StatusDiät Lifestyelchange. Die hochchemische Zementmischung aus Hundescheisse, Laub und Silvesterböllerüberresten auf der Straße, die über die letzten Tage täglich mit frischer Regenspucke angereichert wurde, hindert mich am Fitnessplan. Statt wie eine Gazelle durch Berlin zu laufen und dabei den anderen Sportfreaks lässige High Fives zu klatschen, schaue ich jeden Tag wie ein eingesperrter Windhund aus dem Fenster und bete dafür, dass die Straßen wieder trocken sind. Stattdessen schneit es jetzt.  Gott möchte, dass ich fett werde.  Mag sein, dass es sportlicher kommt, wenn meine Nike Frees aussehen als wären sie im Kuhstall ausgeführt worden. Immerhin sind Schuhe auch nur Gebrauchsgegenstände. Aber spätestens, wenn auch die Klamotten und das Gesicht voll von braunen Spritzern sind und man nach eitrigen Hoden stinkt, hat der sportliche Geist – gerade zu Anfang der Gewöhnungsphase – in royalem Stil abgekackt.

Natürlich könnte ich mich in einem Fitnessstudio anmelden, aber ich habe erst vor einigen Monaten pünktlich den Pakt mit dem McFit-Teufel beendet, bevor er sich in eine Endlosschleife des verschwendeten Geldes verwandelt. Drei Monate im Jahr mache ich Sport und in der restlichen Zeit schmeisse ich Fuffis im Sportclub. Dafür, dass ich da auch nur auf dem Laufband stehe und von muskulöse Frauen von weitem begutachten werde die, während sie auf dem Stepper ihren Betonarsch bearbeiten, vor Erleichterung seufzen und sich denken “Gottseidank seh ich nicht aus wie DIE”.

Warum ich Sport generell nicht mag: meistens ist es mir nicht zu anstrengend, sondern zu langweilig. Ich habe kein Interesse daran, mich auf jede Bewegung zu konzentrieren. Außer, mir wird jede Bewegung so erklärt, dass ich sie erst mal einüben muss. Ansonsten gehen mir irgendwann die Gedanken aus. Und die Musik wird auch langweilig. Die meisten behaupten ja, sie könnten sich “entspannen”, aber ich langweile mich einfach. Immer wieder im Kreis gerannt. Teamsportarten? Das geht nicht. Meine Hand-Hirn-Koordination mangelt, seitdem ich mit zwölf beim Kickboxen auf die Fresse bekommen habe. Sport ist Schuld. Aber das ist keine Ausrede.

Also gehe ich schwimmen. Da kann man nicht mal Musik hören. Eine Frage: woran denkt man, wenn man seine Bahnen zieht? Ich komme immer unweigerlich bei Steuern und Geld an. Das kann keine Entspannung sein, vor allem nicht, wenn man gerade viel Geld für vermeintlich gesunde Sachen ausgibt. Ich hasse es, mein Geld vernünftig auszugeben.

Alle zwei Tage versuche ich dort zu sein. Das Schwimmbad ist auch nicht günstig, aber man muss sich nicht für immer und ewig anmelden und hat nur 10 Sekunden Zeit im Jahr, um sich abzumelden. Man kauft eine Zehnerkarte, macht eine Arschbombe ins Wasser und versucht nicht bereits nach 20 Minuten heimlich ins Wasser zu kotzen. Ich habe das meiner Mutter erzählt – das mit dem Schwimmen. Die schrie nur “ABER PASS AUF DASS DU KEIN BREITES KREUZ BEKOMMST!”. Da musste ich lachen. Die Chance, dass ich von meinen Überlebensversuchen irgendetwas außer Krämpfe bekomme, ist geringfügig. Ich schwimme wie ein Frosch fliegt: ungefähr gar nicht. Ich treibe, von meinem Körperfett unterstützt, und tue so als würde ich irgendwelche Leistungen vollbringen.. Man kann es vielleicht nicht mal schwimmen nennen. Es ist ein gediegenes Paddeln. Manchmal hechel ich. Dann ist es ein Kampf gegen die Elemente, gegen ALLE Elemente.

