Das Internet fragmentiert meinen Kopf und meine Seele so stark, dass alle populären Begrifflichkeiten von “Informationsrausch” bishin zu “Kuration” für mich in Sinnlosigkeit untergehen. Bilder, Videos, Musik, Worte, Zitate, Sammlungen, Geschmack, Fashion, Design, Ästhetik.

Früher einmal hat mich das alles berührt. Seltene Schönheiten in der Fotografie oder goldene Textstücke, die man nicht alle Tage auf den dreckigen Straßen des Netzes findet, sie haben mich inspiriert, beflügelt, angetrieben, bewegt dazu eigene Leistungen in diesen Rahmen zu bringen. Und ich sammelte all das, was mich (virtuell) erfüllte.

Leider übersteigt zur Zeit der inspirierende Content die Aufnahmefähigkeit. Stellt euch vor, all die schönen, glitzernden, bunten Dinge, sie verschwimmen zu einem Einheitsbrei und werden unverdaut wieder ausgeschissen. So machen es alle. Was übrig bleibt ist der bittere Nachgeschmack von Werbung, denn daraus scheint alles nur noch zu bestehen. (Fashion) Photography, Product Placement, DSLR Video Mini Stories mit Sponsoren.

Und weil das nicht genug ist zerstreut sich auch noch die Sammelkultur auf Plattformen, deren einziges Ziel ist eine Userbase aufzubauen die sich zugehörig fühlt um fortan ihre Musen (diese Musen sind übrigens alle Schlampen) mit anderen, gleichgesinnten Interessenten zu teilen. Tumblr ist dafür ein gutes Beispiel, auch wenn es sich als Blog-Sammelschubladen-Hybrid noch als ziemlich flexibel erweist. Wo einst der Sammelindividualismus war sehe ich aber heute eine strenge Community-Klausel (und manchmal auch elitär). Ffffound für Bildchen, Svpply für Produkte (oder halt Bildchen), Pinterest.. wieder für Bildchen, aber thematisch angeordnet. Quote.FM: für Zitate (und Texte, je nachdem), diverse Blogs, dann gibt’s ja auch noch Twitter, dann gibt’s ja auch noch tausend andere Möglichkeiten, zu sammeln, zu teilen, zu finden. Mein Feedreader explodiert vor Möglichkeiten. Kennt ihr dieses Wikipedia Ding, wo man anfängt was zu lesen und sich dann stundenlang im Informationsüberschuss verliert? Ich beschwere mich nicht darüber, dass es so ist, immerhin suche ich mir das ja selber aus und könnte mich durchaus von dieser endlosen Maschine der Ästhetik zurückziehen und mich auf das wesentliche konzentrieren.

Mich stört es nicht. Ich suche eben nur den einen Weg und bediene mich deshalb aller mir angebotenen Dienste. Und frage mich in diesem Sinne auch, wieso das alles so selbstverständlich passiert. Soll ich alle Produkte auf eine Liste packen, und die schönen Bildchen auf eine andere? Wieso führe ich überhaupt Listen, was werde ich später mit diesen Bildchen machen, oder mit den Videos, oder deren Inhalten? Bisher war es immer so, dass sie mich inspirierten, wie gesagt. Mittlerweile ziehe ich meine Inspiration aus den einsamen Momenten an meinem Ceranherd, während ich mir unspektakuläre Dinge koche, die auf keinem Foodie Blog dieser Welt zu sehen wären.

Vor allem aber: inwiefern charaktersiert uns dieses Verhalten, das scheinbar aus dem Internet entstanden ist? Ich sammel die gleichen Bilder wie alle anderen, ich mache mir da nichts vor, wenn hier jemand auf der Höhe des Zeitgeistes liegt dann ich. Nicht vorne, nicht hinten, auf der Höhe.

Ich finde es jedenfalls ziemlich interessant, dass um den Trend des “Sammeln und Teilen” herum schon Start Ups gegründet wurden, die sich genau darum kümmern sollen. Sie finanzieren sich dann wahrscheinlich über Werbung oder Placements, denn wem fällt es schon auf, wenn die Power User irgendwann nur noch Produkte / Fotos von Marken teilen, die dafür bezahlen?

Am liebsten ist ja jeder immer noch sein eigener Kurator, der sich von der Masse mit seinem geführten Museum abheben will. Mal sehen, wohin sich das noch entwickeln wird. Ich bin ja der Meinung das zu viel “Inspiration” auch eine Blockade sein kann. Ich merke es an mir selber, doch ich kann um’s Verrecken nicht aufhören.

