Young Music

Veröffentlicht November 16, 2009

Es kostet $26000 einen 160 GB iPod legal mit Musik zu füllen (via).

Ein bisschen reißerisch, so eine Headline. Man geht davon aus, dass ein Song bei iTunes $0.99 kostet, ein Song circa 6 MB groß ist und dass es tatsächlich Menschen auf diesem Planeten gibt, die einen 160 GB iPod ausschließlich mit Musik füllen können. Auf meinen 30 GB iPod passen circa. 5200 Songs (und die sind auch drauf). Im iTunes Store kostet ein Song €0.99 ((Zeit, mir eine Kreditkarte anzuschaffen und die Tracks per Dollar zu kaufen)). Das heisst, ich bin knapp 5200 € los, wenn mein iPod voll mit Musik laufen soll (was ich hier nicht berücksichtigt habe: ein Album mit 10 Songs ist durchaus günstiger als 10 einzelne Tracks. Ich kaufe mir aber grundsätzlich keine Alben, und höre mir Musik auch nicht in Alben an, deshalb will ich diesen Fall hier ausschließen).

Young Music

Ich bin jetzt 21 Jahre alt. Ich würde sagen, ich habe ganz bewusst angefangen, mich für Musik zu interessieren (und auch Geld dafür auszugeben), als ich dreizehn wurde. Das sind also 8 Jahre. Angenommen, ich hätte acht Jahre lang jeden Monat 30 € für Musik ausgeben können (was gänzlich unrealistisch ist, weil ich bis ich 16 wurde noch nicht mal über Taschengeld verfügte): Dann hätte ich heute 2909 Songs. Und ich würde noch die nächsten 6 Jahre und vier Monate brauchen, um auf die 5200 zu kommen.

Das ist natürlich alles sehr überspitzt, vor allem aber auch Sache der eigenen Nachfrage. Wie wichtig ist mir denn die Musik, dass ich wirklich so viel Geld reinstecken muss? Wo liegen meine Opportunitätskosten? Es gibt immerhin auch noch Radio, TV, Last.FM, YouTube, Spotify– angenommen, ich würde mir nicht jeden Song direkt “besorgen”, sobald jemand ihn erwähnt. Angenommen, ich würde erst einige Male streamen und im Radio darauf warten, dass dieser Song läuft, ihn genau anhören, um mich dann entscheiden zu müssen, etwa wie bei einem Klamottenkauf: vielleicht würde ich den Song dann mehr zu schätzen lernen. Wenn ich tatsächlich einen Euro investieren muss, ändert sich mein Konsumverhalten gegenüber der Musik dramatisch, zum Besseren oder zum Schlechteren sei mal dahingestellt.

Man, Musik ist Kunst. Und in Kunst musste man früher Zeit investieren, Geduld, Mühe! Nicht jeder CD-Laden hatte genau das, wonach man gesucht hat, und es war umso schwieriger, etwas Neues zu finden, das gefiel. Ich bin 21 Jahre alt, und ich bin mir ziemlich sicher, ich habe bisher schon mehr Musik gehört, verinnertlich und gelebt als die meisten 40-Jährigen da draußen. Ich bin auch noch lange nicht durch, denn die letzten 7 Jahre habe ich damit verbracht, in der Gegenwart an aktueller Musik mitzuhalten, genauso wie die Kunst aus den letzten 50 Jahren nachzuholen. Wenn ich mich mit Menschen anderer Generationen über Musik unterhalte, bemerke ich, wie krass unterschiedlich die Auffassungen sind. Während für viele Musik auf verschiedene Lieblingsbands aufgeteilt ist, die man von Konzert zu Konzert verfolgt hat und deren komplette Diskographie wie ein Heiligtum aufbewahrt wird, ist für mich der Künstler und die Performance in erster Linie völlig uninteressant.

Ja, am Ende des Tages gehe ich auf das Konzert, wenn mich die Musik wirklich beeindruckt. Dann bin ich auch voll bereit dazu, mehr zu investieren, das Album in hochwertiger Qualität zu kaufen und Merchandise zu beschaffen, koste es was es wolle. Aber es interessiert mich im seltensten Fall, was Bob Dylan überhaupt für ein Typ war. Ich höre seine Musik, das ist das wichtige. Seine Songs bedeuten etwas für mich, egal, ob ich viel zu jung bin, um das Gefühl von damals zu verstehen. Ich hänge mir auch keine Poster auf (um nicht zu sagen, dass ich das früher nicht gemacht hätte; mit irgendetwas muss man sich als Teenager ja beschäftigen), ich sammel keine Zeitungsausschnitte, ich lese keine Interviews, es interessiert mich keine Interpretation des Albums und auch keine Kritiken. Gott, die meiste Zeit kenne ich nicht mal die Musikvideos der Bands, die Geschichten oder die Gesichter dahinter, geschweige denn die Namen.

