Mixtape #9: A Laidback Summer

Veröffentlicht June 9, 2010

Wer hätte es gedacht – der Frühling wurde vom Winter einfach plattgewälzt und ich hab mir vom Zittern einen halben Zahn abgeschlagen. Nun ist der Sommer aber eingekracht. Von null auf fünfundzwanzig Grad in zwei Tagen. Wie gut, dass mir das nächstes Jahr erspart bleibt, wenn alle wieder frierend warten. Ich lache dann ein bisschen hämisch, während ich in Australien meinen Hautkrebs nähre. Ihr werdet mich hören.

Es war eine bittersüße Freude, den unfassbar kalten März mit Mayer Hawthorne in den Ohrstöpseln zu verbringen; erwärmt wurde leider lediglich das naive Gehirn und das strunzdumme Herz, umso weniger dafür die Zehen, der Speckmantel um die Hüfte und die Nasenspitze, die dafür nach dem ersten leichten Sonnenbrand im Juni gut kross durchgebraten daherkommt. Scheiss drauf: hurra, der Sommer ist da, und mit ihm kommen auch wieder die Beats, die Muse, der Rhythmus und die Fußballweltmeisterschaft. Normal, dass ich da etwas für euch vorbereite. Alles sehr, sehr mellow, so wie dieser Sommer hoffentlich wird. Ein Sommer mit Höhenflügen, hoffe ich. Unspektakulär und klein glitzernd zwischen frischen grünen Grashalmen durch lunsen wir dann bei diesen Sounds heraus; kriechen über taufeuchten Böden, lassen unsere Rücken und Hände warm werden und spüren das Kitzeln der Ameisen an unseren Füßen. Wir sammeln dann das minimale Lachen, das die Sonne uns beschert, in unseren Herzen, wo es dann bis in den nächsten Winter hoffentlich noch hineinstrahlt.

Macht die Augen zu, lasst euch bestrahlen, freut euch, dass die Winterdepression vorbei ist.. und feiert jeden Tag, an dem es nicht kalt ist. Wenn uns der letzte Winter eines beigebracht hat, dann wohl das unsere Natur nicht nach Uhrwerk funktioniert und nicht selbstverständlich ist. Geht im Meer baden, so lange wir es noch nicht eigenhändig zerstört haben. Geht auf Festivals, so lange wir noch in unserer freien Landluft atmen können. Feiert den Tag, wer weiß, wie lange es ihn noch gibt…

Hash: #mt09laidbacksummer
Tracklist, diesmal in audiovisuellem Format:

Mac Miller – Nikes On My Feet

Der erste Track, der mir von Mac Miller in die Ohren kam, war Snap Back. Oh, war das Sample übel. Furchtbar. Aber der Flow stimmt. Es ist ein bisschen so, als hätte er in seinem Leben ausschließlich im Sommer gechillt, an dicken Dübeln gezogen und ohne jegliche Hektik oder Aggression Wörter zu Reimen umgestaltet. Es hört sich auch wirklich wie typisch Kiffer an: die Wörter fallen regelrecht aus seinem Mund, als ob sein Kiefer zu entspannt wäre, richtige Konsonanten zu formen; man hat das Gefühl, er sammelt den Speichel irgendwo und er müsste gleich spucken, und was er spuckt, ist absolut fantastisch. Nikes on My Feet ist für mich der absolute Killersong für diesen Sommer mit einem bombastischen, schrägen IDM-Beat der an Flying Lotus oder Nosaj Thing erinnert (die ja sehr stark an Hip Hop orientierten Beats angelehnt arbeiten). Zwar nicht auf A Laid Back Summer, aber auch unfassbar sommerlich, ist sein Track “The Finer Things” aus dem Mac Miller “The High Life” Mixtape, was ich euch nur ans Herz legen kann – genauso wie sein anderer Phat-Track Live Free. Wenn das nicht ein einziger Sommer ist, dann weiß ich auch nicht ((und da wir das Thema Weiße Rapper erst letztens hatten: ich sehe schon eine MGK/MM Kollabo voraus. Wait for it!))