Während andere konkrete Bahnen schwimmen, bin ich die eher orientierungslose alte Frau im Wasser. Glaubt mir, ich würde lieber laufen, aber irgendwie finde ich es auch gut, den Desateur im Vereinsbad zu spielen. FICK DEINE BAHN, HIER KOMME ICH (und vor allem: ich bleibe. Ich bleibe stecken, im Wasser, und jeglicher Versuch irgendwoanders hin zu schwimmen endet in einer Kollision. Sie hassen mich. Ich habe den Hass in dieses sportliche Refugium gebracht). Im Spreewaldbad gibt es auch ein Wellenbad, dass jede Stunde angefeuert wird. Wenn ich die Klingel höre, springe ich aus dem Sportlerbecken heraus und schubs die anderen dicken Kinder vor die Wellen. Das macht Spaß und entschädigt dafür, dass mich andere für mein bemitleidenswertes Brust-Planschen bemitleiden. Mich hat eine alte Frau gefragt, ob ich nicht auch auf Wasser-Aerobic Lust hätte. Ich habe geweint.

Wer unzufrieden mit seinem Körper ist, hat es im Schwimmbad nicht leichter als im Fitnessstudio. Im Gegenteil: Beine nicht rasiert? Bikini zwickt? Kimme guckt raus (mein Markenzeichen – ich markiere mein Revier auch hier, damit mich alle schnell kennen lernen)? Bremsspuren? Du kriegst mitten im Wasser einen spontanen Eisprung? Alle Worst Case Szenarios sind im Schwimmbad einprogrammiert. In Kreuzberg gibt es glücklicherweise so viele Menschen, die Faux-Pas internalisiert haben, dass ich in meinem gänzlichen Auftritt wie eine Fee wirke. Ein Mädchen – Typ Nutella-Makeup – hat überall Flecken von ihrer Schminke hinterlassen. Wenn man das Zeug dick genug aufträgt, dann flocken danach kleine Inseln im Wasser rum. Ich bin überzeugt davon, eine Fee zu sein.

Eine  Eine Fee, die nicht schwimmen kann. Bei meinem ersten Mal habe ich versucht zu kraulen, da musste der Bademeister reinspringen und mich vor dem Erschöpfungstod nach drei Zügen retten. Er hat gefragt, wieso ich nicht, wie andere Mädchen in meinem Alter, einfach Federball spielen gehe oder in rauen Mengen Speed konsumiere. Hatte darauf keine Antwort (außer dass ich für Federball zu scheisse bin).

Mir ist aber etwas spannendes aufgefallen. Obwohl man für’s Schwimmen nur einige essentielle Dinge benötigt, gibt es auch im Sportbad viele Menschen, die sich über ihre Accessoires definieren. Einer Unterhaltung im Jahcuzzi zu Folge hat ein ca. 50-jähriger, okay gebauter Mann Typ “Yuppi” 400 Euro für Schwimmsachen ausgegeben. Neue Brille, neue Kappe, neue Speedo, neue Tasche, Anti-Chlor-Duschgel. Die nächste Investition: eine gute Schwimmer-Uhr. Ich dachte: das ist ein Profi. Der machte schon im Unterleib seiner Mutter Delfinschwimmen. Olympia-Anwärter anno 1983 oder so. Als er dann aber in den Pool sprang, war das ernüchternd. Der Typ schlug mehr Wellen als die Titanic bei ihrem Untergang. Ich meine, er machte richtig Fontänen aus Wasser, alles von seinen unkontrollierten Bewegungen ausgehend. Der hat sich richtig geprügelt. Vielleicht hat er was gegen Wasser. Vielleicht dachte er, man muss das Wellenbad selber erzeugen. Ab sofort möchte ich immer schwimmen gehen mit dem gut ausgestatteten Business-Typen. Der mag vielleicht ein Unterwasser-Bluetooth-Set haben, aber gegen den ist meine Unfähigkeit harmlos.

Ich gehe übrigens gerne schwimmen. Am liebsten im Meer. Und am liebsten wenn mir keiner dabei zu sieht. Aber angeblich verliert man ja schon Gewicht, wenn das Wasser nur etwas kälter ist als der eigene Körper. Das nächste Mal stelle ich mich also einfach nur ins Becken und gucke zu,wie das Fett von meinem Körper fällt.