Here’s the thing: Ich würde mir Alben kaufen, weil es auf Dauer günstiger wäre. Ich würde mich wieder für die Künstler interessieren, genauso, wie ich mich dafür interessiere, ob ich meinen Pullover jetzt bei 40 oder 60 Grad wasche, immerhin habe ich dafür viel Geld bezahlt. Ich würde mehr Zeit investieren, weil das Geld es so diktiert. Gleichzeitig würde ich definitiv weniger Musik kennen, weniger Künstler vergangener Tage, weniger Eindrücke sammeln, weniger Inspiration, wüsste jetzt nicht so gut, was ich eigentlich hören will, wenn ich etwas höre, und wäre wahrscheinlich weniger offen für neue Dinge, weil mich das nur verbittern würde in Anbetracht meiner finanziellen Lage (die ja nicht immer gut oder komfortabel sein muss).

Ich war mir beim Schreiben dieser Gedanken die ganze Zeit unsicher, ob ich überhaupt das illegale Beschaffen und die Piraterie von Musik ansprechen soll, aber vielleicht eine Randbemerkung: Es ist eine Definitionssache, eine Rechtsangelegenheit. Das Urheberrecht ist nicht nur in Bezug auf die Musik veraltet, so sehe ich das zumindest. Dass man deshalb Kunst und Kultur mit einem fetten Copyright-Stempel ausbeutet, das kann nicht sein, und schadet nur dem Künstler. Wie das jeder für sich persönlich nun abhandelt– eben, das ist eine persönliche Sache.

Aber das hat nichts mit der Allgegenwärtigkeit von losen MP3s zu tun, die man entweder im iTunes Store, bei Amazon oder eben über eine illegale Plattform schnell finden kann. Das hat etwas damit zu tun, dass man Musik in seiner Form anders wahrnehmen kann. Die technischen Einschränkungen, wie etwa bei Vinyl oder CD, sind nicht mehr vorhanden, die Beschaffung der Artikel geht innerhalb weniger Klicks, genauso wie das Entfernen. Die Produktionsverfahren haben sich geändert, der Vertrieb findet hauptsächlich virtuell statt, das Marketing geschieht auf einem ganz anderen Level.

Was genau definiert heute den Erfolg eines Musikers, ab wann ist man ein Fan, oder fehlt mir einfach nur die Loyalität? Ist das wie mit einem Fußballteam, in das man viel Schweiß, Liebe und Hoffnung setzt, und auch zehn Jahre später nicht verlässt, weil man schon so viel investiert hat– egal wie schlecht die Mannschaft ist? Oder ist das völlig legitim, Wegwerf-Musik, Einmal-Songs, Listen and Ditch immediately, wie ein schnelles High, bis das nächste in Form eines anderen Tracks daherkommt?

crowd

Eine Frage, die ich am Anfang des Beitrages gestellt habe: Wie wichtig ist es mir überhaupt, dass ich so viel Geld in Musik investiere? An diesem Punkt meines Lebens würde ich behaupten, dass ich fast 500 € im Monat – locker – für Musik ausgeben könnte und wahrscheinlich sogar würde. Davon wären dann 50 Tracks tatsächlich auch sticky in meiner Bibliothek, davon widerrum ungefähr 10, die ich auch so gut finde, dass ich sie in meine “Faves” Playlist verschiebe. Vielleicht sollte ich mich aber was ganz anderes fragen: wäre es mir jemals so wichtig gewesen, wenn ich nicht irgendwann mit 12 oder 13 Napster entdeckt hätte?

Ich weiß nicht, wie es je anders hätte sein können als so. Ich habe es ja nie anders kennen gelernt.

 

9 comments in “Young Music”

  1. Tweets die Young Music | dragstripGirl: this is heavy. erwähnt -- Topsy.com says:


    [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von saripari, Herr Jeh erwähnt. Herr Jeh sagte: Es kostet $26000 einen 160 GB iPod legal mit Musik zu füllen: http://bit.ly/1AKr3f [...]

  2. etzmolch.de » Blog-Archiv » Young Music | dragstripGirl: this is heavy. says:


    [...] Interessante Meinung zum Thema Musik, auf Dragstripgirl.de [...]

  3. HecPac says:


    Dieser Umgang mit Musik ist mir sehr sympathisch, ich handhabe es fast genauso. Auch wenn niemand so viel Sound verbrauchen kann wie Du. Mich interessieren Album-Konzept und Künstler, mit Ausnahmen, auch nur als schmückendes Beiwerk.
    Das war mal anders – nur halte ich in Zeiten des popkulturellen Overkills kaum noch eine Info für authentisch, darum ist sie auch egal. Es geht wahrscheinlich auch gar nicht anders, will man “viel” Musik entdecken, in seinem Kopf in sinnvolle Zusammenhänge bringen und geniessen. Also das genaue Gegenteil dessen, was die Spreeblicker vor kurzem so meinten http://bit.ly/2odB8u
    (“Musikkonsum” klingt schön pietätlos, so nach: mit leerem mp3-Player bei McCharts am Kingsize-Menü arbeiten, denn eine gute CD am Kamin sitzend öffnen. Rülps!)