Lana Del Rey – Diet Mtn Dew

Diet Mtn Dew ist eine Ode an die große Stadt – oder an einen Vintage Summer. Wenn man sich früh morgens aus dem Bett bewegt und von seinem Balkon aus auf einen violettschattierten Himmel mit Skyline gucken kann. Wenn man durch Straßen aus Beton streift, ziellos, langsam, fast kriechend und mit der Hand an Häuserwänden vorbeistreift während Menschen in Zeitlupe an einem vorbeigehen und in ihren eigenen Träumen versumpfen. Der Sound, in Kombination mit dem Video natürlich, kreiert die Illusion von trashigen B-Filmen die in Miami spielen und erzählt eine Geschichte von unerfüllten Schicksalen in der Großstadt- ambitionierte Jungschauspielerinnen, die in Pornos enden, und hart arbeitende Kellner, die nachts weinend zusammenbrechen, weil sie es nicht geschafft haben. Auch das ist die große Stadt. Auch das ist der Sommer.

Snoop Dogg – Gangsta Luv (Mayer Hawthorne G-Mix)

San Francisco, Eis essen, Skateboarder, heiße Perlen in Bikinis, stramme Typen die besagten Perlen an die Ärsche klatschen – aber mit Style, so wie der Track. Snoop Dogg rappt zwar um’s Verrecken am liebsten darum, wie sein kleiner “Gangster” im Schinken der Damenwelt Platz findet, aber der Touch von Mr. Hawthorne höchstpersönlich lässt die in-your-face Erotikfiktion der Lyriks verblassen und konzentriert sich stattdessen lieber auf zwitschernde Vögel und schöne Augenblicke während kleine Kinder am Strand Sandburgen bauen und hier und da die Romantik zwischen Liebenden zündet…

Mayer Hawthorne kann man übrigens den ganzen Sommer lang hören, ohne sich auch nur einmal wundern zu müssen, wo die Sonne eigentlich hingekommen ist. Perfekt für Balkonien, Strandurlaub, stickige Busfahrten in Touristenlöchern mit der Oma und der diesjährige Gewinner der Grillhintergrundmusik.

Chilly Gonzales – Never Stop

Die meisten kennen Chilly Gonzales nur in Verbindung mit der aktuellen Peaches Kollabo für deren abgedrehtes Musical – Peaches Christ Superstar. Das habe ich leider in Berlin verpasst, und konnte mir keine hautnahe Meinung über Gonzales’ tatsächlichen Klavierkünste machen. Ist aber nicht so schlimm, Never Stop bringt genug außergewöhnliches Pulver mit um in der Hitze explodieren zu lassen. Einer der aufgedrehteren Songs auf diesem Mixtape – aber manchmal muss man halt auch euphorisch und leicht transexuell abgehen können. Loslassen, losplatschen, FABULOUS gröhlen!

Henny – Drink My Whole Cup

Ein bisschen chovinistischer und klischeebefüllter als unsere Vorgänger im Hip Hop, aber nichtsdestotrotz ein Chiller für die sonnigen House Parties, die der Sommer noch zu bieten weiß. Und außerdem muss man ja nicht wirklich wirklich alles mit viel Style und Contenance machen. Wenn keiner hinguckt, lässt man sich halt ein bisschen gehen. Und das tut gut. Kann ich jedem empfehlen.

Big Nuz – Umlilo ft. DJ Tira

Ah, dieser Beat fällt natürlich nicht in unsere bisherige Sammlung an Kickback Mukke. Aber Umlilo hat, dank seiner südländischen und exotischen Rhythmen, einen angenehmen Flair der so schön zur WM passt (und ihr schon mal besser steht als der Coca Cola Rotz von K’naan). Die Südafrikaner haben einen interessanten Flow/Gesang, und insgesamt hätte das ganze Stück auch ein von Diplo geschnitztes Meisterwerk sein können. Umlilo bedeutet auf Zulu übrigens “Feuer”. Und mit diesen Worten: macht mal Party und spielt Fußball!

Hanson – Thinkin’ Bout Something

Meinen perversen Hanson Fetisch hatten wir ja an anderer Stelle schon ausführlich beschrieben. Liebe Menschen und Trolle: das hier ist richtiger, ehrlicher, bunter Pop. Und wenn das warme Wetter erst mal die Bescheuert-Hormone provoziert, dauert es nicht lange, bis man zu diesem Song in Hüpfburgen Randale zwischen Achtjährigen macht, nachts nackt im See schwimmt, irgendwelche Mülltonnen anzündet um Marshmallow zu grillen, oder einfach nur einen Single-Man Flashmob auf einem öffentlichen Platz abzieht. Völlig egal, wer zu diesem Song nicht tanzt, schickt seine Kinder auch in die Kirche.

