Jägermeister Wirtshaus Tour Hamburg

Die Jägermeister Wirtshaus Tour soll ja bekannterweise durch die Kneipen Deutschlands ziehen und dort in moderner, hedonistischer Tradition so richtig die Sau raus lassen – bevorzugterweise mit einem Line Up, dass sich auf internationalen Sphären bewegt und durchaus zu Zerstörung und Vollsuff aufruft.

Da ich als angesehene Kriegsreporterin auf diversen Festivals schon Willenstärke, Mut und Schönheit beweisen konnte, wollte ich einen Schritt weiter auf der Karriereleiter machen und bewegte mich mit anderen hochgeschätzten Kollegen (namentlich Wu-Thang, Thomas der Lokomotivführer, Adidas, Amy&Shrimp-Marcel & Curly Sue) in höchster ICE-Geschwindigkeit nach Hamburg, wo der Elch, Toxic Avenger und der überragende, weltweit gefeierte Skrillex zur Exklusiv-Druckbetankung luden.

Ich gebe es zu: ich bin durchaus voreingenommen gewesen. Immerhin ist Hamburg für mich nur das schlechtere Berlin (und das auch nur wegen Urban Outfitters), Jägermeister macht dass ich mich ausziehe, und Skrillex — ja, lasst uns kurz über Skrillex und dieses Dubstep reden.

Es formt sich in letzter Zeit sowohl im Internet als auch intermedial die Behauptung, Dubstep sei endlich im Mainstream angekommen. Ich würde dem entgegensetzen, dass Dubstep schon sehr, sehr lange im Mainstream ist, schon sehr oft für Pop-Musik verwurschtelt wurde und rein kulturell gesehen die Engländer schon lange gähnen, wenn neben den Breakbeats auch noch trancig-trashige Drops einem auf den Sack gehen. Die Wahrheit ist aber, dass der Begriff “Dubstep” endlich kommerzialisiert werden konnte. Zu verdanken ist das natürlich der schnellen Verbreitung von starken Tracks im Netz und der brutalen Ausschlachtung aller Trends durch die Wirtschaftsprostitution der US-amerikanischen Labels. Hey, ich sage: do what you gotta do to do well, and shit. Aber leider entstehen dabei Gerüchte, Fantasien um bestimmte Genres herum, die Fans ejakulieren plötzlich das gefährliche Halbwissen durch die Sääle, immer mehr wollen ein Stück vom Kuchen bekommen, immer mehr wird etwas, was einst gut war, drangsaliert, ausgenommen, nach einer Formel produziert und wie ein temporärer Kick verkauft. Dubstep hat das nicht verdient – Dubstep ist nämlich mehr als nur das. Ich spiele nicht gerne die musikalische Elite – aber hier muss doch jemand mal eingreifen!

Dubstep kommt aus der minimalistischen Ecke der Club-Musik, birgt Einflüsse aus allen möglichen Genres (von Jungle über Drum’n’Bass bishin zu den Eltern Garage und 2-Step) und entwickelt sich natürlich mit der Aufmerksamkeit der Medien weiter. Daraus entstehen neue Sphären: das ist gut. Nur ist es dann kein guter Dubstep mehr, sondern was anderes. Manche nennen es Brostep.

Zurück zu Skrillex. Er ist der neue Anti-Held der “Dubstep/House/Brostep-Szene”. Zusammen mit anderen Größen wie Rusko trägt er diesen neuen Zweig im Pop-Geschäft auf seinen Schultern. Es ist anders, es ist hart, aber es ist taktvoll und “es geht gut rein”. Wir wissen ja: everything sounds better in dubstep. Er ist kein Hollywood-Schönling. Um ehrlich zu sein ist er genau das Gegenteil. Das macht ihn sympathisch. Er ist laut, wirkt kreativ, macht sich rar – die Fans sind natürlich aus dem Häuschen. Jeder von ihnen könnte Skrillex sein. Mein Sound ist es nicht unbedingt – deshalb auch die Vorbehalte.

Aber die Bude war voll. Rammelvoll. Neben der Rennbahn stellten sich die Gewinner und Geladenen in einem Parkour auf, weil so viele in die Reiterkneipe wollten. Und schon bei The Toxic Avenger, die melodische post-punkrock Electromusik live vorführten, merkte man, dass die Stimmung im Publikum brodelt. Der Jägermeister floss in Strömen, Blut, Schweiß und Sperma tropften von der Decke. Und auch ich, als skeptische Beobachterin, war irgendwann überzeugt. Eine gute Party: meine Füße bewegen sich, es ist schon 11 Uhr und ich hab immer noch keine Lust zu gehen, Mensch, irgendwas haben die hier richtig gemacht.

Dann kommt Skrillex – die Meute flippt aus. Die Beats kommen laut und hart und zerschmettern auf dem Fußboden. Egal, wie sehr man es nicht mögen will, weil man ein Musiksnob sein möchte: fuck, es war gut. Es hat Spaß gemacht. Da waren Leute im Publikum, die haben sich eine Stunde lang so verausgabt als hätten sie den Skrillex-Starschnitt aus der Bravo über ihrem Bett hängen.

Natürlich ist es nicht ganz unerheblich, dass halb Berlin mit mir feierte. Alle, die auf diesem kleinen Ausflug mit dabei waren, gehören ab sofort auf die Teilnehmer-Liste für meine kleine Wunschorgie (ich habe übrigens bald Geburtstag, aber dazu später mehr).

Die Jägermeister Wirtshaus Tour war, rein subjektiv gesehen, also ein voller Erfolg. Ich habe meinen musikalischen Horizont erweitert, meiner Leber und meinen Lungen erheblichen Schaden zugefügt, wild mit fremden Menschen gezüngelt, Skrillex auf den Arsch geklatscht, Hamburgs wunderschöne Luft geschnuppert, und natürlich ausreichend fotografiert. Let it roll, muchachos.

 

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4 Comments

  1. Posted August 26, 2011 at 18:10 | Permalink

    ich könnte dich knutschen für die nahaufnahme der brünetten schönheit mit der blume im haar! <3

  2. Posted August 30, 2011 at 11:52 | Permalink

    Hach ja, das Blumenmädchen <3

  3. Isabel
    Posted August 30, 2011 at 12:55 | Permalink

    we call it future bass – heute zumindest noch..

  4. Posted August 31, 2011 at 12:51 | Permalink

    Ach, die Jägermeister Wirtshaus Tour – das war auf jeden Fall ein gelungener Gig! Freu mich schon auf das nächste Mal!

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