Straight Edge

Veröffentlicht June 3, 2010

Nach einem ernüchternden Blick auf meinen Kontoauszug am ersten des Monats, nachdem meine Lunge nur noch rotgrüne Schleimbrocken fabrizierte und das Kopfkissen von einer dicken Schicht meiner vornächtlichen Magensäure überzogen war, wusste ich, dass das schöne Leben als unbesiegbares Stück Jugendfleisch vorbei war. Es summierte sich langsam, aber mit tragendem Fortschritt. In den letzten Wochen waren die Symptome meines leichtsinnigen Lebens nicht mehr zu ignorieren.

via Chris.Jeriko

Ich bin in den kalten Monaten wieder regelrecht aufgequollen. Die Speckebene, die sich um meinen Körper gelegt hat, droht zum allesfressendem, lebendem Tier zu mutieren. Meine Haut sieht aus wie ein Mienengraben in Sarajewo. Ich schmecke ohne Glutamat nicht mehr. Harte Wahrheit: ich bin klinisch tot. Und deshalb muss sich in meinem Leben etwas grundlegend ändern.

Sonntag kam dieser Sinneswandel und seitdem lebe ich ein erniedrigend langweiliges Straight Edge Leben. Keine Zigaretten, kein Alkohol, kein Zucker und strikte Diät ((Da ich, selbst wenn ich es darauf anlegte und nackt auf der Straße mit Neonpfeilen gekennzeichnet Männer anbaggen würde, immer noch keinen Sex hätte, stimmt das mit dem Straight Edge sogar)) (im Sinne der Gesundheit, nicht zwanghaftes Kalorienzählen). Nach nur 5 Tagen möchte ich mir die Pulsadern aufschneiden, anderen Menschen die Pulsadern aufschneiden, kleinen Kindern mit Stiefeln ins Gesicht treten, mir ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowieren, Joachim Löw erschießen und Bundespräsidentin werden. Das alles auf einmal. Mein Zorn wird vor allem durch Kaffee und Kiffen im Rahmen gehalten, aber nichtsdestotrotz bleiben das Sabbern vor dem Fernseher nach Feierabend und das Gesundkochen in der Küche die dominanten Faktoren meines Leidwesens.

Überraschenderweise ist es nicht die Qualmerei, die mir am meisten fehlt (was ja auch daran liegt, dass ich nicht mehr trinke- und dass ich bis jetzt auch noch kein Wochenende hatte, an dem ich diese Aussage verifizieren konnte), sondern der Zucker, und die einfachen und schlechten Kohlenhydrate. Weizenbrot! Nutella! KINDER SCHOKOLADE! Gebt mir meinen Stoff bevor ich euch mit meinem Gemächt den Arsch prelle!

Fünf Tage erst, in denen ich mich zu Hause verkrieche. Nicht, dass ich es mir leisten könnte, mein Geld zu rauchen; aber umso mehr Angst habe ich vor sozialen Happenings. Ich fürchte mich regelrecht vor dem Wochenende: das Wetter ist schön. Ich werde versagen. Ich werde undiszipliniert betrunken in der Ecke liegen und ich werde aus allen möglichen Körperöffnungen Qualitätszigaretten rauchen. Ja, auch aus meiner Vagüna.

Daher habe ich mir für mein erstes Berlinwochenende in der Wildnis meiner fantastischen Entzugserscheinungen und manisch-depressiven Borderlineanfälle als Ex-Alkoholiker einen besonderen Plan einfallen lassen: das kostengünstigste Ablenkungsmanöver, dass man sich vorstellen kann. Ein Wochenende Spaß und ein 10 Euro Budget, dass mich zu sehr auf den Beinen und bei Laune hält, als dass ich mich betrinken möchte. Und Gras, natürlich. Gut, dass Berlin dafür gerüstet ist:

Also. Wer mir beim Leiden zugucken will und dabei so wenig Geld wie möglich ausgeben möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Und wer noch eine Idee hat, wo ich in Berlin am besten den Verstand verlieren kann, darf seinen Vorschlag gerne entweder bei Facebook oder in den Kommentaren hinterlassen. Zum Abschied verbleibe ich mit dem Song, der hier den Sommer einleitet (und den es absolut nirgendswo zu erwerben oder zu klauen gibt):

Rebecca & Fiona – Luminary Ones

 

17 comments in “Straight Edge”

  1. Patrick says:


    Von Straight Edge reden, aber Kaffee & Kiffen?
    Ich hoffe das ist Ironie. ;)

  2. S says:


    @Patrick: Bitterer, purer Ernst. Was anderes gibt’s hier nicht. ;)

  3. Robby says:


    *hihi* Wozu Alkohol (im Übermaß) und Zigaretten, wenn man auch so Spaß haben kann?! Ein Hoch auf die “Drogenlosigkeit”. Wobei… Spiel und Ästhetik ist auch ziemlich harter Stoff.

  4. Sven E. says:


    Ich bin mal optimistisch und gebe dir bis zur WM.

