs während die Sonne uns auf den Kopf scheint und wir das Leben genießen. Wir lachen darüber, das alles so einfach ist. Morgen fahre ich endgültig weg, ein kurzfristiger Abschied, eigentlich hättest du mitkommen sollen, aber du hast dich kurzfristig anders entschieden. Ich kann mich nicht dazu aufraffen, wütend zu sein, dein Leben ist schon schwierig genug, auch ohne dass ich dir Vorwürfe machen muss.

Du sagst mir, dass du nicht mitkommst.

Ich bewerfe dich mit Papierkügelchen und du regst dich darüber auf. Wir lachen, uns geht es gut. Der Sommer hat gerade begonnen. Wir haben große Ziele. Wir werden für immer zusammen sein. Nein, es ist nicht immer gut, aber wir bleiben für immer zusammen. Ich weiß das jetzt.

Auch wenn du mir weh tust.

Du lässt mich, wie oft, im Regen stehen. Du tauchst nicht auf. Ich zwinge mich dazu, nicht wütend zu werden; das hast du nicht verdient. Alles ist in Ordnung. Als wir uns endlich wiedersehen, zuckst du mit den Schultern: ist ja auch nicht schlimm. Und es stimmt: ist ja auch nicht schlimm.

Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich.

Sie reden über uns und darüber, wie gut wir zusammen sind. Sie reden darüber, wie viel Spaß wir haben, wie viel gute Laune wir verbreiten, und ich komme nicht umher dich zu bewundern: für deinen Humor und für deine Ausdrucksstärke, für deine Freunde und für deine Macht, vor allem über mich.

Du versetzt mich, aber es macht nichts.

Wir tun verbotene Dinge. Wir lachen. Ich bin überrascht darüber, dass du das mit mir durchziehst. Ich hätte dich niemals so eingeschätzt. Du bist unglaublich spontan und ich mag das. Deine Wegwerfmentalität und dein Achselzucken sind großartig, endlich jemand, der Eier hat.

Ich will dir imponieren.

Du schaust mich wissend an. Wir trauen uns nicht, zu grinsen, weil uns das wirklich Stress einbringen könnte. Wir sind wie gemacht füreinander. Und dir ist das auch klar. Das wird gut.

Ich will wissen wer du bist.

Wir rennen ineinander, du guckst mich völlig verwirrt an. Ich frage mich, wer du bist, und wieso ich dich noch nie hier gesehen habe. Du sagst irgendwas, aber ich kann mich nur darauf konzentrieren, wie viel Ausstrahlung du hast. Ich sage dir meinen Namen, während deine Freunde dich schon weiterziehen. Du blickst dich noch mal nach mir um, winkst mir lachend zu, und dann bist du weg. Wer bist du?

by yeahs in Crystal Meth State of Mind


Comments

16 Comments

  1. b+ #
    March 24, 2010

    mmmmmh.

  2. March 24, 2010

    .

  3. dina #
    March 24, 2010

    klasse.
    wenn ich es richtig verstanden habe dann ist der text ja so rückwärts. vom ende zum anfang. richtig gute idee.
    oder einfach so wie erinnerungen immer laufen.

  4. B #
    March 24, 2010

    Oh man, S, wirklich tolle Idee. Und der Text ist bombe.

  5. March 24, 2010

    Lady, das ist einfach nur noch größeres Wortekino.

  6. March 24, 2010

    Ziiieemlich geil. 2x gelesen – wie wohl die Meisten.

  7. March 24, 2010

    Woah.

  8. March 24, 2010

    Richtig gut! Wirklich. Ich greife das : WOAH , hier nochmal auf!

  9. March 25, 2010

    Erinnert mich ein bischen an Memento ;)
    Ansonsten wirklich großartig geschrieben!

  10. March 25, 2010

    Abgesehen davon, dass ich bei jedem Absatz jemanden vor Augen habe, über den ich dasselbe sagen könnte (nur ist es nicht eine Person wie bei dir), ist das ein großartiger, toller Text. Vielen Dank dafür.

  11. March 25, 2010

    Bädäbäm – godlike. Vor allem der Teil hat es mir angetan:

    “Warten. Das ist unsere Beziehung geworden. Ich warte auf dich, darauf, dass du anrufst, dich meldest, oder wenigstens ab und zu darauf reagierst, wenn ich mich bei dir melde. Ich warte darauf, dass du deine Versprechen einlöst, ich warte darauf, dass du Entschuldigung sagst, ich warte darauf, dass du mir gratulierst, ich warte darauf, dass du mich anlächelst, ich warte darauf, dass ich wieder ein Teil deines Lebens werde, ich warte darauf, dass du auch mal auf mich wartest.”

    Wobei, wie beim eingeworfenen Memento, die chronologische Reihenfolge wohl… nicht langweilig, aber auf jeden Fall weniger spektakulär wäre. Aber in der Form: Bädäbäm.

  12. S #
    March 25, 2010

    Danke, Leute.

  13. Sheak #
    March 26, 2010

    Großartig!

  14. March 29, 2010

    Genial Oo Idee wie Inhalt… klasse. Hab’s natürlich erst nicht gecheckt, obwohl’s drüber stand. Ist aber auch zu toll, um unterbrochen zu werden, wenn man merkt, dass man unten anfangen sollte.

  15. Bla #
    April 9, 2010

    Wundervoller Text!

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