Mateo – Empire State Of Mind pt III

Jay-Z hat eine über NYC bewanderte Hymne zur Legende gemacht und Mateo macht sie rentnerfreundlich. Das geht schon ganz gut klar mit mir, weil er eine schöne, sanfte Stimme hat, und was bei Jay Z noch einen hektischen und fäustegeballten Ton anstimmt, ist bei Mateo eine Brise am Abend, bei Drinks, bei Freunden, wenn man sich die dünne Stoffjacke um die Schultern schlingt und langsam schon eindöst…

via electru

Aber das war es noch lange nicht – nur leider die einzigen Videos des Mixtapes, die es bei YouTube & Vimeo zu finden gab. Wir kommen jetzt erst in Kickback Stimmung, und das sind die Underdogs bzw. Klassiker, die euch im Einkauf unter #mt09laidbacksummer erwarten:

Len – Steal My Sunshine Ein Klassiker. Feinster 90er Jahre Pop, nicht ganz so quitschig wie Ace of Base, aber auf der gleichen Stufe an “cute”. Wer hier nicht lacht hat im Leben verloren.

Tegan & Sara – City Girl Das die zwei hier Platz finden, überrascht sogar mich. Aber zu dem Track habe ich letztes Jahr in Amsterdam gut, hart und ausdauernd gefaulenzt, und das prägt sich ein.

José Gonzales – Heartbeats (The Knife Cover) Nur das wir hier eines klarstellen: das Knife Original ist um Meilen intensiver und in jedem Hinblick aus jeder möglichen Perspektive besser (von der Komplexität ganz zu schweigen). Akustikes Geklampfe hat was von schwarz-weiß Fotografie: alles sieht darin gut aus, aber nichts wirklich besonders. Dennoch ist es genau diese Stimmung und die Milde im Ton, die an Sonnenuntergang und Strand erinnert. Ein Klischee? Mag sein, aber es wer kann bei solchen Momenten nicht in Fantasien denken?

The Low Life – You Are Everything Was sich anhört wie eine kleine Romanze ist die geschickt verpackte Mordplanung an einer nervtötenden Freundin an der mexikanischen Grenze. Perfekt für Singles und Soziopathen, die gerne mit Cocktailschirmchen flanieren.

Bob Dylan – Like A Rolling Stone Für den kleinen Moment, an dem man kurz zurückblickt, als man noch jung war, und wild, und tollend über Wiesen und Berge in Seen gehüpft ist, völlig unbeschwert, völlig unverkettet. BD schafft’s jedes Jahr auf diese Liste.

 

12 comments in “Mixtape #9: A Laidback Summer”

  1. champanda says:


    yaw, und wo gibt´s des jetzt? oder hab ich was überlesen?

  2. S says:


    @champanda: Du wirst nicht der einzige bleiben, der fragt: Hashtag ist #mt09laidbacksummer, unter “Mixtapes” gibt’s mehr Infos dazu http://www.dragstripgirl.de/mixtape-101/

  3. Toby says:


    jawoll! Richtig schön Laidback…Teilweise fast etwas zu fast. Aber läuft! Danke.

  4. Thang says:


    Es kommt selten vor, dass ich mir alle Songs anhöre (zumindest die, die ich nicht kannte), aber deine Empfehlungen sind meistens recht hörbar :)

    P.S.: Du hast es aber auch mit deinen Hansons,ey!

  5. MC Winkel says:


    Dann werde ich mir das mal reinflöten, allein wg. Snoop & seinem Sohn. Wehe, der Rest ist scheiße. :)

  6. Pascal says:


    Yeah. Tolle Zusammenstellung! Gleich mal laden… thx!

  7. champanda says:


    @S: ah, besten dank, wie raffiniert^^ ich leeche!

  8. Donni says:


    Sehr gute Zusammenstellung.

    Nachdem die letzten Wochen hier “Diet Mtn Dew” lief, wird es jetzt wohl durch “Drink My Hole Cup” abgelöst.

    Den Song kann man eventuell euch noch empfehlen: Prince – Hot Summer

  9. Henny – Drink My Whole Cup (Video/Download) | ITSRAP.de says:


    [...] Video des mir unbekannten Henny habe ich bei dragstripgirl gefunden. Der Song ist dort auf “Mixtape #9: A Laidback Summer” zu finden, solltet ihr checken. Den Track selbst gibt es auch hier als [...]

  10. Andreas says:


    Wow. Dieser Mix rettet mir den Tag. Und den nächsten. Und sicher auch den übernächsten. DANKE!!!

    Beeindruckt,
    Andreas

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