Spiderwebbed ist ein fantastisches Album, das zu diese Jahreszeit einlädt wie kein anderes. Die Sonne schneidet mit ihrem Licht durch den Atemfrost. Es entsteht eine emotionale Dichotomie. Will ich raus, und den letzten Strahl abbekommen, oder bleibe ich liegen, vor Angst ich könnte frieren? So ist dieses Album. Will ich die zwischendurch ertönende Aufregung nutzem, um zu tanzen, oder widme ich mich voll und ganz der stillen Atmosphäre, die um die Songs herum entsteht?

Dieses Album inspiriert zu viel mehr, als nur zum zu hören.

Man steht also auf einer Party und tanzt und schwitzt und hat ein fettes Grinsen im Gesicht, als einem plötzlich auffällt, dass hier ja eigentlich auch nichts mehr passieren wird. Man bleibt mitten im Moment stehen, als hätte jemand das Licht an und die Musik ausgemacht, schüttelt seine Halluzinationen ab und kommt für einen Augenblick zu sich: irgendwie ist das alles hochgradig uninteressant.

Du bist nicht hier, um jemanden “klar zu machen”, denn das ist nicht dein Stil. Du bist nicht hier, um lang verlorenen Freunden hallo zu sagen, denn das längste was du sie nicht gesehen hast war seit gestern, auf der letzten Party. Und du bist auch nicht hier um die hohe Qualität der Musik, des Clubs, der Fremdheit und Exotik und all diese vielleicht möglichen Dinge zu genießen, denn die Hohe Qualität existiert nicht, nicht innerhalb eine niveauvollen Rahmens zumindest. Und dann stellst du einfach so, von einem Moment auf den nächsten fest, dass man jetzt auch nach Hause gehen kann. Dass du keine Lust mehr hast alle fünf Sekunden jemandem einen High Five zu geben und lachend und grinsend an diesen ganzen Menschen vorbei zu schlappen, weil du sonst nichts mit ihnen zu besprechen hast. Klar, man mag irgendwie jeden, und manchmal, vielleicht selten, schafft man es dann auch mit diesen Menschen eine ganzheitliche Konversation zu führen. Aber das kommt nicht oft. Das würde viele Rahmen einer solchen Party platzen lassen. Also beschränkt man sich darauf, beim Vorbeigehen sein Grinsen aufzusetzen und seine High Fives platziert zu halten, und alle machen mit, und keiner weiß eigentlich, warum er jetzt hier ist. Außer die Jäger, die neues Fleisch reißen wollen, aber das ist nicht dein Stil, und das wird auch nicht passieren.

Und so stackst man ein bisschen verdattert über die eigene Erkenntnis aus dem Club, spürt den frostigen Wind im Gesicht und auch in den Adern, und schlappt zufrieden darüber nach Hause. Es gibt keine Enttäuschung, wo es keine Erwartungen gibt. Es gibt nur diese immer wieder auf repeat gestellte Frage, wieso man überhaupt unter solchen Umständen ausgeht, welche Art von Befreiung man sich davon verspricht, und wieso man sich überhaupt von irgendetwas befreien muss. In der Hoffnung, dass jetzt eine Zeit anbricht, wo man, also wo ICH endlich klar komme darauf, manchmal in keiner besonderen Welt existieren zu müssen, schreibe ich das jetzt auf. Dass das Leben nicht immer gut und rasant und wahnsinnig sein muss, das ist mir schon vorher klar geworden. Dass es aber nicht mal aktivitätenreich sein muss, nicht immer, das ist neu. Dass es auch okay ist, langweilig zu sein, meine ich. So langweilig, dass man nicht bis sechs Uhr morgens auf der Party bleibt. Vielleicht auch so langweilig, dass man die Party, die man selbst veranstaltet, einfach absagt. Vielleicht sogar SO langweilig, dass man nur vier bis acht sehr sehr gute Freunde hat und den Rest auf sehr weitem Abstand hält, um sich zu nichts sinnlosem zu verpflichten.

Und dann schrumpft plötzlich der Anspruch an sich selbst zu etwas anderem zusammen. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass es nur und ausschließlich an der aufkeimenden Winterdepression liegt. Wer will das schon wissen.

Die erwachsene Entschleunigung. Vielleicht ist es genau das, was gerade passiert. Und womöglich kann “langweilig” hier das unpassendste Wort sein. Durchaus ist “spiderwebbed” dafür aber ein großartiger Begriff, denn genau so fühle ich mich: eingenetzt. Irgendwie durchwachsen mit Wünschen nach einem Kokon, der mich umschließt und warm hält, und zeitgleich besetzt mit dem Drang zu flüchten, in die Vergangenheit oder in die Zukunft, das weiß ich nicht, aber immer im Hinterkopf, dass es noch gar nicht Zeit zum flüchten ist. Irgendwann, nicht jetzt.

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  1. Pingback: Stumbleine – Spiderwebbed (Stream) | Testspiel.de

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