This article has 14 comments

  1. MC Winkel

    Natürlich hast Du das voll nicht nötig, aber wie wär’s, wenn Du beim “Belly Off 3″ mitmachst? Blogger-Massenabnehmen, sind derzeit so 30 Teilnehmer am Start, geht offiziell am 15.01. los, guck mal bei mir. Geht dann 12 Wochen, 1x die Woche ein Update und am Ende kann man sogar noch was gewinnen (voll der Marketing-Slang, hahahahah, aber weisst schon!). Das Ding ist: ich kenn das, man nimmt sich was vor und nach 2-3 Wochen ist der Vorsatz gone, wenn man aber 12 Wochen quasi “verpflichtet” ist, dann zieht man das durch… ich bin seit einer Woche auf Lowcarb und hab’ ständig Hunger, ist ne große Fickpisse, aber selbst schuld, hab letztes Jahr zu gut gelebt… wenn Du Bog hast biste welcome! :)

    1. yeahs

      Ich weiß, das kommt jetzt unerwartet, aber hier ist eine Liste von Dingen, die ich niemals der Blogosphäre wirklich zumuten würde:

      a) mein Bauch
      b) mein Gewicht
      c) mein BAUCH

      Aber danke für die Einladung ;)

  2. Ben

    Fang doch wieder mit dem Kickboxen an. Nicht langweilig aber hocheffektiv.
    Ernsthaft: Wer joggen geht (und das auch noch auf einem laufband) muss sich ja wohl wirklich nicht wundern das es langweilig ist.
    Ich bin relativ sportlich aber wenn ich joggen gehen müsste oder nur gewichte stemmen würd ich auch nach weniger als einer woche aufgeben…

    1. yeahs

      Irgendwie mag ich aber das, was Laufen mit meinem Körper macht. Das klingt komisch, aber physisch betrachtet tut mir das gut. Ich kann danach immer viel erschöpfter zusammenbrechen.
      Außerdem würde ich dich gerne darum bitten, nochmals den Text zu analysieren. Ich breche schon zusammen, weil ich beim Federball abkacke. Ich würde es nicht ertragen und mit Sicherheit auch nicht überleben, wenn ich wöchentlich dazu noch zusammen geschlagen werde.

  3. Quellfrisch

    Wie geil!
    Ich warte auch auf trockene(re)s Wetter um wieder laufen zu können. Habe mal eine Zeitlang auf der Konsole meiner Jungs Zumba gemacht, wenns draussen sehr ungemütlich war. Aber vorher mussten erst die Rollos runter gelassen werden. Ich glaube, die Angst, dass mich jemand bei dem Gehopse sehen könnte, war so nervenzehrend, dass ich davon abgenommen habe. Fitnesscenter geht gar nicht, aus Gründen, die du oben bereits erklärt hast. Und Schwimmen geht auch nicht, seit ich eine Frau mit Schamhaaren bis eine Handbreit oberhalb des Knies gesehen habe. Das war traumatisch.

    1. yeahs

      Das mit den Schamhaaren ist exzellentes Anti-Schwimmbad Material. Ich habe auch vergessen, den Fußpilz zu erwähnen. Und die Grundschulkinder, die verwahrlost und zerstreut in den Umkleidekabinen als Stolperfallen ausgelegt sind. Grundschulkinder, die gerade schwimmen lernen, sind eh super: die rufen die ganze Zeit nur NACKEDEI und zeigen mit ihren gemeinen Fingern auf meinen angeschwollenen Körper.

      Außerdem vergesse ich immer den Spint-Euro. Ich hasse mein Leben.

  4. ken Takel

    Also, so weit ich weiß sind im Spreewaldbad Burkinis erlaubt. Da brauchst du dir dann erst mal keine Gedanken mehr ums Outfit zu machen.
    Ansonsten kann ich auch nur Kampfsport empfehlen. MMA, Boxen, Kickboxen oder halt Capoeira (das wird nie langweilig!).

    Oder Youtube. Da gibt’s alles! Und man brauch niemanden seine Figur zumuten.

    Und ich hasse die Leute, die mir in die Bahn schwimmen…

    Und der Text ist auch wieder sehr gut!

  5. sanna

    bei mir ist schwimmen der einzige sport der geht. letztes jahr war ich 6 wochen lang jeden zweiten tag in der schwimmhalle, immer 1 km geschwommen. da hab ich 4 kilo abgenommen, und hatte sogar nen ansatz von bizeps. dann hab ich leider aufgehört, aber gerade fang ich wieder an.
    das beste ist allerdings, dass man die meiste zeit nur deinen kopf sieht und nicht schwitzen muss. das hass ich an sport am meisten.

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