  5. Sebastian says:


    Sara, an dieser Stelle übrigens nochmal ein großes, wirklich großes Dankeschön. Du hast letztes Jahr im Sommer irgendwann mal die Steve Ward-Diät getwittert (weisst schon, diese nerdige mit Excel und so), und dank der habe ich dann mal locker (ging wirklich locker) 25 Kilo abgenommen. Geiler Scheiss. Und das hält, nix jojo action und sowas.

  6. S says:


    @Sebastian: Alter. 25 Kilo??? WATT? Was war das was ich getwittert habe? Schick’s mir mal bitte. Ich weiß noch nicht mal mehr, was das ist. Oh mein Gott. 25 Kilo? Alter, herzlichen Glückwunsch, du bist quasi ein neuer Mensch UND WO BITTE BLEIBT MEINE PRALINENSCHACHTEL!! :D

  7. tobsen23 says:


    freitag, 19 uhr: dj craft für umsonst und draußen @ heinz minki, schlesisches tor 1.

  8. sophie says:


    KINDERSCHOKOLADE! Hach, wenn ich nur dran denke. Böse, das Zeug.

  9. Sebastian says:


    @S: Hier, das gibt’s auch als App und Excel und schieß mich tot, musst mal suchen. Eine Pralinenschachtel hatte ich schon, aber die habe ich nackt und weinend aufgefressen.

    Das waren exakt die 25 Kilo, die ich mir seit meinem Auszug 2005 angefuttert hatte. Ausziehen ist ein Arschloch, was das angeht.

  10. Sebastian says:


    Das fette (haha) ist, dass man da jeden Tag eine Motivation hat und wenn man insgesamt ein wenig disziplinierter ist, trotzdem noch ordentlich Mist essen kann.

  11. Hausschuh says:


    http://kottke.org/09/07/the-steve-ward-diet

    also falls das wirklich klappt (schade das ich keine Waage habe, und das mit KG wahrscheinlich auch etwas schwerer ist), dann mach ich zeitgleich mit S die diät und feier mich danach innerhalb eines wochenendes von der frankfurter electroszene in die berliner um anschließend auf die fusion zu fahren (wobei ich mir da wahrscheinlich schon 3 monate zeit nehmen muss, so inkonsequent wie ich bin

  12. Das Kraftfuttermischwerk » Just my daily two cents says:


    [...] Straight Edge | dragstripGirl: this is heavy Ich fühle wirklich mit, drücke die Daumen und empfehle einige aufeinander folgende Wochenenden auf Amrum, oder besser noch auf Hiddensee. Dort, wo es keine Kippenautomaten gibt, keine Tanken aber vielleicht eine handvoll Pilze in der Tasche und gute Musik im Ohr. In Berlin wird das nichts, glaube ich. Hauptstadt der Hedonisten eben. Dennoch: Gib alles. [...]

  13. KAy says:


    Hey, ich fühle mit Dir. Habe wegen einer blöden Wette am Dienstag nach 15 (!!) Jahren das Rauchen aufgehört. Was hab ich Para vorm Wochenende – Bier, Kippen, Party. Party und Kippen. Ich glaube, ich leg mich einfach in nen Park. Allein. Das verleitet nicht…

    Gruß aus Berlin nach Berlin

  14. MC Winkel says:


    100 Tage ohne.

    Ich hab das ja mal durchgezogen und es tut mir leid, Dir das sagen zu müssen, aber: hat nix gebracht. Würde ich auch nicht wieder machen, völliger Quatsch. Die einzig hilfreiche Regel lautet: alles in Maßen. Super unoriginell und spießig aber leider auch hilfreich. 8 statt 16 Bieren, nie besoffen kiffen und auch mal schon um 3 nachhause.
    Aber aufhalten will ich hier keinen – Du ziehst das schon durch! Toitoitoi!

  15. S says:


    @MC Winkel: Naja, es geht nicht darum, mich für immer vom Spaß der Welt zu verabschieden, sondern vor allem darum, mit dem Rauchen aufzuhören und kein Geld mehr auszugeben, dass ich für meine Reise besser benutzen könnte.

    Ach, herrlich, diese Motivationsschreie :D

  16. StreetKatze says:


    I feel with you! Admire your effort to do anything at all. I would just empty a bottle of Absolut (I always have one) and sleep my way trough it.

  17. xJanx says:


    Hi, schön das du dich mit dem Thema Straight Edge beschäftigst. iselbst bin seit 2005 Edge. Es gibt innerhalb der Straight edge Szene ungefähr soviele ansichten ob man Edge ist oder nicht wie es Religöse Strömungen gibt. Für die einen ist alkfreies Bier ok für die anderen nicht. Genau das selbe gilt für Kaffee, Vegetarismus, Veganismus etc. Aber sorry Kiffen geht in keiner Strömung. Zitat Wiki: “Zentral für den Straight-Edge-Gedanken sind der Verzicht auf Alkohol, Tabak und andere Drogen.” Oder als Liedtext:
    (I) Don’t smoke
    (I) Don’t drink
    (I) Don’t fuck (around)
    At least I can fucking think
    Aus out of step von Minor Threat ( http://www.youtube.com/watch?v=Qm1870K22lc )

    Trotzdem alles Gute und respect für das aufgeben des Rauchens und Trinkens. Das erste Jahr ist das schwerste.

    xJanx

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