    Ich habe es aber auch noch anders gekannt, HABE viel Geld für Musik ausgegeben, in physikalische Werte investiert – HA!. Manchmal, um nur einen verdammten Song von ner CD zu bekommen. Bei der MI bin ich mit einem Stern in der Hall of Consumers vertreten. Ich habe so sehr bezahlt, das ich meinen Beitrag zum Erhalt der luxuriösen Strukturen der Musik-Verwerter auf Lebenszeit abgegolten habe (Das ist keine Rechtfertigung, eher ein spöttischer Kommentar an mich selbst). An einem Erbrecht für Nachkommen wird noch gearbeitet.
    Tim Renner ist einer der wenigen, die noch durchblicken.
    Im Netz stattdessen fühle ich mich immer noch wie ein Kind im Süssigkeitenladen. Und dabei muss man nicht zwangsläufig (*hüstl*) ins vermeintlich Illegale /Grauzonige gehen. Es gibt Progs, die einem aus zig Netzradios den gewünschten Track herausfiltern. Auch mit der Soundkarte kann man rechtlich einwandfrei Sound mitschneiden (hey, hör auf zu lachen!). Und dann gibt es ja noch das kreischnde Musikgoogle, die schrödingersche Katze unter den justiziabelen (?) Angeboten.

  4. S says:


    Hah, der Spreeblick Artikel, den habe ich mit Leidenschaft mal übersehen, weil er, wie du richtig erkannt hast, genau das anpreist, was ich gar nicht in meine Platte kriegen kann… nicht, dass es falsch oder richtig wäre, das irgendwie anders zu machen.. aber ich denke da hat jeder seinen Spleen.

    Dein letzter Absatz ist allerdings ein bisschen verwirrend… das illegale hat ja nichts mit dem Medium zu tun, es kommt ja nur daruaf an, was man sich zieht.. oder mitschneidet.. von daher würde ich das auch mit Vorsicht genießen, was man da über den Schreier runterholt… nur weil man nicht so leicht “gefasst” werden kann wie beim P2P, macht das die Sache ja nicht legaler ;)

    Auf jeden Fall: high five!

  5. HecPac says:


    Stimmt, zu knapp gedacht/formuliert. Ich meinte, wenn man für Musik nicht direkt bezahlt. Außerdem den rechtlichen Status vom Schreier. Der macht ja auch nix anderes als Google. Da frage ich mich, ob der das darf, so zu existieren und Musik “vorzustellen”. Und habe mich nach gründlicher Abwägung für Jein entschieden. Selbstverständlich habe ich nicht inhaliert!

    Dagegen ist das Mitschneiden per Soundkarte für den privaten Gebrauch dem Radiomitschnitt mit Cassette gleichzustellen. Früher zahlte man über den Cassettenkauf ne Nutzungsabgabe anne Gema, heute für die Rohlinge und ich glaube auch auf die FP.

  6. Sven E. says:


    40% allen Geldes, das ich in meinem Leben besessen habe, befindet sich in Form von Musik auf meinem Rechner (und zum Teil im Regal). Diese Quote kann ich nicht halten, weil ich mittlerweile mein Essen, meine Wohnung etc selber bezahlen muss. Was erwartet man jetzt von mir? Dass ich aufhöre Musik zu hören?

  7. bubu1838 says:


    Früher habe ich viele Platten gekauft, heute langweilt mich Musik.

  8. etzmolch.de » Blog-Archiv » „Old Music“ says:


    [...] Beitrag ist im weitesten Sinn meine Antwort auf den Artikel „Young Music“ auf dragstripgirl, den ich gestern hier [...]

  9. Young Music | dragstripGirl: this is heavy. | MartinBaron.net °°° Personal Homepage says:


    [...] Interessante Meinung zum Thema Musik – Beschaffung, Hörverhalten, Urheberrecht und Wertschät… var flattr_wp_ver = '0.8'; var flattr_uid = '10570'; var flattr_url = 'http://www.martinbaron.net/2009/11/young-music-dragstripgirl-this-is-heavy/'; var flattr_lng = 'de_DE'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_tle = 'Young Music | dragstripGirl: this is heavy.'; var flattr_dsc = '"Es kostet $26000 einen 160 GB iPod legal mit Musik zu füllen" Interessante Meinung zum Thema Musik – Beschaffung, Hörverhalten, Urheberrecht und Wertschätzung auf Dragstripgirl.de nach dem [Klick]'; [...]

© Copyright 2009-2011 dragstripgirl · All rights reserved