This article has 10 comments

  1. Ralph

    Es nimmt überhand, ja. Trotz der tollen, bunten Dinge, die es hier überall zu entdecken gibt, ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich mir wünsche irgendwo am Ende der Welt in einer Hütte zu sitzen und meine Sinnesorgane zu entspannen. Zuviel Input und zuviele verschiedene Dienste, die mit diesem Input befüllt werden wollen.

  2. Bisaz

    „Unsere Abwehrmechanismen gegen die Informationsschwemme sind zusammengebrochen; unser Immunsystem gegen Informationen funktioniert nicht mehr. Wir leiden unter einer Art von kulturellem Aids.“ – Neil Postman

  3. Pingback: Ruhelos | BISAZ

  4. HecPac

    sammeln hat etwas mit gier zu tun, bei dem für jedes hinzugefügte teil das belohnungsglöckchen endorphin klingelt.
    wenn man mal einen schritt vom netz zurück tritt, um das ganze als entwicklung zu betrachten, dass das alles zum ersten mal in der menschheitsgeschichte gemacht wird, die menge an informationen, mit der man sich erst seit breitband volllaufen lassen kann und die man auch ausstösst, dann ahne ich, was mit den gesammelten infos auf dauer passiert, die man irgendwo aggreGIERt hat: nämlich nichts. (mein lieblingssatzzeichen der saison ist der doppelpunkt.)
    sie lagern irgendwo, bis sie nicht mehr lesbar sind, landen in wayback-maschinen oder werden bestenfalls in der zukunft von intelligenter software bzw. digitalen archäologen nochmal remixt.
    is aber auch egal, hauptsache, es macht jetzt spass, als bitmessie. und zwischendurch ins RL-sanatorium.

    passend dazu habe ich in einem essay von miriam meckel (die noch letztens ihren mentalen buffer overflow so gelungen zu präsentieren wußte) im aktuellen spiegel den schönen begriff “serendipity” kennengelernt, der ähnlich, wie “cool” oder “wtf” mit ihren multiplen bedeutungsebenen, das ausdrückt, was das netz (deine seite inkludiert) für mich ist.

  5. David

    Sehr wahre Worte. Ähnliches fiel mir auch schon auf und als ich mal mit Malte(kopfbunt) in der Mittagspause darüber redete fiel uns beiden auch auf, dass dieser ganze Überfluss von “Inspiration” und Informationen in welchem Bereich jetzt auch immer dafür sorgt, dass man selbst eigentlich gar nicht mehr weiter kommt. Man ist nur noch damit beschäftigt der erste zu sein, der einen guten Artikel oder ein gutes Foto zuerst auf sämtlichen Kanälen mit seinen Followern oder Freunden teilt.

    Bei mir persönlich merke ich das am ehesten bei der Fotografie. Wenn ich mal darüber nachdenke wie viel Zeit ich mit dem Lesen von Fotoblogs und dem angucken von schönen Fotos verbraten habe, anstatt rauszugehen und selbst zu fotografieren, wird mir ganz unwohl.

    Ich komme mit diesem Problem auch noch nicht so richtig klar.

  6. Frau Sarah

    Ich verbringe fast den ganzen Arbeitstag irgendwie so halb im Netz, und surfe mir auf tumblr die Finger wund, schaue auf Food Blogs, DIY-Shit und habe so unglaublich viele Pläne, mal etwas auszuprobieren (obs jetzt Kochen ist, oder einfach mal Pflänzchen pflanzen oder irgendso ein Shit). Sammeln, sammeln, immer mehr Dinge, die man machen will, aber schaffe es nie, denn wenn ich nachhause komme, liege ich faul rum und will gar nichts mehr machen, weil ich keinen Bock mehr habe.

    Der Input, den ich bekomme ist viel zu groß für meinen kleinen Geist und dann fühle ich mich verdammt klein und lahm.

    Wenn das irgendwie Sinn macht.

  7. Isabel

    Und ich behaupte jetzt mal, dass meine Generation das noch halbwegs durchschaut und im Griff hat, aber deine Generation wurde damit praktisch geboren und hat sich verloren darin (sorry for too much drama).

    Geh raus in den Park und lege dich unter einen Baum – ohne Handy!

  8. Steinbart

    Ich habe mir eine biologische Firewall rangezüchtet, die in meinem präfrontalen Cortex vor sich hin wuchert, homemade brainware, funktioniert sogar in der analogen Welt.

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